Einblick in die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit
Die Waldorfpädagogik versteht sich als geistige Bewegung und antwortet auf aktuelle Herausforderungen. Sie orientiert sich an der Wirklichkeit des Lebens und erkennt die Erziehungsfrage als soziale Frage die eine tief begründete Bewusstseinsbildung der pädagogischen Fachkraft und dem individuellen Kind seinen Lebensweg ermöglicht (Klein 2026).
Vorbemerkungen
Der Waldorferzieherin und Therapeutin Gabriele Scholz, ehemalige Leiterin des integrativen Kindergartens der Camphill-Schulgemeinschaft Föhrenbühl am Bodensee, (ermöglichen Studierenden und pädagogischen Fachkräften kindgerecht auf aktuelle Herausforderungen zu antworten, auf die der Kindheitspädagoge Armin Krenz und die Erzieherin Miriam Schultz hinweisen:
- Krenz kommt bei seinen Seminaren und Teamentwicklungsbegleitungen zu Ergebnissen, die für Studium und Praxis bedeutsam sind. Er thematisiert professionelle Verhaltensmerkmale: Die junge Generation, die heute stark und intensiv mit dem Medium „Smartphone und dem Phänomen der „Influencer“ aufwächst, ist besonders „technologieaffin, selbstbezogen, fordernd und erwartungsorientiert […]. Andererseits zeichnen sie sich aber auch im Vergleich mit früheren Generationen durch verstärktes Umweltbewusstsein sowie einer gesundheitsbewussten Einstellung aus.“ (Krenz 2025a, S. 5)
- Darüber hinaus ist der „Hilfeschrei einer Erzieherin“ [2], der stellvertretend für andere steht, zu beachten: Miriam Schultz aus Putzbrunn (Landkreis München) ist seit 18 Jahren Erzieherin. Sie schrieb einen Brief an Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf: „Heute erlebe ich keinen Kindergartentag mehr, sondern versuche ihn zu überleben“. Sie beobachtet, dass mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen den Beruf wegen der Arbeitsbedingungen wechseln. In ihrem Umfeld kennt sie zehn Personen, die den Beruf erlernt haben, „aber wegen der Arbeitsbedingungen nun etwas anderes machen“. Nach ihrer Wahrnehmung werden die Berufsanfänger nicht auf den Alltag vorbereitet. „In Fachakademien wird ihnen der Berufsalltag rorsarot erklärt; sie kommen mit falschen Erwartungen. Man müsste schon in der Ausbildung viel stärker auf die Alltagsprobleme eingehen. Wir haben kaum noch Kinder ohne Förderbedarf. […] Wir haben auch viel Migranten- und Flüchtlingskinder, die kaum Deutsch sprechen. […] und müssen sie zusätzlich beobachten und einen Fragebogen ausfüllen. Also wieder Formalitäten ohne Ende“. […] Die Erzieherin fordert eine Entlastung der Eltern; „auf ihnen liegt ein wahnsinniger Druck. […] Auch der Medienkonsum der Kinder ist eine Katastrophe. Sie können sich nicht lange konzentrieren, haben eine niedrige Frustrationstoleranz und keine Phantasie mehr.“
Zur Darstellung ist anzumerken: Das organische Ganze der Waldorfpädagogik kann nicht gleichzeitig in Sprache gefasst werden, sondern nur in einem verzweigten und wechselseitig sich ergänzenden Nacheinander. Das macht es nötig, bisweilen eine Stelle mehrmals zu berühren. Es geht um eine Systematik die der Bewusstseinsbildung dient.
Bleiben Sie, liebe Leserin und lieber Leser, meinen Worten gegenüber kritisch und folgen Sie Ihrem persönlichen Weg. Mit dieser Haltung zu sich selbst, versuchen Sie meine Impulse aus Ihrer Arbeit heraus zu prüfen und nach Ihren Erkenntnissen zu gestalten und zu wandeln. Sie finden Denkanstöße, Anregungen und Hilfen, aber keine Handlungsanweisungen.
Rudolf Steiners lebensreformerische Impuls
Fundament der Waldorfpädagogik: Freiheit des Menschen
Der von Rudolf Steiner (1861-1925) durch langjährige Erfahrungen mit einem entwicklungsbeeinträchtigten Kind und durch die Gründung einer basisdemokratischen Einheitsschule („Einheitliche Volks- und Höhere Schule“) geht es um eine friedliche Begegnungskultur. Steiners Reformpädagogik war lange Zeit in der Öffentlichkeit unbekannt und wurde als „pädagogische Provinz in einer heilen Welt“ apostrophiert. Doch die Krise der staatlichen Bildung führte zum Ruf nach einer humanen Bildungseinrichtung. Besorgte Eltern entdeckten die Waldorfpädagogik, die durch die nationalistische Diktatur zerstört wurde.
Nach 1945 entstehen zahlreiche waldorfpädagogische Kindergärten, Schulen und Hochschulen, bei denen auch die Erfahrungen der Katastrophe der Humanität als motivierende Kraft eingehen.
Das Fundament der Waldorfpädagogik ist die Freiheit des Menschen. Nach Steiners Überzeugung fühlt sich jeder Mensch aus seinem ursprünglichen Wesen heraus aufgerufen das Gute (Göttliche) zu tun. Dadurch können Mensch und Welt „durchchristet“ werden. Diese Idee nimmt die waldorfpädagogische Fachkraft in die Verantwortung: Ihr situationsgerechtes Handeln muss dort ansetzen, wo der Kampf um Menschlichkeit stattfindet: Im selbstverantworteten Handeln für den Nächsten (Glöckler 2002).
