Vollerhebung berufsbegleitender und dualer Studienangebote vorgelegt
06.07.2011
Es ist erklärtes bildungspolitisches Ziel, die Hochschulen für Berufstätige und Studieninteressierte ohne eine traditionelle schulische Studienberechtigung zu öffnen. Um ein Hochschulstudium für diese Zielgruppe attraktiv zu machen, bedarf es neuer bzw. veränderter Angebotsstrukturen. Berufsbegleitende Studienangebote spielen hierbei eine wichtige Rolle. Ein Team des HIS-Instituts für Hochschulforschung (HIS-HF) hat – gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) – erstmals das Angebot an berufsbegleitenden und dualen Studiengängen in Deutschland vollständig erfasst und nach bestimmten Kriterien typisiert.
Die Erhebung berücksichtigt alle berufsbegleitenden und dualen Studienprogramme, die im Jahr 2009 von staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen sowie von Berufsakademien angeboten wurden. Sie umfasst Studiengänge, die die Studierenden zu einem akademischen Abschluss (z. B. Bachelor- oder Masterabschluss) führen, aber auch kürzere Angebote ab einer Dauer von drei Tagen, sogenannte Zertifikatskurse. »Um erstmals das gesamte Angebot an berufsbegleitenden und dualen Studienformaten zu erfassen, mussten wir methodisches und erhebungstechnisches Neuland betreten. Wir konnten daneben auch strukturelle Probleme in diesem Feld und Defizite in der Darstellung der Angebote offenlegen«, sagt Studienleiter Karl-Heinz Minks.
Berufsbegleitende Bachelorstudiengänge sind noch wenig etabliert
Minks und sein Team identifizierten 257 berufsbegleitende Bachelorstudiengänge. Dies entspricht einem Anteil von etwa fünf Prozent an allen Bachelorstudiengängen. Der Bereich der berufsbegleitend studierbaren Bachelorstudiengänge ist bislang also noch wenig ausgebaut. Die meisten finden sich in den Wirtschaftswissenschaften (42 %), gefolgt von den Ingenieurwissenschaften (18 %). Die anderen Fachrichtungen weisen deutlich niedrigere Anteile auf. Berufsbegleitende Bachelorstudiengänge sind gegenwärtig noch eine Domäne der Fachhochschulen (s. Abb.). Nur jeder siebte wird von einer Universität angeboten. Besonders aktiv sind private Hochschulen, die in den letzten Jahren ein starkes Wachstum verzeichnen konnten: Obwohl es in Deutschland deutlich weniger private als staatliche Hochschulen gibt, wird fast jeder zweite berufsbegleitende Bachelorstudiengang von einer privaten Hochschule angeboten.
Berufsbegleitende Masterstudiengänge werden relativ häufig angeboten
Das Angebot berufsbegleitender Masterstudiengänge ist deutlich größer. In der Studie werden knapp 700 solcher Masterstudiengänge erfasst; dies entspricht etwa 17 % des Gesamtangebots an allen Masterstudiengängen. Auch hier sind die Wirtschaftswissenschaften am stärksten vertreten. Sie bieten 46 % aller berufsbegleitenden Masterprogramme an. Es folgen wiederum die Ingenieurwissenschaften mit einem Anteil von 11 %. Naturwissenschaftliche Fachrichtungen sind im Master hingegen so gut wie nicht berufsbegleitend studierbar. Im Unterschied zu den Bachelorstudiengängen werden berufsbegleitende Masterstudiengänge von Universitäten und Fachhochschulen in etwa gleichem Maße angeboten. Auch sind die privaten Hochschulen in diesem Sektor nicht dominant; vielmehr werden zwei Drittel der berufsbegleitend studierbaren Masterprogramme von staatlichen Hochschulen offeriert.
Studienautor Daniel Völk glaubt, dass der Bedarf an berufsbegleitenden Masterstudiengängen in den nächsten Jahren noch zunehmen wird: »Berufsbegleitende Masterprogramme bieten eine interessante Perspektive für Bachelorabsolventen, die nach einer Phase der Berufstätigkeit wieder an die Hochschule zurückkehren wollen. Viele von ihnen werden nicht bereit sein, für ein Masterstudium ihre Erwerbstätigkeit vollständig zu unterbrechen«, so Völk.
Großes Angebot an dualen Bachelorstudiengängen und Zertifikatskursen
Die Studie identifiziert außerdem insgesamt 800 duale Bachelorstudiengänge, die zumeist eine Ausbildung oder Beschäftigung in einem Betrieb mit einem Studium verbinden. Duale Bachelorstudiengänge werden insbesondere in den Wirtschafts-, Ingenieurwissenschaften und im Sozialwesen angeboten.
Sehr groß ist auch das Angebot an sogenannten Zertifikatskursen, also Studienprogrammen, die unterhalb der Ebene akademischer Grade angesiedelt sind. In Deutschland existieren mehr als 4.000 derartige Studienformate. Die Kursdauern, Niveaus und Anschlussoptionen sind sehr heterogen. Auch hier sind die Wirtschaftswissenschaften am stärksten vertreten; eine nennenswerte Zahl an solchen Kursen bieten zudem die Geistes- und Kulturwissenschaften an.
Das Gesamtangebot ist ausbaufähig
»Das Gesamtangebot berufsbegleitender Studienmodelle ist durchaus noch ausbaufähig«, betont Minks. »Verkürzte Innovationszyklen, die demographische Entwicklung und die daraus resultierenden Folgen für die Erfordernisse lebenslangen Lernens verlangen nach entsprechenden Studienformaten. Unsere Erhebung hat zudem gezeigt, dass an berufsbegleitende Studienangebote besondere Qualitätsanforderungen zu stellen sind. Ich denke dabei vor allem an die Lehr- und Lernkulturen, an die Finanzierungsstrukturen, an Beratung und Coaching für berufsbegleitend Studierende, an die Einbindung von hochschulischer Weiterbildung in die Personalentwicklung der Betriebe und an die übersichtliche und transparente Darstellung der entsprechenden Studienangebote. Wer aus dem Gesamtangebot an berufsbegleitenden Studienprogrammen das richtige finden will, hat es nicht leicht. Es gibt keine zentrale Informationsquelle, die Überblick verschaffen würde. Auch der Informationsgehalt und die Informationsstrukturen einzelner Quellen sind von sehr unterschiedlicher Qualität.“
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