Junge guckt in ein Goldfischglas
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Das Lernen im Netz

22.09.2010   Hilde von Balluseck

Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer hat den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Ulm und leitete u.a. das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Dieser Wissenschaftler hat heute einen Artikel mit dem Titel "Im Netz" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht, der auch über die Folgen digitaler Sozialisation für kleine Kinder Auskunft gibt. Diese Ergebnisse stelle ich im Folgenden dar, ohne sie zu kommentieren.

Bis zu einem Alter von zwei bis drei Jahren können Kinder von Bildschirmen und Lautsprechern nichts lernen. Ein Experiment in Kalifornien ist dabei sehr aufschlussreich: Eine Chinesin las neun bis elf Monate alten Säuglingen vor, die dadurch chinesische Laute lernten. Wenn die gleiche Frau jedoch über CD oder Video vorlas, lernten die Kinder nichts. Das heißt, dass der persönliche Kontakt im Säuglingsalter die wichtigste Komponente beim Lernen ist.

Für ein anderes Experiment hat der Disney-Konzern bitter zahlen müssen. Seit dem Jahr 2003 vertrieb er DVDs unter dem Namen "Baby Einstein". Eine große Studie mit über 1000 Säuglingen kam jedoch zu dem Ergebnis , "dass der Konsum von Baby-Einstein-DVDs einen doppelt so negativen Effekt hatte wie sich tägliches Vorlesen hierauf positiv auswirkte." Der Disney-Konzern hat zwei Jahre lang versucht, das Ergebnis zu verheimlichen, nimmt jetzt aber die DVDs bei Erstattung des Kaufpreises zurück. Denn Tausende Eltern verklagten den Konzern wegen Schädigung ihrer Kinder.

Kleine Kinder können spätestens ab einem Altern von drei Jahren vom Bildschirm lernen, in den USA werden sie allerdings schon mit neun Monaten vor den Fernseher gesetzt, im Vorschulalter sehen sie dann durchschnittlich 1,5 Stunden fern. Da die Werbeindustrie sich diese Gewohnheiten zu nutze macht, kennen die Kinder bei Schuleintritt schon 200 Maarkennamen. Ca. 65 Prozent der Werbung für Kinder bezieht sich auf zumeist ungesunde Lebensmittel, was zu einer epidemieartigen Zunahme von Fettleibigkeit von Kindern führt. Der Dauerkonsum von Zucker und Fett entspricht "aus neurobiologischer Sicht dem 'Anfixen' mit Rauschgift." Nur dass das Belohnungssystem des Gehirns sich eher nach dem Absetzen von Amphetaminen normalisiert als nach dem Verzicht auf Süßigkeiten und fetthaltige Lebensmittel. "Mit Hilfe der Medien wird somit ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der allein in Deutschland vorsichtig geschätzt jährlich 20.000 Tote (damit meint der Autor wohl auch alle Erwachsenen, die an Fehlernährung sterben, H.v.B.) und zehn bis fünfzehn Milliarden Euro Gesundheitskosten verursacht."

Da Schüler/innen, die ständig vor dem Fernseher, dem Computer oder einer Spielkonsole sitzen, die Schule langweilig finden, wird dort wenig gelernt. Hinzu kommt, dass Gelerntes verfestigt werden muss und außerdem braucht das Gehirn Zeiten der Ruhe. Diese wesentlichen Voraussetzungen für das Lernen entfallen jedoch, wenn ein Kind nach der Schule sich online oder mit seiner Spielkonsole befasst.

Eine weitere Gefahrenquelle für die Lernfähigkeit ist das Multitasking. Ein Experiment an der Universität Stanford hat ergeben zeigte sich, dass Nicht-Multitasker konnten weit besser als die Multitasker  unwichtige Reize nicht beachten. Auch die inneren Reize, etwas Gedanken, konnten von den Nicht-Multitaskern besser ausgeblendet werden. "Besonders bedeutsam ist, dass Multitasker keineswegs besser zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln können. Im Gegenteil, sie können es weniger gut. Mit anderen Worten: Wer noch nicht unter einer Aufmerksamkeitsstörung leidet, der kann sie sich durch häufiges Multitasking antrainieren."

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