In diesem Handeln zeigt sich Steiners Menschenbild, das den Nihilisten die sich gegen die unantastbare Würde des Menschen richten, antwortet. Ihr Verhalten erzeugt bei vielen Menschen Angst, die zu Vertrauensverlust, Misstrauen, Distanz, Abgrenzung oder Rückzug führen. Gerade jetzt braucht die pädagogische Fachkraft Empathie, Vertrauen und Lebensfreude. Das heben Studien der Bertelsmann-Stiftung zur frühkindlichen Bildung hervor: Politik und Gesellschafft stehen einem unterschätzten Problem gegenüber, das weitereichende Folgen hat. Notwendig ist eine grundsätzliche Reform die Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte nachhaltig unterstützt.
Eine weltweite Bewegung
Einrichtungen, die im Titel „Waldorf“ oder „Rudolf Steiner“ tragen, gleich ob Schule, Kindergarten, pädagogische oder therapeutische Bildungsstätte, sind auf der ganzen Welt zu finden. Steiners Pädagogik ist zu einer weltweiten Bewegung in Kindergärten, Heimen, Schulen und Hochschulen geworden. Was sind die Gründe für ihre wachsende Popularität?
- Die Erziehungseinrichtungen bilden die Kinder vielseitig, achten gleichgewichtig die kognitiven, musisch-künstlerischen, handwerklich-praktischen Lebens- und Lernbereiche. Gerade diese lebensreformerischen Impulse entfalten eine eindrucksvolle interkulturelle und inklusive Wirkung.
- Das Fundament der Waldorfpädagogik ist die Anthroposophie, wörtlich aus dem Griechischen, die „Weisheit des Menschen“. Ihr geht es um einen am Menschen orientierten geistreichen (spirituellen) Weg des Erkennens, aus dem keine klar definierten und gültigen Methoden für das Handeln abgeleitet werden können.
- Steiner achtet das ganzheitlichen Denken, das Philosophie und Pädagogik, Kunst und Religion, Theorieund Praxis als Einheit sieht. Der Zugang zu diesem ganzheitlichen und vernetzen Denken fordert heraus. Seine weltanschaulichen Einsichten gewann Steiner aus einem intensiven Studium der naturwissenschaftlichen Schriften des Universalgelehrten und Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Für Goethe ist die Welt nichts Festes und Gewordenes, sondern etwas, das in der Entwicklung ist und sich wandelt. Der Gedanke der Metamorphose, also der Verwandlung oder Umgestaltung, ist für Steiner grundlegend.
- Besuche in waldorfpädagogischen Einrichtungen lassen aufhorchen: In diesen Gemeinschaften wird Inklusion gelebt, über die andere reden und ihre Theorien aufbauen. Der Besucher spürt die Qualität der Beziehung, das vorbehaltlose Achten und Anerkennen der Individualität in der Begegnung von Mensch zu Mensch. Er erlebt die Sprache des Geistes: „Wir finden Lebensformen, die nicht für jemanden, sondern gemeinsam geschaffen werden, eingebunden in den Rhythmus der Zeit, verwoben in sinnvoller Arbeit, künstlerischem Tun und einer hohen Ethik für das Lebendige.“ (Fragner 2020, S. 1)
- Von dieser Beziehungsqualität und Achtung des individuellen Menschen spricht Josef Fragner, Vater eines Kindes mit schwerer Behinderung, Professor für Sonderpädagogik, Chefredakteur der Fachzeitschrift „MENSCHEN. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten“. Fragner schreibt dem „guten Pädagogen“ ins Stammbuch: „Für Eltern ist ihr Kind nicht ein wahrnehmungsgestörtes, verhaltensgestörtes, aggressives, sprachloses oder defizitäres Wesen. Für Eltern besteht ihr Kind nicht aus typischen Syndromen. Für uns Eltern ist ihr behindertes Kind unser Kind. Ein Kind, das uns anlächelt, ein Kind, das uns Freude bereitet, ein Kind mit leuchtenden Augen, ein Kind mit seidigen Haaren. Ein Kind, das wir versuchen, in seiner positiven Entwicklung zu sehen.“(Fragner 1989, S. 232)
- Das Kind will in einem achtsam gestalteten Sozialraum seine Individualität und biografischen Impulse entfalten. In diesem Raum der Begegnung kann es sein Denken, Fühlen und Wollen als grundlegende Äußerungen seines seelisch-geistigen Leben in einem nie abschließbaren Prozess entwickeln.
- Die Waldorfpädagogik vertritt einen ethischen Individualismus, dessen Fundament die Lehre der Anthroposophie ist. In seinem Grundlagenwerk „Die Philosophie der Freiheit“ (1995) stellt Steiner dem zersplitterten Schubladen-Denken ein Denken gegenüber, das Philosophie und Pädagogik, Kunst und Religion, Wissenschaft und Praxis als Ganzheit sieht. Die kontrovers diskutierte Krise der staatlichen Erziehung steigert das Interesse an der Waldorfpädagogik, die sich am Prinzip der Ganzheit und des Entwicklungsgedankens orientiert. Die Leistungen der Waldorfschüler und ihre beruflichen Wege sind beachtlich.
