ErzieherIn.de
Erzieher hält Kind an der Hand

Es gab keine Chance hellhörig zu werden? Gedanken zum gewaltsamen Tod eines Kitakindes in Viersen

Angelika Mauel

16.06.2020 | Fachkommentar Kommentare (12)

Nach der ersten Nachricht über den Tod eines Kitakindes aus der Viersener Einrichtung „Steinkreis“ werden sich ErzieherInnen die Frage gestellt haben, ob das Mädchen laut geweint oder geschrien hat. Wir kennen so viele Nuancen... War sie schnell still, so dass niemand mehr einen Anlass gesehen hat, das zu tun, was wegen der Corona-Regeln und der Kinderbetreuung in Notgruppen vermieden werden soll: Eine Tabu-Zone betreten, mal eben in der Gruppe der Kollegin den Kopf zur Tür reinstecken. BerufsanfängerInnen lieben derartige Überraschungsbesuche meist nicht, aber sie haben Tradition. Mal wird Hilfe gebraucht, mal nicht.

Der Atemstillstand des Mädchens während seines Mittagsschlafs hatte nichts mit COVID 19 zu tun. Nach der notärztlichen Versorgung wurde sie im Viersener Krankenhaus künstlich beatmet. Am 29. April meldete ein Arzt des Viersener Krankenhauses der Polizei den Verdacht, dass eine Gewalttat an Greta vorliegen könnte. Ihre Einblutungen an den Lidern gelten als Anzeichen für gewaltsam herbeigeführten Sauerstoffmangel. Einen Tag nach ihrem Geburtstag, am 4. Mai verstarb Greta. Der Verdacht gegen Sandra M.: Heimtückischer Mord.

Am 20.4.2020 wurde Sandra M. dem Haftrichter vorgeführt, der Untersuchungshaft erließ. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen ferner davon aus, dass sie in einer Kita in Tönisvorst ein zweijähriges herzkrankes Mädchen in strafrechtlich relevanter Weise verletzt hat. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Misshandlung von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit Körperverletzung. Sollte eine Tötungsabsicht bestanden haben, wäre Sandra M. von einem Tötungsdelikt zurückgetreten, als sie Hilfe geholt und selbst reanimiert hat. - Assoziationen zu „Todesengeln“ in der Alten- und Krankenpflege und zu Feuerwehrmännern, die selbst Brände gelegt haben, tauchen auf.

Krefeld – Kempen – Tönisvorst – Viersen

Nach ihrem Anerkennungsjahr in Krefeld, wo es zu mehreren, allerdings nicht mit ihr in Zusammenhang gebrachten medizinischen Notfällen mit Atemproblemen gekommen ist, bekam die Berufspraktikantin ein bemerkenswert schlechtes Zeugnis. Lorenz Bahr, Leiter des Landesjugendamtes Rheinland schildert in der von Familienminister Joachim Stamp einberufenen Sondersitzung im Düsseldorfer Landtag Folgendes: Der Einrichtung sei „schnell klargeworden“, dass  Frau M. „nicht alleine mit Kindern sein kann“. Das örtliche Jungendamt riet sogar ausdrücklich davon ab, sie zum abschließenden Kolloquium zuzulassen. Das geschah dann trotzdem, und Sandra M. erhielt die Bescheinigung, als „staatlich anerkannte Erzieherin“ arbeiten zu dürfen.

Probleme erkannt – Gefahren gebannt?

Schon seit Jahren klagen ErzieherInnen unter sich und auch öffentlich darüber, dass sie mit KollegInnen arbeiten müssen, die überfordert oder überreizt sind. Oder noch viel zu unerfahren oder schon berufsmüde... „Ich könnte schon fünf Erzieherinnen nennen, die am besten nicht mehr im Beruf arbeiten würden“, hat mir eine Berufsanfängerin anvertraut. Eine Freundin rief mich regelmäßig vor dem Supervisionstermin an, vor dem ihr grauste. Sie litt darunter, weil eine noch junge Kollegin nicht mehr die Nerven für die Krippenkinder hatte. Nach einigen Monaten beschwerte sich eine Mutter darüber, dass sie mit eigenen Augen gesehen habe, wie jene Erzieherin ihr Kind geschüttelt habe. Meine Freundin hatte ihren freien Vormittag. „Das Team steht hinter Caro“ hieß es schon bei ihrer Rückkehr. Sie sagte nur „Ich war nicht da und kann dazu nichts sagen.“ Vom Supervisor war das „schwarze Schaf“ des Teams wiederholt aufgefordert worden,  „ihre privaten Querelen mit Frau X nicht auf die Arbeit zu übertragen“. - Es gab nur berufsbedingte Kontakte zwischen den beiden.  

