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zwei U3 Kinder

Auf das Wie kommt es an. Zur aktuellen Debatte um die Auswirkungen außerfamiliärer Betreuung von Kleinkindern

Dorothee Gutknecht

15.11.2012 Kommentare (0)

Die Diskussion um die außerfamiliäre Betreuung von Kindern in den ersten drei Lebensjahren bildet ein massives Spannungsfeld ab. Gegeneinander in Stellung gebracht werden meist die negativ als Fremdbetreuung bezeichnete Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kinderkrippe oder Kita und die Betreuung der Jüngsten in der Familie. Entwicklungschancen und -risiken können aber nur eingeschätzt werden, wenn das gesamte Betreuungsfeld eines Kindes individuell in den Blick genommen wird. Familie und sämtliche weitere Betreuungsarrangements, die ein Kind erlebt, müssen aufeinander bezogen und in ihren Wechselwirkungen wahrgenommen werden.

Die Situation der Familien

Familien heute leben in einer sich immer rascher verändernden und zunehmend komplexeren Lebenswirklichkeit. Elternschaft ist dabei nur noch ein Lebensmodell unter vielen möglichen anderen. Die Kinder- und Elternunfreundlichkeit der Gesellschaft wird sich mit der abnehmenden Anzahl von Kindern und der Zunahme älterer Menschen zukünftig eher noch verstärken (Merkle/Wippermann 2008).

Seit 2009 gibt es in Deutschland ein verändertes Familien- und Unterhaltsrecht, das wechselseitige Ansprüche der Partner gegeneinander massiv eingeschränkt hat und das Väter und Mütter insbesondere im Fall einer Trennung in die Pflicht nimmt, für sich selbst zu sorgen. Die Zahl der Alleinerziehenden ist steigend. Lange Auszeiten im Beruf sind mit hohen Risiken verbunden. Zudem nehmen die Anforderungen an die Flexibilität von Arbeitnehmern zu – auch wenn diese Eltern sind.

 Flexibilität bei den Erwachsenen – aber auch bei den Kindern?

Die Forderung nach Flexibilität in der Arbeitswelt hat zur Folge, dass Familien, einschließlich der Alleinerziehenden, zum Teil kurzfristig und zu ungewöhnlichen Zeiten Kinderbetreuung benötigen. Insgesamt ist die Nachfrage nach Kinderbetreuungseinrichtungen gestiegen, die eine sehr flexible Betreuung anbieten können, auch mit atypischen Öffnungszeiten: frühmorgens, abends, bis zu acht oder zehn Stunden am Tag (Haug-Schnabel/Bensel et al. 2008). Flexible Betreuung wünschen aber auch Eltern, die sich Sorgen um die Betreuungsqualität in Einrichtungen machen, die eine „Fremdbetreuung“ mit großen Vorbehalten betrachten. Sie möchten vielfach eine Betreuung nur an einzelnen Tagen, zum Beispiel nur einmal in der Woche. Hier wird oft nicht berücksichtigt, dass sehr junge Kinder noch kein Zeitverständnis haben und fehlende Regelmäßigkeit der Angebote eine Eingewöhnung unmöglich machen kann.

Junge Familien nutzen bei fehlenden Ressourcen und fehlender Infrastruktur häufiger verschiedene Betreuungsplätze. Die Kinder erfahren dann diverse Betreuungsorte, oft mit stark kontrastierenden Abläufen und Regeln, was überfordernd für die kindliche Entwicklung sein kann (Ahnert 2010).

Junge Familien brauchen ein Netzwerk

Viele junge Familien leben heute vergleichsweise isoliert, es fehlt ihnen oft ein Unterstützungsnetzwerk, wie es das bislang zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften gegeben hat. Nach einer Studie von Crockenberg (1981) sind mütterliche Fürsorglichkeit und Bindungsqualität umso besser, je mehr die Mütter spürbar durch den Vater, die Großeltern, andere Verwandte et cetera unterstützt werden. Selbst wenn Kinder ein schwieriges Temperament hatten, leicht irritierbar waren, viel quengelten und schrien, blieben diese Mütter ausgeglichen und zuversichtlich, und es gelang ihnen, die Emotionen ihrer Kinder zu regulieren. Das heißt: Mütter, die eine deutliche Unterstützung eines sozialen Netzwerks erfahren, können ihre Fürsorglichkeit und Responsivität offenbar erheblich besser entfalten und eine bessere Bindungsbeziehung zu ihrem Kind aufbauen als Mütter, die bei der Betreuung ihres Kindes gänzlich auf sich allein gestellt sind. Isolation wirkt sich nachweislich negativ auf das Beziehungsmuster zum Kind aus. In der internationalen Forschung blickt man kritisch auch auf ausschließlich von der Mutter betreute Einzelkinder, da hier der soziale Erfahrungsraum der Kinder stark eingeschränkt sein kann.

