mehrere Kinder

Erzieherinnen - Eine Frage des Alters?

Petrra Weiser

14.07.2011 Kommentare (0)

Den folgenden Artikel übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem neuen Heft von Welt des Kindes.

Lebensläufe von Erzieherinnen sind so vielfältig wie das Berufsbild. In unserer Serie wollen wir Ihnen unterschiedliche Erzieherinnen vorstellen, zeigen, wie sie leben und arbeiten, was sie bewegt. Im Fokus dieser Ausgabe steht das Älterwerden im Beruf. Ein Bericht von Petra Weiser.

Selbstverständlich lässt sich Ingrid Micheler, 57 Jahre alt, auch heute noch auf Veränderungen in ihrem Job als Kindergartenleiterin ein. Aber dass sie nach der Abschaffung des „Stuhlkreises“ nicht mehr vom Bodenkissen hochkam, das ist eine Frage des Alters – genauer gesagt des in die Erzieherinnenjahre gekommenen Rückens. „Meine eigene Lust auf Veränderung hat mir geholfen, erweiterte Öffnungszeiten, Bildungsplan, Qualitätshandbuch und so weiter motiviert umzusetzen. Aber je älter ich werde, umso dringender suche ich die Balance zwischen: ›Ich will modern sein, will nicht so alt rüberkommen‹ und ›Ich will nicht auf meine Erfahrungen und über die Jahre gewonnen Überzeugungen verzichten‹.“

Ein Balanceakt unter vielen, die Erzieherinnen im Laufe ihres Arbeitslebens individuell meistern müssen. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit, pädagogischen Ideen und gesellschaftlichen Anforderungen suchen sie akrobatisch das Gleichgewicht im vielschichtigen Alltag. Noch nicht erforscht ist, ob das neben den kleinen Stühlchen nicht auch Grund für die typischen Rückenschmerzen von Erzieherinnen sein könnte. Professor Bernd Rudow, der sich seit Jahren und bereits in mehreren Studien mit der Gesundheit von Erzieherinnen beschäftigt hat, beschreibt die erhöhten psychischen Belastungen durch Stressfaktoren neben den Belastungen durch Lärm, ungünstige Möblierung und Infektionsgefahren.

Ist der Beruf der Erzieherin nicht geeignet, auch in zunehmendem Alter ausgeübt zu werden? Die hohe Fluktuation spricht ebenso dagegen wie die überdurchschnittlichen Fehlzeiten im Vergleich zu anderen Dienstleistungsberufen. Für die verwitwete Ingrid Micheler gibt es für die Jahre bis zur Rente keine Alternative: Das Risiko, eine von den momentan nur noch befristet angebotenen Stellen anzunehmen, kann sie nicht eingehen, und früher in Rente zu gehen, wäre für sie eine zu hohe finanzielle Einbuße. „Aber ich hoffe, ich kann mir meine positive Art erhalten. Ich schöpfe auch aus dem direkten Zusammensein mit den Kindern Kraft, weil sie einem so offen und vorbehaltlos begegnen. Das hat mir auch schon während schwieriger Phasen in meinem Leben geholfen. Aber leider reicht nun im Gegensatz zu früher das Wochenende nicht mehr aus, um mich zu regenerieren. Der Träger erwartet von älteren Kolleginnen das Gleiche wie von den jüngeren. Das Hamsterrädchen läuft und läuft, und Dinge, die eigentlich auch das Schöne in dem Beruf ausmachen, nämlich Vielfalt und Gleichzeitigkeit, brauchen so viel Kraft. Manchmal bin ich nur noch müde.“

Eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) aus dem Jahr 2008ergab: Nur 26 Prozent der Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen können sich vorstellen, gesund das Rentenalter zu erreichen. Im Jahr zuvor hatte die GEW-Studie „Wie geht’s im Job?“, an der sich über 2000 Erzieherinnen beteiligt hatten, deutlich gemacht, wie stark der Beruf gesundheitlich belastend ist. Der hohe Geräuschpegel steht an oberster Stelle, gefolgt von körperlichen Anstrengungen. Weitere berufsspezifische Belastungsfak-toren sind Zeitdruck, Komplexität und Umfang der Anforderungen. Zu den Folgen gehört auch chronische psychische Erschöpfung, wie das Burn-out-Syndrom. Mit Hilfe der letzten Tarifverhandlungen, in denen neben dem Verdienst auch der Arbeits- und Gesundheitsschutz in der öffentlichen Diskussion war, hat sich zum Teil einiges bewegt.

Für die 47-jährige Elisabeth Großsind es die Arbeitszeit und die Intensität, die die Arbeit im Laufe der Jahre anstrengend machen, auch wenn der Erzieherberuf nach wie vor ein Traumjob für sie ist. „Und der ständige Wechsel der Kolleginnen durch Praktika oder befristete Verträge zermürbt. Immer wieder muss man Regeln erklären, sich immer wieder neu auf Personen einstellen. Die Qualität der Arbeit von Praktikantinnen hat sich in den letzten Jahren bei gleichzeitigem Anstieg der Erwartungen nicht gerade verbessert. Wenn sich mit einer neuen Kollegin eine gute Zusammenarbeit entwickelt hat, geht sie auch schon wieder. Aber meine positive Arbeitseinstellung hat sich über die Jahre eigentlich kaum verändert.“

Dass der Beruf trotzdem durch seine großen Freiräume vielfältige Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung bietet, dass gerade die längere Berufsausübung durch den Zuwachs an Erfahrung und Sicherheit ein Gewinn für alle Beteiligten sein kann, wird bei allen Interviews deutlich. Ob bei anderen Berufen trotz psychischer und körperlicher Belastungen so viel Freude und persönliche Einsatzbereitschaft auch noch in den späten Berufsjahren rüberkommt, würde ich bezweifeln.

