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Das Modell der ehrenamtlichen Wegbegleitung schließt eine Lücke im Hilfesystem der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Prof. Dr. Andreas Schrenk & Julius Daven

11.07.2022 | Fachbeitrag Kommentare (0)

Inhalt
  1. Das Grundprinzip der Wegbegleitung
  2. Beziehungskontinuität und -stabilität
  3. Positive, langfristige korrigierende Bindungserfahrungen zur Resilienzstärkung
  4. Positive Erfahrungen von Zuverlässigkeit
  5. Herzkompetenz als Schlüsselqualifikation und pädagogische Grundkenntnisse
  6. Ehrenamtliche Wegbegleitung ist ein Angebot an junge Menschen
  7. Ergänzung der erzieherischen Hilfen durch ehrenamtliche Wegbegleitung
  8. Präventive Wirkung auf die psychosoziale Entwicklung
  9. Ausblick des gemeinsamen Projekts
  10. Quellenangaben

Das Grundprinzip der Wegbegleitung

Ehrenamtliche WegbegleiterInnen sind erwachsene Bezugspersonen außerhalb der stationären Einrichtungen der Jugendhilfe. Sie begleiten und unterstützen Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg. Das langfristige Ziel ist es, ein soziales Netzwerk aufzubauen, auf das die jungen Menschen nach Auszug aus der Wohngruppe und weit darüber hinaus als CareleaverInnen zurückgreifen können. Als CareleaverInnen werden junge Menschen beschrieben, die die Wohngruppen um das 18. Lebensjahr herum verlassen und von da an auf eigenen Füßen stehen müssen. Mit dem Auszug gehen die haltgebenden und lieb gewonnenen Strukturen in der Regel verloren. Die ehrenamtlichen WegbegleiterInnen können die jungen Menschen dann auffangen, weiterhin als AnsprechpartnerInnen oder Bezugspersonen wie ein starkes Rückgrat zur Verfügung stehen und in alltäglichen Dingen helfen. Wie es eben die Eltern eigentlich auch tun würden.

Beziehungskontinuität und -stabilität

Viele Kinder und Jugendliche haben ja vor der Fremdplatzierung vielfache Erfahrungen mit Beziehungsabbrüchen gemacht und leiden daher besonders stark unter Beziehungswechseln. Dessen ist man sich bewusst und setzt in den stationären Einrichtungen der Jugendhilfe gezielt auf Beziehungskontinuität und langfristige Mitarbeiter-Bindung. Auf personelle Fluktuation haben die Einrichtungen nur in begrenztem Maße Einfluss. Und leider gibt es immer wieder Beziehungs-Wechsel von ErzieherInnen und SozialpädagogInnen, die in den Wohngruppen einen tollen Job machen und mit viel Fach- und Herzkompetenz mit jungen Menschen arbeiten. Man muss aber immer wieder loslassen und sich auf neue Menschen einstellen. Dies stellt die jungen Menschen vor großen Herausforderungen.

Positive, langfristige korrigierende Bindungserfahrungen zur Resilienzstärkung

Junge Menschen brauchen aber mindestens eine Person, die einfach immer da ist, an sie glaubt und sie nicht in Frage stellt. Wenn am Wochenende einige Kinder von Familie oder Freunden abgeholt werden, bleiben andere in der Wohngruppe zurück. Darunter leiden junge Menschen. WegbegleiterInnen kommen nun direkt ins Spiel. Sie sind Personen außerhalb der Strukturen der Jugendhilfe, die über alle Wechsel und Veränderungen hinweg jeweils für einen einzelnen jungen Menschen da sind. Durch regelmäßige Treffen soll gegenseitiges Verständnis und Vertrauen aufgebaut werden. Sie sollen ihrem Schützling Unterstützung dort bieten, wo er/sie dies gerade braucht und sich wünscht. WegbegleiterInnen haben den Auftrag, den jungen Menschen Mut zu machen, wie die Zeit und das Leben nach der Zeit in der stationären Unterbringung als CareleaverIn weitergeführt werden kann. Dabei lernen die jungen Menschen das private Umfeld der WegebegleiterInnen kennen und können sich „abschauen“, wie Freundschaften, Familienleben, Beruf und Freizeit miteinander erfolgreich funktionieren. Ein wesentlicher Erfolgs-Faktor ist die Beziehungs-Kontinuität in einer sicheren und vertrauensvollen Umgebung. Die WegbegleiterInnen bewegen sich in einem transparenten und vereinbarten Rahmen, der mit den MitarbeiterInnen des Jugendamts, den Sorgeberechtigten (z.B. Vormund) und den (Bezugs-) ErzieherInnen abgestimmt ist. WegbegleiterInnen unterliegen den fachlichen Standards und dem Schutzkonzept der Einrichtung. 

