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Beziehungen zu Eltern aufbauen: Schlüsselkompetenz oder Nebenaufgabe?

Katrien Van Laere

02.06.2013 Kommentare (0)

Die Qualität guter Kindertageseinrichtungen beschränkt sich nicht nur auf den Umgang und die Interaktionen mit Kindern. Sie hängt auch davon ab, ob das pädagogische Personal wechselseitige Beziehungen mit den Eltern ermöglicht, vor allem vor dem Hintergrund  der Vielfalt sozialer Lebensbedingungen. Katrien Van Laere berichtet über Forschungen in 15 europäischen Ländern.

„Wenn du beim Zuhören denkst, dass das Wohlbefinden von Kind und Familie größer wird, dann kannst du offensichtlich aus der offen geführten Kommunikation mit den Eltern lernen.“
Aussage einer Erzieherin in der CoRe-Studie (2011). Siehe dazu auch Heft 23 von Kinder in Europa.

Viele internationale Studien verweisen auf die Wichtigkeit reziproker (wechselseitiger und gleichberechtigter) Beziehungen zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften. Ohne entsprechende Kompetenz  können weder gute Qualität noch Inklusion erreicht werden. Je bunter die Vielfalt der Lebensumstände, desto offensichtlicher ist die Anforderung: Kinder, Eltern, Fachkräfte und die jeweiligen sozialen Gemeinschaften auf lokaler Ebene – sie alle sollen ihren Platz in der Einrichtung finden und sich aktiv beteiligen können.

Diesem internationalen Konsens widersprechend, zeigt eine Studie im Auftrag der Europäischen Union Spannungen zwischen den offiziellen Regularien von 15 Ländern. In der länderübergreifenden Studie untersuchen Fachleute aus Belgien (jeweils flämische und französische Bevölkerungsgruppe), Kroatien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Litauen, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Slowenien, Spanien, Schweden und dem Vereinigten Königreich (England und Wales) die Berufsprofile von Fach- und Hilfskräften der frühkindlichen Erziehung und Bildung anhand der offiziellen nationalen und regionalen Vorgaben. Wer gilt wo als Fachkraft? Welche Kompetenzen werden für die Arbeit der frühkindlichen Bildung gefordert? Weil frühkindliche Bildung in die lokale Gesellschaft eingebunden sein soll, waren wir besonders daran interessiert, an wen sich die Kompetenzerwartungen richten: Kinder, Eltern, Familien, Kollegen, Nachbarschaft, Gesellschaft...

In vielen Curricula fehlen die Eltern

Unsere Analysen belegen, dass die meisten offiziellen Beschreibungen des Berufsbildes sich auf die Kinder beziehen: Das ist in Litauen, England, Polen, Rumänien, Schweden, Dänemark, Kroatien, Irland und Slowenien der Fall. Kompetenzen und erforderliches Wissen werden als „Was mit Kindern zu tun ist“ beschrieben oder als „Wie man an sie herankommt“, um das Lernen zu stimulieren, Wohlbefinden, Erziehung und Entwicklung zu sichern.

Die Perspektive der Eltern hingegen kommt seltener vor: In manchen Berufsprofilen tauchen Eltern gar nicht auf, in anderen rangieren sie unter „Nebenaufgabe“. Manchmal werden unkonkrete Beschreibungen gewählt, viel unklarer als bei den Kindern. In Polen zum Beispiel werden die Ausbildungsziele (Nauczyciel przedszkolny) hauptsächlich und sorgfältig auf die Kinder bezogen. Zusätzlich sollen die Lehrerinnen auf „die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern, auf das familiäre Umfeld der Schüler und das soziale Umfeld außerhalb der Schule“ vorbereitet werden, „damit die Bildungsziele erfüllt werden können“.

Nur eine Frage der Information?

In Ländern wie Belgien, den Niederlanden, Spanien, Italien und Frankreich wird besonderer Wert auf die kommunikativen Kompetenzen der Fachkräfte gelegt, auch in Bezug auf Eltern. Tatsächlich scheinen die Beziehungen zu den Eltern oft „zum Wohl des Kindes“ instrumentalisiert zu werden. Im Berufsprofil der Vorschullehrer (Kleuterleid-st-er) im belgischen Flandern lautet eine der Hauptforderungen an die Fachkraft, zugleich Partner der Eltern zu sein. Das wird in sechs Aufgaben näher beschrieben – mit dem Schwerpunkt, die Eltern über die Entwicklung der Kinder zu informieren und zu empfehlen, was sie zu Hause mit dem Kind tun können, um es zu fördern. Im Nachbarland Niederlande liegt der Schwerpunkt des Berufsprofils der Fachkräfte für Kleinkinder (Groepsleidster Kinderopvang) darauf, die Eltern über die Regeln und Arbeitsprinzipien der Einrichtung  zu „informieren“. Da kann man sich kaum vorstellen, dass Beziehungen und Zusammenarbeit reziprok angelegt sind.