Ganz deutlich wird im Lauf der Gespräche: Das Älterwerden im Beruf bringt nicht nur Probleme mit sich, es ist auch ein Gewinn an neuen Kompetenzen. „Ich nehme Kritik an, aber deute sie im Gegensatz zu früher nichtmehr persönlich. Ich kann jetzt im Team gelassen auf Unstimmigkei-ten eingehen, Eltern besser verstehen. Außerdem hält das für den Beruf typische ständige Reflektieren jung und beweglich“, sagt Marlene Reinhardt, diebis zur Rente noch zwei JahreKita-Arbeit vor sich hat. Sinnvoll ist deshalb, vom Leistungswandel statt von einem Leistungsabbau zu sprechen: Bestimmte Fähigkeiten bauen sich im Alter ab, können aber durch andere ausgeglichen werden. Der demografische Wandel bringt es mit sich, dass sich auch das Bild vom Alter in der Öffentlichkeit wandelt - von einem altersfeindlichen zu einem differenzierten und positiven Altersbild. In der Werbung,die den zahlungskräftigen Teil der Rentner für sich entdeckt hat,werden ältere Menschen jetzt aktiv, clever, cool und sportlich dargestellt. Was irgendwie auch wieder unter Druck setzt …

Als pädagogische Fachkraft in die Jahre zu kommen, hat insbesondere für Frauen mehrere Dimensionen – und das ist in dem Beruf die überwiegende Mehrheit. Weibliche Werte und Reize wie Schönheit und Attraktivität, die in unserer Gesellschaft immer noch mit Jugendlichkeit assoziiert sind, werden umso mehr zum Thema innerer Auseinandersetzung, weil Erzieherinnen berufsbedingt mit vielen Frauen in den Vergleich treten: mit meist jüngeren Kolleginnen und Müttern. „Während die jungen Kolleginnen sich in der Disco treffen, in Facebook neue Freunde suchen und noch mit der Ablösung von den eigenen Eltern beschäftigt sind, quälen wir uns bei der Krankengymnastik und werden durch die Wechseljahre gebeutelt, bei manchen Kolleginnen kommt noch die Pflege der eigenen Eltern hinzu.“

Wenn die Verschiedenheit – persönlich und fachlich – auf der Basis relevanter Gemeinsamkei-ten stattfinden kann, wird ein altersgemischtes Team als Bereicherung für alle Beteiligten erlebt. Das Verständnis für die Lebenssituation und Arbeitsweise des jeweils anderen kann helfen, individuelle Stärken zielfördernd einzusetzen.

Ein „alternsgerechtes Arbeiten“ in der Kindertagesein-richtung könnte beispielsweise unterstützt werden durch Selbst- und Unternehmens-Checks in Form von Fragebögen, die das Personal selbst wie auch den Träger einbeziehen – wie im gleichnamigen Modellprojekt von „Technik und Leben e. V.“in Zusammenarbeit mit der Technologieberatungsstelle des DGB Nordrheinwestfalen . So können für eine gesunde Kita auch für die Mitarbeiterinnen Problembereiche erkannt und notwendige Handlungsfelder bearbeitet werden.

Entsprechend dem Motto „Ein gutes Altern beginnt in der Jugend“ wurden die befragtenErzieherinnen im Lauf des Interviewsauch um Tipps für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen gebeten: „Was kann manin jüngeren Jahren tun, um im Beruf Erzieheringut und kraftvoll alt zu werden?“ Hier die Antworten:

  • Die Gesamtatmosphäre in einem Team kann einen durch schwierige Zeiten tragen: Deshalb die Teampflege nicht unterschätzen!
  • Regelmäßig gute Fortbildungen besuchen und über Supervision eingefahrene Strukturen überprüfen!
  • „Nein“ sagen, bevor man am Limit ist. Wichtiges Werkzeug: Zeitmanagement!
  • Sich nicht im Jammern verlieren, sondern berufspoli-tisch aktiv werden!
  • Von Anfang an auf die eigene Gesundheit achten: Präventiv denken lernen (auch für sich selbst!).
  • Loslassen: Es geht auch malohne mich!

Die Autorin: Petra Weiser, Dipl.-Pädagogin, Referentin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg.

Zitat von Aristophanes (um 445-385 v.Chr.): „Genau wie ich einen jungen Menschen gutheiße, in dem eine Spur von Alter ist, billige ich einen alten Menschen, der das Aroma der Jugend hat. Wer sich bemüht, Jugend und Alter zu vermischen, wird wohl körperlich altern, aber nie geistig.“

Anmerkungen

Die Namen sind von der Autorin geändert worden. Herzlichen Dank den Erzieherinnen, die bereit waren, über ihr Heute und Gestern nachzudenken und uns auf die Spuren ihres Berufslebens mitgenommen haben!

Quellen

www.demobib.de

Technologieberatungsstelle beim DGB in NRW e.V. (Hrsg):Alternsgerechtes Arbeiten in Kindertagesstätten.Handlungshilfe für Träger, LeiterInnen, MitarbeiterInnen und Interessenvertretungen; Heft Nr. 72, 06/2009; Reihe: Arbeit, Gesundheit, Umwelt, Technik

Ratgeber Betriebliche Gesundheitsförderung im Sozial- und Erziehungsdienst; hrsg. vom GEW-Hauptvorstand; April 2010; zu bestellen unterjuhi@gew.de

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