Gruppe von erwartungsfrohen Kindern
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Eingewöhnungsphase, Sprachförderung und anderes

11.11.2011

Einen Rundumschlag wagt das Interview mit Remo Largo, das sich auf der Website des Bundesministeriums für Famiie, Senioren, Frauen und Jugend zu Frühen Hilfen findet. Von der Eingewöhnungsphase, über die Gesunderhaltung und die Sprachförderung ist alles dabei. Wir wollen Ihnen aber trotzdem den Text nicht vorenthalten.

Remo H. Largo (66) ist emeritierter Professor für Kinderheilkunde. 30 Jahre lang leitete er die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ an der Universitäts-Kinderklinik Zürich. „Babyjahre“, „Kinderjahre“ und „Lernen geht anders“: Remo Largo hat zahlreiche Fachbücher zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen veröffentlicht. Er spricht sich gegen Förderwahn und für eine an den Bedürfnissen und dem individuellen Entwicklungsstand und -tempo des Kindes orientierte Begleitung und Unterstützung der kindlichen Entwicklung aus.

1. Wie kann ich die Eingewöhnungsphase meines Kindes in der Kindertageseinrichtung sinnvoll unterstützen? Wie merke ich, dass sich mein Kind in der Kita wohlfühlt?

Eltern können ihre Kinder in der Eingewöhnungsphase unterstützen, indem Sie so lange beim Kind bleiben, bis sich es sich ausreichend mit einer Erzieherin oder einem Erzieher vertraut gemacht hat. Das Kind fühlt sich dann nicht mehr verlassen, wenn die Eltern nicht da sind. Wenn das Kind beispielsweise mit der Betreuungsperson oder andern Kindern in ein Spiel vertieft ist, können sich die Eltern ruhig verabschieden. Es kann durchaus geschehen, dass es beim Abschied unglücklich ist, sich aber davon rasch erholt. Wichtig ist, dass sich die Eltern für jede Übergabe in eine Betreuungssituation ausreichend Zeit nehmen. Hilfreich kann es auch sein, dem Kind vertraute und wichtige Dinge mitzugeben. Geborgenheit, Zuwendung und eine umfassende Betreuung sind für ein Kind wichtig – nicht nur von den Eltern, sondern ebenso von anderen Bezugspersonen.

2. Viele Eltern begleiten in den ersten Lebensmonaten Ihres Kindes Handlungen häufig mit Äußerungen wie "Mama zieht sich jetzt die Schuhe an". Ist die sogenannte „Babysprache“ für die Sprachentwicklung des Kindes sinnvoll?

Eltern sollten in den ersten Lebensjahren ihr Handeln kommentieren und zwar so, dass es für das Kind verständlich ist. Langsames, vereinfachtes, ausdrucksstarkes und insbesondere sich wiederholendes Sprechen kommt der noch recht geringen Aufnahmefähigkeit des Säuglings entgegen und ist daher sinnvoll. Im frühen Säuglingsalter ist die Sprachentwicklung noch ganz in das Beziehungsverhalten eingebettet. Das Gefühlvolle der Sprache und die zwischenmenschliche Kommunikation sind für das Kind wesentlich.

3. Wie sollte der Gruppenalltag für Kinder unter drei Jahren gestaltet sein, damit diese sich gesund entwickeln können? Welche Rolle spielen Gruppenstärke, Raumgestaltung und die Bindung zu den Erzieherinnen und Erziehern bei der kognitiven Entwicklung?

Ich halte folgende Kriterien bei der Betreuung in Kindertagesstätten für zentral:

Altersgemischte Gruppen mit mindestens drei Jahrgängen. Der Fördereffekt ist bei altersgemischten Gruppen viel größer, da die älteren Kinder die Jüngeren mitziehen.

Optimal sind Gruppengrößen von acht Plätzen für eine Gruppe mit einem Säugling und sieben Kleinkindern bzw. zehn Plätzen für eine Gruppe mit zwei bis sechsjährigen Kindern. Um Gruppenstabilität zu fördern, sollten mehrheitlich feste Wochen-, Halbtags- oder Tagesgruppen gewährleistet sein.

In der Beziehung zwischen Kind und Betreuungsperson ist die Kontinuität bedeutsam. Kinder sollten mehrere Bezugspersonen haben, wobei jedes Kind jederzeit Zugang zu einer vertrauten Person haben sollte.

Bei der Wahl einer geeigneten Kindertagesstätte sollte auf das Vorhandensein mehrerer Spielzonen, eine anregende Ausstattung, Zugänglichkeit von Materialien und ausreichende Bewegungs- und Rückzugsmöglichkeiten geachtet werden.

4. Wo sehen Sie die Ursachen der gestiegenen Sensibilität beim Thema Sprachförderung, die auch bei deutschen Kindern besteht?

Es gibt viele Gründe. Ein ganz wichtiger: Kinder erwerben ihre Sprache zwar eigenständig, sie brauchen dazu aber intensive und ausgedehnte Erfahrungen mit der Sprache im Austausch mit Eltern, anderen Bezugspersonen und Kindern. Diese Erfahrungen fehlen oft in Kleinfamilien. Es gibt wenige Bezugspersonen, vor allem andere Kinder fehlen häufig. Dabei wird oft übersehen, dass man Kindern Sprechen nicht beibringen muss. Eltern und andere Bezugspersonen haben aber dennoch einen wichtigen Einfluss auf die Sprachentwicklung: Frühe zwischenmenschliche Erfahrungen fördern den Spracherwerb.

5. Was ist unter einem „alltagsintegrierten Ansatz“ der Sprachförderung zu verstehen? Welche Vorteile hat dieser gegenüber der Sprachförderung einzelner Kinder bzw. von Kleingruppen?

Kinder lernen eine Sprache, indem sie einerseits hören und andererseits konkret erfahren, in welchem Kontext (Personen, Handlungen, Situationen) die Sprache verwendet wird. Sie erschließen sich die neuen Begriffe selbst aus dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht werden. Das kann unterstützt werden, indem die Handlungen im Alltag des Kindes sprachlich begleitet werden.

6. Brauchen Kinder mit Migrationshintergrund eine andere Form der Förderung?

Das Aufwachsen mit mehreren Sprachen stellt einen immensen Vorteil im späteren Leben dar. Die frühe Sprachentwicklung von Kindern, die mehrsprachig aufwachsen, verläuft grundsätzlich genauso wie bei einsprachigen Kindern, wenn auch etwas langsamer. Kinder mit Migrationshintergrund werden im Vorschulalter optimal gefördert, wenn sie jeden Tag mindestens drei Stunden mit deutschsprachigen Kindern zusammen spielen. Dann ergibt sich eine normale Sprachentwicklung und soziale Integration von selbst. Die erwachsenen Bezugspersonen sollten immer nur in einer Sprache zum Kind sprechen; die Mutter beispielsweise immer nur deutsch, der Vater immer nur türkisch. Eine frühe Förderung in der Kita, die deutlich vor dem Vorschulalter beginnt, ermöglicht insbesondere Kindern, die zuhause kein Deutsch sprechen, einen noch früheren Einstieg in die Sprache.

Quelle: http://www.fruehe-chancen.de/schwerpunkt_kitas/aus_der_praxis/dok/434.php

 

 

 

 

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