Gruppe von erwartungsfrohen Kindern
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Offene Arbeit

13.05.2010   Gerlinde Lill

Den folgenden Beitrag haben wir aus dem Buch "Das Krippenlexikon - von Abenteuer bis Zuversicht" übernommen. Gerlinde Lill, die Autorin ist auch Verfasserin dieses Buches. Wir danken dem Verlag das netz für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserem Portal.

Werden Öffnungsprozesse in der Kita geplant, kommen garantiert Zweifel auf: Ist das für die Kleinen keine Überforderung? Brauchen junge Kinder nicht die kontinuierliche Nähe einer bestimmten Bezugsperson, um Vertrauen zu gewinnen und sich von den Eltern lösen zu können? Brauchen sie nicht einen überschaubaren Raum, klare Zeitstrukturen und Ansagen, was sie zu tun und zu lassen haben, um Orientierung und Sicherheit zu finden? Irritiert es sie nicht, wenn sie in eine Kita kommen, in der sie zwischen verschiedenen Räumen wählen können und auch sonst Entscheidungsspielraum erhalten?

Diese Fragen sagen mehr über die Denkmuster Erwachsener aus als über kindliche Bedürfnisse. Wer beobachtet, wie junge Kinder sich im offenen Gelände bewegen, wird seine Vorstellungen revidieren, denn sie zeigen uns, was sie brauchen – in jedem Alter. Wir müssen es „nur“ wahrnehmen und entsprechend reagieren. Beides ist nicht ganz einfach, aber auch nicht schwer.

Das Konzept der Offenen Arbeit bedeutet im Kern genau dies: Unterschiedlichkeit und Besonderheit als Normalität zu sehen, sie wahrzunehmen, darauf jeweils angemessen zu reagieren und einen entsprechend differenzierten Rahmen zu bieten.

Von diesem Gedanken rührt der Begriff „Offene Arbeit“ her: offen für alle Kinder – egal, mit welchen individuellen Besonderheiten sie zu uns kommen.

Verschiedenheit erfordert Differenzierung im Umgang. Um das leisten zu können, ist es notwendig, die Wahrnehmung zu sensibilisieren, um Signale auf unterschiedlichen Ebenen aufzufangen und sich bei der Deutung bewusst zu sein, dass es sich immer nur um den Versuch handelt, zu verstehen, was für ein Kind gerade wichtig ist.

Je achtsamer und aufmerksamer wir wahrnehmen, umso leichter wird es uns gelingen, in der Organisation, der Raumgestaltung und im Zeitmanagement differenzierte und flexible Lösungen zu finden.

Das sind die beiden Seiten der Offenen Arbeit: Die sichtbare, die sich in den Strukturen ausdrückt, und die unsichtbare, die dahintersteckt und sich im Wandel der Einstellungen zeigt. Beides hängt zusammen, denn Einstellungen wandeln sich nicht von heute auf morgen und können schon gar nicht „implementiert“ werden. Sie wachsen im Handeln und durch Erfahrungen. Das kann man in Öffnungsprozessen von Teams beobachten: Es entsteht immer ein Wechselspiel zwischen Reflexion, Planung, der Erprobung von Neuem und der Auswertung der Erfahrungen. In diesem Prozess bewegt sich das ganze System: innerlich und äußerlich. Damit Umdenken zu „Umhandeln“ führt, braucht es die Bereitschaft zu Kooperation und Dialog – mit Kolleginnen, Eltern und Kindern.

Sich für einen solchen Prozess öffnen zu wollen, das ist der innere Motor der Offenen Arbeit.

Wer sich auf das Wagnis einlässt, anderes als das Gewohnte für möglich zu halten, wird sich und seine Sicht auf die Arbeit auf die eine oder andere Weise öffnen. Wie der Weg im Einzelnen verläuft und in welchem Tempo er beschritten wird, das ist unterschiedlich – eben ein offener Prozess. Und einer, der nicht aufhört.

Halb offen, ganz offen – das höre ich häufig, wenn Teams ihre Arbeitsweise und ihr Konzept vorstellen. Damit bezeichnen sie den Grad der Zusammenarbeit miteinander und das Maß der Bewegungsfreiheit der Kinder im Haus, also das Stadium der Team-Entwicklung. Dennoch ist die Bezeichnung aus meiner Sicht irreführend, denn sie bezieht sich vor allem auf die strukturellen Elemente. Im Sinne von „sich öffnen“ für andere Denkweisen und Möglichkeiten greift sie zu kurz.