Bemerkenswerte Ausnahmen

Es war schwer, Berufsprofile zu finden, die kommunikative Kompetenzen tatsächlich mit kooperativen Begriffen beschreiben. Zu etwa gleichem Anteil auf Kinder und Eltern bezogen, fanden wir Beispiele bei den „sozialpädagogischen Fachkräften für frühe Kindheit“ (Éducatrice/éducateur de jeunes enfants) in Belgien (französischer Landesteil), bei der Fachkraft für Kleinkinder (pedagogie van het jonge kind, Bachelor mit sozialpädagogischem Schwerpunkt) in Flandern (Belgien) und in manchen Regionen Italiens für die educatori (hier: Fachkräfte für Kleinkinder). Sie alle sollen Kontinuität zwischen der häuslichen Umgebung und der Kindertageseinrichtung sichern, so dass Eltern und Kinder sich anerkannt fühlen.

Fachkräfte und Eltern werden als Ko-Konstrukteure dieses sozialpädagogischen Ansatzes gesehen. Die Perspektiven des einzelnen Kindes, der Kindergruppe, der einzelnen Familie, der Gruppe von Familien und der Nachbarschaft sind untrennbar miteinander verbunden. Die Fachkräfte gestalten vertrauensvolle Beziehungen mit Respekt für die Eltern und ihre Erziehungsaufgabe. Es gelingt ihnen, ihre professionelle Expertise mit der der Eltern zu verbinden. Eltern können und dürfen im Dialog mit den Fachkräften entscheiden, welche nächsten pädagogischen Schritte unternommen werden. Die Fachkräfte ermöglichen den Eltern entsprechende Erfahrungen in der Kindertageseinrichtung.

Gemeinsam sorgen?

Bemerkenswerterweise stammen diese Beispiele allesamt aus Vorschriften für Fachkräfte, die in Betreuungseinrichtungen für die jüngsten Kinder und in Systemen mit geteilter Zuständigkeit zwischen Sozialbereich (für die Kleinen) und Schulwesen (für die etwas älteren, aber noch nicht schulpflichtigen Kinder) arbeiten. Sind zwei Verwaltungen für die öffentliche Erziehung zuständig, gibt es zwei Tendenzen: Fachkräfte für die null- bis dreijährigen Kinder haben – wie in Polen und Rumänien – kein formales Kompetenzprofil im Vergleich mit den Lehrkräften für die drei- bis sechsjährigen Kinder. In Ländern wie Belgien, Frankreich, Italien und den Niederlanden hingegen unterliegen Lehrkräfte für die älteren Kinder geringeren Kompetenzerwartungen als ihre Kolleginnen bei den Kleinsten. Warum ist das so? Liegt es am Alter der Kinder: Je älter die Kinder, desto weniger werden die Eltern benötigt? Ruft das Konzept der „Betreuung und Sorge“ eher das Bild gemeinsamer Verantwortung von Eltern und Fachkräften wach als das Konzept „Bildung“, für das eher die Lehrer verantwortlich zu sein scheinen?

Hier muss weiter geforscht werden.

Schlussfolgerung

Die Studie unterlag einigen Einschränkungen. Deshalb kann nur vorsichtig geschlussfolgert werden. Alle Fakten wurden offiziellen Dokumenten entnommen und interpretiert. Dennoch und deshalb konnten einige wichtige Fragen zur Professionalisierung nicht beantwortet werden.

Wenn in Zukunft von vornherein mit dem Blick auf Kinder und Eltern ausgebildet wird – wie wird sich das auf das Selbstvertrauen und auf Zweifel hinsichtlich der Berufsrolle auswirken? Manchmal können Eltern ja auch eine Belastung darstellen und nicht als wichtige Akteure oder gar Partner auftreten.

Wenn die Kleinkindprofis in einigen Ländern besser auf die Zusammenarbeit mit Eltern vorbereitet werden – wie können Betreuung, Fürsorge und Bildung voneinander lernen?

Doch zuerst sollten wir uns fragen – und das betrifft den Konsens über die Wichtigkeit der Beteiligung von Eltern auf europäischer Ebene: Sollten die Fachkräfte frühkindlicher Bildung (hauptsächlich) mit den Kindern oder sollten sie (tatsächlich) mit Kindern und Eltern in ihrem gesellschaftlichen Kontext arbeiten?

Die Forschungsstudie wurde im Auftrag der Europäischen Kommission in der Abteilung Bildung und Kultur als Teil der CoRe-Studie (Competence requirements in ECEC/ Anforderungen an die Kompetenzen in frühkindlicher Erziehung, Bildung und Betreuung) durchgeführt. Siehe auch: www.vbjk.be/en/node/3559  und K. Van Laere, M. Vandenbroeck, J. Peeters (2011): Competence Survey. In: M. Urban et al. (Eds): Competence Requirements in Early Childhood Education and Care. CoRe Research Documents (Brussels, European Commission)

Katrien Van Laere arbeitet als Pädagogin im VBJK-Zentrum für Innovation in frühen Kindheit in Gent, Belgien.

Kontakt: katrien.van.laere@vbjk.be

Diesen Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung des Verlages aus dem neuen Beiheft Kinder in Europa der Zeitschrift Betrifft Kinder übernommen.

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