Bildung gerecht gestalten
22.05.2011 Hilde von Balluseck
Situation des deutschen Bildungssystems – Faktenlage, dies war der Titel des Eröffnungsvortrages von Jürgen Baumert, einem der bedeutendsten Bildungsforscher Deutschlands, bei der Tagung Chancen eröffnen – Begabungen fördern: Bildung gerecht gestalten, die von der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit Bildung & Begabung am 19./20. Mai in Berlin veranstaltet wurde. Baumert setzte einige Akzente aufgrund einer Vielzahl von Zahlen und Interpretationen, von denen einige hier berichtet werden sollen.
Baumert begann mit der beruflichen Bildung. Die Niveausteigerung der Bildungsabschlüsse der Bevölkerung zeige sich in der Zunahme von Mittleren und Höheren Schulabschlüssen. Für die Berufsbildung bedeutet dies allerdings auch, dass der Mittlere Bildungsabschluss (und eben nicht mehr der Hauptschulabschluss) zumeist die Mindestanforderung für eine berufliche Ausbildung ist. Gleichzeitig sorgt die Segmentation des beruflichen Ausbildungsbereichs dafür, dass die Nische für schwach Qualifizierte immer kleiner wird. Die Folge ist, dass ca. 20 % der jungen Menschen das Bildungssystem ohne einen beruflichen Abschluss verlassen. Auf die Folgen haben wir schon in unserem Bericht über die Tagung der Bertelsmann Stiftung hingewiesen, weil sie dort auch detailliert beschrieben wurden.
Die Zunahme der Studierendenzahlen, so Baumert, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anteil der SchulabgängerInnen, die ein Studium wählen, stagniert. Die höheren Zahlen von Studierenden kommen nur dadurch zustande, dass weitaus mehr SchülerInnen einen höheren Schulabschluss und somit die Hochschulzugangsberechtigung erreichen als in früheren Jahrzehnten. Es bleibt bei einer geringen Quote von Studierenden aus Unterschichtsfamilien. Von daher hält Baumert auch die Forderung nach Abschaffung der Studiengebühren für überflüssig und populistisch.
Deutlich ist eine Universalisierung des Kindergartenbesuchs, wie wir in der Frühpädagogik ja wissen. Für die Entwicklung der Kindertagesbetreuung für die unter Dreijährigen sollte das Augenmerk laut Baumert auf niedrigschwellige Angebote wie Familienzentren in der Nachbarschaft gelegt werden.
Für die Schule wies Baumert auf beunruhigende Entwicklungen angesichts der Demographie hin: In einigen Landstrichen sind schon jetzt nicht mehr alle Angebote vorhanden, vor allem aber fehlt es z.B. in einzügigen Hauptschulen an qualifiziertem Fachpersonal. Die Folge ist, dass ein hoch differenziertes Schulsystem außerhalb von Städten nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. In Städten ist wiederum das Wahlverhalten von (Mittel-/Oberschichts-) Eltern sehr ausgeprägt und führt zu einer Kumulation schlechter Qualität von Abschlüssen in den Schulen, die primär Unterschichtskinder unterrichten.
Als ein Hauptproblem bezeichnete Baumert die Lehrerbildung. Die schlechten Leistungen von Kindern seien nicht primär deren mangelnder Begabung, sondern fehlender pädagogischer Kompetenz zuzuschreiben. Dies habe sich am besten bei den schlechten Englischkenntnissen ostdeutscher SchülerInnen gezeigt, denen man wohl schwerlich mindere Sprachbegabung nachsagen kann, wohl aber den LehrerInnen fehlende Englischkenntnisse.
Der Blick auf die demographische Entwicklung hat noch einen anderen Aspekt, nämlich den des Zuzuges von Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache, deren Kinderzahl die der Deutschen übersteigt. Die unter Fünfjährigen mit Migrationshintergrund machen in westdeutschen Großstädten 50-75 % der Kinder aus, mit steigender Tendenz. Das heißt: Kinder mit Migrationshintergrund sind die Mehrheit. Baumert nannte auch die türkischen und arabischen EinwandererInnen, bei denen in der zweiten Generation keine sprachliche Angleichung stattgefunden hat, deren Kinder daher auch in der dritten Generation Probleme haben, schulische Erfolge zu erringen. Dies ist, so Baumert mit Blick auf die Sarrazin-Debatte, keine Frage der Genetik, sondern eine der Sprach-Opportunitäten. Gleichzeitig ist eine Erfolgsgeschichte der Kinder mit Migrationshintergrund zu konstatieren, die heute wesentlich mehr AbsolventInnen höherer Schulabschlüsse stellen. Und doch ist die Differenz zu den deutschen Kindern noch zu groß, und immer noch größer als in anderen Ländern.
Ein Grund für die schlechteren Chancen unterer Schichten in der Schule ist die Subjektivität des Lehrerurteils und die Durchsetzungskraft der Eltern in den mittleren und oberen Schichten. Insbesondere beim Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule schlagen diese Subjektivitäten so durch, dass nicht in erster Linie die Leistungen der Kinder, sondern ihr sozialer Hintergrund zählt. Baumert schlug für die Grundschule eine Fördergarantie für die (leistungsmäßig) schwächeren Kinder für drei Jahre vor. Das heißt: Das Ziel darf nicht mehr Aussortieren sein, sondern Integrieren durch Förderung.
Diese Förderung sollte schon im vorschulischen Bereich einsetzen und spezifische Leistungs- und Entwicklungsmerkmale berücksichtigen. Der Focus auf Individualisierung in der Lerngruppe sei falsch, richtig wäre eine differenzierte Förderung und eine flexible Kontingentierung von Zeit. Konkret: Wer länger braucht, muss länger (und ggf. einzeln) gefördert werden.
Wenn die Bildungspolitik diese Erkenntnisse umsetzen würde, so ergäben sich folgende Forderungen:
- Eine grundlegende Reform der Lehrerbildung
- Finanzierung (durch zusätzliches Personal) intensiver (auch Einzel-) Förderung in Vorschule und Grundschule
- Einschränkung des Elternrechts beim Übergang auf die höhere Schule, denn wer sich durchsetzt, sind die Mittelschichtseltern.
Was Baumert fordert, ist letztlich die Reduzierung des Konkurrenzprinzips, nach dem diese Gesellschaft in Schule, Wirtschaft, Politik funktioniert. Nicht mehr die Elitenförderung steht im Mittelpunkt, sondern die Förderung derer, die von Hause aus schlechtere Chancen haben. Es bleibt abzuwarten, inwieweit der Kampf um die Konkurrenz auf dem Weltmarkt die Milderung des Konkurrenzprinzips in diesem unserem Lande zur Folge haben wird. Denn natürlich sind alle diese Überlegungen von der Angst um unseren Wohlstand, und nicht in erster Linie von der Sorge um die Unterschichten geprägt.
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Aktuelle Empfehlung
| Hilde von Balluseck (Hrsg.): Professionalisierung der Frühpädagogik. Perspektiven, Entwicklungen, Herausforderungen. Verlag Barbara Budrich (Opladen) 2008. 260 Seiten. ISBN 978-3-86649-182-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr. Rezension lesen Buch bestellen |
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| Tipp: Joachim Schwede, Christian Dörnbrack, Uta Reiber-Gamp: Arbeits- und Gesundheitsschutz in Kindertageseinrichtungen. Carl Link (Kronach) 2011. 96 Seiten. ISBN 978-3-556-06009-4. 12,90 EUR. Reihe: [Kindertagesbetreuung in Berlin - Beil.]. Arbeitsschutzvorschriften. Arbeits- und Gesundheitsschutz. |
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