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Beruf Tagesmutter

07.06.2010   Matthias Brüll, Astrid Kerl-Wienecke, Gabriel Schoyerer und Lucia Schuhegger

Bund und Länder haben sich auf qualitative Mindeststandards in der Kindertagespflege geeinigt – doch das ist nur ein Anfang. Wenn Tagesmütter ihren Auftrag zur frühkindlichen Bildung erfüllen sollen, muss aus dem Nebenjob ein richtiger Beruf werden.

Im Koalitionsvertag der neuen Bundesregierung ist die Kindertagespflege unter der Überschrift »sozialer Fortschritt durch Zusammenhalt und Solidarität« prominent platziert. Unter anderem heißt es dort: »Wir wollen in der Kinderbetreuung weitere Maßnahmen für einen verbesserten qualitativen und quantitativen flexiblen Ausbau bei Trägervielfalt auch unter Einbeziehung von Tagespflege ergreifen …«. Diese und weitere Stellen im Koalitionsvertrag zeigen, dass der Ausbau der Kindertagespflege auch von der neuen Regierung mit Nachdruck weiter verfolgt wird.
Die Tagesmütter (und -väter) sollen dabei helfen, die gewaltige Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in der Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu schließen. Die Politik hat sich bis zum Jahr 2013 nicht nur das Ziel gesetzt, eine bundesweite Betreuungsquote von 35 Prozent zu erreichen, sondern auch einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr zu gewährleisten. Dafür sind jedoch noch große Anstrengungen zu erbringen. Zwar ist die 35-Prozent-Quote in den ostdeutschen Bundesländern mit durchschnittlich 46 Prozent schon überschritten, im Westen stehen derzeit aber nur für 15 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze in Krippen oder bei Tagesmüttern bereit (Statistisches Bundesamt 2009).  

In Westdeutschland fehlen 124.000 Pflegeplätze

Von den neuen Betreuungsplätzen sollen 30 Prozent in der Kindertagespflege entstehen. Rechnet man diese Zielvorgaben in absolute Zahlen um, so ergibt sich für Westdeutschland im Jahr 2013 ein Gesamtbedarf von etwa 168.000 Tagespflegeplätzen (Rauschenbach/Schilling 2009). Im März 2009 waren dort gerade mal 44.000 Tagespflegeplätze vorhanden (Statistisches Bundesamt 2009). Bei einem kalkulierten Betreuungsschlüssel von einer Tagespflegeperson für fünf Kinder müssten für die Erreichung des Ausbauziels in den nächsten Jahren demnach etwa 25.000 Tagesmütter oder -väter neu gewonnen werden. Legt man den Anfang 2009 vom Statistischen Bundesamt ermittelten durchschnittlichen Betreuungsschlüssel von 2,6 Kinder pro Tagespflegeperson zugrunde, würde der Bedarf sogar auf rund 48.000 Tagespflegepersonen ansteigen. Bislang ist der Bereich der Tagespflege jedoch ein weites Feld. Es reicht von der Frau, die tagsüber ein zusätzliches Kind in ihrer Familie aufnimmt, bis zur Tagesmutter, die mit der Betreuung von fünf Kindern in Vollzeit ein existenzsicherndes Einkommen erzielt.

Zum quantitativen und qualitativen Ausbau der Kindertagespflege hat die Bundesregierung im Jahr 2008 das Aktionsprogramm Kindertagespflege gestartet. Eine erste Zwischenbilanz dieses Projekts ergibt, dass bereits wichtige Beiträge zur Qualitätsentwicklung im Feld der Kindertagespflege geleistet wurden. Zum einen entwickelte das Deutsche Jugendinstitut (DJI) einen Musterlehrplan für eine 160-stündige Qualifizierung vonTagesmüttern. Bis jetzt haben sich 14 der 16 Bundesländer bereit erklärt, diesen Mindeststandard durchzusetzen. Außerdem verständigten sich Bund, Länder und die Bundesagentur für Arbeit auf ein Gütesiegel für Bildungsträger, die Tagesmütter und -väter ausbilden. Die Grundlage hierfür bilden fachliche Anforderungen aus dem DJI-Curriculum sowie Erfahrungen aus der Fachpraxis.