Wie sieht das gemeinsame Erleben konkret aus? WegbegleiterInnen holen die jungen Menschen am Wochenende ab und unternehmen mit ihnen schöne Dinge, die beiden Spaß machen. Das hat einen hohen Wert. Wenn sie dann in die Wohngruppe zurückkehren, können sie ebenso – wie ihre GefährtInnen, voller Freude von ihren tollen Erlebnissen ausladend berichten und nachhaltige Eindrücke teilen.

Die WegbegleiterInnen sind in einem „eins zu eins-Setting“ jeweils nur für einen einzelnen jungen Menschen da. Und genau das entspricht dem Wunsch von vielen jungen Menschen. Sie wollen sich verstanden fühlen und sie wollen, dass sich jemand individuell Zeit nimmt und nur für sie da ist: Exklusiv, individuell, verlässlich und insbesondere dauerhaft! WegbegleiterInnen geben Orientierung und Halt. Die qualifizierte, ehrenamtliche Wegbegleitung mit der Ausrichtung auf die Stärken der jungen Menschen kann ein wertvoller Beitrag sein, die Persönlichkeitsentwicklung und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) von jungen Menschen zu unterstützen und damit eine konstruktive und selbstgesteuerte Entwicklung fördern. Aus der Resilienzforschung weiß man, dass Kinder diese Beziehungsfähigkeit in einem gesicherten Umfeld, den z.B. WegbegleiterInnen langfristig anbieten, noch entwickeln können1. Im Rahmen einer explorativen Studie2 äußern sich CareleaverInnen in Interviews immer wieder dahingehend, welch große Bedeutung eine individuelle Bezugsperson für sie hat, die sich mit Herz- und Verstand um sie kümmert, ohne damit den eigenen Unterhalt bestreiten zu müssen.

Positive Erfahrungen von Zuverlässigkeit

Gemeinsam verbrachte Zeit hat den höchsten Wert im Rahmen der ehrenamtlichen Wegbegleitung und kann bei jungen Menschen eine Menge bewirken. Es geht aber auch darum, den Erwachsenen nicht mit anderen Kindern teilen zu müssen. Es geht um individuellen Beziehungsaufbau und um gemeinsam verbrachte Zeit. Und die kann man dann sicherlich auch Lebensvorbereitung nennen. Die jungen Menschen schauen sich von den WegbegleiterInnen Dinge ab, die ihnen in ihrer Entwicklung helfen können.

Erlebnisbericht Julius Daven2: „An einem anderen Besuchstag erlebte ich einen recht eifersüchtigen kleinen Jungen. Elias ließ mir schon vorab von einem Erzieher ausrichten, dass er nicht möchte, dass ich mich mit den anderen Jungs und Mädchen unterhalte. Er fängt langsam an, seinen Wegbegleiter ganz alleine für sich zu beanspruchen. Das ist aber auch kein Wunder, weil er alle andere Kontaktpersonen, seien es ErzieherInnen oder LehrerInnen immer mit mehren Kindern teilen muss. Mich als Wegbegleiter hat er jetzt ganz für sich alleine, und darauf erhebt der Junge jetzt deutlich Anspruch. Die Beziehung zwischen Elias und mir wächst und gedeiht. Sie nimmt ordentlich Fahrt auf. So soll es sein. Elias fühlt sich wertvoll und sieht, dass ich jeden Besuchstermin einhalte und er sich langsam fest auf mich verlassen kann. So werden auch die Beziehungstests im Laufe der Zeit immer weniger ...“. 

