ErzieherInnen-Alltag: Große Gruppen, ungeeignetes Mobiliar und kaum geregelte Pausen
Hannover. Den meisten Erzieherinnen bereitet ihre Arbeit Spaß. Der Hauptgrund: Sie identifizieren sich mit ihrem Beruf. Aber ihre Arbeitsbedingungen sind nicht die besten. Erzieherinnen sind großen Belastungen ausgesetzt und viele fürchten, das Rentenalter nicht gesund zu erreichen. Ein Problem für jede Erzieherin, das aber auch Konsequenzen für das gesamte Gefüge der frühkindlichen Bildung und Erziehung hat. Werden sich die Rahmenbedingungen in absehbarer Zeit verbessern? Das wollten wir von Norbert Hocke wissen. Er leitet den Vorstandsbereich Jugendhilfe und Sozialarbeit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Herr Hocke, kaum ein anderes Thema hat in den letzen Jahren die bildungspolitische Debatte so stark bestimmt wie die frühkindliche Bildung und Erziehung. Haben denn auch die, die maßgeblich an dieser Bildung mitwirken, davon profitiert? Kurz: Wie geht es den Erzieherinnen?
Norbert Hocke: Wir hatten vor zwei Jahren in unserer Untersuchung "Index gute Arbeit" unter anderem ein alarmierendes Ergebnis: Nur 13 Prozent der Erzieherinnen empfinden während beziehungsweise unmittelbar nach der Arbeit keine gesundheitlichen Beschwerden. Die häufigsten Symptome sind Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Nackenschmerzen und Erschöpfungszustände. Dieses Ergebnis ist deutlich schlechter als bei anderen Berufsgruppen. Ein zweites Resultat: Nur 26 Prozent der Befragten können sich vorstellen, unter Beibehaltung der aktuellen Arbeitsbedingungen gesund das Rentenalter zu erreichen. Auch hier eine deutliche Diskrepanz zu anderen Dienstleistungsberufen, in denen immerhin 54 Prozent davon ausgehen, dass sie gesund das Rentenalter erreichen. Diese beiden Aussagen sind schon ein alarmierender Hinweis darauf, dass wir in dem Bereich Erzieherinnen-Gesundheit eindeutig einen Nachholbedarf haben.
Wie sehen diese außergewöhnlichen Belastungen aus?
Norbert Hocke: Es ist eine Kombination aus verschiedenen Elementen und beginnt schon mit den täglichen Anforderungen von Seiten der Eltern, der vielen Kinder und der Dienststellenleitung, die auf die Erzieherinnen einwirken. Ein weiteres Element: die Arbeitsbedingungen, die immer noch zu großen Gruppen und die wenigen Rückzugsmöglichkeiten. Welche Kitas haben wirklich einen Raum für das Personal, wo es sich zurückziehen kann? Ein weiterer Punkt bei den Ganztagskräften: Wie sieht es mit Pausen aus? Haben sie die Möglichkeit, nach viereinhalb oder fünf Stunden wirklich einmal eine halbe Stunde Pause ohne Kinder und ohne Elterngespräche einzulegen? Und dazu kommt nach wie vor die Frage der Möbel, der Tische, der Stühle und das ständige Heben. Schließlich: Wer mit Kindern arbeitet, wird sich häufiger mit Infektionskrankheiten anstecken, als dies in anderen Berufen der Fall ist. Und wenn die Arbeitsbelastungen hoch sind, ist das Ansteckungsrisiko noch höher, als wenn ich ausgeglichen und entsprechend ruhiger zur Arbeit komme.
Rückzugsmöglichkeiten, Pausenräume oder zugesicherte Pausen - das sind doch eigentlich alles Dinge, die tariflich geregelt sein müssten?
Norbert Hocke: Wir haben 2009 den Tarifvertrag "Betriebliche Gesundheitsförderung im sozialen und Erziehungsdienst" abgeschlossen, müssen aber leider feststellen, dass die individuellen Rechtsansprüche für die öffentlich Beschäftigten in den Kitas längst nicht alle eingehalten werden. Nach wie vor haben nicht alle Kitas Pausenräume und die Pausen können nicht so genommen werden, dass sie ohne Kinder und ohne Eltern stattfinden. Das ist ja das große Problem in den Häusern, dass nicht genügend Personal da ist, damit sich die eine Hälfte zurückziehen und die Pause nehmen kann, während sich die anderen Kolleginnen um die Kinder kümmern. Der Personalschlüssel ist nach wie vor so, dass er eigentlich eine geregelte Pause nicht vorsieht.
Das bedeutet in der Konsequenz?
Norbert Hocke: Bei der nächsten Tarifrunde 2014/15 muss überprüft werden, wie sich der Tarifvertrag Gesundheitsförderung ausgewirkt hat. In vielen Einrichtungen müssen bauliche Veränderungen vorgenommen werden, damit es überhaupt Räume für das Personal gibt. Ein entscheidender Faktor ist außerdem die Gruppengröße: Sie muss verringert werden. Das würde dazu führen, dass der Lärm in den Gruppen abnimmt. Wir brauchen einen besseren Personalschlüssel, damit z. B. eine gezielte Sprachbegleitung stattfinden kann; damit individueller auf einzelne Kinder und deren Bedürfnisse eingegangen werden kann. Wir brauchen mehr Personal, um auch mal Gruppen teilen zu können - dass zum Beispiel ein Teil einen Ausflug unternimmt. Leider müssen wir aber feststellen, dass wir in dieser Frage nicht vorangekommen sind. Hier muss dringend etwas verändert werden. Wir müssen uns in den nächsten Jahren intensiv mit den Rahmenbedingungen beschäftigen. Und das Älterwerden im Beruf stellt uns vor neue Herausforderungen, die bisher überhaupt noch nicht angegangen werden.
Das Interview führte das Redaktionsbüro Diehl, Osnabrück.
Quelle: didacta-hannover.de