Historische Begründung der Bildungsreform
Steiner wollte durch das Prinzip des Geistigen, das in der Welt und im Menschen wirkt, eine menschenwürdigere Gesellschaft mitgestalten. Er strebte Bildungseinrichtungen an, die von staatlichen, parteipolitischen und wirtschaftlichen Verwertungsinteressen unabhängig sind und in denen sich ein „freies Geistesleben“ entwickeln kann. Der von ihm begründeten Anthroposophie geht es um ein vorurteilsfreies und mitfühlendes Denken, das im Bewusstsein des Menschen verankert ist, Gefühle des Hasses und der Lieblosigkeit nicht kennt. Dieser Humanismus strebt nach wahrer Menschlichkeit und antwortet den großen Herausforderungen durch das Böse.
Es geht nicht um ein Aufnehmen des Denkens anderer Menschen, sondern es entsteht durch eigenes Tun zusammen mit anderen Menschen im staatlichen Gemeinwesen. Hier lernen Menschen mit- und voneinander aus ihren eigenen lebendigen Kräften heraus in einem vom Staat unabhängigen Bildungswesen, das sich an der Idee des Bildungsreformers, Gelehrten, Schriftstellers und Staatsmanns Wilhelm von Humboldt (1767-1835) orientiert, der eine Neuorganisation des Bildungswesens im Geist des Neuhumanismus initiierte. Das ermöglicht nach dem Rechtswissenschaftler Dietrich Spitta das Verstehen der „Ehrfurcht für die Individualität selbständiger Wesen aus der die tiefste Achtung für die innere Würde des Menschen.“ (Spitta 2006, S. 87)
Der Staat hat den pädagogischen Fachkräften die größtmögliche Freiheit zu gewähren, damit sich diese „durch ihr freies Zusammenwirken im geistigen und wirtschaftlichen Leben wahrhaft menschlich bilden und entwickeln können.“ (Spitta 2006, S. 80)
Steiner orientiert sich an Humboldts Pädagogik, die eine umfassende und harmonische Entwicklung aller im Menschen veranlagten Kräfte ermöglicht. Es geht nicht nur um die Entwicklung der intellektuellen Kräfte, um das Ansammeln eines aneinandergereihten Wissens, sondern um ein freudiges Gestalten aus der Tiefe des Geistes heraus. Humboldt spricht von Gemüts- und Willensbildung durch eine künstlerisch gestaltete Erziehung, die Steiner „Erziehungskunst“ nennt. Dem liegt ein Menschbild zugrunde, das ein Denken in Freiheit ermöglicht. Um das anzustreben hat Steiner die „Freie Hochschule für Geisteswissenschaften“ am Goetheanum in Dornach (Schweiz) gegründet. Ihr folgten nach dem 2. Weltkrieg (08. Mai 1945) weitere Gründungen Freier Hochschulen, z. B. die staatlich anerkannte private Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität mit zahlreichen Studiengängen.
Ganzheitliche Praxis
Das Kind als Subjekt verstehen
In Zeiten einer ständig zunehmend didaktisierten und funktional gestalteten Elementarpädagogik ist eine kindzentrierte, humanistisch orientierte Entwicklungsbegleitung geboten. Es geht um eine ganzheitlich gestaltete Praxis
- die das sich entwickelnde Kind als Subjekt im Erziehungs- und Bildungsprozess und
- die pädagogische Fachkraft als reflektierende, lernfreudige, selbstkritische, selbstmotivierende und auch als veränderungswillige Beziehungsperson für das Kind
versteht.
Mit dem Kind im „inneren Dialog“ sein
Das individuelle Kind stellt der waldorfpädagogischen Fachkraft die Frage: Wie kann ich es mit wacher Aufmerksamkeit begleiten und beobachten, damit es sich aus seinen veranlagten Kräften heraus entwickelt. Gefragt ist der „inneren Dialog mit dem Kind“ (Grimm 2004, S. 81), der die erzieherische Wirklichkeit im Hier und Jetzt achtet.
Dieser Dialog bietet dem Eilen und der Beschleunigung die Stirn, erfordert die notwendigen „Entschleunigung des Kita-Alltags“ (Krenz 2025b, S. 29 ff.) und ermöglicht eine Haltung zu lernen, die der leiblich-seelisch-geistigen Entwicklung des Kindes dient. Das setzt eine intensive Selbsterziehung voraus.
Die waldorfpädagogische Fachkraft versteht sich als Lernende
Diese Selbsterziehung besteht darin das Gefühl nie gegen ein Kind zu richten, wenn es den Wünschen der pädagogischen Fachkraft nicht entspricht. Sie hat sich vielmehr die Frage zu stellen, ob dies nicht die Folge ihres Handelns ist. Deshalb sollten die Fachkraft immer Lernende sein, sich selbst erziehen und darauf achten für die Erziehung die günstigste Umgebung schaffen, damit das Kind sich so erzieht, wie es sich durch sein „inneres Schicksal selbst erzieht“. Dieses geisteswissenschaftliche Denken und Handeln ist besonders für Kinder mit Entwicklungsproblemen geboten. Das ethisch begründete feinfühlende Handeln enthält ein Zukunftspotential, das noch lange nicht ausgeschöpft als „ein fortwährender lebendiger Zusammenhang“ zu achten ist. (Steiner, zit. n. Göschel/Grimm 2024, S. 312)
Die erkenntnisfreudige pädagogische Fachkraft fragt: Wie lässt sich die Beziehung so gestalten, dass sie für das Kind hilfreich ist und es zu einer gelingenden und selbstwirksamen Beziehung kommt, die tief in die Welt des Geistes reicht, nicht abschließbar ist und immer wieder neue Fragen stellt. Diese „geisteswissenschaftliche Erkenntnis“ ist nach dem Philosophen und Pädagogen Otto Friedrich Bollnow (1903-1991) „niemals von existenziellen Entscheidungen zu trennen“ (Bollnow 1949, S. 82). Hier enthüllt sich die Wahrheit in der Erprobung und Bewährung im wirklichen Leben, die Raum für Möglichkeit freilegt, der es nicht mehr um objektive Erkenntnis geht, sondern um ein Verstehen aus mitmenschlicher Verbundenheit.
