mehrere Kinder

Die Qualität in sonderpädagogischen Kindertageseinrichtungen aus der Sicht von Eltern im Vergleich zur Elternsicht in Regeleinrichtungen

Bärbel Amerein, Annemarie Schäfer, Stefanie Schuller, Hilde Köster

28.08.2012 Kommentare (0)

1. Ausgangslage

Seit einigen Jahren nimmt die Diskussion verschiedener Qualitäten und Qualitätsbereiche in Kindertageseinrichtungen einen breiten Raum sowohl in der öffentlichen wie auch wissenschaftlichen Diskussion ein. Im Jahr 2005 wurde durch die Verabschiedung des Tagesbetreuungsausbaugesetzes (TAG) eine gesetzliche Grundlage geschaffen. So sieht § 22a SGB VIII Abs.1 vor, dass die Träger der öffentlichen Jugendhilfe die Qualität der Förderung in ihren Einrichtungen durch geeignete Maßnahmen sicherstellen und weiterentwickeln sollen.

Ein bisher wenig beachteter Faktor sind jedoch die Einschätzungen, Vorstellungen, Wünsche und Erwartungen von Eltern bezüglich der Qualität der Einrichtungen, die ihre Kinder besuchen. In unseren Studien gehen wir deshalb der Frage nach wie Eltern die Qualität in ‚ihren‘ Einrichtungen beurteilen und welche Faktoren ihnen für die Zukunft besonders wichtig sind.

An der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd wurden im Bachelor-Studiengang „Frühe Bildung“ zwei kleine Studien zum Thema „Die Qualität in (sonderpädagogischen) Kindertageseinrichtungen aus Sicht der Eltern“ durchgeführt.

Im Frühsommer 2012 wurde Studie 1 in sonderpädagogischen Tageseinrichtungen für Kinder (Schulkindergärten), unter städtischer und freier Trägerschaft durchgeführt.

Studie 2 ging im Frühsommer 2010 in Regelkindergärten ebenfalls unter städtischer und freier Trägerschaft ins Feld.

2. Methodik

Vorliegende empirische Fragebogenstudie stellt eine Vergleichsstudie dar, wie sie in den Jahren 2000-2002 in ähnlicher Form von Michael-Sebastian Honig, Magdalena Joos & Norbert Schreiber durchgeführt wurde. Ziel dieser Studie war, anders wie bei unserer, herauszufinden ob sich die Qualität der pädagogischen Arbeit durch einen Trägerwechsel verändern würde. Viele der von Honig, Joos & Schreiber (2004) formulierten Items zielen jedoch ebenfalls auf die Sichtweisen von Eltern im Hinblick auf die Qualität bzw. die Verbesserung der Qualität in den betreffenden Einrichtungen, sodass sie für unsere Studien verwendbar erschienen und den Kern der verwendeten Fragebögen bilden.

In den Schulkindergärten (Studie 1) wurden insgesamt 178 Elternfragebögen verteilt, die Rücklaufquote betrug mit 75 ausgefüllten Bögen 42%. Die Berechnung der internen Konsistenz nach Cronbachs alpha ergab α = 0.952.

An der Studie in Regelkindergärten (Studie 2) nahmen 524 Eltern teil. Davon konnten 287 Fragebögen ausgewertet werden, dies entspricht einem Rücklauf von 55%. Die Realiabilitätsanalyse nach Cronbachs alpha ergab hier α = 0.89.

Anhand einer 5-stufigen Itemskala (1 = völlig unwichtig, 2 = unwichtig, 3 = mittelmäßig, 4 = wichtig, 5 = sehr wichtig) beurteilten die Eltern „ihre“ Kindertageseinrichtung nach dem momentanen Ist- und einem für sie wünschenswerten Soll-Zustand. Im Rahmen des vorliegenden Artikels werden deskriptive Ergebnisse, Mittelwerte (M) dargestellt.

