Junge guckt in ein Goldfischglas
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Die Grammatik des Glücks

05.12.2010

Daniel Everett ist mit seinen Abenteuern und Erkenntnissen bei den Pirahá-Indianern am Amazons nicht nur zum weltweiten Medien-Shooting-Star geworden, sondern hat auch die Welt der (Sprach-) Wissenschaft ins Wanken gebracht. Für knapp eine Woche war er nun zu Gast bei nifbe-Forschungsstellen-Leiterin Prof. Dr. Heidi Keller und hielt einen öffentlichen Vortrag – den einzigen in Deutschland.

Vor dreißig Jahren kam der Amerikaner Daniel Everett als Missionar ins Amazonas-Gebiet, um den abgeschieden und autonom lebenden Pirahá-Indianern das Wort Gottes beizubringen. Zuvor waren schon zwei Missionare an diesem Unterfangen gescheitert. Und auch für den damals 26jährigen kommt es völlig anders als geplant: Er lernt ein Volk kennen, das überaus glücklich und völlig entspannt zu sein scheint – selbst wenn ein Sturm ihre Hütte umbläst, so erzählt Everett in Osnabrück, „lachen sie nur und bauen sich eine neue“. Everett musste erkennen, dass die Pirahá die christlichen Werte, die er ihnen vermitteln wollte, schon ganz selbstverständlich lebten ohne einen Gott dafür zu brauchen. Diese Erkenntnis ließ Everett den Glauben verlieren und er begann eine neue Mission als Sprachwissenschaftler.

Der Schlüssel zum Verständnis der Pirahá bildete für Everett ihre Sprache, die zuvor kein Außenstehender je erlernt hatte – ebenso wenig wie die rund 350 Pirahá auch nur ein Wort Portugiesisch oder Englisch konnten. Mühsam und über Jahre hinweg erschließt sich Daniel Everett über Zeigen und Benennen, Versuch und Irrtum ein fremdes und extrem kompliziertes Sprachuniversum. Und er muss feststellen, dass die Sprache der Pirahá keinerlei Verwandtschaft mit anderen Sprachen dieser Welt besitzt und in ihrer Struktur dem „Prinzip des unmittelbaren Erlebens“ folgt.

Die Pirahá-Sprache besteht aus acht Konsonanten bei den Männern und sieben bei den Frauen sowie nur drei Vokalen. Sie ist tonal angelegt, so dass auch Höhen und Tiefen eine Bedeutung haben wie auch Brummen, Wispern oder Pfeifen. Jedes Verb kann dabei bis zu unvorstellbare 65.000 Formen annehmen – was Everett bei seinem Vortrag zur Erheiterung des Publikums immer wieder ansatzweise demonstrierte.

Das Überraschendste war für Daniel Everett aber, dass die Pirahá keine Begriffe für Vergangenheit oder Zukunft, für einzelnen Zahlen, Farben oder links und rechts haben. So gibt es für die Pirahá nur viele oder nur wenige Fische und Farben werden umschrieben, etwa mit „dunkel wie mein Blut“ oder „noch nicht reif“. Die Pirahá wissen zwar schon, was die Vergangenheit ist, sprechen aber kaum darüber – und wenn nur über das, was sie persönlich erlebt haben. In ihrer Sprache und in ihrem Denken zählt aber primär nur das Hier und Jetzt. „Über Dinge, die man nicht sehen kann“, so Everett, „spricht man bei den Pirahá nicht.“

Daniel Everett hält mit seinen faszinierenden Erkenntnissen zur Sprache der Pirahá Noam Chomsky Annahme einer universalistischen und quasi angeborenen Grammatik für widerlegt und ihre kulturelle Prägung belegt. Mit der Grammatik der Pirahá-Sprache scheint Everett eine Grammatik des Glücks entdeckt zu haben.

Quelle: http://nifbe.de/pages/posts/daniel-everett-und-die-grammatik-des-gluecks-324.php

 

 

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