Studentin im Hörsaal

Die Kita als lernende Organisation - Das Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Jens Hübner

05.09.2025 | Fachbeitrag Kommentare (0)

Kitas müssen heute mehr denn je lernende Organisationen sein, um in einer sich ständig verändernden Umwelt zu bestehen. Organisationales Lernen gilt als Schlüssel für Qualität, pädagogische Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit. 

Doch im Alltag zeigt sich oft ein Dilemma: Zwischen dem, was im Leitbild steht, und dem, was tatsächlich gelebt wird, klafft eine Lücke. Genau dort entscheidet sich, ob eine Kita wächst – oder stehen bleibt. 

Ob eine Kita wächst oder stehen bleibt, entscheidet sich an der Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Definition

Eine lernende Organisation ist eine Einrichtung, die sich 

  • durch Erfahrungen, 
  • durch den konstruktiven Umgang mit Fehlern und 
  • durch die Anpassung an Veränderungen in der Umwelt 

kontinuierlich weiterentwickelt. 

Ziel ist es, sich stetig zu verbessern und die Qualität der Arbeit langfristig zu sichern. Lernen findet dabei auf drei Ebenen statt: 

  • der individuellen, 
  • der teambezogenen und 
  • der organisationalen Ebene.

Michael Brodowski (2018, S.153) hat herausgestellt, „dass die Organisation im soziologischen Sinne auch als ein soziales Subjekt bezeichnet wird, das lernen kann [,…] wenn man bedenkt, dass Organisationen ja eine Biographie, eine Geschichte besitzen und also auch Wissensbestände vorhalten und speichern müssen“.

In der Literatur werden unterschiedliche Modelle bzw. Konzepte beschrieben, die Lernprozesse in Organisationen verdeutlichen; z. B. Argyris und Schön (Auf zwei Arten lernen), Sattelberger (Lernen braucht Kultur) sowie Wieselhuber und Partner (Lernen als Teil der Strategie). Im Folgenden wird das Modell von Argyris und Schön im Ansatz dargestellt, da es für den Kita-Alltag besonders anschauliche Anknüpfungspunkte bietet. 

Lernen nach Argyris und Schön – Single-Loop und Double-Loop

Die Wissenschaftler beschäftigten sich in ihren Schriften mit dem Single-Loop sowie mit dem -Double-Loop-Lernen.

Single-Loop-Lernen bedeutet, dass zwar ein Fehler erkannt und korrigiert wird, jedoch wird nicht grundlegend hinterfragt, wie dieser Fehler zustande gekommen ist bzw. ob die eigenen Regeln, Abläufe oder Annahmen möglicherweise fehlerhaft sind. 

Double-Loop-Lernen hat den Ansatz, auch die Ursachen und Denkweisen zu hinterfragen, um daraus Ableitungen zu treffen, mögliche Arbeitsweisen bzw. das System zu verändern.

Beispiel 1 – Saft verschütten:

In einer Gruppe dreijähriger Kinder wird beim Mittagessen häufig Saft verschüttet.

  • Single-Loop: Das Team gibt kleinere Gläser aus. Das Symptom wird behoben, die Ursachen (z. B. motorische Fähigkeiten, Einschenkprozess) bleiben unreflektiert.
  • Double-Loop: Die Leitung regt eine Teambesprechung an. Gemeinsam wird überlegt, ob Kinder beim Einschenken unterstützt werden sollten, ob geeignetere Gefäße verwendet werden oder ob gezielte Feinmotorikübungen in den Alltag integriert werden können. 

Beispiel 2 – Urlaubsplanung:

Die Kita-Leitung ist für die Urlaubsplanung verantwortlich. Im Sommer nehmen zwei von drei Fachkräften gleichzeitig Urlaub, sodass nur eine Fachkraft und eine FSJler:in für 13 Kinder zuständig sind. 

  • Single-Loop: Die Situation wird hingenommen. Die betroffene Fachkraft ärgert sich, sieht die Verantwortung aber ausschließlich bei der Leitung. Strukturen oder Abläufe werden nicht hinterfragt.
  • Double-Loop: Die Leitung nimmt den Vorfall zum Anlass, gemeinsam mit dem Team die Urlaubsplanung zu überarbeiten. Ziel ist es, personelle Engpässe künftig zu vermeiden – etwa durch frühzeitige Abstimmung, verbindliche Vertretungsregelungen und bedarfsgerechte Unterstützung in Urlaubszeiten.

