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Kinder mit Erzieherin beim Obst essen

Die Gesundheit von Vorschulkindern

Hilde von Balluseck, Susanne Bettge

01.08.2011 Kommentare (0)

Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz in Berlin hat einen neuen Gesundheitsbericht mit dem Schwerpunkt Gesundheit von Vorschulkindern vorgelegt. Für diesen Bericht wurden Daten der Einschulungsuntersuchungen ausgewertet, die darüber Auskunft geben,

  • wie häufig ausgewählte gesundheitliche Gefährdungen im Vorschulalter sind,
  • in welchen Bezirken Kinder größere gesundheitliche Probleme aufweisen als andere,
  • in welchen Bereichen die Gesundheit der Kinder verbessert werden kann.

Die Schlussfolgerungen, die in dem Bericht gezogen werden, haben Signalwirkung weit über Berlin hinaus. Wir fassen sie im Folgenden zusammen:

  • Zum Risikoverhalten bei Kindern im Vorschulalter gehören Rauchen im elterlichen Haushalt, Nicht-Teilnahme an Impfungen, ausgedehnter Fernsehkonsum, fehlende Mundhygiene (feststellbar am Gebiss des Kindes). Essgewohnheiten und Bewegungshäufigkeit konnten im Rahmen der Einschulungsuntersuchungen nicht berücksichtigt werden.
  • Etwa ein Drittel aller Kinder sind gesundheitlich auffällig bzw. haben Probleme.
  • Das Risikoverhalten von Kindern bzw. deren Eltern ist nicht primär mit dem Migrationshintergrund und der Familienform (Alleinerziehende oder Partnerfamiilie) verknüpft, sondern mit dem sozialen Status und den Deutschkenntnissen in der Familie. Anders ausgedrückt: Es sind nicht primär die Migration oder der Status als Einelternfamilie, die die Risikofaktoren bedingen, sondern vor allem ein geringes Bildungsniveau und die dadurch bedingten schlechteren Einkommenschancen.
  • Kinder, die länger als zwei Jahre eine Kita besuchen, weisen weniger Risikoverhalten auf als solche, die kürzere Zeit in der Kita sind.
  • Übergewichtige Kinder sind in Berlin nur geringfügig häufiger anzutreffen als in den anderen Bundesländern. Das Übergewicht ist nicht so stark an die soziale Schicht gebunden wie andere gesundheitsbezogene Probleme.
  • Kinder mit Auffälligkeiten müssen in der Schule von Anfang an intensiv gefördert werden.
  • Frühe Hilfen und niedrigschwellige Angebote werden jetzt schon gefördert und sollten ausgebaut werden.

Susanne BettgeDr. Susanne Bettge

Wir freuen uns, Ihnen ein ausführliches Interview mit einer der Autorinnen des Berichts, Dr. Susanne Bettge, präsentieren zu können und wünschen Ihnen, dass auch Sie mit den spannenden Ergebnissen etwas anfangen können.

Interview

ErzieherIn.de: Frau Bettge, wie sind Sie zu Ihren Ergebnissen gekommen?

Susanne Bettge: Für den Bericht „Sozialstruktur und Kindergesundheit“ (Spezialbericht 2011-1, http://www.berlin.de/sen/statistik/gessoz/gesundheit/spezial.html) haben wir die Daten der Einschulungsuntersuchungen der Jahre 2007 und 2008 in Berlin herangezogen. In Berlin ist das eine Pflichtuntersuchung, in die mehr als 52.000 Mädchen und Jungen, die in diesen beiden Jahren in die Schule kamen, einbezogen waren. Unsere Auswertungen beziehen sich auf die Beschreibung der Lebenslagen der Kinder und ihrer Familien, auf gesundheitliche Konstellationen und insbesondere auf den Zusammenhang sozialstruktureller Merkmale mit der Kindergesundheit.

ErzieherIn.de: Sie sprechen in Ihrem Bericht von Entwicklungsauffälligkeiten. Wie verhalten sich diese Entwicklungsauffälligkeiten zum Gesundheitszustand der Kinder?