Gefragt ist ein eigenverantwortliches Denken aus der Praxis heraus, das eine lebendigen Bewusstseinsbildung ermöglicht. Hier verbindet sich das Denken mit dem Wollen und Empfinden, das angesichts der automatisierten digitalen Verknüpfung von Gedanken geboten ist, denn es entstehen in dieser unpersönlichen technisierten Welt keine lebendigen Zusammenhänge von Gedanken, die mit dem eigenen Fühlen und Wollen verbunden sind. Auf dieses innere Bemühen der pädagogischen Fachkraft „wird das Kind – vielleicht unerwartet und überraschend - auf seine Weise antworten.“ (Grimm 2004, S. 82)
„Jede Erziehung ist Selbsterziehung“
Nach Steiners Menschenkunde ist das Leben eines Kindes Ausdruck des Guten in der Welt. Es ging ihm um eine bewusst und menschengerecht gestaltete Erziehung von Anfang an. Hier tut sich eine ungewohnte und doch im Menschen von Anfang an veranlagte Welt des Denkens, Fühlens und Wollens auf, die eine neue Sicht auf die Erziehung öffnete: „Jede Erziehung ist Selbsterziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes. Wir müssen die günstigste Umgebung abgeben, damit an uns das Kind sich so erzieht, wie es sich durch sein inneres Schicksal erziehen muss“ (zit. n. Strehlow/Howard 2020, S. 268). Diesen Gedanken hat Steiner in zahlreichen Vorträgen und Schriften unter philosophischen und anthropologischen Aspekten und mit bestimmten Begriffen erörtert, die sich im Grunde nur jenen voll erschließen, die sich mit ihnen in einem längeren Studium ausführlich auseinandersetzen.
Waldorfpädagogischen Praxis im frühen Alter
Vorbemerkung
Nach Steiners Menschenkunde steht das Kind in den ersten Lebensjahren in einer engeren Beziehung zur geistigen Welt als später. Deshalb betrachtet die Waldorfpädagogik das Kind als Bote einer höheren Welt, in dessen Phantasie und schöpferischem Tätigsein sich eine geistige Botschaft zeigt (offenbart).
Der Grundgedanke für die Erziehung im Kindergarten ergibt sich aus der Natur des Kindes, das in den ersten sieben Jahren mit der höheren geistigen Welt eng verbunden lebt und seine Sinne entfaltet will. Das Kind im „ersten Jahrsiebt“ ist ganz Sinnesorgan. Mit den Sinnen ergreift es auf seine ganz persönliche Art und Weise seine umgebende Welt, die ihm durch viele Gelegenheiten das sinnliche Erfassen ermöglicht. Dieser Aufgabe hat sich die waldorfpädagogische Fachkraft als nachahmenswertes Vorbild würdig zu erweisen und zugleich hat sie den Kindern ein reichhaltiges Angebot an Tätigkeiten zu machen, die ihre Sinne kultivieren und ihren Willen schulen.
Die Fachkraft sieht das Kind nicht als einen noch unvollkommenen Menschen, sondern als ein Wesen, das der geistigen Welt näher ist als der Erwachsene. Sie hat es ehrfürchtig zu begleiten und vier Grundgedanken über Nachahmung, Rhythmus, religiöse Erziehung/Märchen und Spiel zu beachten.
Nachahmung
Im „ersten Jahrsiebt“ entfaltet das Kind seine Sinne durch nachahmendes Lernen, was den Erwachsene zum Vorbild-Sein für das Kind auffordert: Das, was die Fachkraft tut und wie sie es tun, soll für das Kind vorbildlich und nachahmenswert sein. Sie lebt in der Bildungseinrichtung wie in einer Familie als Lebensgemeinschaft: Kinder und Fachkraft kochen und backen, waschen und bügeln, nähen und putzen.
Kinder können auch durch handwerkliche Tätigkeiten mit Hammer und kleinen Werkzeug oder mir Rechen und Schubkarren sinnliche Erfahrungen machen: im Miterleben und Nachvollziehen dieser elementaren und basalen Arbeiten, die sinnvoll auseinander hervorgehen, üben die Kinder Fähigkeiten und Fertigkeiten, die als Vorstufen für den späteren Erwerb des logischen und problemlösenden Denkens gesehen werden. Sie übernehmen Regeln und Gewohnheiten des zwischenmenschlichen Zusammenlebens und bilden ihre Kompetenzen.
