Warum alle profitieren, wenn Europas jüngste Bürger eine Tageseinrichtung besuchen
22.06.2011 Bronwen Cohen
Vorweg: Das von der EU mitfinanzierte Projekt „Working for Inclusion” weist auf den Erfolg derjenigen Länder hin, die zum Abbau von Chancenungleichheiten auf integrierte Einrichtungen setzen. Bronwen Cohen denkt über mögliche Konsequenzen nach.
Wir übernehmen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Betrifft Kinder aus dem Beiheft Kinder in Europa
Das Wort Integration hört man häufig im Zusammenhang mit frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung. Doch überall in Europa hat sich mit einer Vielfalt sozialer Aufgaben, wie Hilfe für Eltern, Vorschulerziehung oder Unterstützung benachteiligter Familien, auch eine unnötige Zersplitterung der Dienste entwickelt, allem voran in die für „Bildung“ und die für „Pflege“ zuständigen. Fast alle politischen Aussagen auf nationaler und regionaler Ebene hingegen enthalten das Ziel eines „ganzheitlichen, integrierten Ansatzes“ zur Betreuung von Kleinkindern. Bereits 1992 rief die Empfehlung der Europäischen Kommission zu einem solch integrierten Vorgehen auf, um über Chancengleichheit bei Erwerbstätigkeit und Genderfragen hinauszugehen und das Wohlergehen von Kindern und Familien zu fördern und ihren Bedürfnissen zu entsprechen (EC 92/241/EEC). Die Mitteilung der EU über Frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung vom Jahresbeginn 2011 stellt das Thema in einen Angebotsrahmen für alle Kinder bis zum Schulalter.
Doch was ist mit Integration überhaupt gemeint, was daran ist wichtig? Das Projekt „Working for Inclusion“ versteht darunter ein einheitliches System, das einer einzigen Regierungsbehörde untersteht, die sowohl für die Einrichtungen selbst als auch die Zugangsberechtigung, die Finanzierung, die Betriebsvorschriften und die Fachkräfte zuständig ist. Nur in wenigen Ländern Europas ist Integration, so verstanden, im Kleinkindbereich Realität; von 27 sind es ganze fünf Staaten: Dänemark, Schweden, Finnland, Lettland und Slowenien. Weitere drei Länder (Deutschland, Spanien, Vereinigtes Königreich/VK) erfüllen die Anforderungen teilweise, doch manch wichtige Funktionen sind verteilt. Die Mehrzahl der EU-Länder teilt nach dem Alter (0-3 Jahre und darüber) und ordnet die Jüngsten dem Sozial- oder dem Gesundheitsbereich und die Älteren dem Bildungswesen zu. (vgl. Tabelle 1, Anlagen als PDF-Datei)
Kinder ab dem Alter von drei Jahren haben in fast allen EU-Ländern einen uneingeschränkten Zugang zu Kindertageseinrichtungen. Weil diese Angebote als Teil des Bildungssystems angesehen werden, haben sie – verglichen mit den Einrichtungen für die 0-3-Jährigen – meist mehr finanzielle Förderung, besser ausgebildete Fachkräfte und deutlich geringere Elternbeiträge, mitunter gar keine, obwohl wie in den Niederlanden oder dem VK die Betreuungszeiten begrenzt sind.
Im Gegensatz dazu und ganz besonders dort, wo es geteilte Zuständigkeiten gibt, müssen Eltern von Kindern im Alter unter drei Jahren mehrheitlich auf institutionelle Angebote (Tageseinrichtungen oder Tagespflege) verzichten und auf private Arrangements (Tagesmütter, Kindermädchen, Verwandte oder Freunde) zurückgreifen. In solchen Ländern ist der Besuch institutioneller Angebote mit sozialer Differenzierung verbunden, z.B. in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und dem VK. In den beiden letztgenannten ist die Chance auf einen Platz in einer Tageseinrichtung für Kinder mit hochqualifizierten Müttern drei Mal höher als für Kinder aus anderen Familien.
In Dänemark, Schweden und Finnland, wo es integrierte Angebote gibt, liegen die Besuchsquoten generell recht hoch und gibt es nur geringe soziale Unterschiede bei der Teilhabe, wenn man das Bildungsniveau der Mütter betrachtet (vgl. Tabelle 2, Anlagen als PDF-Datei). In diesen drei Ländern sind die Elternbeiträge gering: ein Platz für ein Kind unter drei Jahren kostet 6% eines durchschnittlichen Industrielohnes in Schweden, 8% in Finnland und 10% in Norwegen. Im VK wenden Eltern 25% ihres Einkommens auf.
In integrierten Systemen sind die Elternbeiträge gering, Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Fachkräfte gleichwohl besser als sonst. Üblicherweise werden in Europa Fachkräfte für unter Dreijährige getrennt von den anderen ausgebildet, in der Tendenz geringer qualifiziert und geringer bezahlt, so gering manchmal, dass sie zur Gruppe der „arbeitenden Armen“ gehören.
Länder mit einem einheitlichen Bildungssystem haben auch einheitliche bzw. ähnliche Ausbildungsgänge für alle Altersgruppen, woraus eine bessere Qualität an Betreuung, Bildung und Erziehung resultiert. Verdienen Vorschul- verglichen mit Grundschulpädagogen weniger, so sind die Unterschiede zwischen ihnen doch geringer als in Ländern mit geteilter Zuständigkeit. In England z.B. erhalten Kinderpflegerinnen nur ein Drittel des Lohnes einer Vorschul- oder Grundschullehrerin; in Schweden erhalten Vorschullehrer und Erzieherinnen rund 12% weniger als Lehrkräfte der Grundschule.
Integrierte Systeme scheinen für Kinder unter Drei ein Gewinn zu sein. Zusammen mit einem Rechtsanspruch auf einen Platz für alle nach dem Ablauf der Elternzeit sind sie ein sehr wirkungsvolles Instrument, um Familien mit geringem Bildungshintergrund zu erreichen.
Autorin
Bronwen Cohen ist Geschäftsführerin bei Children in Scotland und Programmdirektorin für das Projekt Working for Inclusion.
Weitere Informationen unter: www.childreninscotland.org.uk/wfi
bcohen@childreninscotland.org.uk
Integrierte frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung wird so organisiert:
- keine Trennung zwischen den unter und über Dreijährigen,
- eine einzige Verwaltungsbehörde mit den gleichen Vorschriften bezüglich Finanzen, Betrieb und Aufsicht, Zugang, Aus- und Fortbildung der Fachkräfte, Bezahlung, Arbeitsbedingungen, Statistik und Planung,
- Fachkräfte mit einheitlicher Ausbildung für die Kinder von Geburt bis Schuleintritt.
Integrierte frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung steht in Verbindung mit:
- hohen Teilhabequoten und Chancengleichheit für den Zugang zu Angeboten,
- gut ausgebildeten Fachkräften und deren guter Bezahlung,
- geringer Kinderarmut.
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