Susanne Bettge: Die körperlich-motorische, geistige und emotional-soziale Entwicklung eines Kindes sind wichtige Aspekte seiner Gesundheit, wenn auch nicht die einzigen. Zu Recht genießen sie aber bei der Einschulungsuntersuchung einen hohen Stellenwert, denn Entwicklungsverzögerungen und –störungen beeinträchtigen nicht nur die schulischen und später die beruflichen Erfolgsaussichten, sondern erschweren auch das soziale Miteinander mit Gleichaltrigen und mit Erwachsenen. Deshalb ist die Überprüfung der kindlichen Entwicklung in verschiedenen Entwicklungsbereichen ein zentraler Bestandteil der Einschulungsuntersuchungen. Wenn Entwicklungsprobleme rechtzeitig erkannt werden, können geeignete Maßnahmen zur genaueren Diagnostik, zur Beratung der Eltern und falls erforderlich, zur Therapie eingeleitet werden, die dem Kind bessere Teilhabechancen eröffnen.

ErzieherIn.de: Sie benutzen den Begriff Risikoverhalten und meinen damit nicht das Verhalten des Kindes, sondern eher das der Eltern. Dazu rechnen Sie die Faktoren Rauchen im Haushalt, Mundhygiene (ausgewiesen durch den Gebisszustand des Kindes), Fernsehkonsum und – separat davon – eigener Fernseher im Zimmer, sowie Impfstatus des Kindes, also die Frage, ob die Eltern die erforderlichen Impfungen vornehmen ließen. Wie sind Sie auf diese Faktoren gekommen? Hätte man nicht auch andere nehmen können wie z.B. übermäßigen Verzehr von Süßigkeiten oder Fett in der Familie?

Susanne Bettge: Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten sind schwierig und nur mit umfangreichen Instrumenten zu erfassen. Auch wenn wir ihre Wichtigkeit für ein gesundes Aufwachsen nicht verkennen, können sie im zeitlich beschränkten Rahmen der Einschulungsuntersuchungen – wie manche anderen wichtigen Aspekte der Kindergesundheit – nicht zusätzlich in der Standardisierung erhoben werden, die für eine wissenschaftliche Auswertung erforderlich wäre.

Dass wir unter Risikoverhalten mit dem Impfen, dem Rauchen im Haushalt, dem Fernsehkonsum, der Verfügbarkeit eines eigenen Fernsehers und der Zahnpflege Verhaltensweisen zusammenfassen, über die im Vorschulalter in erster Linie die Eltern entscheiden, wird verständlich, wenn man bedenkt, wie stark das kindliche Gesundheits- und Risikoverhalten von den primären Bezugspersonen und ihrem Vorbildverhalten beeinflusst wird.

ErzieherIn.de: Bei der Diagnose von Entwicklungsstörungen haben Sie die Körperkoordination, die Visuomotorik (=Auge-Hand-Koordination), schlussfolgerndes Denken und die Sprachentwicklung berücksichtigt. Wie sind Sie damit umgegangen, dass viele Kinder nur unzureichend Deutsch verstehen und sprechen können? Wie konnten Sie deren Sprachentwicklung erfassen, die sich ja nicht auf die deutsche Sprache beschränkt?

Susanne Bettge: Für alle Kinder mit Migrationshintergrund wird von den Ärztinnen bzw. Ärzten, die die Kinder untersuchen, eingeschätzt, über wie gute deutsche Sprachkenntnisse sie verfügen. Dabei zeigt sich, dass etwa zwei Drittel der Kinder mit Migrationshintergrund bei der Einschulungsuntersuchung gut oder sehr gut deutsch sprechen können. Für die Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen müsste für eine zuverlässige Beurteilung des Sprachentwicklungsstandes eine Testung in der Muttersprache erfolgen. Das kann in den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten, die die Einschulungsuntersuchungen durchführen, aber nicht geleistet werden. Deshalb werden auch mit diesen Kindern die Tests, so gut es geht, in deutscher Sprache durchgeführt.

ErzieherIn.de: Ist es sinnvoll, Entwicklungsauffälligkeiten im Bereich der Sprache zu diagnostizieren, wenn man die Entwicklung der – ggf. davon abweichenden - muttersprachlichen Fähigkeiten nicht einbezieht?