Herzkompetenz als Schlüsselqualifikation und pädagogische Grundkenntnisse

Wichtig ist, dass als ehrenamtliche WegbegleiterInnen nur Menschen in Frage kommen, welche die richtigen Absichten mitbringen. Das wird genau überprüft und engmaschig im weiteren Verlauf der Wegbegleitung überwacht. Für die Aufgabe der Wegbegleitung kommen generell erwachsene reflexionsstarke Menschen in Frage, die Interesse haben, mit jungen Menschen umzugehen und auch nicht davor zurückschrecken, dass der Umgang mit belasteten und traumatisierten jungen Menschen mit einigen Herausforderungen verbunden ist. Potentielle WegbegleiterInnen werden daher sehr sorgfältig ausgewählt und über Qualifizierungsmaßnahmen auf ihre wichtige Aufgabe vorbereitet. Dabei reicht eine Initial- bzw. Grundqualifizierung nicht aus. WegbegleiterInnen müssen sich darauf einlassen, immer wieder (Aufbau-) Schulungen zu besuchen. Außerdem sollen sie an regelmäßigen Supervisions-Terminen teilnehmen. Hier erhalten sie Unterstützung für den Umgang mit schwierigen Erlebnissen und können sich auch untereinander Tipps und Hinweise geben. Ein gutes Netzwerk für den gegenseitigen Austausch kann ebenfalls wertvoll sein. 

Neben sorgfältiger Auswahl, Qualifizierung und professioneller Begleitung der WegbegleiterInnen ist auch der Prozess der Beziehungsanbahnung und Zusammenführung von WegbegleiterIn und begleitetem jungen Menschen sehr sensibel zu gestalten. Die Qualifizierungsmaßnahmen für WegbegleiterInnen und deren Begleitung umfassen neben konkreten pädagogischen Inhalten auch die intensive Bearbeitung von Aspekten des Gewaltschutzes.

Die WegbegleiterInnen lernen nicht nur eine Menge im Umgang mit jungen Menschen, sie lernen sich selbst auch viel besser kennen und können sich weiterentwickeln. Ein Beispiel dafür ist, die eigenen Grenzen zu erkennen und die des Umfeldes wahrzunehmen. Daher eigenen sich weltoffene und Weiterbildungs-interessierte Erwachsene, die mit viel Empathie – wir nennen das gern „Herzkompetenz“ - mit jungen Menschen umgehen wollen. 

Ehrenamtliche Wegbegleitung ist ein Angebot an junge Menschen

Manche Kinder haben große Schwierigkeiten, sich außerhalb der Wohngruppen auf soziale Kontakte einzulassen. Viele haben vor ihrer Unterbringung in Hilfemaßnahmen prägende und teilweise traumatisierende Erfahrungen mit instabilen, nicht verlässlichen, dissozialen, missbräuchlichen und gewalttätigen Beziehungen gemacht. Die BetreuerInnen, die sich in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe professionell und engagiert, mit Herz und Verstand methodisch fundiert um diese jungen Menschen kümmern, leisten hier einen ganz besonderen Beitrag. Was in den Hilfesystemen, strukturell bedingt, nicht gesichert geleistet werden kann, ist sogenanntes „eins zu eins-Setting“. Gerade Kinder, die von ihren Eltern kein Urvertrauen, Geborgenheit oder ein Sicherheitsgefühl vermittelt bekommen haben, was Auswirkungen auf ihre Bindungs- und Beziehungsfähigkeit hat, profitieren von dem exklusiven Setting der ehrenamtliche Wegbegleitung. 

