zwei U3 Kinder

Die Remida - eine Erfindung der Reggio-Pädagogik

Susanne Günsch

11.09.2012 Kommentare (0)

Den folgenden Artikel entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem Beiheft "Das Remida-Heft" von Betrifft Kinder.

Der Ursprung der Idee

Reggio-Pädagogik – diesen Begriff hat manch einer schon gehört, etwas darüber gelesen oder sich sogar in der eigenen Kita an die Umsetzung dieser Idee gemacht. Dennoch ein paar Informationen über ihren Ursprung:  

Reggio Emilia ist eine wunderschöne Stadt in Norditalien zwischen Parma und Modena. In dieser Stadt leben cirka 170 000 Einwohner, doch in der ganzen Emilia Romagna wird Erziehung als Gemeinschaftsaufgabe verstanden. Dies verdankt sich einer produktiven Koalition aus Wirtschaft und Sozialem, Bildung und Kultur, die sozialistische und antifaschistische Wurzeln hat. 

Die Reggianer verstehen ihre Pädagogik als eine Erziehungsphilosophie, die wissenschaftliche Erkenntnis immer wieder anhand pädagogischer Praxis überprüft und eine  Kindern zugewandte Haltung voraussetzt. Das unterscheidet sie von anderen pädagogischen Konzepten.

Die Teams der kommunalen Kitas in Reggio Emilia blicken auf mehr als 40 Jahre Erfahrung mit innovativer pädagogischer Praxis zurück. Ihre Kitas sind Orte des Lebens, des Lernens und der Kommunikation – Voraussetzungen für eine Kultur des Miteinanders beim Forschen, Experimentieren, Fantasieren, Erfinden und Philosophieren. 

In der ästhetischen Bildung liegt der Schwerpunkt der Reggio-Pädagogik. Partizipation gilt als strukturelles, organisatorisches und pädagogisches Prinzip.

Auch die Remida – il Centro di Riciclaggio creativo, so die vollständige Bezeichnung – ist eine Erfindung aus Reggio Emilia und ohne das gute Zusammenspiel der beteiligten Kräfte nicht vorstellbar. Wissen und Ressourcen miteinander zu teilen, ein Bewusstsein für die Umwelt zu entwickeln – dies war der Nährboden, um die Remida zu erfinden. Sie wurde 1996 als Umwelt- und Recyclingprojekt von der Kommune, von Reggio Children und dem regionalen Ver- und Entsorgungsunternehmen Enía, heute Iren, entwickelt. Namensgeber war Sergio Spaggiari. 

Was ist eine Remida?

Der Begriff „Remida“ steht für die Idee, dass Materialien, die in Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe abfallen, wunderbare Ressourcen für kreativ-künstlerisches Arbeiten sind.

Firmen überlassen der Remida, ihre sauberen, ungiftigen Reste und Abfälle aus der Produktion, zum Beispiel Folienstreifen, Papierabschnitte, Stanzbleche, Papprollen, Musterbücher mit Bodenbelägen, Stoffen und Fliesen, Rohrabschnitte, Verpackungen, Tauenden, Flaschen, Verschlüsse und viele andere Dinge, die für den Müll-Container oder das konventionelle Recycling viel zu schade sind. In der Remida werden sie anregend präsentiert. Soziale Einrichtungen wie Kitas oder Schulen und Kulturprojekte suchen sich die Dinge für ihre Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen aus.

Die Remida weckt das Bewusstsein für Materialreichtum und seine kreative Verwendung. Sie fordert zum Neuentdecken und Zweckentfremden heraus. Darüber hinaus veranstaltet sie Ausstellungen, bietet Literatur, Workshops oder Seminare an und steht für Kreativität, Bildung und Nachhaltigkeit.

Im Jahre 2007 fand in Reggio eine Internationale Remida-Konferenz anlässlich des 10. Geburtstags der Remida statt. „Die Herausforderung des kreativen Recyclings“ war das Motto der Konferenz; es ging um Nachhaltigkeit und Kultur, um Bildung und Philosophie, um Wirtschaft und Soziales, um Spiel und Wissenschaft. In Vorträgen der Kooperationspartner wurden die verschiedenen Fassetten des Mottos deutlich. Dabei wurde auch deutlich: Ein Kita-Keller voller kostenloser Materialien ist keine Remida.

Vertreter der Kommune, von Enía und Reggio Children berichteten über ihre Erfahrungen mit der Remida. Umwelt und Recycling standen ebenso im Fokus wie kreative Ressourcenverwendung und die künstlerische Verbindung von Abfall und Ästhetik. 

