Junge guckt in ein Goldfischglas
Startseite » Forschung » Gruppenzwang im Vorschulalter- neue Forschungsergebnisse

Gruppenzwang im Vorschulalter - neue Forschungsergebnisse

02.11.2011

Erwachsene und Jugendliche richten ihr Verhalten und ihre Meinung oft entgegen besseren Wissens an ihrer jeweiligen Bezugsgruppe aus. Gilt dies auch schon für Vorschulkinder?

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und für Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande, haben dieses Phänomen bei Vierjährigen untersucht und herausgefunden, dass auch diese bereits einem Gruppenzwang unterliegen. Die Kinder orientierten sich in ihren öffentlichen Äußerungen an der Mehrheitsmeinung Gleichaltriger. (Child Development, 25. Oktober 2011)

Menschen passen nicht nur ihr Äußeres an verschiedene, oberflächliche Modeerscheinungen an, sondern orientieren ihre Meinung oft an der Mehrheitsmeinung, selbst wenn diese nicht ihrer eigenen entspricht. Diese Anpassungsfähigkeit spielt eine wichtige Rolle beim Erwerb kulturspezifischen Verhaltens. Wir erwerben dieses, indem wir uns am Verhalten anderer Gruppenmitglieder orientieren. Werden wir dabei von Anderen mit Informationen konfrontiert, die im Widerspruch zu unseren eigenen Ansichten stehen, übernehmen wir im Zweifelsfalle die Meinung der Mehrheit.

Wie Kleinkinder mit Informationen umgehen, die sie von Gleichaltrigen erhalten, haben jetzt Daniel Haun, der sowohl am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik forscht, und Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersucht. An ihrer Studie nahmen 96 vierjährige Mädchen und Jungen aus 24 verschiedenen Kindergartengruppen teil. „Uns interessierte, inwiefern bereits Kleinkinder ihre öffentliche Meinung an der Mehrheitsmeinung ausrichten, auch wenn sich diese ganz offensichtlich nicht mit ihrer eigenen deckt“, sagt Daniel Haun.

Am ersten Teil der Studie nahmen pro Durchgang vier Kinder teil. Sie erhielten scheinbar identische Bücher mit jeweils 30 Doppelseiten, auf denen Tierfamilien dargestellt waren. Links waren Mutter, Vater und Kind zusammen, rechts nur jeweils ein Familienmitglied. Die Kinder sollten nun bestimmen, um welches Familienmitglied es sich handelte. Aber nur drei der Bücher waren tatsächlich identisch, beim vierten war manchmal auf der rechten Seite ein anderes Bild zu sehen. Die Kinder dachten jedoch, dass sie alle die gleichen Bücher vor sich hatten. „Das Kind, welches das abweichende Buch erhalten hatte, wurde mit der aus seiner Sicht völlig falschen Einschätzung dreier Gleichaltriger konfrontiert“, erklärt Haun. „Von 24 Kindern passten sich 18 Kinder in einem oder mehreren Fällen dieser mehrheitlichen Einschätzung an, obwohl sie es eigentlich besser wussten“.

Aus welchen Gründen sich bereits Vorschulkinder der Mehrheit anpassen, untersuchten die Forscher im zweiten Teil der Studie. Abhängig davon, ob eine Lampe leuchtete oder nicht, sollten die Kinder nun die richtige Lösung entweder laut aussprechen oder still auf das entsprechende Tier zeigen, sodass nur der Studienleiter, nicht aber die anderen Kinder die Antwort sehen konnten. Von 18 Kindern, die nicht der Mehrheit angehörten, übernahmen 12 in einem oder mehreren Fällen deren Einschätzung, wenn sie ihre Antwort laut aussprechen mussten. Sollten sie hingegen still auf die richtige Antwort zeigen, übernahmen nur 8 von 18 Kindern die Mehrheitsmeinung. Die Kinder passten also in der Regel ihre öffentliche nicht aber ihre private Antwort an die Mehrheit an. Das deutet darauf hin, dass die Anpassung soziale Gründe hat, wie zum Beispiel die Akzeptanz innerhalb der Gruppe. „Bereits vierjährige Kinder unterliegen einem gewissen Gruppenzwang und beugen sich diesem zum Teil aus sozialen Beweggründen“, so Daniel Haun.

Quelle: http://www.mpg.de

 

Ihre Meinung ist gefragt!

