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zwei U3 Kinder

Arm, ausgegrernzt, abgehängt

Hans Rudolf Leu, Gerald Prein

19.11.2010 Kommentare (0)

Diesen Artikel übernehmen wir aus dem DJI-Bulletin 2/2010

Seit dem Bildungsbericht 2008 werden die Informationen zu den drei Bereichen Armut, Bildungsferne und Arbeitslosigkeit der Eltern in den Bundesländern als Risikolagen für das Aufwachsen von Kindern erhoben. Diese drei Dimensionen wurden auch in der internationalen Schulstudie PISA (Programme for International Student Assessment) als wesentliche Determinanten der sozialen Herkunft der Jugendlichen erfasst. Die theoretischen Grundlagen für dieses Konzept stammen aus der Resilienzforschung, die mit Untersuchungen individueller Entwicklungsverläufe zeigen kann, wie Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit von Störungen in den Entwicklungsverläufen von Kindern und Jugendlichen erhöhen. Dazu zählen unter anderem sozioökonomische Aspekte wie Armut, die Qualität des Wohnumfeldes, belastende innerfamiliale Beziehungen, ein niedriges Bildungsniveau der Eltern, ungünstige Erziehungspraktiken oder eine soziale Isolation der Familie.

Welche Konsequenzen diese Risikofaktoren haben, hängt zum einen von der psychischen Widerstandsfähigkeit der Heranwachsenden, zum anderen von der Zahl der Belastungen ab. Dass in den verfügbaren amtlichen Statistiken Angaben zur psychischen Widerstandsfähigkeit beziehungsweise Resilienz fehlen, ist für eine Darstellung von benachteiligten Lebenslagen kein entscheidender Nachteil, weil bekannt ist, dass gerade Kinder und Jugendliche in solchen Situationen in der Regel auch in geringerem Ausmaß über die Resilienz steigernden individuellen Ressourcen verfügen. So hat sich auch in der PISA-Studie deutlich gezeigt, dass die Verfügbarkeit dieser ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen Bildungsverläufe prägt und damit die späteren Lebenschancen ganz wesentlich beeinflusst. Mangelt es den Eltern an Geld, Bildung oder Arbeit, stellt dies für Kinder und Jugendliche ein erhebliches Risiko dar.

Alleinerziehende und zugewanderte Familien

Es ist durchaus alarmierend, dass sich im Jahr 2008 zirka 3,9 Millionen der insgesamt 13,6 Millionen Minderjährigen in Deutschland in mindestens einer der drei Risikolagen befanden (Autorengruppe Bildungsbericht 2010). Das entspricht einem Anteil von fast 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren. Mit 1,7 Millionen Betroffenen ist die Gruppe der jungen Menschen mit Migrationshintergrund unter ihnen besonders stark vertreten. Etwa 42 Prozent der Heranwachsenden mit ausländischen Wurzeln leben in mindestens einer der Risikolagen. Zum Vergleich: Unter den Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind es nur etwa 23 Prozent. Außerdem wachsen 1,1 Millionen Minderjährige aus dieser Risikogruppe bei alleinerziehenden Elternteilen auf. Damit wird in Ein-Eltern-Familien fast jedes zweite Kind mit Geldsorgen, Bildungsarmut oder Arbeitslosigkeit konfrontiert. Bei Alleinerziehenden lag der Anteil der Transferleistungsbezieher 2008 viermal so hoch wie bei Paaren mit Kindern

Ein Viertel aller Minderjährigen ist von Armut bedroht

Insgesamt wuchsen knapp 13 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Jahr 2008 in Elternhäusern mit geringen Bildungsressourcen auf. In diesen Haushalten besaß kein Elternteil einen weiterführenden Schulabschluss (mindestens Fachhochschulreife) oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Bei fast 11 Prozent der Minderjährigen waren beide Elternteile arbeitslos. Diese fehlende Integration in das Erwerbsleben gilt als soziales Risiko für Kinder und Jugendliche. Allerdings kann bei ihnen gleichzeitig auch ein finanzielles Risiko vorliegen. Nahezu 25 Prozent aller Heranwachsenden lebten bei Eltern, die nach offizieller Definition armutsgefährdet sind. Als armutsgefährdet werden Menschen bezeichnet, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in der Gesellschaft verfügen. Im Vergleich zum Jahr 2000 war dies ein Zuwachs von fast 2 Prozentpunkten.