Das Podium der Konferenz war mit Plastikteilchen geschmückt – sonderbar, aber wunderschön. Später stellte sich heraus: Die lila-farbenen transparenten Teilchen kamen aus der Kunststoffproduktion. Es waren Tropfreste, die auf dem Boden fallen, wenn die Maschinen ausgestellt werden. Eines dieser Teilchen stand am Remida Day beim Juwelier im Schaufenster – zwischen Perlenketten und Goldschmuck.

Der Remida Day

Jedes Jahr im Mai findet der Remida Day in Reggio statt. In hundert Sprachen feiert die Stadt die Kultur des Abfalls mit Musik, Theater, Tanz und Literatur. Anfangs versammelte man sich im Stadtzentrum, um der Bevölkerung die Idee nahezubringen. Das Buch „Remida Day“, eine Dokumentation aus den ersten Jahren, zeigt die wunderbare Vielfalt der Aktionen: Balletttänzerinnen mit Bahnen aus Stoffresten, der 500 Meter lange Re-Chok-Cake, die Schrott-Percussion, die Material-Totems… 

Von Jahr zu Jahr ändert sich das Programm. Mal entsteht eine Schaufenstergalerie, mal gibt es einen Flohmarkt, Lesungen finden statt und große Gemeinschaftsaktionen. Mal werden die Materialien in einer Fabrikhalle zusammen mit einem Remida-Lab präsentiert, das Besucher zur Auseinandersetzung mit den Dingen einlädt, zum Beispiel zum Besticken von Folien mit farbigem Garn. Mal wird an verschiedenen Orten der Stadt mit Recycling-Materialien gestrickt – in den Farben Rot, Weiß und Grün –, und alle gestrickten Teile vereinen sich am Ende zu einer riesigen Nationalflagge.

Darüber hinaus bieten die Remida Days Gelegenheiten zum Netzwerken. Dabei zeigt sich immer wieder, wie eng Kultur und Bildung verknüpft sind und wie die Kräfte des Gemeinwesens zusammenwirken.

Inzwischen gibt es ein internationales Remida-Netzwerk. Ihm gehören auch die 2007 in Hamburg gegründete Remida und die Frankfurter Remida an. Ein Erfahrungsaustausch besteht zwischen der Hamburger Remida und der Remida im dänischen Randers. Sie ist im Magazinraum eines Museums untergebracht und erhält eine Teil-Finanzierung von der Kommune. 

2010 war ich mit einem Kita-Team dort. Karin Eskesen und ihre Kollegin stellten uns ihre Arbeit vor. 2011 kam das Team aus Randers zu Besuch nach Hamburg. Themen des Austauschs waren unter anderem die Kooperation mit Firmen und die Erfahrungen in den Kitas.

Wie die Remida in Hamburg entstand  

2007: Präsentation der Remida-Idee in Form einer Mini-Remida auf der Altonale, einem kulturellen Stadtteilfest in Hamburg. Die Präsentation regt Besucher an, uns eine Ladenfläche anzubieten, uns Mobiliar und Materialien zu überlassen. Im Herbst dieses Jahres wird die Remida Realität.

2008: Die Remida erreicht mit ihrem Materialangebot viele Kitas und Schulen. Sie gewinnt etliche Firmen – vom Handwerksbetrieb bis zum DAX-Unternehmen –, ihre Produktionsreste zur Verfügung zu stellen. 

2009: Die Remida wächst und zieht Besucher aus ganz Deutschland an. Sie wird Veranstaltungsort für Workshops und Seminare und nach dem Qualifizierungsworkshop in Reggio Teil des Internationalen Remida-Netzwerks. Förderer und Sponsoren stellen sich ein.

2010: Die Remida ist ein Projekt im Aktionsplan „Hamburg lernt Nachhaltigkeit“ und wird mit dem Altonaer Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.  

2011: Die Remida gewinnt Kooperationspartner, zum Beispiel für den Materialtransport, und tritt in Austausch mit der dänischen Remida in Randers. Im Rahmen von „Umwelthauptstadt Hamburg“ finden in der Remida Aktionen statt. Sie nimmt an der „Ideen-Initiative Zukunft“ der dm-Drogeriemarktkette teil.

2012: Die Remida wird vom deutschen Nachhaltigkeitsrat mit dem „Werkstatt N Qualitätssiegel“ ausgezeichnet. Fünf Jahre nach der Geburt auf der Altonale erlebt die Remida dort als Kooperationspartner auf der Grünen Meile ihren ersten „Kleinen Remida Day“  

Das "Remida-Heft"  (ISBN  978-3-86892-074-1) von Susanne Günsch erschien als Betrifft KINDER extra Heft  und kann extra bestellt werden unter: www.verlagdasnetz.de

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