Susanne Bettge: Für den Schulbesuch ist zunächst einmal relevant, ob das Kind den schulischen Anforderungen gewachsen sein wird, unabhängig von den Gründen. Deswegen wurden in unseren Analysen zu Entwicklungsauffälligkeiten die Kinder, die aufgrund schlechter Deutschkenntnisse die sprachlichen Aufgaben nicht bewältigen konnten, den Kindern, die die Aufgaben aufgrund von Problemen mit der Sprachentwicklung nicht lösen konnten, gleichgestellt. Dies stellt insofern eine Vereinfachung dar, als die Frage nach einer Entwicklungsstörung damit nicht beantwortet wird. Für die Empfehlungen für den Schulbesuch spielt es allerdings keine Rolle, weil in Berlin der Förderbedarf Sprache sich sowohl an Kinder mit Sprachentwicklungsverzögerungen im engeren Sinne, an Kinder deutscher Herkunft mit unzureichenden Sprachvorbildern als auch an Kinder nichtdeutscher Herkunft mit unzureichenden Deutschkenntnissen richtet. Vor dem gleichen Dilemma steht im Übrigen auch die Bildungsforschung bei der Frage der Diagnose einer Lese-Rechtschreibschwäche bei Kindern mit unzureichenden Deutschkenntnissen.

ErzieherIn.de: Kommen wir zu den konkreten Ergebnissen. Welche gesundheitlichen Gefährdungen bei Vorschulkindern in Berlin sind nach Ihren Ergebnissen am häufigsten?

Susanne Bettge: Von allen betrachteten gesundheitsbezogenen Merkmalen tritt das Rauchen im Haushalt des Kindes mit Abstand am häufigsten auf: Bei vier von zehn untersuchten Kindern rauchte mindestens eine Person, die mit dem Kind zusammen in einem Haushalt lebt. Dies ist nicht nur wegen der gesundheitsschädigenden Folgen des Passivrauchens von Bedeutung, sondern auch deshalb, weil die Wahrscheinlichkeit, später selbst Raucherin oder Raucher zu werden, stark ansteigt, wenn Elternteile rauchen. Alle übrigen genannten Probleme, seien es Risikoverhaltensweisen, Entwicklungsauffälligkeiten oder Übergewicht, sind etwa bei 10 % bis 15 % der untersuchten Kinder festzustellen. Unter den Entwicklungsauffälligkeiten sind Schwierigkeiten beim Sprachtest „Sätze nachsprechen“, der eine altersgemäße Grammatik voraussetzt, und Probleme mit der Visuomotorik, also der Auge-Hand-Koordination, am häufigsten. Diese beiden Tests gelten zugleich als vergleichsweise aussagekräftig für die Vorhersage schulischer Leistungen. Deshalb sollten Kinder mit Schwierigkeiten in diesen Entwicklungsbereichen eine Förderung erhalten.

ErzieherIn.de: In welchen Bezirken Berlins sind Kinder häufiger von Entwicklungsauffälligkeiten betroffen und wie erklären Sie dies?

Susanne Bettge: Entwicklungsauffälligkeiten in mehr als einem der vier Entwicklungsbereiche (Körperkoordination, Visuomotorik, visuelle Wahrnehmung/schlussfolgerndes Denken, Sprache) sind am häufigsten in den vier Bezirken Neukölln, Reinickendorf, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg festzustellen. In diesen vier Bezirken zeigt jedes fünfte bis sechste Kind in mehr als einem Entwicklungsbereich Auffälligkeiten. In Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf, den Bezirken mit den geringsten Anteilen entwicklungsauffälliger Kinder, betrifft dies dagegen nur jedes zwölfte bis vierzehnte Kind.

Stellt man sich die Frage, wie es zu diesen regionalen Unterschieden kommt, so liegt ein Zusammenhang zur Sozialstruktur nahe. Deshalb bildeten die Zusammenhänge von Sozialmerkmalen und gesundheitlichen Konstellationen einen Schwerpunkt unserer Auswertungen. Hierbei haben wir festgestellt, dass sowohl für gesundheitsbezogenes Risikoverhalten als auch für Entwicklungsauffälligkeiten der Sozialstatus der Eltern die entscheidende Einflussgröße darstellt. Der Sozialstatus wird bei den Einschulungsuntersuchungen erfasst über die Schulbildung, die Berufsausbildung und den Erwerbsstatus der Eltern. Die Familien werden in drei Gruppen mit niedrigem, mittlerem und hohem Sozialstatus eingeteilt.