Nachfolgend wird die Zufriedenheit der Eltern mit den gebotenen Leistungen ihrer jeweiligen Einrichtung (Mist) mit den Erwartungen (Msoll) verglichen. Die Gegenüberstellung der Ist- und Soll-Werte ermöglicht Angebotsdefizite oder Angebotsüberschüsse aus Elternperspektive zu erkennen. Ein Angebotsdefizit zeigt sich durch einen größeren Soll-Wert; dementsprechend liegt bei einem Angebotsüberschuss der Ist-Wert über dem Soll-Wert. Sind beide Werte gleich, liegt eine Passung vor. Die untersuchten Items werden nicht in thematischen Clustern zusammengefasst, vielmehr wird eine Rangfolge des wünschenswerten Soll-Zustandes aufgezeigt: welche Aspekte wären den Eltern in sonderpädagogischen Einrichtungen am wichtigsten und welche wären weniger relevant.

Zentrale Fragestellung des zugrunde liegenden Artikels ist, wie die Eltern beider Einrichtungsarten die momentane Qualität in den Einrichtungen einschätzen, welche Erwartungen haben die Eltern hinsichtlich der einzelnen untersuchten Bereiche für die Zukunft und gibt es Unterschiede zwischen Eltern in sonderpädagogischen- und Regeleinrichtungen.

3. Gegenüberstellung der Qualitätserwartungen sowie der Zufriedenheit der Eltern

Nachfolgende Tabelle zeigt sowohl die untersuchten Bereiche sowie auch die Mittelwerte der Soll- und Ist-Werte beider Studien auf.

 

Soll-Werte

 

 

Ist-Werte

 

Studie 2012

Studie 2010

Msoll

Mist

Msoll

Mist

Wohlbefinden des Kindes

4,9

4,8

4,9

4,4

Gute Betreuung

4,9

4,8

4,8

4,4

Einüben sozialen Verhaltens

4,7

4,5

4,7

4,3

Qualifikation der päd. Fachkräfte

4,7

4,7

4,7

4,4

Sprachliche Förderung

4,7

4,5

4,4

4,1

Guter Personalsschlüssel

4,7

4,4

4,7

3,9

Vermittlung einer angenehmen Atmosphäre

4,7

4,7

4,8

4,4

Päd. Fachkräfte als Ansprechpartner

4,6

4,8

4,8

4,5

Körperliches Wohlergehen

4,5

4,6

4,4

4,3

Anerkennung und Achtung

4,5

4,6

4,5

4,3

Anregung von Kreativität

4,4

4,5

4,5

4,2

Übernahme von Verantwortung

4,4

4,2

4,5

4,1

Quantität der Materialien in der Kita

4,4

4,6

4,5

4,1

Feste Bezugsperson

4,3

4,0

3,9

4,1

Vermittlung von Bildung

3,8

3,7

3,6

4,0

Zusammenarbeit mit der Grundschule

4,4

4,3

4,2

4,0

Berücksichtigung verschiedener Kulturen

4,2

4,1

4,0

4,2

Angebot an Infoveranstaltungen

4,1

4,1

4,1

4,1

Mathematische Förderung

4,0

3,7

3,9

3,8

Vermittlung von Religion

3,0

1,1

3,0

3,3








Tabelle 1: Gegenüberstellung der Soll- und Ist-Werte der Studien von 2012 und 2010.

 

  • Wohlbefinden des Kindes in der Einrichtung

Zentral für eine gute Bewertung der besuchten Kindertageseinrichtung ist für die Eltern, dass sich ihr Kind wohl fühlen soll und somit auch gerne die Einrichtung besucht. Bei beiden Elterngruppen resultiert für dieses Item der höchste, und auch ein identischer Soll-Wert (M = 4,9). Die Beurteilungen hinsichtlich des tatsächlichen Wohlbefindens des Kindes divergieren jedoch: in sonderpädagogischen Einrichtungen ist lediglich ein Angebotsdefizit von 0,1 Punkten zu verzeichnen, wo hingegen sich bei den Eltern der 2010´er Studie eine negative Differenz von 0,5 Punkten zeigt. Demnach sind Eltern mit behindertem Kind hinsichtlich des Wohlbefindens ihres Kindes in der Einrichtung viel zufriedener.