Beispiel: Die gerade einjährige Susi sitzt auf dem Boden und schaut dem Erwachsenen zu, der Bausteine aufeinanderlegt. Nach und nach entsteht ein Turm. Aufmerksam schaut sie zu und taucht in den Ablauf der Bewegungen konzentriert ein. Bald greift sie nach einem Baustein und setzt ihn auf den bereits vorhandenen Turm.
Hier gibt der Erwachsene ganz ohne verbale Anweisung, allein durch sein Vorbild dem Kind Orientierung. Er kann durch sein Vorbild die Entfaltung der Individualität des Kindes anregen und seinen eigenen Weg in die Welt vorbereiten. In dieser Beziehungssituation begegnen sich das Ich des Erwachsenen und das Ich des Kindes und der Erwachsene erlebt sich in diesem Resonanzraum durch das Kind gespiegelt. Und das Kind erlebt sich durch diese nachahmende Tätigkeit in seiner menschenbildenden Ganzheit. Bald entwickelt es ganz nebenbei aus sich heraus koordinierte Bewegungen, eine liebevolle Haltung, sein Sprechen/seine Sprache, seine viso-motorische Koordination (Finger- und Handgeschicklichkeit), seine Grob- und Feinmotorik, Geschicklichkeit, sein Gedächtnis, das Unterscheiden und Zuordnen von Größen, Formen und Farben, das Zusammenzählen und Abstrahieren von Zusammenhängen. In dieser durch Nachahmung nach und nach entstehenden Begegnung von Ich zu Ich, vom Ich des Kindes zum Ich des Erwachsenen, erlebt es inneren Halt und Geborgenheit. Das Kind
- lernt so nebenbei (concomitant learning) sein Leben kennen,
- entdeckt seine vielfältigen Potenziale, Begabungen und Talente,
- entwickelt seine individuellen Lern- und Handlungswege und
- erfährt gleichzeitig eine erfüllte, glückliche Kindheit.
Rhythmus
Die Kunst des Erziehens achtet das rhythmische Prinzip. Rhythmen sind etwas Ursprüngliches, liegen dem körperlichen, seelischen und geistigen Leben zugrunde. Der Mensch ist mit den ihn umgebenden Rhythmen verbunden. Aus rhythmischer Lebensgestaltung schöpft er Kraft, Lebensfreude und Sicherheit. Das Kind ist in die es umgebenden Rhythmen eingebunden. Der zeitliche Ablauf folgt den kosmischen Rhythmen des Tages, der Wochen, der Monate und Jahreszeiten. Diese rhythmische Gestaltung ist eine tragende Säule der Arbeit im Waldorfkindergarten. Dabei spielen Rituale eine wichtige Rolle, die dem Kind wiederkehrende Erlebnisse in Worten, Gesten oder Handlungen ermöglichen. Sie bilden das Gedächtnis, die Willenskräfte und organische Strukturen aus. Rhythmus und Rituale schaffen eine kindgemäße Entwicklungsumgebung für eine phantasievolle und künstlerische Gestaltung des Resonanzraumes Kita (Müller 2020, S. 104).
Religiöse Erziehung/Märchen
„Wenn Du intelligente Kinder haben willst, lies ihnen Märchen vor. Wenn Du noch intelligentere Kinder willst, lies ihnen noch mehr Märchen vor“ (Albert Einstein; woxikon.de/kind/3661)
Für die anthroposophische Kinderärztin Michaela Glöckler braucht das Kind eine religiöse Qualität in der Erziehung, weil der sich entwickelnde Mensch nicht nur wissenschaftliche und künstlerische Neigungen hat, sondern auch religiöse. Religion wird als Verbindung mit dem Göttlichen, mit der geistigen Welt gesehen, nach der sich jeder Mensch sehnt. (Glöckler 2002)
Besonders die Märchen aus der Frühzeit der Menschheit, lassen die Kinder die Kräfte des Guten und Bösen ahnen, ebenso die Verzauberung und Wandlung. Märchen helfen den Kindern schwierig persönliche Lebenssituationen in Entwicklungschancen zu wandeln und können auch als „therapeutisches Angebot“ verstanden werden. Sie dürfen nicht in eine „verstaubte Ecke der Pädagogik“ gedrängt werden, denn Märchen thematisieren in bildhafter (symbolischer) Sprache Grundfragen des Lebens und Grundmotive menschlichen Handelns und sind ein fester Bestandteil des Menschseins, denn sie thematisieren zum Beispiel Freude und Trauer, Hoffnung, Eintracht und Zwietracht, Alleinsein und Gemeinschaft, Unsicherheit und Sicherheit, Mut und Mutlosigkeit, Hilfsbereitschaft und Selbstbezogenheit, Not und Wandlung von Nöten (Krenz 2020). Märchen sind ein unentbehrliches Bildungsgut, sie lösen auftauchende Probleme und vermitteln beim Zuhören ein hohes Maß an Sicherheit, stets wird am Ende das Gute belohnt und das Böse bestraft.
Ihre Symbolsprache wirkt wie eine Universalsprache der Menschheit, die in allen Kulturen verstanden wird. Diese Sprache wird als bedeutsame Quelle der Weisheit gesehen. Kinder haben ein ursprüngliches Bedürfnis nach dieser Quelle. In der „Märchenwelt“ ahnen und erleben sie die Inhalte, die sie nach ihren eigenen Phantasie reichen Vorstellungen spielerisch weiter ausgestalten und erschließen. Sie pflegen die „unaussprechliche Weisheit des Herzens“ und erleben Inklusion im menschheitsgeschichtlichen Zusammenhang. (Klein 2018, S. 183)
Märchen sprechen nicht nur den Verstand des Kindes an, sondern auch die Seele und wirken somit ganzheitlich. Sie bieten die Möglichkeit, „differenziert innere Prozesse anzuregen, die individuelle Problemlösungen aufzeigen.“ (Buning 2023, S. 69) Märchen ermöglichen den Umgang mit Lebensthemen und Menschenschicksalen.