Von wegen „Transparenz der Arbeit“

Konflikte unter KollegInnen werden auch mit externer Hilfe längst nicht immer gelöst. Werden „Lösungen“ forciert, hadern einige. Zu viele ErzieherInnen haben resigniert und denken „Es ändert sich ja doch nichts.“ Sie wissen um den bevorstehenden Rechtsanspruch auf Betreuung der Grundschüler. Sie wissen, dass  es zu wenig Fachlehrer gibt, um genügend qualifizierten Nachwuchs für den Erzieherberuf ausbilden zu können. Die Politik liebäugelt wieder mit verkürzten Ausbildungen... Das Berufspraktikum könnte für entbehrlich erklärt werden. Und fernab weniger Vorzeigekitas, wissen ErzieherInnen, was chronischer Personalmangel für die Kinder und ihre BetreuerInnen bedeutet. Der Druck, der auf ErzieherInnen lastet, es nicht zur Verkürzung der Betreuungszeiten oder gar zur Schließung von Gruppen kommen zu lassen, ist enorm. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn Kräfte behalten werden, die man wirklich nur notgedrungen eingestellt hat. Und ebenso werden ehemals bewährte Fachkräfte, wenn sie aufgrund eines Burnouts überfordert und überreizt sind, oftmals nicht entlassen. Wünsche nach einer Verkürzung der Arbeitszeit werden nicht selten vom Träger abgelehnt. Man drängt eher Teilzeitkräfte dazu, ihre Stundenzahl aufzustocken. Abmahnungen für Fehlverhalten der Erzieher gibt es kaum, nicht einmal Kritik wird geäußert. Als „Quittung“ könnte ja ein gelber (Kranken)Schein nach dem anderen auf dem Schreibtisch der Leitung landen.

Wie konnte Sandra M. nur immer wieder eingestellt werden?

Während des Berufspraktikums vom 1.8.2017 bis zum 31.7.2018 in Krefeld gab es die ersten Notarzteinsätze in der Kita. Ein Junge, der sich sprachlich nicht altersentsprechend artikulieren konnte, war mehrfach betroffen. Laut seiner Mutter hat er Angst vor einer Frau gehabt und ging seit dem Weggang von Sandra M. wieder gern den Kindergarten. Auch in Kempen wurde wiederholt ein Junge nach Problemen mit der Atmung mit dem Notarzt ins Krankenhaus gefahren. Sandra M. war während des Mittagsschlafs allein in seiner Nähe gewesen.  

Nachrichten über die Einstellungspraxis und die Eignung von Sandra M. wurden publik. Laut der Bürgermeisterin von Viersen „sei es normal, dass Arbeitszeugnisse nicht vorgelegt werden.“ 

In Bewerbungstrainings und Ratgebern wird jedoch etwas anderes vermittelt. Normal ist es ganz bestimmt nicht, dass sich ErzieherInnen ohne Arbeitszeugnisse um eine Stelle bewerben - und dann auch noch genommen werden! Um nicht einer Blenderin aufzusitzen, die besser reden als mit Kindern umgehen kann, sollte auf das Lesen von Beurteilungen aus der Praxis ebenso wenig verzichtet werden wie auf das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis.

Als ich mit Berufskolleginnen aus meinem nahen Umfeld gesprochen habe, wurde mir bestätigt, was ich selbst nie anders erlebt habe: Beurteilungen über die geleistete Arbeit im Anerkennungsjahr und/oder Arbeitszeugnisse werden üblicherweise immer noch eingereicht. Gerade in der Praxis werden Beurteilungen aus der Praxis erwartet. Und es kostet doch wirklich nicht viel Zeit, Geld und Mühe sich online mit allen üblicherweise verlangten Unterlagen zu bewerben.

Dass leider nur noch selten beim Abschluss des Vertrages das Zeigen der Originale oder beglaubigter Kopien verlangt wird, kann man angesichts des tragischen Todes eines Kindes als Mahnung ansehen, doch bitte vorsichtiger bei der Auswahl der BetreuerInnen zu sein. Erst recht, wenn es um die Betreuung von Kindern geht, die noch nicht sprechen können.

Anrufe beim Bistum Aachen und beim Erzbistum Köln ergaben, dass in Kitas unter katholischer  Trägerschaft sowohl Wert auf das pfarramtliche Zeugnis und selbstverständlich auch auf Arbeitszeugnisse gelegt wird. Leitungen wurden in der Vergangenheit angehalten, bei sehr guten und sehr kurzen Zeugnissen (nur eine Seite lang) gründlich nachzuhaken.