  • Eine gute Betreuung

Ebenfalls sehr wichtig ist beiden Elterngruppen eine gute Betreuung. Die Leistung der sonderpädagogischen Einrichtungen entspricht lediglich nicht um 0,1 Punkten den Erwartungen der Eltern (Msoll 2012 = 4,9; Mist 2012 = 4,8). Auch hier zeigt sich für die Regeleinrichtungen ein mit 0,4 Punkten größeres Angebotsdefizit (Msoll 2010 = 4,8; Mist 2010 = 4,4).

  • Einüben sozialen Verhaltens

Bei diesem Item, welches sowohl die pädagogischen Fachkräfte wie auch die anderen Kinder als Interaktionspartner inkludiert, zeigen beide Elterngruppen gleich hohe Erwartungen (Msoll 2012 = 4,7; Msoll 2010 = 4,7). Ein höheres Angebotsdefizit wird wiederum bei den Regeleinrichtungen deutlich (Mist 2012 = 4,5; Mist 2010 = 4,3).

  • Qualifikation der pädagogischen Fachkräfte

Alle befragten Eltern sind sich auch über die Wichtigkeit der Qualifikation der Fachkräfte einig (Msoll 2012 = 4,7; Msoll 2010 = 4,7). Die Analyse der Mittelwerte ergab für die sonderpädagogischen Einrichtungen eine Passung zwischen den Erwartungen und der tatsächlichen Zufriedenheit; für die allgemeinen Kitas resultierte ein Angebotsdefizit von 0,3 Punkten (Mist 2010 = 4,4). Somit sind die Eltern behinderter Kinder auch mit der Qualifikation der Pädagogen zufriedener im Gegensatz zu anderen Eltern.

  • Förderung sprachlicher Fähigkeiten

Unterschiedliche Erwartungen zeigen die Eltern hinsichtlich der sprachlichen Förderung (Msoll 2012 = 4,7; Msoll 2010 = 4,4); allerdings ist in beiden Einrichtungsarten ein etwa gleich großes Angebotsdefizit zu erkennen (Mist 2012 = 4,5; Mist 2010 = 4,1). Somit haben Eltern sonderpädagogischer Einrichtungen nicht nur höhere Erwartungen bezüglich der Sprachförderung, sondern sind auch zufriedener mit dieser.

  • Guter Personalschlüssel

Die größten Unterschiede des gesamten Vergleichs ergaben die Mittelwertsberechnungen des Personalbestandes: stimmen die Erwartungen dieses strukturellen Merkmals bei beiden Gruppen überein (Msoll 2012 = Msoll 2010 = 4,7), so sind die Eltern sonderpädagogischer Einrichtungen – obwohl sich auch hier ein Defizit zeigt – dennoch deutlich zufriedener mit der tatsächlichen Personalversorgung (Mist 2012 = 4,4) wie die anderen Eltern (Mist 2010 = 3,9).

  • Vermittlung einer angenehmen Atmosphäre

Eine starke Gewichtung kommt ebenfalls diesem Kriterium zu. In sonderpädagogischen Einrichtungen kommt es gar zu einer Passung zwischen den Wünschen der Eltern und der tatsächlichen Realität (Msoll 2012 = 4,7; Mist 2012 = 4,7). Obwohl die 2010 befragten Eltern das Item um 0,1 Punkte stärker bewerteten (Msoll 2010 = 4,8) brachte der Ist-Wert keine wirklich befriedigte Elternschaft zu Tage (Mist 2010 = 4,4).