Diese Beispiele zeigen, dass die Kita-Leitung in einer lernenden Organisation nicht nur Entscheidungen trifft, sondern aktiv Lernprozesse anstößt, moderiert und nachhaltig absichert.

Bekundete Theorie und Theorie-in-Gebrauch

  • Über das Single- und Double-Loop hinaus

Argyris und Schön gehen in ihren Überlegungen auch noch weiter. Sie weisen darauf hin, dass Lernen in Organisationen oft daran scheitert, dass zwischen dem, was gesagt wird (Bekundete Theorie – engl. Espoused theory), und dem, was tatsächlich getan wird (Theorie-in-Gebrauch – engl. Theory-in-use:), eine deutliche Lücke besteht. 

Die Theorie in Gebrauch prägt die Kultur einer Kita oft stärker als jedes Leitbild.

Die Theorie in Gebrauch prägt letztlich die Kultur einer Einrichtung – häufig stärker als jedes Leitbild. Wird dieser Widerspruch nicht bewusst reflektiert, verfestigt er sich als „DNA“ der Kita und schafft eine Kultur, die wenig mit Lernen und Weiterentwicklung zu tun hat. 

In vielen Kitas wird z. B. betont, wie wichtig Offenheit, Fehlerfreundlichkeit oder Partizipation sind, allerdings zeigt sich im Alltag ein anderes Verhalten: Kritik wird vermiedenFehler werden unter den Teppich gekehrt oder Entscheidungen einseitig getroffen. Diese Lücke entsteht durch sogenannte mentale Modelle – also tief verankerte, meist unbewusste Überzeugungen, die unser Handeln prägen (Mehr dazu im Beitrag unten). 

Hier kommt die Leitung erneut ins Spiel: Sie gestaltet eine Kultur der Offenheit und des Vertrauens, in der auch unbequeme Fragen gestellt werden dürfen. 

Leitfragen könnten sein:

  • Passen unser Verhalten und unsere Haltung wirklich zu unserem Leitbild? 
  • Wie gehen wir im Team mit Kritik, Fehlern oder Unsicherheit um? 

Die Leitung übernimmt dabei eine Vorbildfunktion: Sie zeigt selbst Bereitschaft zur Reflexion, macht Lernprozesse sichtbar und unterstützt das Team aktiv darin, Theorie und Praxis immer wieder in Einklang zu bringen. 

Beispiele:

  • Feedback im Team: Ein:e Erzieher:in weist in der Teamsitzung auf die wiederholte Unpünktlichkeit einer Kolleg:in hin. Diese reagiert abwehrend, das Team wechselt das Thema – Feedback bleibt unausgesprochen. In einer lernenden Organisation würde dies als Anlass genutzt, um den Umgang mit Kritik zu reflektieren, teaminterne Feedbackregeln zu vereinbaren und so Vertrauen zu stärken.
  • Kinder beim Essen: Ein:e Erzieher:in sagt: „Bei uns dürfen die Kinder selbstständig entscheiden, was und wie viel sie essen möchten“ (Bekundete Theorie). In der Praxis greift sie aber ein und bestimmt die Portion, weil sie Sorge hat, dass das Kind zu wenig isst (Theorie in Gebrauch). 

In einer lernenden Organisation würde die Leitung dies als Lernanlass aufgreifen:

  • In einem gemeinsamen Gespräch wird der Umgang mit Kritik reflektiert.
  • Es entstehen klare, teaminterne Vereinbarungen für wertschätzendes Feedback.
  • Der Raum für ehrliche Kommunikation wächst – ebenso wie das Vertrauen im Team.

Reflexionsimpulse für die Praxis

Die Beispiele zeigen: Zwischen dem, was wir sagen, und dem, was wir tatsächlich tun, kann eine Lücke bestehen. Entscheidend ist, ob wir diese Diskrepanz wahrnehmen und daraus lernen.

  • Wie gehen wir im Team mit Kritik und Feedback um – schweigen wir lieber oder nutzen wir solche Situationen als Lernchance?
  • Passen unsere Handlungen im Alltag wirklich zu dem, was wir nach außen als Haltung oder Leitbild formulieren?

Wenn Leitung und Team diese Fragen offen diskutieren, können Routinen hinterfragt, neue Regeln erprobt und eine Kultur der Offenheit gestärkt werden. So wird Theorie Schritt für Schritt in gelebte Praxis übersetzt.