Ein hoher mütterlicher Betreuungsanteil allein garantiert nicht in jedem Fall die bestmögliche Entwicklung eines Kindes. Ahnert (2010) betont, dass neben einer starken Mutter- oder Bindungsfigur, die eine engagierte Betreuung sicherstellt, weitere Anregungen und Entwicklungsimpulse durch andere Eingang in die Mutter-Kind-Dyade haben müssen. In einer modernen Industriegesellschaft können das auch bezahlte Fachkräfte sein, dies erfordert allerdings professionelle Responsivität der Fachperson gegenüber den Eltern (Gutknecht 2012).

Bildungsgewinn oder Entwicklungsrisiko?

In der USA-weit durchgeführten NICHD-Studie (NICHD Early Child Care Research Network: 2005) wurden kindliche Entwicklungsverläufe von über 1000 Kindern von der Geburt an bis zur sechsten Klasse (sowie einer Nachuntersuchung mit 15 Jahren) unter der besonderen Berücksichtigung von Betreuungseinflüssen analysiert. Es waren sowohl Kritiker als auch Befürworter der außerfamiliären Betreuung an dieser Studie beteiligt, deren Ergebnisse hierzulande aktuell kontrovers diskutiert werden. So kritisiert der Kinderarzt und Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld, Rainer Böhm, im Artikel „Die dunkle Seite der Kindheit“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. April 2012) den massiven Krippenausbau als unethisch. Böhm referiert dort Ergebnisse der NICHD-Studie sowie Studien aus der Stressforschung und warnt vor Verhaltensauffälligkeiten und einem pathologischen Stressprofil bei Krippenkindern. Andere Experten wie Ahnert und Lamb (2011), Roßbach (2011) und Bindt (2012) negieren die Ergebnisse nicht, interpretieren sie aber anders.

Aggressiv oder entschlossen?

Die in der NICHD-Studie (2003, 2007) untersuchten Kinder aus der nichtmütterlichen Betreuung wurden im Alter von circa viereinhalb Jahren von Fachkräften aus Krippe, Kita oder Tagespflege vielfach als ungehorsamer und aggressiver eingeschätzt, von den eigenen Müttern allerdings als entschlossener. Problematische Verhaltensweisen konnten insbesondere bei Kindern, die in öffentlichen Einrichtungen betreut worden waren, nachgewiesen werden, insbesondere wenn der Betreuungsumfang sehr hoch war und schon sehr früh einsetzte. Die Werte für dieses Verhalten bewegten sich aber im Normbereich. Aus diesem Grund – aber auch aus den oben genannten unterschiedlichen Bewertungen von Müttern und Fachkräften – kommt es zu unterschiedlichen Interpretationen der Befunde. Nach Ahnert (2010) sehen Pessimisten in den Verhaltensweisen der Kinder den Ausgangspunkt zu expliziten Verhaltensstörungen. Optimisten hingegen erwarten einen Vergänglichkeitseffekt und in der Konsequenz Kinder, die ein starkes Selbstbild entwickeln. Es besteht aufseiten der Wissenschaft allerdings Einigkeit darüber, dass man ein prosoziales Verhalten bei Kindern stärken möchte und nicht etwa ein eher aggressiv-durchsetzendes. Als Ansatzpunkt stehen daher die Qualität der Betreuung in den Einrichtungen im Mittelpunkt sowie die Balance zwischen Familie und Einrichtung.