In der Gruppe der Kinder mit mehreren Entwicklungsauffälligkeiten sind Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus dreimal so häufig zu finden wie in der Gruppe der Kinder ohne Entwicklungsauffälligkeiten. Bezogen auf das Risikoverhalten ist der Einfluss des Sozialstatus sogar noch stärker – in der Gruppe mit mindestens drei der fünf erfassten Risikomerkmale sind kaum Kinder aus Familien der oberen Sozialstatusgruppe.

Ein Migrationshintergrund an sich wirkt sich nicht nachteilig auf die kindliche Entwicklung aus. Wenn aber unzureichende Deutschkenntnisse des Kindes und/oder der Eltern hinzukommen, dann werden dem Kind eher Entwicklungsauffälligkeiten bescheinigt. Dies liegt natürlich teilweise – wie bereits vorher erwähnt – am Aufgabenverständnis und an der Einbeziehung der Sprachtests in die Beurteilung.

Es zeigen sich noch weitere Einflussfaktoren auf die kindliche Entwicklung, die zwar schwächer wirken als der Sozialstatus und der Migrationshintergrund in Verbindung mit unzureichenden Deutschkenntnissen. Diese sollen aber nicht außer Betracht gelassen werden. Hierzu gehören ein Kitabesuch von weniger als zwei Jahren Dauer vor der Einschulungsuntersuchung, der das Risiko von Entwicklungsauffälligkeiten erhöht, ein geringes Geburtsgewicht als Indikator für Frühgeburtlichkeit und die Nicht-Teilnahme an der U8, die ja ebenfalls der Erkennung von Entwicklungsproblemen und der Einleitung geeigneter Maßnahmen dient.

ErzieherIn.de: Würden Sie den Eltern eine Verantwortung für die Gesundheit ihrer Kinder zusprechen? Wenn ja, was müssten Eltern unbedingt beachten?

Susanne Bettge: Eltern als die primären Bezugspersonen sind wichtige Vorbilder in Bezug auf Gesundheitsverhalten, und sie treffen Gesundheitsentscheidungen, die das Kind selbst noch nicht treffen kann. Eltern sollten sich altersgerecht mit ihren Kindern beschäftigen, mit ihnen sprechen, Bilderbücher anschauen, gemeinsame Aktivitäten unternehmen. Vor allem sollten sie die öffentlichen Angebote für ihre Kinder nutzen. Dazu gehören Impfungen und ärztliche Früherkennungsuntersuchungen, vor allem aber auch der frühzeitige Kitabesuch. Durch die kostenfreien Kitajahre in Berlin steht diese Möglichkeit allen Kindern unabhängig von der finanziellen Lage ihrer Familien offen. Der Kita-Alltag kann gesundheits- und entwicklungsförderlich gestaltet werden, und die Kita stellt einen guten Zugangsweg für Prävention und Gesundheitsförderung dar.

ErzieherIn.de: Es wird häufig behauptet, Eltern mit Migrationshintergrund würden ihre Kinder nicht ausreichend fördern. Können Sie das im Hinblick auf die Gesundheit der Kinder bestätigen?

Susanne Bettge: In unseren Auswertungen sehen wir, dass es nicht der Migrationshintergrund an sich ist, durch den Kinder Nachteile im Hinblick auf familiäres Risikoverhalten und ihre Entwicklung hätten. Kinder mit Migrationshintergrund haben die empfohlenen Impfungen sogar oft vollständiger erhalten als Kinder deutscher Herkunft. Sie werden aber beispielsweise nicht so oft bei den Kinderfrüherkennungsuntersuchungen vorgestellt, möglicherweise, weil ihre Eltern von präventiven Arztbesuchen und den dabei stattfindenden Gesprächen auch weniger profitieren als Eltern deutscher Herkunft oder weil dieses Präventionsangebot im kulturellen Gesundheitsverständnis keine Rolle spielt.

