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zwei U3 Kinder

Elternarbeit mit Adoptiveltern

Kerstin Blank-Bringmann

17.01.2012 Kommentare (0)

Adoptivkinder und ihre Eltern müssen besondere Herausforderungen in ihrem Zusammenleben und beim Übergang in eine Kita bewältigen. Unsere Autorin beschreibt, was Adoptiveltern vom Fachpersonal brauchen.

Irgendwann – meist schneller als man denkt – ist es soweit, dass man sein Kind einer Institution anvertraut, in der Hoffnung, dass es dort liebevoll unterstützt und auf seinem Lebensweg begleitet wird.

Leider ist es aber oft so, dass viele unserer Adoptivkinder in der jeweiligen Einrichtung die einzigen sind und wir Eltern natürlich ebenso behandelt werden wie die anderen Eltern. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen, aber man sollte schon bei der Auswahl der Einrichtung diverse Erwartungen an das Team stellen.

Ein "das ist hier mit allen Kindern immer so" ist für Adoptiveltern oft wenig hilfreich, da Adoptivkinder (insbesondere aus dem Ausland) manchmal schon so viele Erfahrungen hinter sich haben, dass "normale"/bewährte Erziehungsstrategien nicht wirklich greifen.

Einige Kinder integrieren sich problemlos, sind offen für Neues, den Erwachsenen gegenüber sehr aufgeschlossen und suchen auch körperliche Nähe. Natürlich schmeichelt diese Vertrautheit den neuen Bezugspersonen. Das Bewusstsein für Kinder die diese Nähe suchen, weil es bisher überlebenswichtig war, sich bei Erwachsenen beliebt zu machen, fehlt hier oft. Wer geht schon gerne auf Distanz bei einem so süßen („armen“…) Kind?

Ein anderes Beispiel sind Kinder die in ihrem jungen Leben schon Hunger und Todesangst erlebt haben. Ihnen ist jegliche Konsequenz, die auf "man isst nicht allen anderen Kindern heimlich das Frühstück weg" folgt, piepegal - schlimmer als das, was sie schon erlebt haben kann die Konsequenz nicht sein und das Ziel "ich werde satt" ist erreicht.

Mit Vernunft bekommt man das in den ersten Jahren auch nicht geregelt, diese Kinder brauchen z.B. IMMER die Gewissheit "ich darf mich satt essen" und dafür bedarf es dann manchmal sehr kreativer Regeln/Möglichkeiten/Ideen...

So kann es in verschiedenen Bereichen sein, deshalb braucht man ein pädagogisches Team, das wirklich offen sein kann für die besonderen Bedürfnisse von Adoptivkindern.

Man kann auch bei Abweichungen von den Gruppenregeln den anderen Kindern einiges erklären und es ist oft ein großes Verständnis da, wenn man sie einbezieht.

Am größten, aber deshalb leider auch am einschneidendsten sind die Unterschiede beim „Abschiedsweinen“. Treten Erzieher/innen hier bei Kindern mit normalem Urvertrauen für die Loslösung von der (meist selbst klammernden) Mutter ein, kann ein Gleichbehandeln bei Adoptivkindern zu Prozessen führen, die sich gegen die neue Mama richten. Ein verlassenes, in seinem Urvertrauen erschüttertes Kind erlebt bei gleicher Behandlung wie ein sicher gebundenes Kind das Verlassenwerden jeden Tag neu. Irgendwann wird es sicherlich auch nicht mehr weinen, aber nicht, weil es sich so toll integriert hat, sondern weil es mühsam gelernt hat, dass es auch bei Mama nichts bringt zu weinen. Wenn Mama das Kind verlassen möchte, ist es dem ebenso hilflos ausgeliefert, wie in seinen frühsten Erfahrungen. Hier zu sehen und anzuerkennen, dass das Weinen nicht wegen pädagogischen Geschicks, sondern aus Resignation aufhört, ist ein Schritt in eine Offenheit, den nicht jeder schafft.

Hinzu kommt noch, dass Adoptivkinder, die in „Massenpflege“ untergebracht waren, sich auch prima in eine Kindergruppe integrieren und super entwickeln. Natürlich! Da sie den größten Teil ihres Lebens nichts anderes gemacht haben, als in einer Kindergruppe klar zu kommen, fällt ihnen das auch leicht. Je unauffälliger ein Kind dabei in einer Gruppe ist, desto weniger lernt es aber, Beziehungen zu Erwachsenen zu differenzieren und echte Bindungen einzugehen.

Da größtenteils einfach mangelnde Erfahrung der pädagogischen Kräfte der Antrieb zum Handeln ist, müssen wir Adoptiveltern Offenheit für neue Wege einfordern dürfen. Dies kann nur geschehen in einer Einrichtung, in der Eltern als Fachleute für ihr Kind und nicht als „störendes Anhängsel“ angesehen werden.

Beim 1. Kind ist es manchmal schwieriger, diese Stärke zu zeigen. Deshalb werden zu oft Situationen, die ein komisches Gefühl im Bauch hinterlassen, hingenommen. Man will ja eigentlich auch nur eine ganz normale Familie sein…

Ich wünsche allen Adoptiveltern, dass sie die Stärke haben, sich diesem „Normdruck“, der in Deutschland meiner Meinung nach ganz extrem ist, zu widersetzen. Auch wenn pädagogisches Personal „Fachkräfte“ sind, so sind doch wir Adoptiveltern für unsere Kinder in der Regel die geeigneteren, erfahreneren und fachlich geschulteren, kompetenteren „Kräfte“! Dies anzuerkennen bedarf einer gewissen Persönlichkeit und Stärke, aber es lohnt sich, nach solchen starken Persönlichkeiten bei der Betreuung unserer Kinder zu suchen. Wir geben unsere Kinder eine lange Zeit des Tages in andere Hände, da sollten sie in Händen sein, die sich ihnen und uns vertrauensvoll entgegenstrecken und öffnen!

Die Autorin:

Kerstin Blank-Bringmann ist Mutter von zwei Adoptivkindern und ausgebildete Erzieherin.

Quelle und weitere Informationen: http://www.adoptivsinn.de/Newsletter-06-10.226.0.html#c948

 

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