  • Päd. Fachkräfte als Ansprechpartner

Die Pädagogen stehen in Schulkindergärten zu einem höheren Maße als Ansprechpartner zur Verfügung als dies überhaupt notwendig wäre, wie der Angebotsüberschuss von 0,2 Punkten erkennen lässt (Msoll 2012 = 4,6; Mist 2012 = 4,8). Im Gegensatz dazu herrscht in Regeleinrichtungen ein Angebotsdefizit in Höhe von 0,3 Punkten (Msoll 2010 = 4,8; Mist 2010 = 4,5).

  • Körperliches Wohlergehen

Die Sorge um das körperliche Wohlergehen zeigt in der 2012´er Studie ebenfalls einen leichten Überschuss (Msoll 2012 = 4,5; Mist 2012 = 4,6); demgegenüber können Regeleinrichtungen die Eltern nicht ausreichend zufrieden stellen (Msoll 2010 = 4,4; Mist 2010 = 4,3).

  • Anerkennung und Achtung

Selbes Ergebnis wie beim vorherige Item resultiert hier. Während den sonderpädagogischen Einrichtungen ein zu Viel attestiert wird (Msoll 2012 = 4,5; Mist 2012 = 4,6) müssen die Anderen zukünftig mehr bieten um für Zufriedenheit zu sorgen (Msoll 2010 = 4,5; Mist 2010 = 4,3).

  • Anregung von Kreativität

Den 4. Überschuss in Folge sehen die Eltern der 2012´er Studie bei der Kreativitätsförderung (Msoll 2012 = 4,4; Mist 2012 = 4,5). Und auch hier stehen die Fachkräfte normaler Einrichtungen noch in der Pflicht (Msoll 2010 = 4,5; Mist 2010 = 4,2) um den Kindern ein ausreichendes Angebot zur Verfügung zu stellen.

  • Übernahme von Verantwortung

In beiden Studien wird die Verantwortungsübernahme defizitär bewertet. Das „zu wenig“ beträgt in sonderpädagogischen Einrichtungen 0,2 Punkte (Msoll 2012 = 4,4; Mist 2012 = 4,2); in Regelkindergärten wird unwesentlich mehr Verantwortung seitens der Kinder gewünscht, allerdings ist das Defizit mit 0,4 Punkten doppelt so groß (Msoll 2010 = 4,5; Mist 2010 = 4,1).

  • Quantität der Materialien in der Kita

Schulkindergärten verfügen über mehr Material wie überhaupt notwendig wäre (Msoll 2012 = 4,4; Mist 2012 = 4,6) wohingegen andere Kinder deutlich zu wenig Material zur Verfügung haben (Msoll 2010 = 4,5; Mist 2010 = 4,1).

  • Feste Bezugsperson

Das einzige Kriterium, mit dem Eltern 2010 in der dargebotenen Weise zufrieden waren ist das Vorhandensein einer festen Bezugsperson für jedes Kind (Msoll 2010 = Mist 2010 = 4,1). Doch auch hier wird den sonderpädagogischen Einrichtungen ein Überangebot attestiert (Msoll 2012 = 4,3; Mist 2012 = 4,4).

  • Vermittlung von Bildung

Wurde der Bildungsvermittlung doch von gesamter Elternschaft eine relativ rangniedrige Position zugewiesen, scheint bemerkenswert, dass in Schulkindergärten ein deutlicher Überschuss der Leistungen zu vernehmen war (Msoll 2012 = 4,0; Mist 2012 = 4,3). Hingegen in allgemeinen Kitas ein leichtes Defizit verzeichnet werden konnte (Msoll 2010 = 4,1; Mist 2010 = 4,0).

  • Zusammenarbeit mit der Grundschule

Kooperationen mit der Grundschule erachten die 2012 befragten Eltern insgesamt als weniger wichtig und empfinden die Zusammenarbeit sogar als zu intensiv (Msoll 2012 = 3,9 Mist 2012 = 4,2). Regeleinrichtungen könnten ihre Zusammenarbeit mit der Schule noch geringfügig ausbauen (Msoll 2010 = 4,1; Mist 2010 = 4,0).