Wohlwollend und wahr

Wohlwollend und wahr müssen Zeugnisse sein. Die keineswegs grundlose Kritik von Waltraud Weegmann vom Kita-Verband an der unzureichenden Aussagekraft heutiger Arbeitszeugnisse, muss dazu führen, dass ab sofort bewusst auf alle Floskeln verzichtet und auf eine den Leistungen angemessene Beurteilung in Zeugnissen geachtet wird. Es darf nicht sein, dass unliebsame KollegInnen „weggelobt werden“. Auch ist es ein Versagen der Leitung, wenn sie es scheidenden Angestellten überlässt, sich selbst die allerbeste Beurteilung zu schreiben. Klare und ehrliche Worte müssen gefunden werden. Dass dies möglich ist, könnten etliche Arbeitszeugnisse zeigen. Leider führt die Arbeitsbelastung der Kita-Leitungen dazu, dass immer wieder von anderen formulierte Zeugnisse mit Floskeln des höchsten Lobes einfach unterschrieben werden.

Nach dem Tod Gretas wird uns hoffentlich bewusst, dass die uns in Aus- und Fortbildungen vermittelten wertschätzenden Gesprächstechniken nicht die Aufrichtigkeit in der Kommunikation fördern, sondern plakative Beschönigungen begünstigen. Diese „Wertschätzungspflicht“ wurde in den letzten Jahren noch befeuert durch diverseImage- und Heldenkampagnen zugunsten unseres Berufs. 

Auf welche Weise möchten wir uns bewerben? - Auf welche Weise sollten BewerberInnen ausgewählt werden?

Immer noch viele Bewerbungsgespräche finden mit nur einer Bewerberin statt. Dort, wo mehrere BewerberInnen in einer Reihe oder im Kreis sitzend zeitgleich ein Bewerbungsgespräch führen müssen, fühlen sich manche unwohl. Sie haben das Gefühl, sich besonders gut darstellen zu müssen  und schaffen es vor Lampenfieber nicht. Andere scheinen mit Starqualitäten zu glänzen... Auch kommt es immer wieder vor, dass BewerberInnen, denen ein Vertrag angeboten wird, schon anderweitig zugesagt haben. - Und dann wundern sich lange Jahre im Beruf tätige Fachkräfte, wie manche Neue es geschafft hat, eine Stelle zu ergattern.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt es. - Und eine Urkunde zum Bestehen des Berufspraktikums ist ohne Zugaben nicht viel mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt wurde. Deshalb sollten Erzieherinnen – gerade im Hinblick auf die Rechtfertigungstendenzen der Viersener Bürgermeistern Sabine Anemüller – fordern, dass die für die Einstellung von Erzieherinnen Verantwortlichen sich im Interesse des Kinderschutzes und der Qualität in Kitas wirklich die Zeit nehmen, Zeugnisse zu prüfen. Will oder kann jemand keine Zeugnisse vorlegen, muss gründlich nachgefragt und auf ein Einverständnis zur Rücksprache mit der Erzieherfachschule oder einem früheren Arbeitgeber gedrängt werden.  

Gewalt in unseren Krippen und Kitas?

Ein Mädchen aus der Tönisvorster Kita hat nach einer Betreuung durch Sandra M. später ihrem Vater gesagt, eine Erzieherin habe eine Hand fest auf ihren Bauch gedrückt. Tatsächlich wird wohl davon auszugehen sein, dass dem Kind eine Hand auf den Brustkorb gedrückt wurde. Von vielen Kleinkindern wird – egal was weh tut – der Bauch als Quelle von „Aua“ genannt. Auch wenn noch nicht alle dubiosen Vorkommnisse aufgeklärt werden konnten, besteht Anlass zur Vermutung, dass in den oben genannten Orten eine Serie von Verbrechen gegen das Leben und die körperliche Unversehrtheit von Kitakindern durch die ehemalige Erzieherin an ihren jeweiligen Arbeitsstätten stattgefunden hat. Falls KollegInnen verschiedener Einrichtungen sich untereinander über Sandra M. und über ein mulmiges Gefühl ausgetauscht haben sollten (so etwas ist denkbar), werden sie diesen Verstoß gegen den Datenschutz nicht ohne weiteres zugeben können. Aber wer hätte einer anderen Erzieherin zugetraut, dass sie Kindern die Luft nimmt...

