Studentin im Hörsaal

Entwicklung des Selbstwertgefühls und kindliches Lügen

Dr. Erika Butzmann

09.02.2022 | Fachbeitrag Kommentare (0)

Das Selbstwertgefühl ist eine zarte Pflanze, die Kinder mit aller Kraft zu schützen versuchen. Dazu gehört auch das kindliche Lügen. Dies ist den Kindern bis weit ins Grundschulalter hinein nicht bewusst. Wie sich das Selbstwertgefühl im Laufe der Kindheit entwickelt und welche Rolle das kindliche Lügen dabei spielt, soll im folgenden nachgezeichnet werden. Es wird sich dabei zeigen, dass die im Hintergrund verborgenen Zusammenhänge über das kindliche Bindungsbedürfnis und die Möglichkeit zur Entfaltung eigener Kräfte und Ideen sowie die Entwicklung des Denkens und Verstehens Erklärungen für das kindliche Lügen geben.

Die Grundlagen eines positiven Selbstwertgefühls

Das Selbstwertgefühl ist schon früh in der Entwicklung für das Baby spürbar, es hat jedoch noch kein Bewusstsein dafür. Es empfindet anfangs lediglich positive Gefühle bei eigenen Handlungen. So krabbelt zum Beispiel das neun Monate alte Baby einem rollenden Ball hinterher, hält inne und schaut zurück zur Mutter und erobert den Ball. Mit seiner Freude darüber und der wahrgenommenen Freude der Mutter spürt es das erste Aufkeimen des Selbstwertgefühls.

Wie alle Entwicklungsbereiche ist auch die Ausbildung des Selbstwertgefühls abhängig von einer sicheren Bindung an die Eltern. Prinzipell ruht das Selbstwertgefühl auf zwei starken Säulen, die zu Beginn zusammen wirken: die sichere Bindung und die Liebe der Eltern auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Erfahrung, dass eine geplante Aktion zum Erfolg geführt hat. Die Abhängigkeit in den ersten zwei bis drei Jahren ergibt sich daraus, dass das Kind nur mit dem Gefühl, von den Eltern geschützt und geliebt zu werden, die Umwelt intensiv erkunden kann. Dabei kommt es zu den Situationen, die ein starkes positives Gefühl beim Kind hervor rufen, wenn es etwas erreicht hat oder etwas Neues entdeckt. Die zuerst nur leichten Erinnerungsspuren an dieses positive Gefühl steuern das weitere Verhalten des Kindes, so dass es die Umwelt immer wieder neu erkunden will. Im Gehirn des Kindes bildet sich über die ständig inszenierten kleinen Erfolge das Belohnungszentrum mit dem Neurotransmitter Dopamin aus (Roth 2011, S. 324), das als Grundlage für ein positives Selbstwertgefühl betrachtet werden kann und das Lernen vorantreibt.

Das Selbstwertgefühl und die Wut bei Misserfolg

Führt eine geplante Handlung nicht zum Erfolg und bleiben die erwarteten positiven Empfindungen aus, wird das Kind von negativen Gefühlen überflutet. So sind bereits Babys sehr wütend, wenn sie ein anvisiertes Ziel nicht erreichen oder ein Spielzeug widerständig ist. Sehr stark und häufig kommen solche Reaktionen im Laufe des zweiten und dritten Lebensjahres vor, wenn die erste Stufe des Selbsterkennens erreicht ist und das Kind bewusster und gezielter handeln kann. Der genetisch gesteuerte Drang zum Selbstständigwerden beeinflusst jetzt das kindliche Verhalten. Wenn dem Kind dabei situativ etwas nicht gelingt, gerät es außer sich vor Wut und lässt sich absolut nicht helfen. Dann nutzt alle Liebe der Eltern nichts, das Kind kann ihre Hilfe nicht annehmen.

Im Zentrum dieser Wut steht das Selbstwertgefühl, das bei Misslingen einer Aktion in den Keller rutscht. So bleibt nur die Option, das Ganze noch einmal zu versuchen. Das Belohnungssystem im Gehirn des Kindes schüttet nach dem Misslingen beim zweiten Versuch besonders viel Dopamin aus (Roth 2015, S. 197); das Selbstwertgefühl kommt wieder zum Vorschein und wird ganz besonders gestärkt. Das Kind erlebt damit ein noch intensiveres Gefühl und ist motiviert, auch beim nächsten Misslingen es erneut zu versuchen. So entwickelt sich die sogenannte intrinsische Motivation, die das Selbstwertgefühl weiter trägt und zunehmend stabilisiert - und zwar ohne die Hilfe der Erwachsenen. Diese können den Prozess nur unterstützen durch Zeigen ihrer Freude über das Gelingen und angemessenes Loben bei Erfolg. Bei Misserfolg zu trösten und auf frühere Erfolgserlebnisse hinzuweisen, hilft dem Kind später, sich zu beruhigen.