  • Berücksichtigung verschiedener Kulturen

In beiden Einrichtungen ist ein Angebotsüberschuss bei der Interkulturalität festzustellen, wobei dieser im sonderpädagogischen Bereich viel deutlicher ausfällt (Msoll 2012 = 3,8; Mist 2012 = 4,2; sowie Msoll 2010 = 4,0; Mist 2010 = 4,2).

  • Angebot an Informationsveranstaltungen

Erstaunlicherweise sind diesem Aspekt durchgehend deckungsgleiche Werte zu entnehmen (Msoll 2012 = 3,7; Mist 2012 = 4,1; und Msoll 2010 = 3,7; Mist 2010 = 4,1). Folglich sind sich beide Elterngruppen einig, dass das Angebot an Infoveranstaltungen zu groß ist.

  • Mathematische Förderung

In beiden Studien wird dem Ausbau mathematischer Fähigkeiten eine sehr niedrige Rangposition zugewiesen. Allerdings konstatieren Eltern sonderpädagogischer Einrichtungen ein deutliches Überangebot in diesem Bereich (Msoll 2012 = 3,6; Mist 2012 = 4,0), währen in Regeleinrichtungen ein leichtes Defizit erkennbar ist (Msoll 2010 = 3,9; Mist 2010 = 3,8).

  • Vermittlung von Religion

Das rangniedrigste Kriterium weist in beiden Erhebungen einen deutlichen Überschuss auf. Eltern behinderter Kinder (Msoll 2012 = 3,0; Mist 2012 = 3,6) nehmen das Überangebot jedoch noch deutlicher wahr wie Eltern in Regeleinrichtungen (Msoll 2010 = 3,0; Mist 2010 = 3,3).

4. Fazit

Vorliegende Studien fokussierten die Perspektive der Eltern aus sonderpädagogischen und Regeleinrichtungen. Hauptaugenmerk lag dabei auf der Einschätzung der momentanen Qualität und den Elternerwartungen für die jeweiligen Bereiche sowie auf der Frage ob Unterschiede zwischen den beiden Einrichtungsarten deutlich werden.

Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass die Eltern sonderpädagogischer Einrichtungen wesentlich mehr Angebote in ihren Einrichtungen wahrnehmen, als Eltern allgemeiner Kitas.

Für Eltern mit behindertem Kind haben das Wohlbefinden in der Einrichtung sowie eine gute Betreuung die höchste Priorität. Somit kommt dem Betreuungsaspekt aus Elternsicht besondere Bedeutung zu. Es kann angenommen werden, dass ein Zusammenhang zwischen beiden Items besteht: wird das Kind in der Einrichtung gut betreut, fühlt es sich auch dementsprechend wohl. Weiterhin wird der Entwicklung des kindlichen Sozialverhaltens durch einen qualitativ wie auch quantitativ hochwertigen Personalbestand sowie durch eine angenehme Atmosphäre ein hoher Stellenwert beigemessen. Unterstützt werden könnte dies auch dadurch, dass die pädagogischen Fachkräfte stets als Ansprechpartner fungieren, wobei dies nicht zwangsläufig eine feste Bezugsperson sein muss. Aufgrund der notwendigen, individuellen Unterstützung, Pflege und Betreuung der Kinder mit Behinderung ist davon auszugehen, dass Eltern diese Aspekte im Zusammenhang sehen. Einzelne, frei formulierte Anmerkungen auf den Fragebögen bewerten die Betreuung in den Kleingruppen als positiv, da die Kinder mit ihren besonderen Bedürfnissen in zuvor besuchten Regeleinrichtungen nicht immer die notwendige Beachtung fanden. Weniger relevant hingegen ist die Übernahme von Verantwortung durch die Kinder selbst. Erstaunlicherweise rangiert eine feste Bezugsperson im unteren Drittel der Rangfolge – obwohl auch dies einen Einfluss auf das Wohlbefinden des Kindes haben könnte. Sichere Beziehungen, die zuverlässige Unterstützung bieten, ermöglichen es den Kindern soziales Verhalten zu erlernen und neue, auch riskante Situationen einzugehen.