Für diese jungen Menschen könnte die ehrenamtliche Wegbegleitung einen hohen Wert haben und soll ihnen daher idealerweise künftig angeboten werden. Ihnen wird das Konzept der Wegbegleitung vorgestellt. Wenn sie sich dafür interessieren geht es auf die Suche nach einer/m passende/n WegbegleiterIn. Es sollte dabei individuell auf das einzelne Kind bzw. den Jugendlichen und seine Wünsche geschaut werden. Ein ideales Alter zum Angebot von Wegbegleitungen gibt es daher nicht. Es wäre aber wichtig, dass die jungen Menschen in der Lage sind, die Idee der Wegbegleitung auch zu begreifen. Dann kann ganz langsam und behutsam eine Wegbegleitung aufgebaut werden, die bis in das Erwachsenen-Alter und weit darüber hinaus fortbestehen kann. Man muss sich immer ganz individuell anschauen, was für das Kind das beste ist. Das viel zitierte „Wohl des Kindes“ steht über allem. Leider sind aber manche Kinder so schwer traumatisiert, dass sie von einer Wegbegleitung nicht mehr profitieren können und die Wegbegleiter in ihrer Aufgabe überfordert wären und werden. Es gibt ansonsten keine Einschränkungen auf beiden Seiten in Bezug auf Alter, sexuelle Identität, Herkunftsland oder Sprachkenntnisse.

Ehrenamtliche Wegbegleiter:innen, also stärkende Menschen, die jungen Menschen individuelle Unterstützung und Orientierung auch im Careleaver:innen-Status bieten, also während des Übergangs und nach dem Übergang in die Selbständigkeit, können ein wichtiger stabilisierender Faktor für junge Menschen sein. Wegbegleiter:innen können durch das kontinuierliche gemeinsame Erleben und durch die Unterstützung in guten und schlechten Tagen, die mit Stress, Misserfolgen und schwierigen Situationen einhergehen können, Halt geben und einen „Resilienz-Booster“ bei den Kindern und Jugendlichen auslösen. Somit fördern sie die Fähigkeit, in belastenden Situationen widerstandsfähiger zu werden, gelassen zu bleiben und sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Die Wegbegleiter:innen stehen aber auch vor der Herausforderung, im Umgang mit vulnerablen jungen Menschen Geduld und Ausdauer aufbringen zu müssen. Resilienz entwickelt, bzw. re-etabliert sich bei belasteten und traumatisierten Kindern bestenfalls und sukzessive in einem vertrauensvollen und sicheren Umfeld. Wegbegleiter:innen können ergänzende soziale Unterstützung proaktiv anbieten, durch Hoffnung und Optimismus positive Denkmuster vorleben und vermitteln und die jungen Menschen ermutigen, den eigenen Stärken zu vertrauen und Ressourcen zu aktiveren. Und sie können helfen, den Wahrnehmungsfokus auf die gelingenden Dinge zu lenken und jungen Menschen neue Orientierung und Halt geben. Viele Kinder mit einem Mangel an positiven Bindungs- und Beziehungserfahrungen können neben den professionellen Hilfemaßnahmen von der zuverlässigen und stabilisierenden Unterstützung durch ehrenamtliche Wegbegleiter:innen profitieren, um sich in unserer Gesellschaft idealerweise glücklich und zufrieden zurechtfinden zu können. Und das gern mit viel ehrlichem integren Engagement, pädagogischer Leidenschaft und ausgeprägter Herzkompetenz der Wegbegleiter:innen.