Sieht Sandra M. nicht ein wenig aus wie die nette Praktikantin, die eigene Cousine, Schwester oder Freundin?

Bild präsentierte den Lesern ein Foto der Tatverdächtigen, auf dem sie nicht wirklich unkenntlich gemacht wurde. Ein schwarzer Balken auf einem unverpixelten Bild reicht nicht. Auf der Aufnahme, die sie als Tennisspielerin zeigt, lächelt sie. Bei ihrer Verhaftung soll sie geweint haben.  Dass die sich in U-Haft befindende mutmaßliche Täterin schweigt, ist ihr Recht. Im Netz wird sie als Monster bezeichnet. Tenniskollegen trauen ihr kein Verbrechen zu. Und während Sandra M. in der U-Haft nichts von sich hören lässt, steht die Frage im Raum, wodurch ihr Leben entscheidend beeinflusst wurde.

Ehrlich gesagt...wir könnten alle ehrlicher sein

Der Bürgermeister von Kempen behauptete „Es gab keine Chance hellhörig zu werden“ Doch es gab vier!!!! Fälle von Atemstillstand bei einem Jungen in der Kempener Kita. -  Wie kann er sicher gewesen sein, dass keine Chance ungenutzt verstrichen ist? Später hieß es „Die Stadt Kempen hat nach einem früheren Dementi nun doch noch eingeräumt, dass es vier Vorfälle in der Kita gab, in der die inzwischen unter Mordverdacht stehende Erzieherin gearbeitet hat.“ - Immer wegen des gleichen Jungen habe man nach einer verborgenen Krankheit gesucht. "Jedes Mal kam die Rückmeldung aus der Klinik, wir können nichts sagen, wir haben keine medizinischen Erkenntnisse, woher diese Atemnot stammt", erklärte Kempens Bürgermeister Rübo. Dass dieses Bekenntnis keineswegs „Fremdverschulden ausgeschlossen“ bedeutet, dürfte jedem „Verantwortlichen“ klar gewesen sein.

Schweigen um des Geldes willen?

Wer würde vielleicht gern ehrlich sein, wird jedoch üblicherweise zum Schweigen verpflichtet, wenn in der Kinderbetreuung etwas passiert ist, was nicht hätte passieren dürfen? - Die Erzieherinnen! Es geht schließlich nicht nur um die Wahrheit oder den „Ruf der Einrichtung“. Fragen der Haftung stehen an. Sie können sich auf erhebliche Geldsummen erstrecken.

Die routinemäßige Atemkontrolle?

Greta war das einzige Kind in der Notbetreuung und galt als gesundes Kind. Gab es in der integrativen Viersener Kita wirklich eine „routinemäßige Atemkontrolle“? „Nach der ersten Sachverhaltsschilderung hatte die Beschuldigte bei der routinemäßigen Atemkontrolle während des Mittagsschlafs festgestellt, dass das Kind nicht mehr atmete.“ In der Pressekonferenz schilderte Guido Roßkamp, Leiter der Mordkommission, was die Beschuldigte gegenüber der Polizei mitgeteilt hatte. Jede Viertelstunde will sie eine Atemkontrolle durchgeführt haben, indem sie ihr eine Hand auf die Brust gelegt und damit die Atmung kontrolliert hat. Nach zwei unauffälligen Atemkontrollen will sie um 14.45 Uhr keine Atmung mehr wahrgenommen haben.

Man stelle sich einmal vor, welche Unruhe es in den Schlafraum mehrerer Kinder bringen würde, wenn eine ErzieherIn in regelmäßigen Abständen kontrollieren würde ob jedes Kind auf die richtige Weise atmet! Ein fast unmerklich atmendes Kind könnte einen enormen Schreck bekommen, wenn ihm plötzlich eine Hand auf die Brust gelegt würde oder ihm wie in einem Detektivspiel ein Spiegel vor Mund und Nase gehalten würde. Allein schon das Umhergehen im Schlafraum kann Kinder dazu bringen, dass sie schleunigst aufstehen wollen. Ob Sandra M. die „routinemäßige Schlafkontrolle“ erwähnt hat, um ihre Fachkompetenz darzustellen? - Ihre Kolleginnen aus Viersen dürfen dazu vorerst nichts sagen. Und bei Eltern kann bundesweit aufgrund der medialen Berichterstattung der Eindruck entstehen, Erzieherinnen seien zu „routinemäßige Atemkontrollen“  verpflichtet und es gäbe ein Anrecht auf sie.

Krippen und Kitas waren schon immer auch Orte, an denen Gewalt erfahren wird.