Hohe Erwartungen an den Bildungsauftrag sonderpädagogischer Einrichtungen werden hauptsächlich durch die sprachliche Förderung repräsentiert; das Schlusslicht der gesamten Rangfolge bilden der Ausbau mathematischer Fähigkeiten sowie die Vermittlung von Religion. Da 24% der Kinder befragter Eltern durch eine Sprachbehinderung beeinträchtigt sind und 41% von einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung betroffen sind kann spekulativ gemutmaßt werden, dass für Eltern die Sprachförderung auch deshalb besonders bedeutsam ist. Möglicherweise wurden alltägliche Berührungspunkte nicht mit Mathematik in Verbindung gebracht (etwa Eins-zu-eins-Zuordnungen beim Tischdecken), sondern nur konkrete Rechenoperationen. Eine nähere Analyse zeigt jedoch auch, dass sich die Eltern bezüglich dieses Aspektes sehr uneinig sind.

Erstaunlicherweise liegen die Sorge um das körperliche Wohlergehen des Kindes sowie die Anerkennung und Achtung des Kindes im Mittelfeld der Rangfolge, da beide Aspekte eigentlich Indikatoren für das Wohlbefinden wie auch eine gute Betreuung sind.

An dieser Stelle möchten wir zudem ein im vorfolgenden noch nicht aufgeführtes Ergebnis einbringen das verdeutlicht, dass für Eltern mit behindertem Kind Kooperationen mit Fachdiensten ein zentraleres und bedeutenderes Qualitätsmerkmal darstellen wie die Zusammenarbeit mit der Grundschule. Verbunden damit solle der zukünftige Schulbesuch durch gezielte Aufgabenstellungen vorbereitet werden. Die Kooperation mit den Fachdiensten (Msoll 2012 = 4,4; Mist 2012 = 4,5) findet sich nicht in der Tabelle, da dieses Item nur in der 2012´er Studie erhoben wurde, dennoch ein kurzer Blick auch darauf. Aus der Elternperspektive kann angenommen werden, dass auch dies mit dem Wohlbefinden des Kindes und der guten Betreuung zusammenhängt. Als Beispiele wären etwa der Austausch über den Entwicklungsstand des Kindes sowie die damit einhergehenden Fördermaßnahmen zu nennen. Weitere Analysen zeigten, dass sich die Eltern auch in diesem Punkt sehr uneinig waren. Dies kann eventuell daher rühren, dass eine Zusammenarbeit des Schulkindergartens mit Fachdiensten nur mit Einverständniserklärung der Eltern möglich ist. Kooperationen sind also auch vom jeweiligen Engagement der Beteiligten abhängig.

Die Gegenüberstellung der Soll- und Ist-Werte bringt deutlich hervor, dass die Schulkindergärten die Erwartungen der Eltern in insgesamt zwölf Bereichen teilweise deutlich übertreffen und die sechs Angebotsdefizite auf einem niedrigen Niveau angesiedelt sind. Allerdings muss festgehalten werden, dass fünf der sechs Defizite die vorderen sieben Plätze der Rangfolge belegen. Demzufolge sind das Wohlbefinden des Kindes, die gute Betreuung, das Einüben sozialen Verhaltens die sprachliche Förderung sowie der Personalschlüssel von einem Defizit betroffen. In der Weiterarbeit wäre als erstes zu klären was in den einzelnen Bereich aus Elternsicht verbesserungsbedürftig ist. Also: welche Indikatoren sind ausschlaggebend dafür, dass sich das Kind im Schulkindergarten wohl fühlt oder gut betreut wird. Das größte Defizit (0,3 Punkte) liegt beim Personalbestand. Wenn der gesetzlich vorgegebene Personalschlüssel erfüllt ist wird es jedoch sicher nahezu unmöglich eine Verbesserung herbeizuführen.