Ergänzung der erzieherischen Hilfen durch ehrenamtliche Wegbegleitung

Für den Erfolg der ehrenamtlichen Wegbegleitung ist es wichtig, dass alle Beteiligten des Hilfesystems sich nicht als konkurrierend wahrnehmen, sondern mit gegenseitigem Vertrauen, Wertschätzung, Transparenz und einem gemeinsam getragenen Anforderungs- und Aufgabenprofil miteinander und kollegial zusammenarbeiten. Die ehrenamtliche Wegbegleitung ersetzt die erzieherischen Hilfen nicht, kann sie aber wirkungsvoll um eine individuelle und ganz persönliche Begleitung als ergänzendes ein zu eins-Setting bereichern.  Das ehrenamtliche Engagement ist dabei zwar ein freiwilliges Engagement und bedeutet gleichzeitig eine Verpflichtung auf lange Zeit. Eine finanzielle Gegenleistung fällt bei ehrenamtlichem Engagement ja weg. Das heißt, es geht um Freiwilligkeit. Also Freizeit dafür zu investieren, anderen Menschen zu helfen und ihren Alltag zu verschönern und zu bereichern. Und es geht um gesunden Altruismus, also sich ganz selbstlos und ohne große Erwartungshaltung um junge Menschen zu kümmern. Reziproke Motive sind dabei kritisch zu bewerten. Die jungen Menschen dürfen nicht unter Druck gesetzt werden, Gefälligkeiten zu erwidern3. Beispiel: Ich helfe dem jungen Menschen heute, dann hilft er mir vielleicht im Gegenzug im Alter, wenn auch ich alleine bin und Hilfe brauche.

Präventive Wirkung auf die psychosoziale Entwicklung

Die frühzeitige Installation von ehrenamtlichen Wegbegleitungen könnte eine positive, stabilisierende und vor allem präventive Wirkung auf die psychosoziale Entwicklung insbesondere von den Kindern und Jugendlichen erzielen, die wegen ihrer besonderen Verhaltensauffälligkeiten (z.B. schwere Bindungsstörung mit Enthemmung, mangelnde Impulskontrolle, hochgradige Aggressivität) als sogenannte Systemsprenger:innen attribuiert werden. Das Problem mit dem Begriff der Systemsprenger:innen liegt in der Zuschreibung, dass diese Kinder und Jugendlichen so viele Probleme machen, dass sie „das System“, also die Organisationen ambulanter, teilstationärer und stationärer Kinder- und Jugendhilfe überlasten und überfordern. Das hat vielfach den Effekt, dass sie von der einen in die nächste Einrichtung weitergereicht werden und auf diese Weise eine Heimbiografie entsteht, in der in vielen Fällen diese jungen Menschen innerhalb weniger Jahre zehn bis fünfzehn Heime kennenlernen. Diese Kinder- und Jugendhilfereisenden leben jeweils für eine gewisse Zeit, meist nur wenige Wochen, in einer Einrichtung und zeigen sich mit ihrem auffälligen Verhalten als „nicht haltbar“, fliegen raus und wechseln in die nächste Einrichtung. In der Regel wird dann eine Einrichtung gesucht, „mit einem engeren Rahmen“, worunter i.d.R. Einrichtungen mit stärkeren Tagesstrukturierungen und strengeren Regelwerken verstanden werden. Jedes Mal bedeutet so ein Wechsel Beziehungsabbrüche, Scheiternserfahrung und Frustration. Die Selbstwirksamkeitserfahrung des betroffenen jungen Menschen besteht dann darin, sich als sehr schwierig, besonders auffällig und deshalb wiederholt abgelehnt zu erleben, weil es mit der Hilfemaßnahme, mit (z.B.) der Verbesserung des Sozialverhaltens und mit der Schulkarriere ja schon wieder nicht geklappt hat. Es folgt die nächste Einrichtung, man muss neue Leute kennenlernen, die gleichen Erwartungen an Regelkonformität hören, Verschärfungen der Regelwerke erleben und die immer gleichen Zuschreibungen fühlen (#schwierigerjungermensch): Ein Teufelskreis.

Die Idee der ehrenamtlichen Wegbegleitung besteht darin, hier eine Lücke zu schließen und einen Beitrag zur Durchbrechung dieses circulus vitiosus zu leisten. Um es auf den Punkt zu bringen: Wegbegleiter:innen können durch ihre Gewährleistung von Kontinuität, Stabilität und Verlässlichkeit vielen Kindern und Jugendlichen Sicherheit, Halt und Orientierung vermitteln, damit einer Verschärfung der individuellen Problematik vorbeugen und so vielen jungen Menschen eine Karriere als Systemsprenger:in ersparen. 