Krippenkinder können so fest zubeißen oder an den Haaren reißen, dass „Opferkinder“ oder Fachkräfte den Schmerz intensiv spüren. Nächtliche Alpträume sorgen dafür, dass zahlreiche Kleinkinder nachts nicht mehr so entspannt aussehen, wie vor ihrer Aufnahme in ein „Kinderparadies“. Das Verarbeiten von Zusammenstößen mit anderen Kindern und die vielen kleinen Unfälle, bei denen Kinder umgeschubst oder von selbst ihr Gleichgewicht verloren haben, macht es für Eltern schwer, mitzubekommen ob es noch weitere Gründe für Ängste, Abneigungen und Alpträume gibt.   

„Zieh fester! Noch viiiel fester!!!“ kommandierte ein Junge in der Puppenecke einen anderen, nachdem er selbst einer Puppe einen gehäkelten gelben Strick um den Hals gelegt hat. ErzieherInnen werden immer wieder Zeugen dramatischer Szenen. Anstatt darüber etwas in die Akten zu schreiben, kümmern viele von uns sich lieber um ein Kind, dass sich nicht besonders liebenswürdig verhält, aber geliebt und verstanden werden will. Denn eins ist klar: Kinder möchten unbedingt geliebt und nicht erkennbar professionell beobachtet werden. „Guck nicht so doof!“ - „Ich stech´dir ein Auge aus!“

Werden Kinder gewalttätig und wollen Macht über Schwächere haben, steckt nicht selten eine nicht auszuhaltende Ohnmacht dahinter. Oftmals Eifersucht auf ein Baby...

Macht brauchst Du nur, wenn Du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe um es zu tun. Charlie Chaplin  

Nach dem Tod von Greta und anderen noch juristisch zu klärenden Vorfällen werden sich wieder mehr Eltern wünschen, dass Webcams in Kitas installiert werden. Die deutsche Kinderhilfe hält deren Einsatz für denkbar und fordert Kita-Überprüfungen durch externe Experten. Und wir dürfen uns fragen, ob mit „externen Experten“ ehemalige ErzieherInnen mit Berufserfahrung gemeint sind oder AkademikerInnen mit kurzer Praktikumserfahrung – und ob wir es sinnvoll finden, wenn die Kinder ausgerechnet an einem Ort, an dem ansonsten ihre Intimsphäre gewahrt werden soll, einer Kamera ausgesetzt sein sollen. ErzieherInnen, die nicht vor laufenden Kameras Lieder singen, Fingerspiele vorführen oder sich die Haare raufen wollen, sollten dazu stehen. Die technische Überwachung wird schneller kommen als uns lieb ist.

Die Forderungen nach den Konsequenzen

Wie nicht anders zu erwarten, fordert auch Viersens Bürgermeisterin Sabine Anemüller Konsequenzen. Sie plädiert dafür, neu über den Datenschutz nachzudenken und ihn zu lockern. Habe eine Erzieherin/ ein Erzieher ein psychisches Problem, müsse der Arbeitgeber das wissen. Darüber wird man im Betriebsrat anders denken. „Corona sei Dank“ werden derzeit schon an Fachkräfte Bögen verschickt, die entsprechende Fragen enthalten. ErzieherInnen werden von Trägern zum Amtsarzt geschickt und können dort nach einer Belehrung entscheiden, ob sie sich untersuchen und befragen lassen wollen oder nicht.

Profitiert unsere Gesellschaft nicht schon über viele Jahrzehnte im großen Stil vom weit verbreiteten Helfer-Syndrom der Angehörigen der sozialen Berufe? Was wäre wohl los, wenn alle ErzieherInnen mit Depressionen und psychisch bedingter chronischer Erschöpfung als berufsunfähig angesehen werden müssten? Und warum fordern ErzieherInnen eigentlich keine Konsequenzen für die „Verantwortlichen“, die Sandra M. eingestellt haben? Bis zum Frühjahr 2020 bekam Sandra M. mit der Bescheinigung über das Bestehen des Anerkennungsjahres in kürzester Zeit bei insgesamt vier Kita-Trägern eine Stelle. Zuletzt in Geldern. Nach Zeugnissen scheint nie jemand gefragt zu haben.  

BIG BROTHER – oder BIG SISTER is watching you?

