mehrere Kinder

Bildungsforschung 2020. Anmerkungen zu einer Tagung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung

Hilde von Balluseck

03.04.2014 Kommentare (0)

Dass Deutschland ein reiches Land ist, konnte man sehen: Das Hotel, die Kongressunterlagen, das Essen - alles vom Feinsten. Warum auch nicht? Ging es doch um der Deutschen wichtigsten Rohstoff: die Bildung. Am 27./28. März fand in Berlin die Tagung "Bildungsforschung 2020 - Zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und gesellschaftlicher Verantwortung" statt. An 48 Ständen, die nach 12 Schwerpunkten geordnet waren, konnte man sich über die Vielfalt der vom BMBF geförderten Bildungsforschung informieren. In 10 Foren kamen viele ExpertInnen zu Wort und das Publikum durfte teilweise auch mitreden. Die ca. 200 TeilnehmerInnen kamen primär aus Wissenschaft und Politik, aber auch von Schulen und Kliniken.

Der Beginn war viel versprechend. Nach dem kurzen Vortrag eines Staatssekretärs hielt Kai Schnabel Cortina, früher am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, jetzt Professor an der Universität Michigan, den Einführungsvortrag. Um es mit den Worten des Tagungsprogramms auszudrücken: er hielt keinen Vortrag, sondern eine Key Note. Zu Beginn wies er mehrmals darauf hin, dass er seine persönliche Meinung verkünde, und nur dies. Er stotterte auch ein paarmal, so dass ich unsicher war, ob mich der Mann noch begeistern könne. Er konnte. Im Laufe des Vortrages zeigte sich, dass seine persönliche Meinung auf einem genauen Studium der Förderung der Bildungsforschung durch das Ministerium beruhte und auf einem höchst demokratischen Verständnis von Wissenschaft. Er erkannte die Vielfalt der geförderten Forschungvorhaben an, wies dann aber auf einige zentrale Probleme hin, die - so mein Kommentar - nicht nur auf die vom BMBF geförderten Forschungsvorhaben zutreffen.

Falsch, so Schnabel Cortina, sei es, dass aus der Forschung in Deutschland Praxis abgeleitet werde. Gute pädagogsiche Praxis lasse sich nicht nur aus analytisch-wissenschaftlicher Erkenntnis ableiten. In anderen Worten: Die Wissenschaft sollte nicht meinen, dass sie über der Praxis steht, sondern die Praxis selbst bringt sehr oft Ergebnisse, auf die die Wissenschaft nicht kommt. Er nannte ein Beispiel aus der Frühpädagogik. Mit einem Video belegte er, wie Vivian G. Pailey, eine begnadete Vorschulpädagogin in den USA, Kinder dazu bringt, Geschichten zu erzählen und ihre Phantasie zu entfalten. Diese Frau ist über 80 und hört nicht auf zu arbeiten, auch das eine Besonderheit.

Ein zweiter Kritikpunkt war die fehlende Aufbereitung der wissenschaftlichen Ergebnisse für die Praxis, dieser Herausforderung müssten sich WissenschaftlerInnen stellen. Das wäre eine Voraussetzung für gute Implementatiionsforschung, an der es in Deutschland fehle. Als Beispiel aus den USA nannte er die Initiative der Regierung "What Works Clearinghouse", bei der anerkannte WissenschaftlerInnen sich nicht zu fein sind, Forschungsergebnisse für die Praxis darzustellen.

Es ist zu wünschen, dass sich nicht nur das BMBF, sondern auch andere Forschungsförderungsorganisationen diese Hinweise zunutze machen.

Nachmittags starteten die sieben Foren des ersten Kongresstages. Im Forum 1 "Diversität und Chancengerechtigkeit im Bildungssystem" begann eine Hochschullehrerin zu sprechen, die sich nicht vorstellte, einen Moderator gab es nicht. Neben der ersten Rednerin saßen vier Frauen und ein Mann Die Rednerin stellte die am Forschungsprojekt Beteiligten vor, wobei aber nur bei dem Mann klar war, wer er war. Bei den vier Frauen hatte man keine Chance zu erkennen, welcher Name zu welcher Person gehörte.

Die Rednerin war stolz darauf, dass das Projekt die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen überschritten habe. Nun ist die Überschreitung enger Disziplingrenzen heute ein Kriterium kluger Wissenschaft, denn für jede Disziplin gilt, dass ihre Perspektive begrenzt ist.

Die zweite Rednerin begann mit einer Geschichte von zwei Kindern, die in unterschiedliche Kontexte hineingeboren waren und von daher unterschiedliche Bildungschancen hatten. In der Ausführlichkeit, mit der dies dargestellt wurde, trug die Referentin Eulen nach Athen: Vor ihr saßen hochinteressierte Fachleute der verschiedensten Provenienz, die etwas Neues hören wollten. Was gesagt wurde, war jedoch trivial und allgemein bekannt. Ich verlor die Geduld und verließ das Symposium. Zu Hause musste ich dann feststellen, dass die Beschreibung des Projekts im Kongressreader durchaus professionell und spannend klang - aber davon war zumindest in der ersten halben Stunde des Symposions nichts zu spüren.

Schade, dass ich am zweiten Tag nicht mehr hingehen konnte. Dafür bieten die Broschüren einen guten Einblick in die vom Bund geförderte Bildungsforschung.

 

 

 
 

 

 

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