Entweder wir öffnen uns, oder wir machen dicht. Und Räume zu öffnen ist mitnichten ein Indiz für innere Öffnung. Ich kenne Kolleginnen, die nur darauf warten, den Beweis antreten zu können, dass es so nicht geht: „Habe ich doch gleich gesagt: Chaos!“

Vielmehr geht es darum, verschiedenen Interessen zur gleichen Zeit Raum zu geben. Das heißt: Ich muss die Möglichkeit haben, die Tür hinter mir zu schließen und dem in Ruhe nachzugehen, was im Moment wichtig ist – allein oder mit anderen. Gerade darin erweist sich eine Qualität Offener Arbeit. Darin, dass räumliche und organisatorische Bedingungen entsprechend gestaltet werden, erweist sich die Kompetenz der „offenen Pädagogen“.

Funktionsräume oder Aktionsbereiche? Die Auflösung der traditionellen Gruppenräume mit ihren Funktionsecken und die Einrichtung von Funktionsräumen war – historisch gesehen – ein erster und bedeutsamer Schritt. Von heute aus betrachtet, greift er jedoch zu kurz, denn alte Muster bleiben erhalten: Es wird in Funktionen gedacht, also von den Dingen und ihrer Funktionsweise her. Entsprechend sollen die Kinder Räume und das darin vorhandene Material funktionsgerecht nutzen. Das tun sie oft nicht, was zu Konflikten führt.

Denken wir von den Kindern und ihrer „Funktionsweise“ her, kommen wir zu anderen Überlegungen: Kinder erobern die Welt nicht entlang unserer Nutzungsvorgaben. Auch wenn sich unsere Art des Umgangs allmählich auf sie überträgt, haben sie doch jede Menge anderer Verwendungsmöglichkeiten für Tische, Löffel, Bausteine oder Buntstifte. Und sie agieren nicht, um sich zu bilden, sondern weil das, was sie tun, in die Geschichte passt, die sie gerade spielen. Das wahrzunehmen und die Kinder dabei zu unterstützen, ist etwas, das wir Erwachsenen noch üben müssen. Den eigenen eingefahrenen Denkmustern auf die Spur zu kommen, sie abzulegen und verstehen zu wollen, was bei den Kindern geschieht – das bedeutet „sich öffnen“. [1]

Manchmal steckt der Teufel im Begriff. Um alte Denkweisen aufzubrechen, hilft es, alte Begriffe zu befragen. Passen sie nicht mehr zum veränderten Verständnis, sollten wir sie ändern, sollten die Funktionsräume abschaffen – in Wirklichkeit wie als Wort – und stattdessen zum Beispiel Aktionsbereiche schaffen. Dieser Begriff stellt immerhin schon mal das Tun der Kinder in den Mittelpunkt.   

Aber es geht um mehr als neue Bezeichnungen. Diskutieren sollten wir über unsere Ordnungsvorstellungen und die „Arbeitsweisen“ der Kinder, über Systematik, Ästhetik und die Wirkung von Räumen auf das, was darin geschieht. Fragen wir uns auch: Wie wirkt das, was dort geschieht, auf die Atmosphäre eines Raums? [2]

Offene Fragen nehmen nach meiner Erfahrung im Verlaufe von Veränderungsprozessen zu. Das liegt im Wesen offener Prozesse. Kaum macht man einen Topf auf, kommen tausend neue Gedanken, Ideen, aber auch Zweifel heraus. Darauf lässt sich ein, wer ins Offene wandert, und ein Ende ist nicht abzusehen. Zum Glück. [3]

Doch zurück zu der Frage, wie Offene Arbeit mit jungen Kindern gelingen kann. Antworten finden sich bei Besuchen in Häusern, deren Teams jüngere Kinder bereits einbeziehen, und in Diskussion mit den Kolleginnen über ihre Erfahrungen. Am besten schaut man sich mehrere Kitas an, denn es gibt die unterschiedlichsten Organisationsformen. In manchen Häusern hat man eine Krippenetage eingerichtet, die von Kindern zwischen Null und Zweieinhalb genutzt wird. Andere Teams bieten ein Nest, in dem die Kinder nur so lange verweilen, wie ihnen der Schonraum wichtig ist. Wieder andere haben in allen Abteilungen Rückzugsorte, die für Neuankömmlinge und junge Kinder zur Verfügung stehen. Was jeweils passt – zu den Menschen und zu den Raumbedingungen – muss jedes Team ohnehin für sich bestimmen und ausprobieren.  


[1] Siehe dazu: Mit den Dingen im Gespräch oder Wozu der Löffel einlädt. Interview mit Prof. Claus Stieve. Betrifft KINDER, Heft 10/09

[2] Siehe auch: von der Beek, A.: Bildungsräume für Kinder von Null bis Drei. verlag das netz, Weimar/Berlin 2006

[3] Siehe dazu auch: Lill, G.: Neue Muster in der Offenen Arbeit. Die Serie begann in Betrifft KINDER, Heft 7/09


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