Warum eine Kita als lernende Organisation agieren sollte

Die Arbeit in einer Kita ist geprägt von stetigem Wandel – sowohl auf gesellschaftlicher, bildungspolitischer als auch auf rechtlicher Ebene. Neue Bildungsprogramme, Konzepte wie Inklusion oder veränderte gesetzliche Vorgaben erfordern, dass sich die Einrichtung schnell anpasst. Eine lernende Organisation fördert diese Anpassungsfähigkeitund sorgt dafür, dass Veränderungen nicht als Belastung, sondern als Chance verstanden werden. Die Leitung übernimmt hierbei eine Schlüsselrolle, indem sie Entwicklungen frühzeitig aufgreift und gemeinsam mit dem Team umsetzt.

Ein weiterer Grund ist die Qualitätssteigerung in der pädagogischen Arbeit. Durch kontinuierliches Lernen können Fachkräfte ihre Methoden und Ansätze optimieren, was direkt zu einer verbesserten Bildungs- und Betreuungsqualität für die Kinder führt. Die Leitung initiiert und unterstützt diesen Prozess, etwa durch fachliche Impulse oder gezielte Fortbildungsangebote.

Zudem trägt eine lernende Organisation maßgeblich zur professionellen Weiterentwicklung der Mitarbeitenden bei. Fachkräfte und Teams entwickeln sich nicht nur fachlich, sondern auch in ihrer Zusammenarbeit weiter – was Motivation und Arbeitszufriedenheit steigert.

Veränderung als Chance zu begreifen, fördert Innovation und Kreativität. Neue Technologien, veränderte Bedürfnisse der Kinder oder gesellschaftliche Trends können so konstruktiv in den Kita-Alltag integriert werden.

Darüber hinaus verbessert kontinuierliches Lernen die Zusammenarbeit und Kommunikation im Team. Gemeinsame Reflexion stärkt das Vertrauen und führt zu einer kohärenteren pädagogischen Praxis.

Nicht zuletzt trägt eine lernende Organisation zur Nachhaltigkeit der Bildungsprozesse bei. Durch ständiges Anpassen und Weiterentwickeln sichern Leitung und Team eine langfristige Qualität – sowohl in der Arbeit mit den Kindern als auch in der eigenen Organisationsstruktur. Dazu gehört auch die regelmäßige Integration von Eltern und Gemeinschaft, um eine inklusive, vernetzte und ganzheitliche Betreuung zu gewährleisten. 

Merkmale einer lernenden Organisation in der Kita

Eine lernende Organisation zeichnet sich zunächst durch ihre Anpassungsfähigkeit an Veränderungen aus. Im Kita-Alltag bedeutet das, flexibel auf neue Bildungspläne oder gesellschaftliche Entwicklungen wie Inklusion zu reagieren. Die Kita-Leitung sorgt dabei dafür, dass notwendige Veränderungen frühzeitig erkannt und gemeinsam im Team umgesetzt werden.

Ein weiteres Merkmal ist die ständige Weiterentwicklung. Neue pädagogische Konzepte, etwa zur Partizipation von Kindern oder zur Sprachförderung, werden nicht nur eingeführt, sondern auch in der Praxis erprobt und angepasst. Hier begleitet die Leitung den Prozess, indem sie Ressourcen bereitstellt und Feedback einholt.

Das Lernen auf individueller Ebene umfasst die persönliche Weiterbildung der Fachkräfte – beispielsweise durch Fortbildungen zu Themen wie kindliche Entwicklung oder Medienpädagogik. Die Leitung unterstützt dies, indem sie Weiterbildungsbedarfe ermittelt und Fortbildungsangebote koordiniert.

Auch das Lernen auf Teamebene ist entscheidend: In regelmäßigen Teamsitzungen oder Supervisionen reflektieren die pädagogischen Fachkräfte ihre Arbeit, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln gemeinsame Lösungsstrategien. Die Leitung moderiert solche Prozesse und sorgt für eine offene und wertschätzende Gesprächskultur.

Schließlich findet Lernen auch auf organisationaler Ebene statt. Die gesamte Kita passt Strukturen und Abläufe an – etwa bei der Gestaltung der Eingewöhnung oder im Umgang mit Eltern. Die Leitung trägt hier Verantwortung für die strategische Ausrichtung und dafür, dass Veränderungen nachhaltig verankert werden.