Der Ausbau unter Zeitdruck gefährdet die Qualität

qualitativen Blickwinkel bisher positiv ausfällt, besteht angesichts des wachsenden Zeitdrucks beim Ausbau von Betreuungsplätzen die Gefahr, dass die notwendigen weiteren Qualitätsverbesserungen in der Kindertagespflege in den Hintergrund treten. Dies wird aus dem Resümee des wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen deutlich: »Wenn schon die quantitativen Ziele [… ] gefährdet sind, gilt dies umso mehr für die qualitativen Ziele. Da diese nicht explizit verankert sind, steht zu befürchten, dass angesichts der unzureichenden Finanzierung an der qualitativen Ausstattung gespart wird, um das quantitative Ausbauziel zu erreichen« (BMFSFJ 2008, S. 44).

Insbesondere die fachlichen Anforderungen an Tagesmütter sind jedoch zuletzt stark gewachsen. Denn seit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz von 2005 haben sie genauso wie die öffentlichen Kinderkrippen den Auftrag zur Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln hat zudem gezeigt, dass öffentliche Investitionen in die Qualität der frühkindlichen Bildung (beispielsweise eine bessere individuelle Förderung oder eine Höherqualifizierung des Personals mit entsprechend höheren Gehältern) volkswirtschaftlich sinnvoller sind als das alleinige Bemühen um einen quantitativen Ausbau bestehender Strukturen (Anger/Plünnecke 2008).
Um die quantitativen und qualitativen Ausbauziele zu verbinden, ist daher vor allem einer zentralen Frage nachzugehen (Jurczyk u. a. 2004): Wie kann der angestrebte Ausbau bei steigenden fachlichen Anforderungen für Tagesmütter realisiert werden, ohne dabei die typischen Merkmale der familienähnlichen Betreuungsform einzubüßen?

Die fachliche Beratung und Begleitung ist entscheidend

Wenn die Kindertagespflege die politischen Vorgaben bewältigen will, zeichnet sich zunehmend ab, dass ihr Tätigkeitsfeld an eine anschlussfähige berufliche Perspektive zu koppeln ist: Die qualitativ-inhaltlichen Standards müssen sich weiter erhöhen, gleichzeitig muss aber auch das strukturelle Berufsbild der Kindertagespflege attraktiver werden. Die fachliche Beratung und Begleitung der Tagesmütter vor Ort erweist sich dabei als zentraler Schlüssel. Einerseits kann eine gut ausgestattete und vernetzte sowie kompetente Beratungsstelle das lokale System der Kindertagespflege unter fachlichen Vorgaben steuern. Andererseits kann sie jene sichere und vertrauensvolle Perspektive geben, die eine Tätigkeit in der Kindertagespflege attraktiver macht. Zugleich verbreitern sich durch die qualitative Aufwertung der Tätigkeit die beruflichen und finanziellen Möglichkeiten. Weitere Perspektiven ihrer Weiterentwicklung liegen unter anderem darin, die überwiegend in Selbstständigkeit durchgeführte Tätigkeit in Anstellungsverhältnisse zu überführen, Angebote der Großtagespflege, bei der in der Regel zwei Tagespflegepersonen mehrere Kinder betreuen, auszubauen oder die Kindertagespflege in ein integriertes Gesamtsystem der Kinderbetreuung vor Ort einzubinden. Soll die Kindertagespflege in Deutschland dauerhaft eine wichtige Rolle spielen, wird sich ihre Leistungsfähigkeit wesentlich an diesen Kriterien festmachen.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend startete das Aktionsprogramm Kindertagespflege im Oktober 2008. Das Projekt soll bis 2012 dazu beitragen, mehr Personal für die Tagespflege zu gewinnen, die Qualität der Betreuung zu steigern und das Berufsbild insgesamt aufzuwerten. Das DJI ist mit der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation beauftragt. Weitere Informationen zum Aktionsprogramm und zur Kindertagespflege sind unter www.dji.de/kindertagespflege im Internet zu finden. Die Autorinnen und Autoren Dr. Matthias Brüll, Dr. Astrid Kerl-Wienecke, Gabriel Schoyerer und Lucia Schuhegger bilden das wissenschaftliche Team, das am Deutschen Jugendinstitut (DJI) für die Kindertagespflege verantwortlich ist.
Kontakt: bruell@dji.de