Schwierigkeiten für den Schulbesuch der Kinder sind dann absehbar, wenn in der Familie nur unzureichende Deutschkenntnisse vorhanden sind. Unter diesen Umständen ist das Beste, was die Eltern für ihre Kinder tun können, sie rechtzeitig in eine Kita zu geben. Hier können die Kinder im täglichen Umgang mit Gleichaltrigen und mit den Erzieherinnen und Erziehern die deutsche Sprache auch bei unzureichenden Kenntnissen ihrer Eltern innerhalb weniger Jahre fließend lernen und haben so in der Schule die gleichen Startchancen wie Kinder deutscher Herkunft.

Wir wissen zudem, dass Migrationshintergrund und soziale Lage nicht voneinander unabhängig sind. Eltern mit Migrationshintergrund haben im Durchschnitt eine geringere schulische und berufliche Bildung als Eltern deutscher Herkunft und schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Einige Unterschiede, die wir zwischen Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern deutscher Herkunft beobachten, sind in Wirklichkeit auf den niedrigeren Sozialstatus der Familien mit Migrationshintergrund zurückzuführen, wie wir mit unseren Analysen zeigen konnten.

ErzieherIn.de: Einelternfamilien – zumeist als Alleinerziehende bezeichnet – gelten als eine Gruppe, deren Kinder häufiger Probleme haben oder machen. Können Sie das bei Ihrer Untersuchung bestätigen?

Susanne Bettge: In unseren Analysen hat sich die Familienform als nicht so bedeutsamer Einflussfaktor erwiesen. Wenn man gleichzeitig die soziale Lage und den Migrationshintergrund in Verbindung mit den Deutschkenntnissen berücksichtigt, zeigen sich bei Kindern Alleinerziehender nur geringfügig mehr Entwicklungsauffälligkeiten als bei Kindern aus Zwei-Eltern-Familien. Anders gesprochen, schaffen es allein erziehende Eltern, ihren Kindern trotz der oft schwierigeren Lebensverhältnisse annähernd genauso gute Startchancen zu verschaffen wie gemeinsam erziehende Elternpaare.

ErzieherIn.de: Wie häufig ist Übergewicht schon bei Vorschulkindern und wie verhält sich diese Auffälligkeit zu anderen Entwicklungsauffälligkeiten? Konkret: Sind Kinder, die übergewichtig sind, z.B. in der Körpermotorik ebenfalls weniger gut entwickelt?

Susanne Bettge: Obwohl sehr häufig von einer Epidemie des Übergewichts gesprochen wird, ist dies bei Kindern im Vorschulalter nicht das vorrangige Gesundheitsproblem. Bei den Einschulungsuntersuchungen in Berlin in den Jahren 2007 und 2008 waren 11,3 % der Kinder übergewichtig. Dieser Anteil ist seit vielen Jahren stabil. Ob ein Kind übergewichtig ist, wird anhand alters- und geschlechtsspezifischer Normwerte ermittelt. Aufgrund der Normwerte würde man einen Anteil von 10 % übergewichtigen Kindern erwarten, Berlin liegt da nicht weit darüber. Insgesamt ist der Zusammenhang zwischen Übergewicht und den anderen von uns betrachteten gesundheitsbezogenen Merkmalen nicht sehr hoch, und Übergewicht wird auch weniger gut durch die erfassten Sozialmerkmale erklärt. Die wesentlichen Einflussgrößen auf das Körpergewicht, nämlich Bewegung und Ernährung, werden bei den Einschulungsuntersuchungen nicht erhoben.

ErzieherIn.de: Wie häufig sind Kumulationen von Entwicklungsauffälligkeiten und welche Chancen haben Kinder, bei denen sie schon im Vorschulalter festgestellt werden, die schulischen Bildungsziele zu erreichen?

Susanne Bettge: Etwa jedes siebte Kind hat bei der Einschulungsuntersuchung Auffälligkeiten in mindestens zwei der vier untersuchten Entwicklungsbereiche. Dies ist aber nicht unbedingt gleichzusetzen mit einer Diagnose von Entwicklungsstörungen. Wie es um die weiteren Chancen der Kinder bestellt ist, das hängt auch davon ab, wodurch die Auffälligkeiten verursacht sind. Entwicklungsauffälligkeiten aufgrund von Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, chronischen Erkrankungen oder Behinderungen können unter Umständen auch bei frühzeitiger Erkennung und Behandlung nicht behoben werden. Entwicklungsrückstände, die dadurch bedingt sind, dass das Kind bisher in seinem Lebensumfeld nicht ausreichend angeregt und gefördert wurde, können möglicherweise durch geeignete schulische Förderung oder bei Rückstellung vom Schulbesuch durch intensive Förderung in der Kita aufgeholt werden. Von daher ist die Einschulungsuntersuchung als Momentaufnahme zu verstehen, bei der Probleme entdeckt und notwendige Diagnostik und Fördermaßnahmen eingeleitet werden sollen. Mit Prognosen für den weiteren Lebensweg des Kindes aufgrund dieser einmaligen Untersuchung sollte man sehr vorsichtig umgehen.