Der Vergleich vorliegender Studie mit den Daten der Elternbefragung in Regelkindergärten im Jahr 2010 zeigt keine allzu großen Unterschieden. Beide Elterngruppen erachten das Wohlfühlen des Kindes und die gute Betreuung als wichtigste Qualitätskriterien für die jeweiligen Einrichtungen. Eine angenehme Atmosphäre und die pädagogischen Fachkräfte als Ansprechpartner für die Kinder sind in allgemeinen Kindergärten jedoch wichtiger wie im sonderpädagogischen Bereich. Die gesamte Elternschaft ist sich einig, dass Bildung zwar wichtig ist, sich in der Rangfolge jedoch hinter Aspekten, welche etwa das Selbst und die Persönlichkeit des Kindes oder strukturelle Gegebenheiten betreffen, einreiht. Am unterschiedlichsten fallen die Erwartungen bezüglich der beiden Bildungsbereiche Sprache und Mathematik aus. Während der sprachlichen Förderung in Schulkindergärten eine ganz zentrale Rolle zukommt ist sie in den anderen Kitas weit weniger wichtig. Umgekehrtes Bild resultiert aus den Mittelwerten des Ausbaus mathematischer Fähigkeiten: der Aspekt befindet sich in beiden Studien auf einem der drei letzten Plätze der Rangfolge, wird in Regelkitas aber höher bewertet. Außerdem sehen Eltern behinderter Kinder, wie schon angesprochen, im Gegensatz zu den anderen Eltern einen Angebotsüberschuss für die Mathematik.

Insgesamt sind Eltern der allgemeinen Tageseinrichtung mit sechzehn Angebotsdefiziten deutlich unzufriedener mit den Leistungen ihrer Kitas. Zudem liegen die wünschenswerten Soll-Zustände in mehreren Bereichen deutlich über dem tatsächlichen Ist. Mit einem Defizit von 0,6 Punkten wird der Personalbestand besonders schlecht bewertet. Lediglich in drei Bereichen (Berücksichtigung verschiedener Kulturen, Angebot an Infoveranstaltungen und Vermittlung von Religion) liegen die Erwartungen über dem tatsächlichen Angebot. Ohne eine Bewertung der Inhalte und Themen vornehmen zu wollen muss gesagt werden, dass diese drei Aspekte im Kita-Alltag zwar sehr wichtig sind es jedoch weit zentralere Themen und Aufgaben gibt. Die Eltern bestätigen dies auch, indem alle drei Bereiche im unteren Viertel der Rangfolge angesiedelt sind.

Um den Forderungen einer gelingenden Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Kita und Elternhaus gerecht werden zu können ist es im Nachgang wichtig den Einrichtungen entsprechende Rückmeldung zu geben und sie bei der Planung der Maßnahmen zu unterstützen. Um eine größere wissenschaftliche Eindeutigkeit der Ergebnisse zu erhalten wäre es zudem notewendig noch mehr sonderpädagogische Einrichtungen und deren Eltern zu aquirieren um  eine vergleichbare Anzahl an Studienteilnehmern in beiden Gruppen zu einem zweiten gemeinsamen Zeitpunkt nochmals befragen zu können.

Literatur:

Amerein, B. & Amerein, K. (2011). Qualitätsmanagement in Arbeitsfeldern der Frühen Bildung. Troisdorf: Bildungsverlag EINS.

Honig, M.S., Joos, M., & Schreiber  N. (2004). Was ist ein guter Kindergarten?- theoretische und empirische Analysen zum Qualitätsbegriff in der Pädagogik. Weinheim: Juventa Verlag.

 

www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbviii/22a.html

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