Das Kind will alles richtig machen und stärkt damit unbewusst sein Selbstwertgefühl

Gegen Ende des vierten Lebensjahres erreicht das Kind die zweite Stufe des Selbsterkennens. Das bedeutet, es kann seine Aufmerksamkeit jetzt auf seine Gedanken und Gefühle lenken. Daraus resultiert der Vergleich mit den anderen, den es nun vermehrt provoziert. Was können die und was kann ich? Warum verhalten die sich anders als ich? Darüber versteht das Kind nach und nach auch die Gedanken und Gefühle der anderen. Die Regeln sind einigermaßen vertraut, auch wenn es diese manchmal noch vergisst. Es ist bestrebt, alles richtig zu machen und fordert ständig das Lob der Erwachsenen ein, denn es ist stolz auf seine Leistungen und sein Wissen. Das Kind provoziert damit die besondere Anerkennung der Erwachsenen in dieser neuen Phase des Selbsterkennens; denn es fühlt sich verunsichert durch die vielen neuen Erkenntnisse, die es in seine Welt einordnen muss.

Die unbewusste Veränderung der Realität

Doch nun kommt das Selbstwertgefühl des Kindes immer wieder in Kollision mit seinem Bestreben, alles richtig zu machen. Da das Regelverstehen noch nicht ganz stabil ist und Verbote auch mal missachtet werden, gelingt ihm die gute Absicht nicht immer. Es registriert seinen Fehler erst nach der verbotenen Aktion oder wird von den Erwachsenen darauf hingewiesen. Mit der Kritik rückt das Selbstwertgefühl in den Vordergrund. Das Kind gerät durch die Erkenntnis des falschen Handelns aus dem Gleichgewicht. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichts verändert es unbewusst die Realität und erzählt spontan eine Geschichte, in der es selbst keine Rolle spielt. Zu diesem Zeitpunkt kann es noch nicht unterscheiden zwischen absichtlicher Täuschung und Verzerrung der Wirklichkeit durch bloßes Wunschdenken (Piaget/Inhelder 1977, S. 93). Das Gebot der Wahrhaftigkeit ist ihm aus gleichem Grund nicht gegenwärtig, denn die Orientierung an der Wahrheit ist erst möglich, wenn die wechselseitige Beziehung zum anderen wahrgenommen wird (Piaget 1981a, S. 186). So kommt es, dass das Kind in der die Erwachsenen verblüffenden Weise ‚lügt‘. Mit gleicher Sicherheit kann es phantasievoll nach anderen Schuldigen suchen, denn der Synkretismus im Denken macht alles möglich: Die gegen das Kind sprechenden Beweise werden nicht zur Kenntnis genommen und die eigene Wahrnehmung wird für absolut gehalten. Erzählungen und Erinnerungen werden nach eigenen Wünschen und Phantasien ausgeschmückt, die zeitliche Reihenfolge von Ereignissen kann dabei verwechselt werden. Dabei ist dem Kind nicht bewusst, dass es in Wahrheit ganz anders war (Piaget 1981b, S. 226).

Unterschiedliches Verhalten der Kinder aufgrund des Temperaments

Das beschriebene Verhalten zeigen nicht alle Kinder. Es sind vornehmlich die, die ein außenorientiertes Temperament haben, schnell Wutanfälle bekommen und die mehr Zeit brauchen, um die Regeln zu verstehen. Dazu gehören viele der Jungen und ein Teil der Mädchen. Insgesamt ist bei zwanzig Prozent eines Jahrgangs das Verhalten auf Grund einer bestimmten Genvariante (Strüber, 2019, S. 275) sehr ausgeprägt.

