mehrere Kinder

Die Seele: ein naturwissenschaftliches Phänomen

Hilde von Balluseck

09.08.2014 Kommentare (0)

Die Seele - das war immer ein Begriff, an den sich Mythen, Glaubensvorstellungen, psychologische Erkenntnisse knüpften. Aber Naturwissenschaft? Wie kann sie sich einem solchen Phänomen nähern - die Seele ist doch ungreifbar, nicht erklärbar, oder?

Unabhängig von religiösen Vorstellungen befassen sich Psychologie und  Psychiatrie mit seelischen Erkrankungen. Im Vordergrund steht dabei noch die Vorstellung einer Krankheit, die entweder durch frühe Erfahrungen oder durch nicht steuerbare biologische Veränderungen bewirkt wird. Die Neurobiologie/-physiologie hat nun schon Brücken zur Naturwissenschaft geschlagen. Seit längerem weiß man z.B., dass der Serotonin-Spiegel sich verändert, wenn jemand Depressionen hat. Nun geht auch von der Psychiatrie der Impuls aus, die Seele mit naturwissenschaftlichen Kategorien zu begreifen.

Bisher steht die Gesellschaft vor Krankheiten mit einem gewissen Schauder: Damit will man nichts zu tun haben, denn erklären lassen sich seelische Erkrankungen nur zum Teil mit Verwundungen in der Kindheit oder Traumatisierungen. Manche Menschen reagieren auf die gleichen Belastungen mit psychischer Erkrankung, andere nicht. Wie ist das zu erklären? Elisabeth Binder, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München hat in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung (9./10. August, S. 10) dargelegt, welche neuen Erkenntnisse die Psychiatrie revolutionieren werden. Und da sie auch für die Pädagogik einen neuen Blick ermöglichen, sei hier darüber berichtet.

Es gibt genetische Konstellationen, die eine größere Verwundbarkeit bewirken. Ein solches Gen ist FKBP5. Menschen mit einer Variante dieses Gens reagieren sensibler auf Stress und werden leichter seelisch krank. Sie bekommen daher leichter Depressionen. Wir müssen also nicht mehr davon sprechen, das jemand Depressionen oder Schizophrenie hat, sondern eine FKBP5- oder Serotonin-Störung.

Wie wir mit der Umwelt umgehen, ist durch unsere Gene mit beeinflusst. Die genetische Ausstattung ist jedoch nicht allein ausschlaggebend, sondern auch die Umstände, unter denen Kinder und Erwachsene leben. Auch die Gehirnentwicklung spielt eine Rolle.

Aber Gene sind durch Umwelteinflüsse auch veränderbar (Epigenetik). Und diese veränderten Gene werden dann auch an die nächste Generation weitergegeben. Es ist also wahr, dass traumatische Erfahrungen nicht in einer Generation verbleiben, sondern in den Kindern weiterleben können - ohne dass diese wüssten, woher sie ihre Überempfindlichkeit o.ö. haben. Dies ist eine Bestätigung der Erfahrungen in systemischen Aufstellungen.

Was heißt dies für die Pädagogik? Wenn es gelingt, genetisch bedingte Verletzbarkeit frühzeitig zu diagnostizieren, kann man auch einer späteren Erkrankung gegensteuern, man kann Resilienz systematisch aufbauen.

Der große Fortschritt bei einer solchen naturwissenschaftlichen Betrachtung liegt darin, dass Kinder, die auffällig sind, auf genetische Besonderheiten der beschriebenen Art untersucht und dann gestützt werden könnten. Vor allem aber ändert sich der Blick: Die Kinder und Erwachsenen, die psychiatrische Symptome aufweisen, müssen nicht mehr das Gefühl haben, zu versagen, weil sie ihre Symptome nicht unter Kontrolle bekommen, sondern man kann ihnen sagen, dass sie eine körperliche Eigenart aufweisen, mit der sich Medizin und Psychotherapie auseinandersetzen können.

Die Psychatrie von Frau Binder und anderen sollte sich beeilen, damit diese Erkenntnisse so schnell wie möglich der Frühpädagogik zugute kommen.

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