Wie weit haben wir uns schon darauf eingelassen, andere „systematisch zu beobachten“ und selbst auf eine Weise beobachtet zu werden, die uns nicht behagt? Fachschüler erhalten die Aufgabe, jeweils ein so genanntes „Zielkind“ minutiös zu beobachten und alles Wahrgenommene ohne Bewertung niederzuschreiben. So genannte „Bezugskinder“ stehen besonders im Fokus der „BezugserzieherInnen“. Als ob es vor der Schaffung der merkwürdig unpersönlich klingenden Bezeichnungen keine besondere Zuwendung für die Jüngsten von den ErzieherInnen gegeben hätte! Nur der bildungsbürokratische Überbau stand nicht im Vordergrund. Anstatt mit Kindern „nur so“ zu basteln, hocken Fachkräfte heute ziemlich lange in „Hexenschusshaltung“ mit den Kindern an kindgerechtem Mobiliar. Es wird an „Ich-Büchern“und Bildungsdokus gearbeitet. Und zur Krönung der vielen neuen bürokratischen Pflichten gibt es noch diese Zertifizierungen und Rezertifizierungen mit vielen, vielen Fragen. 1789! – das ist schon eine hohe Hausnummer... Jede Menge den ErzieherInnen aufgebürdete bürokratische Einträge. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb? - wird immer wieder Wesentliches übersehen oder einfach ausgeblendet.  

Was wird eigentlich aus den Kindern, die wir betreut haben?

Diese Frage haben sich ErzieherInnen schon immer gestellt und sie werden es weiterhin tun. Es ist möglich, dass einige Kita-Kinder, die sich jetzt eifrig um die Einhaltung der Corona-Regeln bemühen, in ein paar Jahren Drogen nehmen oder rasant Auto fahren, obwohl Fotos belegen, wie entspannt und akkurat sie „Verkehrszeichenmandalas ausgemalt haben. Als Jugendliche werden vielleicht die stillen Kinder, die am besten alles mitgemacht haben, besonders gravierende psychische Probleme haben, sich ritzen oder auf andere Weise zeigen, dass sie nicht mit sich und der Welt zufrieden sind. Sandra M. soll sich 2019 selbst im Gesicht verletzt haben. Die Verletzungen, die sie ihrem Onkel gezeigt und was sie ihm über einen Überfall erzählt hat, veranlassten ihn, zur Polizei zu gehen. Eine Rechtsmedizinerin kam zu dem Schluss, dass eine psychisch auffällige junge Frau sich selbst verletzt hat. Ermittlungen wegen des Vortäuschens einer Straftat wurden wegen geringer Schuld eingestellt. Und eine gleichwohl erforderliche Meldung an das Landesjugendamt durch die Staatsanwaltschaft unterblieb. 

Lieber eine Meldung – oder eine Beschwerde - zu viel...

Wären Zeugnisse gelesen und Notarzteinsätze dem Jugendamt gemeldet worden, hätten schwerste Gewalttaten gegenüber Kindern verhindert werden können. Auch das Leben der ehemaligen Erzieherin hätte einen anderen Verlauf nehmen können. Hätte die Staatsanwältin – wie bei Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung selbstverständlich  – eine von ihr erwartete Meldung an das Landesjugendamt gemacht, hätte reagiert werden müssen. Doch es ist nachvollziehbar, wenn sie darauf vertraut hat, dass Sandra M. Kindern nicht schaden würde. „Junge Menschen stecken schon mal in der Krise,“ heißt es immer wieder. Oder der Gedanke taucht auf „Um als Erzieherin arbeiten zu können, muss sie ein Berufspraktikum geschafft, sich also gewissermaßen bewährt haben...“ Leider sind die Wartelisten von Psychotherapeuten lang und die Hemmschwelle, sich stationär in der Psychiatrie behandeln zu lassen, ist hoch. - Und die Hemmungen, auf die Einstellung einer wenig geeigneten Fachkraft zu verzichten, sind gering.

Politisch gewollt ist es, alles zu tun, um die stets hoch gehaltene Betreuungsplatzgarantie erfüllen zu können.

In Zukunft muss nach einem Beschluss des Düsseldorfer Landtags jeder Notarzteinsatz dem Landesjugendamt gemeldet werden. - Warum eigentlich erst so spät? ErzieherInnen müssen schon seit vielen Jahren für jedes aufgeklebte Pflaster einen Eintrag vornehmen. Manche von uns sind so korrekt dass sie sogar Einträge machen, wenn bloß zum Trost ein „Traumpferdchenpflaster“ oder ein anderes angesagtes Motiv aufgeklebt wurde. Vieles andere aber, was wichtiger wäre, wird von ErzieherInnen nicht dokumentiert.