Sie sind ein Spiegel dafür, wie Kinder ihre Probleme verarbeiten können. Im Märchen identifizieren sich die Kinder mit Personen und wünschen sich einen guten Ausgang. Hier greift das Märchen in die seelischen Schichten des Kindes ein, es aktiviert sein inneres Erleben und hält sein Denken und Fühlen in Bewegung. Märchen dürfen nicht zwischen Tür und Angel so nebenbei als Lückenbüßer herhalten, denn die Kinder wollen sich in Ruhe dem Inhalt zuwenden und in Gedanken verweilen. Um diesem Bedürfnis zu entsprechen ist zu beachten:
- Das Vorlesen soll in einer warmen, kuscheligen, gemütlichen Atmosphäre geschehen (wozu auch ein abgedunkelter Raum beitragen kann).
- Märchen wollen mit einer ruhigen, langsamen Sprache und einer wortgetreuen Wiedergabe vorgelesen werden.
- Selbstverständlich können Kinder auch während des Vorlesens Fragen stellen oder Anmerkungen (die allerdings unkommentiert bleiben sollen) vornehmen.
- Nach dem Vorlesen gibt es immer weiterführende Möglichkeiten, um sich fortsetzend mit dem Märchen zu beschäftigen (Gespräche über einzelne Situationen, Umsetzung in Rollenspiele, Mal -und Werkaktivitäten, Bewegungs- und Singspiele).
- Märchenbücher sollten möglichst keine Bilder beinhalten, um Kinder nicht in ihrer Phantasie einzuschränken und von ihren eigenen Bildvorstelllungen abzulenken.
- „Ritualisierte Abläufe sorgen zusätzlich für eine hohe Aufmerksamkeit. So wird das Märchenbuch aus der Schatztruhe geholt, nachdem die Kinder bis zu einer bestimmten Zeit gezählt haben und erst dann wird die Truhe geöffnet. Die Kinder suchen sich nun eine gemütliche Sitz-/Liegeposition aus und werden mit dem ‘Zauberstab‘ in die Welt der Märchen hineingeführt.“ (Krenz 2020, S. 11)
Spiel
- Im Spiel kann das Kind seine Phantasie entfalten (freies und künstlerisches Spiel mit natürlichen Materialen) und ebenso elementare Tätigkeiten der Erwachsenen nachahmen (Gartenpflege, Backen, Bauen, Handwerken). Alle Arten von maschinell gefertigtem technischem oder elektronischem Spielzeug werden vom Waldorfkindergarten ferngehalten, da sie die Phantasietätigkeit und damit zugleich die den Leib und die Sinne des Kindes aufbauenden Lebenskräfte lähmen. Im Freispiel hingegen erobert sich das Kind seine Welt.
- Das Kind ist im freien Spiel der Gestalter und Schöpfer seiner Welt. Die Kräfte, die im Spiel wirken, sind verwandt mit den gestaltenden, bildenden Kräften, die im Wachstum und der kindlichen Entwicklung wirksam werden. Mit einfachen und natürlichen Materialien, die im Haus und in der Natur zu finden und handhabbar sind, kann es forschend und phantasievoll umgehen und seinen sich entwickelnden Willen stärken. Es bildet Kreativität und freies Denken an diesen alltäglichen naturbelassenen und dadurch freilassenden Materialien aus.
- Schon im ersten Spielalter erkundet das kleine Kind das Spielmaterial mit allen Sinnen. Das Material wird betastet und ausprobiert, seine Eigenschaften und Funktionsweise werden erfahren. So kann das Kind etwas in den Teller hineinlegen und wieder ausleeren, es lernt den Teller hinzustellen, umzudrehen und hochzuheben und hört dabei die unterschiedlich entstehenden Geräusche.
- In der Waldorfkrippe findet es verschiedene Kletterelemente, die zum Bewegen, Hüpfen und Rutschen einladen, ebenso findet es Schemel und Bänke, mit denen es Züge und Autos bauen kann, in die es hineinschlüpfen und aus denen es herausschauen kann. An diesen einfach gehaltenen Materialien erlebt das Kind die Sinnhaftigkeit der Zusammenhänge in der Welt: es kann sie verstehen und lernt sie handhaben.
- Wenn das Kind in den Waldorfkindergarten kommt, erwacht in ihm die Seelenkraft der Phantasie, es lernt aus Vorstellungen heraus spielen: Die Materialien entwickeln ihr Eigenleben und das Kind lässt aus Tischen, Holzständern, Leitern und Brettern dunkle Höhlen, auch mehrstöckige Häuser, Fahrzeuge oder Schiffe entstehen. Auf einem Hocker entsteht der Herd, Puppenkinder werden auf dem Schemel gewickelt, gefüttert und im Arm gehalten. Bald kann es seine phantasiereiche Welt schon distanziert betrachten, wenn der gerade vierjährige Hans mit einem farbenprächtigen Tuch bekleidet und einer selbstgemachten Krone stolz verkündet „Ich bin der König und du bist meine Prinzessin“.