 Abbildung 1

Abbildung 1: Lernende Organisation in der Kita – Kernelemente (eigene Darstellung)

Wissen als Schlüssel zur lernenden Organisation

Abbildung 2: Wissen als Schlüssel zur lernenden Organisation (eigene Darstellung)

In einer lernenden Organisation ist Wissen kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis gezielter Strategien. Es wird bewusst gesammelt, strukturiert, weitergegeben und im Alltag angewendet. Dieses Wissensmanagement umfasst sowohl formales Wissen – etwa pädagogische Fachliteratur, gesetzliche Vorgaben oder Ergebnisse aus Fortbildungen – als auch informelles Wissen, also das Wissen, das im täglichen Miteinander und aus Gesprächen entsteht.

Die Kita-Leitung trägt hierbei eine entscheidende Verantwortung: Sie sorgt dafür, dass relevantes Wissen für alle zugänglich ist, weitergegeben und erweitert wird. „Das kann in Akten, Protokollen oder anderen Dokumenten geschehen, aber auch in den Köpfen der Mitarbeiter/innen, die es dann (bspw. als Meister) an andere, die ihnen nachfolgen, weitergeben“ (Brodowski 2018, S.153). Somit fördert sie eine Kultur, in der Wissen aktiv geteilt wird; etwa in Teamsitzungen, kollegialen Fallberatungen oder kurzen Austauschrunden im Alltag. 

Wissen wird so zum Motor organisationalen Lernens: Es ermöglicht fundierte Entscheidungen zu treffen, verbessert die pädagogische Arbeit und sorgt dafür, dass das gesamte Team auf einem gemeinsamen, aktuellen Stand arbeitet. Eine Kita, die Wissen systematisch nutzt und pflegt, kann Veränderungen schneller umsetzen, Innovationen fördern und langfristig ihre Qualität sichern.

Wichtig: In einer lernenden Organisation wird jedes Teammitglied als Träger von Wissen geschätzt – unabhängig davon, ob es sich um die Leitung, eine Fachkraft, eine Auszubildende oder eine FSJler:in handelt. Jede:r hat Wissen – und jede:r trägt zur Qualität bei. 

Mentale Modelle und Wissen

Zentrale Idee - Kurzerklärung

Individuelle mentale Modelle entstehen aus 

  • den Erfahrungen, Werten und Überzeugungen jeder einzelnen Fachkraft.
  • Sie prägen, wie Pädagog:innen Kinder sehen, welche Erziehungsmethoden /-stile sie bevorzugen und 
  • wie sie auf Herausforderungen reagieren. 

Unterschiedliche Sichtweisen im Team sind daher normal – und können, wenn sie reflektiert werden, eine wertvolle Ressource sein.

Aus diesen individuellen Modellen entwickelt sich im Laufe der Zeit das kollektive mentale Modell der Kita – sozusagen ihre DNA. Es umfasst gemeinsame WerteZiele und Handlungsweisen, die von allen geteilt und im Alltag gelebt werden.

Individuelle und kollektive Modelle stehen in Wechselwirkung: 

  • Persönliche Überzeugungen fließen in das gemeinsame Modell ein, und
  • das kollektive Modell kann wiederum die Haltung einzelner verändern.

Lernprozesse in einer Kita sind daher immer ein Zusammenspiel dieser beiden Ebenen – gesteuert und moderiert durch die Leitung.

Was sind mentale Modelle?

Mentale Modelle sind innere Landkarten, die wir in unserem Kopf tragen. Sie helfen uns, Informationen zu ordnen, Zusammenhänge zu verstehen und Entscheidungen zu treffen. Diese inneren Bilder beeinflussen, wie wir Probleme angehen, Lösungen entwickeln und im Alltag handeln.

Wissen als Grundlage für mentale Modelle

Das Wissen, das wir im Laufe unseres Lebens sammeln – sei es durch Erfahrungen, Aus- und Fortbildungen oder den Austausch mit anderen – wird in Form von mentalen Modellen gespeichert. Wenn wir neues Wissen aufnehmen, passen wir unsere Landkarten an. Manchmal erweitern wir sie, manchmal müssen wir sie grundlegend verändern, um neue Informationen sinnvoll zu integrieren. Genau hier setzt das Double-Loop-Lernen nach Argyris und Schön an: Nicht nur unser Verhalten wird verändert (Single-Loop), sondern auch die zugrunde liegenden Annahmen und Denkmuster werden überprüft.

Beispiel – individuelles mentales Modell

Ein:e Erzieher:in in einer Kita könnte das mentale Modell haben, dass Kinder nur dann effektiv lernen, wenn sie durch strikte Struktur und Kontrolle geführt werden. Diese Sichtweise beeinflusst, wie er:sie den Lernprozess gestaltet. Wird er:sie jedoch mit der Idee konfrontiert, dass Kinder auch durch freie, selbstgesteuerte Entdeckung lernen können, erfordert dies möglicherweise eine grundlegende Anpassung seines:ihres mentalen Modells.