Im Jahr 2000 lebten 3,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland gleichzeitig in allen drei Risikolagen. 2007 sank dieser Wert – möglicherweise aufgrund des kurzfristigen konjunkturellen Hochs – auf 2,9 Prozent, stieg im Jahr 2008 aber wieder auf 3,5 Prozent an. Die Lebensverhältnisse der Familien variieren von Bundesland zu Bundesland allerdings erheblich: Während in Nordrhein-Westfalen und in Stadtstaaten wie Bremen, Berlin und Hamburg mehr als 5 Prozent der Minderjährigen ökonomisch, kulturell und sozial benachteiligt aufwachsen, sind es in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Brandenburg und Thüringen weniger als 3 Prozent. Insgesamt reicht die Spannbreite von 1,7 Prozent in Bayern und 10,1 in Br

Während in Bayern nur etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von mindestens einer Risikolage betroffen waren, lag ihr Anteil in den Stadtstaaten bei etwa 40 Prozent. In den ostdeutschen Flächenländern lag der Anteil der Heranwachsenden in sozialen oder finanziellen Risikolagen eher hoch, wohingegen der Anteil in kulturellen Risikolagen deutlich geringer war als in Westdeutschland. Mögliche Ursachen für diese Differenz könnten die Bildungstraditionen der ehemaligen DDR oder auch die spezifischen Maßnahmen zur Förderung der Berufsausbildung in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung sein.

Gute Bildungspolitik, gute Sozialpolitik

Die Bildungsdiskussion auf eine Debatte über Schulformen und pädagogische Reformen zu beschränken, erscheint vor diesem Hintergrund als deutlich unzureichend. Ebenso ungenügend wäre es, ausschließlich der monetären Ungleichheit in der Bevölkerung entgegenzuwirken. Stattdessen sollten die vielfachen Risiken, denen Kinder und Jugendliche in Deutschland ausgesetzt sind, entsprechend ihrer Auswirkungen berücksichtigt werden. Wenngleich die drei Risikolagen Armut, Bildungsferne und Arbeitslosigkeit nicht voneinander unabhängig sind, zeigt sich beispielsweise, dass eine ökonomisch prekäre Lebenslage der Eltern deutliche Effekte auf die Bildungschancen hat. So besuchen nur 21,4 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, die unter der Armutsgrenze leben, ein Gymnasium. Der entsprechende Anteil der Jugendlichen mit besser situierten Eltern liegt dagegen bei 34,4 Prozent. Allerdings nimmt die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasiumbesuchs bei einer sozialen oder kulturellen Risikolage offensichtlich noch deutlicher ab (siehe Grafik).

Mit dem Blick auf die multiplen Risikolagen von Kindern und Jugendlichen wird deutlich, dass zu einer zukunftsweisenden Bildungspolitik auch eine entsprechende Sozial- und Gesellschaftspolitik gehört. Dabei sollten bei der Zuteilung von öffentlichen Mitteln die Kumulationen von Risikolagen in bestimmten Stadtteilen und Regionen beachtet werden, wobei auf einer kleinräumigeren Ebene auch weitere Informationen – etwa des Allgemeinen Sozialdienstes – hinzuzuziehen sind, die beispielsweise als Risikofaktoren im familialen Umfeld gelten.

Dr. Hans Rudolf Leu leitet seit dem Jahr 1997 die Abteilung »Kinder und Kinderbetreuung« am Deutschen Jugendinstitut (DJI). Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Kindheits- und Sozialisationsforschung. Der Soziologe gehörte von Beginn an dem Konsortium des Nationalen Bildungsberichts an. Dr. Gerald Prein ist Wissenschaftler in der DJI-Abteilung »Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden«. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Methoden, Statistik, soziale Ungleichheit und soziale Probleme.

Kontakt: leu@dji.de; prein@dji.de

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010): Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf das Bildungswesen. Bielefeld

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