- Durch eigenschöpferisches Handeln wächst das Kind in die Welt hinein, lernt sich zu orientieren und zurechtzufinden. Es benötigt eine Umgebung, die ihm Sicherheit zum spontanen und kreativen Handeln und Denken gibt. In diesem Beziehungsraum kann es mit seiner Phantasie täglich neue Welten schaffen.
- Bei diesem schöpferischen Tun möchte es durch Aufforderungen von Erwachsenen nicht gestört werden. Auch vorgefertigte Spiele und Spiele, die es z. B. im Fernsehen erlebt und dann nach-spielt, verengen sein kreatives Spielen-wollen. Es fühlt hier weniger seine Fähigkeiten, nämlich frei und unabhängig seine Probleme zu lösen und den Spielgegenständen ihrer Umgebung einen Sinn zu verleihen. Seine situationsorientierte Variabilität geht dann nach und nach verloren. Es wurde nachgewiesen, dass Kita-Kinder, die ohne Bildschirm aufwachsen, sich viel besser selbst beschäftigen können als solche, die gelernt haben, wie man seine Langeweile bequem per Knopfdruck ausschaltet. (Näheres in Krenz 2025b, S. 85 ff.)
- Einfache, natürliche und unterschiedlich verwendbare Spielsachen, unterstützen und fördern ihre zukünftige Kernkompetenz der Kinder. Im Gegensatz zur vorgegebenen Geschichte in den Medien regt eine erzählte Geschichte dazu an, sich individuelle Bilder zu machen, die eigene Phantasie anzuregen und mit ihr die Faszination Spiel zu erleben. Das Freispiel sollte uns Erwachsenen heilig sein, denn in dieser „Lebensgrundform Spiel“ liegt die Quelle heilender und gesundmachende Kräfte (Klein 2018, S. 137): Das Kind erlebt Selbstwirksamkeit, Eigenaktivität, Freiheit, Selbstbestimmtheit und intrinsisch motiviertes Handeln. Hier verbindet es sich mit der Welt, was ein wichtiger Aspekt von Beteiligung und Partizipation ist.
Sich selbst gegenüber kritisch und wandlungsfähig sein
Beim Begegnen von Ich zu Ich wird die Perspektive des Kindes und die Perspektive der pädagogischen Fachkraft in einem wechselseitigen Prozess wahrgenommen. Hier entwickelt sich ein selbstreflexives und schöpferisches Nach- und Weiterdenken. Das ist keine Rückkehr zu einem vorwissenschaftlichen Denken. Vielmehr ist das Erfahrene der Ausgang für neugieriges Fragen und Suchen. Bei diesem intuitiven und kreativen Handeln, das durch Erfahrungen immer wieder korrigiert wird, relativieren sich theoretische Vor-Annahmen. Maßgebend ist eine innere Haltung der Achtung, der innere Dialog mit dem Kind: Anerkennung der Würde des einzelnen Kindes, die nicht an bestimmte Eigenschaften gebunden ist, sondern vielmehr an die Art und Weise wie dem Kind in der Beziehungssituation begegnet wird. Die Eigenschaften sind zweitrangig. Vorrangig ist das Begegnen von Ich zu Ich, bei der das eigene Sein in Freiheit und das Sein des Kindes in Freiheit aufrechterhalten bleiben.
Hier ist die pädagogische Fachkraft sich selbst gegenüber kritisch und wandlungsfähig. Diese Haltung wächst aus ihrer Tiefenstruktur heraus, die der Heil- und Sonderpädagoge Heinz Bach (1923-2013) so beschreibt (Bach 1968, S. 60 f.):
- „Erfülltheit: von der Aufgabe erfüllt sein, um die es jeweils geht.
- Zugewandtheit: mit dem individuellen Kind menschliches Zusammensein pflegen.
- Aufgeschlossenheit: das Kind ehrlich so annehmen, wie es ist.
- Bestimmtheit: klare und eindeutige Ordnungen und Regeln vorleben und vorgeben.
- Verlässlichkeit: zur gestellten Aufgabe stehen, ebenso zum Ankündigen und Versprechen.
- Zuversichtlichkeit: positive Erwartungshaltung und Ermutigung pflegen.
- Zufriedenheit: den erreichten Fortschritt, und sei er auch noch so klein, anerkennen.
- Lebendigkeit: Wandlungsfähigkeit von Kind zu Kind und von Situation zu Situation ist der Maßstab für die Echtheit der Haltung.“
Diese innere Haltung versteht Heinz Bach als seelisch-geistige Gesamteinstellung gegenüber dem Kind. Sie ist entscheidend für die Wirksamkeit des Handelns, auf das ich mit dem Begriff des handlungsbezogenen Handelns für den wissenschaftlichen Diskurs und für die Praxis in Kindertageseinrichtungen aufmerksam machte: „Die pädagogische Fachkraft prüft ihr Subjektsein in der intersubjektiven Beziehung, also in ihrer Beziehung zum Kind“ und verbessert dadurch die pädagogische Kompetenz. (Näheres in Klein 2024, S. 65 ff.)