ErzieherIn.de: Wenn Sie jetzt mal an die unauffälligen, gesunden Kinder denken, die es ja auch in Ihrer Untersuchung gibt. Man könnte ja anhand dieser Kinder aufzeigen, welche Faktoren es sind, die Kindern besonders gute Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.

Susanne Bettge: Das ist richtig. Wir können etwa zwei Drittel der Kinder als gesundheitlich unproblematisch einschätzen. Von den Kindern mit Auffälligkeiten und Problemen unterscheidet sich diese Gruppe vor allem durch den Sozialstatus der Familie. In der Gruppe der unauffälligen Kinder sind Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus nur zu 6 % vertreten, in der Gruppe mit erhöhtem Risikoverhalten zu 57 %, in der Gruppe mit mehreren Entwicklungsauffälligkeiten zu 47 % und in der Gruppe der Kinder mit Übergewicht zu 37 %. Diese Ergebnisse bestätigen, dass unter den Merkmalen, die in der Einschulungsuntersuchung erfasst werden, der Sozialstatus die bedeutsamste Einflussgröße auf die Kindergesundheit ist.

ErzieherIn.de: Wenn es primär die soziale Ungleichheit ist, die gesundheitliche Unterschiede zwischen den Kindern bewirkt – welche Maßnahmen/Vorgehensweisen empfehlen Sie, um die Schieflage zwischen Kindern verschiedener Schichten auszugleichen?

Susanne Bettge: In den Berliner Kindergesundheitszielen, die im Jahr 2007 von der Landesgesundheitskonferenz auf Basis der Einschulungsdaten verabschiedet wurden, wird ausdrücklich der Abbau von Benachteiligung aufgrund der sozialen Lage oder des Migrationshintergrundes gefordert. Dafür wurden Sozialräume innerhalb der Stadt ausgemacht, in denen besonders dringender Handlungsbedarf besteht. In der Folge wurde entschieden, die Aktivitäten zur Gesundheitsförderung von Kindern zunächst exemplarisch in drei Modellregionen zu bündeln, in denen Kinder in mehreren Gesundheitsindikatoren schlechter abschneiden als im Berliner Durchschnitt.

Natürlich findet man sozial schwächere Familien oder Familien mit Migrationshintergrund und unzureichenden Deutschkenntnissen nicht nur in diesen wenigen Regionen, aber die Konzepte, die sich in den Modellregionen bewährt haben, können als Good-Practice-Modelle auf weitere Regionen übertragen werden.

So haben sich lokale Netzwerke, die an bestehende Strukturen wie zum Beispiel das Quartiersmanagement im Rahmen der Sozialen Stadt angeschlossen sind, als geeignet erwiesen, um Zugang zu problembelasteten Familien zu finden. Erfolgreich sind auch Multiplikatorenkonzepte, bei denen geschulte Laien aus dem Lebensumfeld der Familien als Ansprechpartner/innen und Unterstützer/innen wirken. Dies wird zum Beispiel im Projekt „Stadtteilmütter“ praktiziert, in dem zuerst im Berliner Bezirk Neukölln Mütter mit Migrationshintergrund qualifiziert wurden als Gesundheits-, Bildungs- und Erziehungsratgeberinnen für Familien mit Migrationshintergrund. Das erfolgreiche Modellprojekt wurde inzwischen auf mehrere Berliner Bezirke ausgedehnt.

ErzieherIn.de: Welche dieser Empfehlungen haben auch überregional Bedeutung?