Mentale Modelle auf organisationaler Ebene

Auch eine Kita als Ganzes verfügt über ein mentales Modell – ihre DNA. Diese besteht aus den gemeinsamenAnnahmen, Werten und Überzeugungen, die das Handeln und die Entscheidungen in der Einrichtung prägen (vgl. Brodowski 2018, S. 153). Dazu gehören Vorstellungen darüber, wie Kinder lernen, wie pädagogische Arbeit gestaltet wird und wie die Zusammenarbeit im Team sowie mit den Eltern aussehen soll. Wird diese kollektive Denkweise nicht regelmäßig reflektiert, können sich veraltete oder hinderliche Muster festsetzen. Eine lernende Organisation prüft daher ihre DNA in regelmäßigen Abständen (z.B. in Form einer internen Evaluation, siehe Berlin oder durch Qualitätszirkel/ -werkstätten) und passt sie an neue Erkenntnisse und pädagogische Standards an. Die Kita-Leitung gibt den Anstoß, begleitet den Prozess und sorgt dafür, dass Veränderungen im Alltag tatsächlich gelebt werden.

Die Rolle der Führungskraft in einer lernenden Kita 

  

Abbildung 3: Die Rolle der Führungskraft in einer lernenden Kita (eigene Darstellung)

In einer lernenden Kita ist die Leitung nicht nur Vorgesetzte, sondern zugleich Lerncoach und Katalysator. Sie fördert kollektives Lernen, unterstützt eine offene Fehlerkultur und schafft Räume für den Austausch von Erfahrungen und Wissen, z. B. durch regelmäßige Teamsitzungen oder gemeinsame Projekttage.

Ein zentraler Auftrag der Leitung ist die Integration individueller Modelle in das kollektive Modell der Kita. Unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen der Teammitglieder werden bewusst einbezogen, um gemeinsam tragfähige pädagogische Konzepte zu entwickeln. So entsteht eine gemeinsame pädagogische Basis, die von allen mitgetragen wird.

Darüber hinaus regt die Leitung Selbst- und Teamreflexion an. Reflexionsrunden helfen, Erfahrungen auszuwerten, Erfolge sichtbar zu machen und Verbesserungspotenziale zu erkennen. Als Vorbild für Lernbereitschaft nimmt die Leitung selbst an Fortbildungen teil, holt aktiv Feedback ein und zeigt damit, dass Lernen ein fortlaufender Prozess ist.

Schließlich ist Teamentwicklung ein Schlüsselfaktor. Die Leitung fördert gemeinsame Werte und Ziele, sorgt für eine klare Ausrichtung und organisiert zielorientierte Teammeetings. So wird das Team gestärkt und kann Herausforderungen geschlossen begegnen.

Fazit

Dynamisches Lernen ist der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit jeder Organisation – gerade in einer Welt, die sich ständig wandelt. Für Kitas bedeutet das: Lernen ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

Als lernende Organisation reflektiert eine Kita kontinuierlich ihre Erfahrungen, passt Strukturen und pädagogische Konzepte an neue Erkenntnisse an und entwickelt eine Kultur, in der Wissen bewusst gesammelt, geteilt und in die Praxis umgesetzt wird. Mentale Modelle – sowohl die individuellen inneren Landkarten der Fachkräfte als auch die DNA der gesamten Einrichtung – werden regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst.

Jede Alltagssituation – ob beim Mittagessen, in der Urlaubsplanung oder in der Elternarbeit – birgt Lernchancen. Entscheidend ist, ob Leitung und Team bereit sind, Routinen zu hinterfragen, Fehler als Impulse zu nutzen und gemeinsam neue Wege auszuprobieren. 

Die Kita-Leitung spielt dabei eine Schlüsselrolle: Sie schafft Räume für Austausch, fördert eine offene Fehlerkultur, integriert vielfältige Perspektiven in ein gemeinsames pädagogisches Konzept und geht selbst als Lernvorbild voran.

Zukunftsfähig wird eine Kita erst dann, wenn Anspruch und Wirklichkeit übereinstimmen. 