Es geht der Waldorfpädagogik nicht um wohlklingende Fachbegriffe und vielversprechende Methoden. In der praktischen Arbeit ist eine feinfühlende Haltung mit unvoreingenommenem Blick auf das Kind bedeutsam: Diese Haltung dient der Selbstbildung (Selbstentwicklung, Selbstführung) des Kindes, das sich aus sich selbst heraus entwickeln will. Es sehnt sich nach Menschen, die ihm seelischen Halt geben und bei ihm positive Gefühle zur eigenen Selbstgestaltung auslösen.
Die pädagogische Fachkraft kann sich fragen:
- Kann ich das Kind wirklich frei lassen, damit es selbst entscheiden kann, was und womit es etwas tut?
- Sind die Materialien gut zu erreichen, sind sie so beschaffen, dass sie phantasievoll eingesetzt werden können und dem Kind ein vielseitiges sinnliches Erleben und Gestalten ermöglichen?
- Kann es in der Puppenstube auch mal ein wenig Wasser bekommen, weil es dies für sein Vorhaben unbedingt braucht?
- Lasse ich es bei seinem Handeln in Ruhe und vermeide Kommentare und Einmischungen?
Fazit: Erziehungskunst aus der Tiefe des Herzens pflegen
- Die Waldorferzieherin Gabriele Scholz pflegt eine Erziehungskunst, die aus der Tiefe des Herzens kommt, die Würde und Potenziale des individuellen Kindes achtet. Sie sieht das Gute im Kind, das für seine Entfaltung eine soziale Hülle, eine mit Liebe und Ehrfurcht begleitende Haltung erwartet. Intuitiv und mit Liebe erfülltem Bewusstsein erkennt sie wie die Arbeit in ihrem Kindergarten zu gestalten ist.
- Davon sprach Rudolf Steiner in Oxford am 19. August 1922 in seinem Vortrag „Die Kunst, ein Kind zu erziehen“: Dem Kind als Vorbild in der Grundstimmung der Dankbarkeit und Liebe in Ehrfurcht begegnen. [3] Hier fühlt sich das Kind im Hier und Jetzt im Bewusstsein der pädagogischen Fachkraft beheimatet, das abstrakten Theorien über das Erziehen die Stirn bietet.
Literaturhinweise
Bach, H. (1968): Geistigbehindertenpädagogik. Berlin, Marhold
Buning, A. (2023): Krisen und Konfliktverarbeitung im Märchen. In: MENSCHEN. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, 46 (2), S. 68-69.
Bollnow, O. F. (1949): Das Verstehen. Mainz, Kirchheim und Co
Fragner, J. (1989): Der gute Pädagoge aus der Sicht der Eltern. In: Bäuerle, S. (Hrsg.): Der gute Lehrer. Empfehlungen für den Umgang mit Schülern, Eltern und Kollegen. Stuttgart, Metzler, S. 230–244.
Fragner, J. (2020): Inklusive Sozialgestaltung. In: MENSCHEN. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, 43 (6), S. 1
Glöckler, M. (2002): Spirituelle Ethik. Situationsgerechtes, selbstverantwortetes Handeln. Dornach, Goetheanum
Grimm, R. (2004): Der innere Dialog mit dem Kind. In: Sautter, H./Stinkes, U./Trost, R. (Hrsg.): Beiträge zu einer Pädagogik der Achtung. Heidelberg, Universitätsverlag Winter, S. 77- 82.
Göschel, J./Grimm, R. (2024): „…. Ein fortwährender lebendiger Zusammenhang“. Beitrag zu Rudolf Steiners Heilpädagogischem Kurs. Dornach, Goetheanum
Klein, F. (2018): Inklusive Erziehung in Krippe, Kita und Grundschule. Heilpädagogische Grundlagen und praktische Tipps im Geiste Janusz Korczaks. München, BurckhardtHaus
Klein, F. (2024): Neue Herausforderungen der pädagogischen Fachkraft. Aus der Idee des Guten die Praxis in Kindertageseinrichtungen gestalten. Regensburg, Walhall.
Klein, F. (2026): Erziehung als soziale Frage. Impulse für das Heute: Rudolf Steiner und die Waldorfpädagogik. Regensburg, Walhalla
Krenz, A. (2020): Bildungsgut „Märchen“. In: KITAleiten – Spezial. Kulmbach, Mediengruppe Oberfranken, Ausgabe 4, S. 1-11
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Autor
Ferdinand Klein, Prof. Dr. phil. Dr. paed. et Prof. h. c., Erziehungswissenschaftler im Fachgebiet Heilpädagogik, arbeitete 20 Jahre als Erzieher, Heilpädagoge und Logotherapeut, lehrte und forschte an sechs Universitäten in Deutschland, Ungarn und der Slowakei im Geiste des polnischen Arztes und Reformpädagogen Janusz Korczak. Wie sein Lehrer Korczak lernt der Autor bis heute von Kindern:
- Das re-agierende Verhalten des Kindes zeigt ihm, wie Erziehung heute noch häufig ist.
- Das schöpferische Handeln des Kindes lehrt ihn, wie Erziehung sein soll.
[1] Das Bild zeigt eine Lebenshaltung: Die Erzieherin ist im inneren Dialog mit dem Kind, den andere Kinder mitfühlend begleiten. Dieses tief im Herzen begründete Denken können pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und Lehrende in Ausbildungsstätten mit Studierenden bewusst pflegen. Das impulsgebende Bild lädt zum gemeinsamen Reflektieren ein.
[2] Oberbayerisches Volksblatt vom 1./2.02. 2025, S. 3.
[3] Der Vortrag kann als Hörbuch erworben werden.