Die Kinder, die keine Phantasiegeschichten brauchen, um ihr Selbstwertgefühl zu schützen, lügen selten und ‚petzen‘ eher. Sie haben eine gegenläufige Genvariante (Strüber, 2019, S. 274f), die ein weitgehend ängstliches und empfindsames Temperament verursacht. Sie zeigen bereits früh soziale Kompetenzen durch eine stärkere Gefühlsansteckung und Empathiefähigkeit und verfügen über eine höhere soziale Aufmerksamkeit. Solche Kinder halten sich schon früh an die Regeln und merken schnell, dass die Regeln sie selbst schützen; dann werden sie z.B. auch nicht von den anderen gehauen, wenn das verboten ist. Das kommt ihrem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis zugute. Sie sind in der Phase des Regellernens auf die Einhaltung der Regeln fixiert und sehen sofort, wenn ein anderes Kind dagegen verstößt. Dann ist es folgerichtig, diesen Regelverstoß bei den Erwachsenen zu melden, denn die haben die Regeln festgesetzt. Das Kind erwartet Lob für seine Aufmerksamkeit und versteht es absolut nicht, wenn es dafür kritisiert wird. Dann ist es beleidigt, weil die Kritik der Erwachsenen - neben der nicht erhaltenen Anerkennung -  sein Selbstwertgefühl verletzt.

Zur Entwicklung des Selbstwertgefühls gibt es bei diesen Kindern eine Besonderheit. Sie bekommen selten Wutanfälle, werden jedoch besonders wütend, wenn ihnen etwas nicht gelingt. Sie haben hohe Erwartungen an sich selbst und sind beim Misslingen einer Aktion sehr verzweifelt. Hier haben Erwachsene kaum eine Chance zu helfen. Sie können nach dem Wutanfall das Kind nur ermuntern, es erneut zu versuchen. Ansonsten müssen sich insbesondere die Eltern darauf einstellen, dass solche Wutanfälle auch noch im Schulalter vorkommen.

Lügen und Petzen als Schutzmaßnahmen für das Selbstwertgefühl

Das vermeintliche Lügen und Petzen ist in der Vorschulzeit dementsprechend völlig normal, denn es sind ausschließlich Schutzmaßnahmen für das Selbstwertgefühl des Kindes und sollten insofern auch nicht negativ bewertet werden. Solange das Kind den Sinn der Regeln nicht versteht und nicht einsichtsfähig ist, kann es sich nicht anders verhalten. Erfahren Kinder dadurch immer wieder Ablehnung durch Erziehungspersonen, verstärkt sich das Lügen und Petzen. Es ist auch nicht sinnvoll, sie ständig dazu anzuhalten, dies zu unterlassen, denn sie verstehen den Grund dafür nicht. Der Lernprozess findet trotzdem statt; zum einen durch die Weiterentwicklung des Denkens und sozialen Verstehens und zum anderen durch die Reaktionen der Gleichaltrigen. Denn die Kinder bezichtigen sich im Spiel gegenseitig häufig des Lügens oder Petzens, so dass das Thema für alle präsent bleibt. Das sollte auch nicht unterbunden werden, weil es den sozialen Lernprozess in den Spielsituationen unterstützt.

Die Fünf- und Sechsjährigen denken über ihr Verhalten nach

Erst bei den Fünfjährigen ist es hilfreich, diese auf die Unlogik in ihren Aussagen hinzuweisen, damit sie zum Nachdenken über ihr Verhalten kommen. Denn das ist ab jetzt eine der gedanklichen Hauptbeschäftigungen der Kinder, die das Wissen über sich selbst und die Umwelt vorantreiben. Zu Schulbeginn begreift das Kind, warum Lügen eine Regelverletzung ist. Der Sinn der Regeln ist ihm jetzt bewusst, weil es nun in der Lage sind, sich in die Perspektive des anderen hineinzuversetzen. Es wird ihm klar, dass Regeln für das Funktionieren einer Gruppe wichtig sind. Wenn dieses Verhalten bereits bei Vierjährigen zu beobachten ist, handelt es sich einerseits um die eher ängstlichen und empfindsamen Kinder, andererseits richten sich kleine Kinder in der Regel nach den Vorgaben der Erwachsenen, besonders in außerfamiliären Situationen. Sie verstehen jedoch den Sinn der Vorgaben noch nicht, so dass solches Wissen oberflächlich bleibt.

Das sechsjährige Kind bemüht sich verstärkt, Regeln einzuhalten. Am Anfang ist es davon überzeugt, dass sich jeder an die Regeln halten muss. Auf Höflichkeitslügen lässt es sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein (Quelle), denn es ist vorerst noch recht starr in seinem Regelverständnis.