Wir freuen uns über Kommentare.

Kommentar schreiben

Benötigte Felder sind mit einem Stern (*) markiert.


Newsletter

Sie wollen regelmäßig über neue Beiträge auf ErzieherIn.de informiert werden?
Nun hat ErzieherIn.de einen Newsletter, den Sie kostenlos abonnieren können!

Aktuelle Empfehlung

Karl Lenz, Marina Adler: Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Band 1: Geschlechterverhältnisse. Juventa Verlag (Weinheim ) 2010. 264 Seiten. ISBN 978-3-7799-2301-5. 21,00 EUR.

Geschlechterforschung. Hrsg.: Lothar Böhnisch, Heide Funk, Karl Lenz .
Rezension lesen   Buch bestellen

Buchcover
Karl Lenz, Marina Adler: Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Band 2: Geschlechterbeziehungen. Juventa Verlag (Weinheim ) 2011. 291 Seiten. ISBN 978-3-7799-2301-5. 23,95 EUR.

Geschlechterforschung. Hrsg.: Lothar Böhnisch, Heide Funk, Karl Lenz.
Rezension lesen   Buch bestellen

Buchcover
weitere Fachbuchempfehlungen

Das könnte Sie auch interessieren:

Schlagworte des aktuellen Beitrags

ErzieherIn.de unterstützen mit Flattr

Mit diesem Flattr-Button kann man ErzieherIn.de als Ganzes honorieren. Um einzelne Artikel freiwillig zu bezahlen, kann man die Buttons unter dem jeweiligen Artikel verwenden.

Tag Cloud

Akademisierung Alleinerziehende Anerkennung Arbeitsbedingungen Armut Aufsichtspflicht Ausbildung Ausbildungsvergütung Ausland Bachelor Bachelor-Studiengänge Baden-Württemberg Bayern Behinderung Beobachtung Berufsbild Betreuungsgeld Bewegung Bildung Bildungsabschluss Bildungsgerechtigkeit Bildungspaket Bildungspläne Bildungspolitik Bildungsprozesse Bildungssystem Bilingualität Bindung Brandenburg China Datenbank Durchlässigkeit Effekte Eltern Entwicklungspsychologie ErzieherInnen Europäische Kommission Evaluation Fachberatung Fachkräftemangel Fachschule Fachschulen Fachzeitschriften Familie Fernsehen Feuer Finanzierung Flüchtlinge Forschung Frühe Hilfen Frühförderung Föderalismus Gehälter Geschichte Geschlecht Gesundheit Gewalt Glosse Grundschule Gruppe Gruppengröße Haltung Hartz IV Hilfen zur Erziehung Hochbegabung Hochschule Hochschulen Hort Inklusion Integration Interkulturelle Kompetenz Internate Internet Internetportale Italien Jugendamt Jungen Katholische Kirche KiBiz Kinder- und Jugendpsychiatrie Kindergarten Kinderpflegerin Kinderrechte Kinderrechtskonvention Kinderschutz Kinderschutzbund Kindertagespflege Kindeswohlgefährdung Kindheitspädagogik Kita-Gebühren Kitapflicht Kompetenzen Kooperation Fachschule-Hochschule Krippe Krippenausbau Leitung Mathematik Medien Medienpädagogik Mehrsprachigkeit Migration Missbrauch Musik Musikalische Bildung Musikalische Früherziehung Männer als Erzieher NRW Nachhaltigkeit Naturwissenschaften Neuseeland Offene Arbeit Partizipation Patenschaft Personalbedarf Personalentwicklung Personalschlüssel Personalsituation Psychische Krankheit Qualifikation Qualifikationsrahmen Qualität Qualitätsentwicklung Qualitätsmanagement Rahmenbedingungen Religion Rheinland-Pfalz Scheidung Schule Schulsozialarbeit Sexualisierte Gewalt Sexualität Sexualpädagogik Situationsansatz Sozialstruktur Spiele Sprachentwicklung Sprachförderung Studium Tarifvertrag Team Teamarbeit Tod Träger U-3-Ausbau U3 Umweltschutz Unternehmen Verhaltensauffälligkeit Vielfalt Väter Websites Weiterbildung Weiterbildungsangebote Weiterbildungsinitiative (WIFF) Werkstatt Weiterbildung WiFF Zeitmanagement Zusammenarbeit mit Eltern Zuwanderung Übergang Übergewicht