Das Landesjugendamt hatte beklagt, dass es weder von den früheren Kitas noch von der Staatsanwaltschaft die üblichen Pflichtmeldungen erhalten habe. „Sämtliche Staatsanwaltschaften seien aber für die Mitteilungspflichten sensibilisiert worden,“ sagte Justizminister Biesenbach. „Das Land werde zudem auf eine Klarstellung der bundesgesetzlich geregelten Meldepflichten der Staatsanwaltschaften hinwirken.“

Und wer sensibilisiert diejenigen, die für die Einstellungen von Erzieherinnen verantwortlich sind? Es ist wichtig, dass Arbeitszeugnisse sinnvollerweise vor einem Bewerbungsgespräch, allerspätestens aber vor Vertragsabschluss gelesen werden.

"Gerade in Kitas herrscht oft eine Atmosphäre, in der kritische und klare Rückmeldungen eher selten gegeben werden, stattdessen bläst man lieber mit Wattebällchen", hat Waltraud Weegmann der Presse gegenüber gesagt.  - Das Zeugnis aber, dass von der Krefelder Kita für das Berufspraktikum von Sandra M. ausgestellt wurde, war weit davon entfernt, ein softes „Wattebällchen“ zu sein. Es hätte nur einmal gelesen werden müssen!   

Autoreninformationen:

Angelika Mauel, geboren 1960, hat in Bonn Jura studiert, 1993 - 1996 eine Teilzeitausbildung zur Erzieherin absolviert und ihr Berufspraktikum in einem emanzipatorischen Mädchentreff erfolgreich abgeschlossen. Anschließend arbeitete sie bis 2016 als Erzieherin auf Vertretungsbasis in verschiedenen Institutionen und Gruppenformen. Das Schreiben über den Alltag in Kindergärten wurde für sie zu einem besonderen Anliegen. Bald möchte sie wieder mehr für Kinder schreiben.  

Ihr Kinderroman "Nachrichten von Jakob" kann noch über das Internet bestellt werden. Fachbeiträge rund um die Kinderbetreuung finden interessierte Leser im Magazin "unerzogen", auf ErzieherIn.de und auf ihrer Website.

Ihre Meinung ist gefragt!

Diskutieren Sie über diesen Beitrag.

Kommentare (12)

Angelika Mauel 29 Juni 2020, 09:21

Hallo Annie,



das Gefühl der Trauer, verbunden mit Ohnmacht und Hilflosigkeit kenne ich. Für mich habe ich herausgefunden, dass es mein Weg ist, kühl, aber nicht kalt an die Probleme ranzugehen. Entmutigen lasse ich mich nicht so leicht. Ausdauer finde ich auch wichtig. Kühl sein zu können hat absolut nichts mit kalter Sachlichkeit und Emotionslosigkeit zu tun. Es ist einfach ein Zustand, der sich über längere Zeit besser aushalten lässt, als wenn man sich über jede Ungeheuerlichkeit fürchterlich aufregen würde.



Allerdings stoßen wir an Grenzen, wenn wir uns begründet über eine gewalttätige Kollegin beschweren und die Leitung nimmt unsere Schilderungen nicht ernst. Ein Tipp: Eine Berufskollegin oder als Auszubildende den Fachlehrer von der Schule mit ins Gespräch nehmen. Fachlehrer wissen oftmals nur zu gut, in welchen Einrichtungen welche Erzieherin Grenzen missachtet und nicht alle drücken sich vor der Verantwortung. Für mich ist die Leitung die erste Adresse, wenn es um Beschwerden geht und an "neutrale Stellen" glaube ich nicht. Pädagogen sind so oft untereinander befreundet, dass Klagen entgegen dem Datenschutz weitergegeben werden. Da kann man sich gleich direkt bei der zuständigen Leitung beschweren.



Und bloß nicht glauben, wenn einem entgegengehalten wird, man sei die Erste, die sich beschweren würde. Ein paar Rückfragen ergeben oft, dass es auch schon mündliche Beschwerden anderer Fachkräfte gab. "Mandy hat sich nie beschwert", heißt es. - Und warum hat sie gekündigt und arbeitet in einer anderen Einrichtung?



Freundliche Grüße



Angelika



Angelika Mauel 29 Juni 2020, 08:33

Liebe Frau Bräuer!



Danke für den Hinweis auf die „Reckahner Reflektionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“. Ich kannte sie noch gar nicht und werde sie in einem Fachforum für Erzieherinnen vorstellen. - Oder möchten Sie das übernehmen?

Selbstverständlich habe ich mir in der Praxis immer Gedanken darüber gemacht, was ich zulassen, wo ich Kinder gewähren lassen kann oder sogar muss und wo meine Einmischung durch Anregungen oder auch einmal unmissverständliche Kritik nötig ist.