Grundschüler verstehen langsam, was Lügen bedeutet

Zwischen sieben und acht Jahren differenziert sich das Verständnis von Lügen etwas aus. Eine Befragung von Schulkindern durch die Zeitschrift „Eltern“ zeigte, was diese über das Lügen denken. An den Antworten von drei Grundschulkindern wird klar, wie schwer es ihnen in dieser Zeit noch fällt, das Lügen richtig einzuordnen:

Ein 8jähriger Junge sagte: Wenn ich lüge, bekomme ich plötzlich arge Bauchschmerzen. Ein 9jähriges Mädchen antwortete: Ich lüge nie. Es passiert höchstens mal, wenn ich es nicht merke. Ein anderes 9jähriges Mädchen sagte: Ich bin total gegen Lügen, aber es geht oft nicht ohne Schummeln (Butzmann 2011, S. 62). Die argen Bauchschmerzen des Achtjährigen sind ein deutliches Zeichen für das aus dem Gleichgewicht geratene Selbstwertgefühl. Die Begründungen der beiden Mädchen zeigen, wie zwiespältig das Thema Lügen noch für sie ist.

Ab dem mittleren Grundschulalter verstehen die Kinder, dass Lügen eine Missachtung der anderen Person ist. Wenn sich das Selbstwertgefühl zu diesem Zeitpunkt gut entwickelt konnte, werden die Lügen weniger. Voraussetzung dafür sind tragfähige familiäre Beziehungen, die es dem Kind ermöglichen, Fehlverhalten ohne Angst vor Strafe zuzugeben. Die Lügen haben dann keine selbstwertstützende Funktion mehr, sondern die Kinder benutzen eher Höflichkeitslügen oder lügen, um einen Vorteil zu erreichen.

Wenn für ein Kind keine sicheren Bindungsbeziehungen möglich waren und sein Selbstwertgefühl sich nicht gut entwickeln konnte, hat es mit Schulbeginn viele Gründe zu lügen, um sein instabiles Selbstwertgefühl zu stützen. Die weiter entwickelte Intelligenz wird zunehmend genutzt, kluge Lügen zu erfinden, damit niemand merkt, dass das Kind lügt.

Die Weiterentwicklung des Selbstwertgefühls

Die weitere Entwicklung des Selbstwertgefühls wird vermehrt abhängig von den Erfahrungen des Kindes außerhalb der Familie. Die Anerkennung durch Freunde und Lehrpersonen rückt in den Vordergrund. Diese befördert beim Schulkind angemessenes Sozialverhalten und die Leistungsmotivation in gleichem Maße wie dies seine Familienbeziehungen bewirken.

Das Verhalten bei Misslingen einer Aktion wird weiterhin gezeigt, denn das Gelingen eines Plans hat immer noch den gleichen Stellenwert für das Selbstwertgefühl. Das bedeutet, das Kind wird zwar wütend, wenn etwas misslingt, ist jedoch zunehmend in der Lage, das Misslingen zu akzeptieren. Besonders in außerhäuslichen Situationen gelingt ihm das. Sein Selbstwertgefühl ist inzwischen stabil genug, um schlechte Erfahrungen mit sich und anderen auszuhalten.

Lügen und Selbstwertgefühl in der Pubertät

Während der Pubertät kommt das Selbstwertgefühl durch die körperlichen Veränderungen und den Umbau im Gehirn vorübergehend aus dem Gleichgewicht, erreicht danach jedoch eine hohe Stabilität. Voraussetzung dafür ist eine gute familiäre Einbindung, aus der die Loslösung von den Eltern ohne Verzerrungen möglich ist. Andererseits kann eine zu große Abhängigkeit von digitalen Medien wie z.B. Instagram das Selbstwertgefühl in dieser Zeit stark beschädigen.

Das Lügen bekommt noch einmal eine selbstwertstabilisierende Funktion und sollte von den Eltern nicht überbewertet werden. 

Literatur

Butzmann, Erika, 2011. Elternkompetenzen stärken. München: Reinhardt
Piaget, Jean, 1981a. Das moralische Urteil beim Kind. Frankfurt: Suhrkamp
Piaget, Jean, 1981b. Urteil und Denkprozess des Kindes. Frankfurt: Ullstein
Piaget, Jean und Bärbel Inhelder, 1977. Die Psychologie des Kindes. Frankfurt: Fischer
Roth, Gerhard, 2011. Bildung braucht Persönlichkeit. Stuttgart: Klett-Cotta.
Roth, Gerhard, 2015. Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Stuttgart: Klett-Cotta.
Strüber, Nicole, 2019. Risiko Kindheit. Stuttgart: Klett-Cotta
 
© Erika Butzmann, 08.02.22  (Erstveröffentlichung in abgeänderter Form unter www.fuerkinder.org )

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