mehrere Kinder

Ein genauerer Blick auf Kinder aus Romani-Familien

Mihaela Ionescu

15.07.2014 Kommentare (0)

Man schätzt, dass ungefähr 2 der insgesamt cirka 10 bis 15 Millionen Romani, die in den 27 Mitgliedsstaaten der EU leben, Kinder unter sechs Jahren sind.[1] Eine aktuelle gemeinsame Studie des Entwicklungsprogramms der UN (UN Development Programme, UNDP) und der Agentur der EU für  Grundrechte (Fundamental Rights Agency, FRA)[2]belegt, dass rund 90 Prozent der befragten Roma in Haushalten leben, die unterhalb der Armutsgrenze liegen.

In mehreren Untersuchungen wird dargestellt, dass Roma-Mütter vor und nach der Geburt ihrer Kinder kaum oder nur unregelmäßigen Zugang zu Gesundheitsdiensten haben. Roma-Kinder sind bei Geburt durch Fehlernährung der Mütter untergewichtig und erhalten auch danach eher ungenügende Nahrung. Fraglos erwachsen daraus ernste Gesundheitsprobleme schon für junge Kinder, die ihr Überleben bedrohen. In Roma-Familien gibt es unangemessene allgemeinmedizinische, zahn- und augenärztliche Vorsorge. Familiäre Belastungen in Folge von Arbeitslosigkeit, geringem Einkommen, Ausgrenzung, ungenügender Wohnverhältnisse und Infrastruktur beeinträchtigen das Wohl der Kinder und ihrer Familien erheblich. Alle Faktoren beziehungsweise ihre Auswirkungen gefährden den Start eines Roma-Kindes ins Leben. Sie zeigen, dass sozialstaatliche Programme kaum greifen.

Herausforderungen

Mangel an Fakten: Über die Roma-Bevölkerungsgruppen liegen keine gesicherten demografischen Daten in Bezug auf den Zugang und Besuch von Kindertageseinrichtungen vor, weil solche Daten in vielen Staaten nicht getrennt nach Ethnien erhoben werden. Viele Roma möchten nicht als solche erkannt werden, damit sie nicht diskriminiert werden. Daher sind viele Roma-Kinder ebenso „unsichtbar“ wie ihre Familien, was Hilfs- und Unterstützungsprogramme, die sich auf ihre speziellen Bedürfnisse beziehen, erschwert.

Diskriminierung und Rassentrennung:Beide Erfahrungen stellen die schwierigsten Hürden für Roma-Kinder und ihren Familien dar, die versuchen, einen Platz in der Kindertagesbetreuung in Anspruch zu nehmen. Trotz vieler Bemühungen mancher Länder, die Situation zu verbessern, zeigen Statusberichte immer wieder, dass Roma mit ernsten Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert sind, die ihre Chancen mindern, ihre Lebenssituationen selbst zu verbessern. Häufig leben sie in abgeschiedenen Gemeinschaften in Vororten oder auf dem Land, wo es gar keine Einrichtungen gibt.[3]

Wenn vorhanden, nicht zugänglich:Selbst wo Kindertageseinrichtungen vorhanden sind, können Roma-Kinder und ihre Familie nicht leicht auf sie zugreifen, denn die Sprachbarriere existiert immer noch. Sie sprechen ihre Sprache – Romani oder Rromani ?hib und nicht die Sprache der jeweiligen Mehrheit, die sie brauchen, um bürokratische Prozesse zu bewältigen: Personalpapiere beantragen, Gesundheitschecks  absolvieren und anderes. Für die verletzlichsten Gruppen der Gesellschaft sind dies ernste Hindernisse – von alltäglichen Diskriminierungen ganz zu schweigen.

Wenn zugänglich, nicht bezahlbar:Viele Roma-Familien melden ihre Kinder nicht in Vorschulen an, weil sie die erforderlichen Materialien – vor allem die Elternbeiträge für Schul- oder „ordentliche“ Kleidung – nicht bezahlen können. Je mehr Kinder zu einer Familie gehören, desto schwieriger dieses Unterfangen. Roma-Eltern sorgen für ihre Kinder, indem sie sie nicht den schlechten Erfahrungen der Diskriminierung aufgrund ihres mangelnden materiellen Hintergrundes aussetzen.

Wenn zugänglich, nicht nützlich:Roma-Eltern sind häufig arbeitslos. Wenn nicht, arbeiten sie als Tagelöhner oder Geringverdiener zu ungünstigen Zeiten. Kindertageseinrichtungen sind darauf meist nicht eingerichtet und werden deshalb nicht als hilfreich eingeschätzt, sondern als unpassend für die Bemühungen um Bildung und Betreuung.

Wenn erreichbar, nicht umfassend:Roma-Familien und -Gemeinschaften sehen sich komplexen Problemen hinsichtlich Gesundheit, Arbeit, Wohnbedingungen, Armut, Rassentrennung und Diskriminierung gegenüber. Alles ist eng miteinander verwoben; man kann die Probleme nicht einzeln lösen, allenfalls vorübergehend. Aktuelle Studien[4]  belegen aber, dass ganzheitliche Lösungen fruchten und Kinder Angebote frühkindlicher Bildung und Betreuung besuchen können. Dafür ist es erforderlich, die Gemeinschaften in die Entscheidungen auf lokaler Ebene einzubeziehen und den Aufbau wie den Betrieb von Einrichtungen mit entsprechend ausgebildetem Personal zu unterstützen. Gute Erfahrungen in Ländern, in denen Roma-Mütter als Erziehungsassistenten einbezogen wurden (Serbien) oder Mitglieder der Roma-Gemeinschaft als Mediatoren wirken (Rumänien), zeigen, dass frühkindliche Bildung in diesem Feld möglich ist. Was genau gebraucht wird, muss vor Ort entschieden werden, denn der Bedarf ist nicht über all gleich. In der Folge entwickeln sich die Kindertageseinrichtungen unterschiedlich, doch unglücklicherweise sind sie häufig nicht mehr bereit, mit Roma-Kindern und ihre Familien zu arbeiten.

Mihaela Ionescu ist Programmdirektorin bei der International Step by Step Association (ISSA).

Kontakt: mionescu@issa.nl

Anmerkungen

[1] Bennett, J.: ECEC for children from disadvantaged backgrounds: findings from a European literature review and two case studies. EC-DGEAC, Brussels 2012

[2] European Union Agency for Fundamental Rights, UNDP. 2012. The situation of Roma in 11 EU Member States. Für weitere Informationen: http://fra.europa.eu/de/theme/roma

[3] Bennett, J.: Roma Early Childhood Inclusion – Overview Report. OSF-UNICEF-REF, Budapest 2011

[4] Roma Education Fund: Mainstreaming the Access of Disadvantaged Children to Quality Early Childhood Education and Care – A Good Start’s Implementation Model. 2013 

Diesen Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem neuen Heft von Kinder und Europa, einer Beilage der Zeitschrift Betrifft Kinder übernommen.

 

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