Susanne Bettge: Für die Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten wurden Qualitätskriterien entwickelt, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zusammengestellt hat. Hierunter zählen unter anderem die erwähnten Multiplikatorenkonzepte, eine niedrigschwellige Arbeitsweise, ein Settingansatz (Gesundheitsförderung im alltäglichen Lebensraum, z. B. Stadtteil, Kita, Schule) und die Beteiligung der Zielgruppe an Aktivitäten zur Gesundheitsförderung. Anhand dieser Qualitätskriterien werden Good-Practice-Projekte identifiziert und ausgezeichnet, die Modellcharakter haben und somit zur Nachahmung empfohlen sind.

Im Hinblick auf den Kinderschutz zeigt sich immer wieder, dass Prävention nicht früh genug ansetzen kann. Bereits im Vorschulalter zeigen sich deutlich sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheiten, und manche Kinder haben bereits in mehreren gesundheitsrelevanten Bereichen Probleme. Das Konzept des rechtzeitigen Erkennens von Hilfebedarf und des Angebots früher Hilfen, wie beispielsweise durch Familienhebammen, soll dazu beitragen, gesundheitliche Nachteile von Kindern aus Familien in ungünstiger sozialer Lage oder in persönlichen Krisen zu verringern.

ErzieherIn.de: Was können pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen tun, um die Gesundheit von Kindern zu fördern, die in unterprivilegierten sozialen Verhältnissen aufwachsen?

Susanne Bettge: Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kinder unabhängig von der sozialen Lage von einem längeren Kitabesuch profitieren.

Kinder, denen in der Kita ein gesundheitsförderlicher Lebensstil u. a. in den Bereichen Bewegung, Ernährung, Umgang mit dem eigenen Körper, soziales Miteinander nahegebracht wird, können dies in ihre Familie tragen. Wichtig ist aber auch die Einbeziehung der Eltern, die Vermittlung von Informationen an sie und die Stärkung ihrer Erziehungskompetenzen.

Das in Berlin-Mitte und Münster durchgeführte Modellprojekt „Kitas bewegen – für die gute gesunde Kita“ hat gezeigt, dass Gesundheitsförderung in Kitas und die Einbeziehung sozial Benachteiligter in die Aktivitäten dann gelingen können, wenn das ganze Kita-Team sich dieses Ziel setzt und in einem Prozess der Organisationsentwicklung den individuellen Weg dahin entwickelt. Dabei sind die Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen und ihre gesundheitlichen Ressourcen wichtige Gesichtspunkte, die bei der täglichen Arbeit eine entscheidende Rolle spielen. In der Modellphase hat sich herausgestellt, dass Erzieher/innen häufig Fortbildungsbedarf im Bereich der Elternarbeit haben, um Berührungsängste abzubauen und den Eltern auf Augenhöhe begegnen zu können.

ErzieherIn.de: Nun noch eine kritische Schlussfrage. Es gibt ja Mechanismen in unserer Gesellschaft, die soziale Ungleichheit produzieren und auch verstärken. Glauben Sie, dass die engagierten Fachkräfte im Gesundheits-, Jugendhilfe- und Bildungssystem hieran mit gutem Willen und entsprechenden Kompetenzen etwas ändern können?

Susanne Bettge: Es wäre sicherlich wirksamer, wenn man mit dem Zauberstab die soziale Ungleichheit an sich beseitigen könnte. Da das aber nicht eintreten wird, müssen die Akteurinnen und Akteure sich bemühen, sozialkompensatorisch tätig zu werden, um wenigstens einen Schritt in Richtung auf größere Chancengleichheit für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu tun. Hierfür gibt es ermutigende Ansätze, die weiter entwickelt und verbreitet werden sollten.

ErzieherIn.de: Herzlichen Dank für das Interview.

Das Gespräch führte Hilde von Balluseck.

Angaben zur Person

Dr. Susanne Bettge, Dipl.-Psych., MPH, Promotion in Gesundheitswissenschaften zum Thema „Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“; seit 2006 Wiss. Mitarbeiterin in der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Berlin, Referat Gesundheitsberichterstattung, Epidemiologie, Gemeinsames Krebsregister, Gesundheits- und Sozialinformationssysteme; Arbeitsschwerpunkt: Einschulungsuntersuchungen

Kontakt:
Dr. Susanne Bettge
Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz BerlinI A 11a
Oranienstraße 106
10969 Berlin
E-Mail: susanne.bettge@senguv.berlin.de
Tel.: 030 / 9028 - 2679

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