Ehrenamtliche WegbegleiterInnen gewinnen nicht nur durch den zahlenmäßigen Anstieg von stationären Unterbringungen der Kinder- und Jugendhilfe an Bedeutung, auch potentiell vermeidbare Folgen im Zusammenhang mit psychischen Problemen, delinquentem Verhalten oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind nicht zu unterschätzen4.

Ausblick des gemeinsamen Projekts

Zum Jahreswechsel 2022/2023 wird aufbauend auf der explorativen Studie von Julius Daven2 ein Sammelband veröffentlicht, welcher das Modell der ehrenamtlichen Wegbegleitung umfassend darstellt und mit wissenschaftlicher Resonanz belegt (Herausgeber: Julius Daven, Andreas Schrenk). Parallel dazu arbeiten die Autoren aktuell gemeinsam an einem Konzept einer strukturellen Lösung mit dem Ziel, dass vielen jungen Menschen in stationären Einrichtungen künftig ehrenamtliche Wegbegleiter:innen angeboten werden können.

Quellenangaben

1 Steinebach, C. & Gharabaghi, K. (Hrsg.) (2013): Resilienzförderung im Jugendalter. Praxis und Perspektiven. Heidelberg, Springer, S. 22
2 Daven, J. (2021): Bis Du tot bist, oder bis ich tot bin – Wegbegleitung für Kinder und Jugendliche. Hamburg, Tredition, S. 34, 64-210
3 Myers, D., (2014): Psychologie. 3. Auflage. Springer, Berlin, S. 578
4 MAZ (2007-2012): Modellversuch Abklärung und Zielerreichung. www.jael-portal.ch/de/jael_de (Navigation über Startseite); abgerufen am 11.05.2022.

 

Autoren:

Julius Daven
Hildegard-von-Bingen-Allee 15
50933 Köln
www.juliusdaven.de
eMail: julius.daven@gmx.de

Julius Daven kommt aus der Finanzbranche und engagiert sich heute als qualifizierter, ehrenamtlicher Wegbegleiter. Er fördert und unterstützt dabei auch Carleaver:innen. Er beschäftigt sich intensiv mit der Situation von jungen Menschen, die in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe aufwachsen. Im Rahmen eines familienentlastenden Dienstes der Caritas übernahm er viele Jahre die Betreuung von körperlich und geistig behinderten jungen Menschen und teils auch deren Pflege. Auch hat er Erfahrungen als ehrenamtlicher Telefonberater für Menschen in bestimmten Krisensituationen. Neben der Wegbegleitung ist er als ehrenamtlicher gesetzlicher Vormund für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge aktiv.

Andreas Schrenk 
Prof. Dr. phil.; Dipl.-Päd.; Dipl. Soz.Päd. (FH)
Mozartstraße 7
76359 Marxzell
www.lumanaa.de
eMail: andreas.schrenk@lumanaa.de

Andreas Schrenk hat in über 25 Jahren Leitungstätigkeit und Jugendhilfepraxis vielschichtige Erfahrungen im komplexen und hochdynamischen Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe sammeln können. Im Rahmen seiner Leitungsfunktionen war es ihm möglich, viele fachliche und konzeptionelle Schwerpunkte zu setzen, Impulse zu geben und gestalterisch tätig zu sein. Sein aktueller Arbeitsschwerpunkt ist die Begleitung von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und Behindertenhilfe bei der Entwicklung, Einführung und Umsetzung SGB VIII- und SGB IX reform-konformer Schutzkonzepte mit dem Fokus auf Partizipation, Nachhaltigkeit und minimale Belastung personeller und zeitlicher Ressourcen. Als Führungskräfteentwickler unterstützt er Menschen in Führungspositionen dabei, einen wirkungsvollen Führungsstil zu entfalten.

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