Gerade hier zeigt sich das zentrale Dilemma: Häufig wird etwas gesagt, aber im Alltag nicht konsequent gelebt. Zukunftsfähig wird eine Kita erst dann, wenn Anspruch und Wirklichkeit übereinstimmen; wenn also Haltung, Leitbild und tatsächliches Handeln in Einklang gebracht werden. Dazu braucht es Leitungen, die stark, kompetent, wach, kreativ und überzeugend sind – und die vor allem mutig vorangehen. Eine Leitung, die selbst reflektiert und konsequent handelt, legt den Grundstein dafür, dass auch das Team eine echte Kultur des Lernens entwickeln kann.

Persönlicher Blick aus der Praxis

In vielen Großstädten wird der Wettbewerb um Kinder und Familien spürbar härter. Die Geburtenrate in Deutschland ist 2024 auf nur 1,35 Kinder pro Frau gesunken – der niedrigste Wert seit über zehn Jahren (Destatis, 2025). In Berlin liegt sie sogar bei 1,21 (Destatis, 2025). Das bedeutet: Es gibt deutlich mehr freie Kita-Plätze als noch vor wenigen Jahren. Ende 2024 waren es allein in der Hauptstadt rund 34 000 unbesetzte Plätze (Tagesspiegel, 2025). Selbst in Stadtteilen wie Pankow oder Prenzlauer Berg, die einst für ihre hohe Nachfrage bekannt waren, ringen viele Kitas inzwischen um ihre Auslastung (Welt, 2025).

Das gilt nicht nur für Berlin, sondern auch für andere urbane Zentren wie Hamburg oder Leipzig – und es ist ein Weckruf für alle Einrichtungen: Eltern haben heute, zumindest in den urbanen Zentren sowie zum Teil in Ostdeutschland, eine größere Auswahl und entscheiden sich bewusst für die Kita, die zu ihren Vorstellungen passt. Qualität, Profil und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, sind damit keine Kür mehr, sondern Überlebensfaktoren.

Als jemand, der mit Herz Pädagoge ist und zugleich wissenschaftlich arbeitet, weiß ich: Eine Kita, die sich als lernende Organisation versteht, reagiert nicht nur auf Veränderungen – sie gestaltet sie aktiv. Sie entwickelt ihre pädagogische Arbeit stetig weiter, bezieht das Team ein und bleibt dadurch für Familien attraktiv. Stillstand hingegen ist riskant. Wer stehen bleibt, verliert den Anschluss. Wer lernt, sichert seine Zukunft – und die Chancen der Kinder, für die wir arbeiten.

Aufgrund dieser Situation muss ein Kita-Team den Mut haben, alte Gewohnheiten, liebgewonnene Routinen und überholte Denkweisen bewusst loszulassen. Es gilt, neue und kreative Ansätze zu entwickeln, frische Ideen auszuprobieren und die eigene Arbeit immer wieder neu zu denken – kurz: den alten Hut abzulegen und den alten Zopf abzuschneiden.

Quellenangaben 

Brodowski, Michael (2018): Die Kita als Lernende Organisation. In: Brodowski, Michael (Hrsg.): Das große Handbuch für die Kita-Leitung. Köln: Carl Link, S.153-185. ISBN 978-3-556-07345-2. 

Destatis (2025): Rückgang der Geburtenziffer schwächte sich 2024 deutlich ab. In: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_259_12.html Zugriff: 14.08.2025). 

Die Zeit (2025): Geburtenziffer in Deutschland ist 2024 weiter gesunken. In: https://www.zeit.de/familie/2025-07/geburtenziffer-rate-deutschland-kinder-frauen-statistisches-bundesamt? (Zugriff: 14.08.2025).

Gallersdörfer, Margarethe (2024): Sinkende Geburtenrate in Berlin: Hände weg vom Bildungsbudget!. In: https://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/sinkende-geburtenrate-in-berlin-hande-weg-vom-bildungsbudget-12493958.html (Zugriff: 14.08.2025).

Heine, Matthias (2025): Das Ende von Prenzlauer Berg. In: https://www.welt.de/kultur/plus254015944/Prenzlauer-Berg-Das-Ende.html (Zugriff: 14.08.2025).

Tagesspiegel (2025): Kinderbetreuung: Jeder zehnte Kita-Platz in Berlin frei. In: https://www.tagesspiegel.de/berlin/kinderbetreuung-jeder-zehnte-kita-platz-in-berlin-frei-14150501.html (Zugriff: 14.08.2025).

Buchempfehlungen 

Argyris, Chris/Schön, Donald A.: Die Lernende Organisation. Grundlagen, Methode, Praxis. 

Senge, Peter M.: Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. 

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