Bildungsgewinne bei Kindern in der außerfamiliären Betreuung

In puncto Bildungsgewinne erbrachte die NICHD-Studie (2005) positive Ergebnisse zur mentalen und sprachlichen Entwicklung von Kindern, die eine familienergänzende Betreuungsinstitution besuchten. Ein Beginn mit zwei Jahren zeigte sich als besonders erfolgversprechend. Ein früherer Beginn führt nicht zu besseren Bildungsergebnissen (Rossbach 2011). Auch führt Ganztags- gegenüber der Halbtagsbetreuung zu keinen besseren Ergebnissen im Bereich Bildung. Grundsätzlich profitieren Kinder aus bildungsfernen Familien sprachlich und kognitiv sehr von öffentlicher Betreuung. Anders kann das bei Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern aussehen. Wenn sie sich für viele Stunden in der öffentlichen Betreuung aufhalten, sind Nachteile insbesondere im Bereich ihrer Sprachentwicklung möglich. Damit alle Kinder profitieren, muss die Betreuung ein sehr hohes Niveau haben (Ahnert 2007, S. 19). In der aktuellen NUBBEK-Studie, in der die Krippenqualität in Deutschland untersucht worden ist, wurde diese hohe Qualität nur bei zehn Prozent der Einrichtungen gefunden.

Cortisolspiegel und kindlicher Stress

Um die Belastung durch Trennungsstress zu untersuchen, hat sich die aktuelle Krippenforschung auf die Eingewöhnungszeit von Kindern in die Krippe konzentriert. Untersucht wird die Stressbelastung, indem man sowohl die Herzrate als auch die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol mittels Speichelproben misst. In der Wiener Krippenstudie wurde tatsächlich ein erhöhter Cortisolspiegel bei Krippenkindern nachgewiesen, insbesondere wenn diese über viele Stunden des Tages in der Krippe waren. Die Cortisolwerte normalisierten sich, wenn der Stundenumfang der Betreuung in der Krippe reduziert wurde, zum Beispiel von einer Ganztags- auf Halbtagsbetreuung. Laut Kinderpsychiaterin Bindt (zitiert bei Schwandner 2012) kann man keineswegs sagen, dass Spiegelerhöhungen von Stresshormonen beweisen, dass Krippen schädlich sind, allerdings zeigen sie, dass verantwortungsvolle Betreuung qualitätsvolle Betreuung ist. Die Rahmenbedingungen in puncto Erzieher-Kind-Schlüssel müssen in Deutschland deutlich verbessert werden. Außerdem sollten Pädagoginnen über vielfältige Strategien zur Stress-Entlastung verfügen, hierzu gehört insbesondere ein responsives Verhaltensrepertoire (Gutknecht 2012). Bei einem geteilten Betreuungsfeld ist weiter zu beachten, ob die in der Familie verbrachte Zeit in ausreichender Weise Qualitätszeit ist und stressabfedernde Entspannungsphasen vorgehalten werden.

Ausblick

In den kommenden Jahren werden sich neben dem Krippendiskurs um die Betreuung von Kleinkindern in Familie, Kita und in der Kindertagespflege auch die Fragen um die Betreuung und Pflege von alten Menschen in Familie, Tages- oder Pflegeheimen verschärft stellen. In den Blick geraten die Perspektiven geteilter Verantwortung in differenzierten Betreuungsfeldern und die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Neuorientierung an den Leitbildern einer sich sorgenden Gemeinschaft, einer „caring community“ (Gutknecht/Klie 2013). Vor diesem Hintergrund schließe ich diesen Artikel mit einem Statement von Jay Belsky, dem Hauptverantwortlichen der NICHD-Studie:

Es ist nicht mehr angemessen zu fragen, ob Tagesbetreuung gut (oder schlecht) für Kinder ist (...) Die Kernfrage heißt heute: Unter welchen Bedingungen gedeihen Kinder in der Tagesbetreuung und welche wirken sich negativ auf ihr Wohlbefinden aus? (Belsky 2010, S. 79/80).

Prof. Dr. Dorothee Gutknecht

Diplompädagogin, Logopädin und Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin, lehrt und forscht an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Studiengang Pädagogik der Kindheit, ihre Schwerpunkte sind Krippenpädagogik, Sprache und Inklusion.

Vertiefende Literatur

  • Ahnert, Lieselotte (2010): Wieviel Mutter braucht ein Kind? Bindung – Bildung – Betreuung: öffentlich und privat; Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag
  • Gutknecht, Dorothee (2012): Bildung in der Kinderkrippe. Wege zur professionellen Responsivität; Stuttgart: Kohlhammer
  • Belsky, Jay et al. (2007): Are there long-term effects of early child care? Child Development, 78, 681-701

 Eine ausführliche Literaturliste kann über die Redaktion (wdk@caritas.de) angefordert werden.

Diesen Beitrag übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem neuen Heft von Welt des Kindes.

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