Literatur

Anger, Christina / Plünnecke, Axel (2008): Frühkindliche Förderung: Ein Beitrag zu mehr Wachstum und Gerechtigkeit. Köln
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.; 2008): Bildung, Betreuung und Erziehung für Kinder unter drei Jahren – elterliche und öffentliche Sorge in gemeinsamer Verantwortung: Kurzgutachten Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen. Berlin
Jurczyk, Karin / Rauschenbach, Thomas / Tietze, Wolfgang / Keimeleder, Lis / Schneider, Kornelia / Schumann, Marianne / Stempinski, Susanne / Weiß, Karin / Zehnbauer, Anne (2004): Von der Tagespflege zur Familientagesbetreuung. Zur Zukunft öffentlich regulierter Kinderbetreuung in Privathaushalten. Weinheim/Basel
Rauschenbach, Thomas / Schilling, Matthias (2009): Steigerung der Ausbildungskapazitäten für frühpädagogische Fachkräfte notwendig. In: KomDat, Heft 2/2009, S. 1–2
Statistisches Bundesamt (2009): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe: Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege am 01.03.2009 (revidierte Ergebnisse). Wiesbaden

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem dji-Bulletin 89/2010 übernommen.

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Kommentar zum Artikel Tagespflege in anderen Räumen
Christine Weinhardt am 04.07.2014, 08:32 Uhr
Liebes KITaS Team,

auch ich bin von Beruf Erzieherin und glaubte mit dem Beruf Tagespflege einen Schritt in die Selbständigkeit getan zu haben.Ich arbeite in angemieteten Räumen und um dem finanziellen Umfang gerecht werden zu können gründete ich mit einem Tagesvater eine Kooperation.Das heißt, er eigene Räume privat, ich angemietete Räume mit Nutzungsänderung.Das war auch jahrelang praktikabel.Jetzt werden die Reglementierungen so unerträglich, daß das Arbeiten keinen Spaß mehr macht und ich mich mit d.Gedanken trage aufzuhören. Außerdem finde ich es ein Unding, daß wir als ausgebildete Erzieher mit langjähriger Berufserfahrung die gleichen Voraussetzungen für die Anzahl der zu betreuenden Kinder haben wie Tagesmütter/Väter.Auch dürfen wir keine zusätzliche Kraft einstellen um mehr Kinder zu betreuen.Ich finde die Arbeitsbedingungen für eine Selbständigkeit unzumutbar.Existenzsichernd ist die Arbeit nicht.Denn mehr als der Hartz 4 Satz bleibt unterm Strich nicht übrig und das für einen 12-14 Dtd.Tag.

Chr.W.
Zuletzt bearbeitet: 04.07.2014, 16:36 Uhr von Hilde von Balluseck  
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Kindertagespflegegemeinschaften
Christine Zander und Justina Kasprzak am 23.08.2010, 13:06 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren!

Von Beruf bin ich Erzieherin.
2005 habe ich mich in der Kindertagespflege selbständig gemacht und bis 2008 meine Kindertagespflegekinder zu Hause betreut.
Durch diese häusliche Arbeit bin ich auf mehrere Grenzen gestoßen, die mir nicht gefallen haben.
Da begab ich mich auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, die man mir später in einem ehemaligen Kinderheim anbot.
Dort gründete ich gemeinsam mit einer Kinderpflegerin unsere KiTaS Bottrop.
Zusammen betreuen wir in Vollzeit 9 Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren.
Unsere Arbeit gefällt uns sehr gut.
Wenn Sie jedoch eine Gemeinschaft gründen, stehen Sie vor vielen Schwierigkeiten, die in der bisherigen Kindertagespflege noch nicht thematisiert und erkannt wurden.
Der Fokus in der Kindertagespflege ist bisher schwerpunktmäßig auf die klassische Form, nämlich der/die zu Hause arbeitende/n Kindertagespfleger/in gerichtet.
Aber was ist mit den Gemeinschaften in anderen Räumen?
Diese bieten sehr viel Vorteile, die mehr beachtet werden sollten!
Auch stehen wir mit unseren Problemen – weil wir eben anders arbeiten als die Frauen und Männer zu Hause in ihren Familien – oft allein da!
Ich würde die Gemeinschaften bündeln, ein individuelles und einheitliches Konzept erarbeiten und sie mehr fördern!

Das KiTaS Bottrop Team
www.kitas-bottrop.de

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