Besonderen Dank für den treffenden Schlusssatz! - Das ist die Lösung! Was man leider in der Gesellschaft in allem Berufen antrifft: Es wird lamentiert und nur kritisiert, was andere, zum Beispiel die Politiker, hätten besser machen sollen. Das aber hilft weder den Kindern noch den Fachkräften in Kitas und anderen Institutionen weiter. Hoffentlich reift bald in vielen von uns die Erkenntnis, dass wir es niemals schaffen können, alle Erwartungen zur Zufriedenheit aller zu erfüllen. Arbeitgeber der Eltern und auch die Eltern selbst haben Interessen (Ob berechtigt oder nicht sei erst mal nicht bewertet), die nicht immer mit den GRUNDBEDÜRFNISSEN von Kindern vereinbar sind. - Wir haben sowohl das Recht als auch die Pflicht, darauf zu achten, dass die elementaren Bedürfnisse der Kinder erfüllbar sind und auch in unserer Obhut von uns erfüllt werden.



Ich gestatte mir einen Hinweis auf eine Form der Kinderbetreuung, zu der es niemals hätte kommen dürfen: http://www.kindergartenkritik.de/blog/erst-mal-einfach-anfangen Auch siebeneinhalb Jahre, nachdem ich den Bericht einer Fachlehrerin zur Kenntnis genommen habe, löst diese Misere bei mir Beklemmungen aus. Die Lehrerin hat mich schriftlich runtergeputzt, als ich sie gefragt habe, ob sie den Vorfall angezeigt hat. Sie wollte es nicht tun und hat mir auch nicht die Adresse der Einrichtung verraten. Es gelang mir auch nicht, Journalisten dazu zu bringen, in der Angelegenheit zu recherchieren.



Nach einigen ernüchternden Enttäuschungen durch Presse und Gewerkschaften tut es mir gut, zu spüren, dass es offensichtlich Erzieherinnen gibt, die wissen, worauf es ankommt und die sich nicht scheuen, Veränderungen zu bewiirken.

annie 26 Juni 2020, 21:56

Mich macht das alles so traurig wenn ich hier die Kommentare lese.

Es erinnert mich wieder an die vielen Situationen die ich miterlebt habe. Kolleginnen die nicht respektvoll mit Kindern umgehen,das war für mich oft physische Gewalt.

Ich war nicht die erste die mit der Leitung sprach,aber alles wurde runtergespielt.Sie ist eine langjährige Mitarbeiterin und verkauft sich nach außen gut.Ich war froh ,das ich die Möglichkeit bekam nicht mehr in Ihrer Gruppe arbeiten zu müssen.

Es gibt einige Kolleginnen von mir die das gleiche in Ihrer Einrichtung erleben.

Vielleicht ändert sich etwas nach dem "Fall" in Viersen.



Ich würde mir wünschen das jeder Träger eine neutrale Stelle einrichtet ,an die sich die Erzieher/in die diese Missstände erleben/beobachten wenden können.



Mira Bräuer 26 Juni 2020, 20:50

Liebe Frau Mauel,

ich kann mich den vorherigen Kommentaren nur anschließen. Es macht mich betroffen, traurig, wütend und enttäuscht, dass erst der Tod eines Mädchens die Gesellschaft aufhorchen lässt.

Ich arbeite nur bereits seit über 10 Jahren im Berufsfeld der Erzieherin und leite seit 5 Jahren eine Kindertagesstätte für Kinder von 0 bis 6 Jahren. In den letzten Jahren konnte ich die Entwicklung des Bildungswesens im Kitabereich mitverfolgen. So einige Dinge sind hier bereits gut gelungen, wie die Verbesserung des Erzieher-Kind-Schlüssels, die verbesserte Bezahlung und Anerkennung des Erzieherberufes.

Jedoch konnte ich sehr deutlich auch mit wachsendem Angebot und Nachfrage nach Betreuungsplätzen miterleben, wie durch den Versuch schnell mehr Fachkräfte aus dem Boden wachsen zu lassen das Können und die Eignung von Auszubildenden merklich gesunken ist. Ausgebildete Fachkräfte fehlt es an Basiswissen aber auch (was noch viel schlimmer ist) an Grundkompetenzen eines Erziehers wie Achtsamkeit, Empathie, Lernbereitschaft und die Fähigkeit zu beobachten, was ein Kind braucht und danach zu handeln.

Erschütternd ist, dass der Bedarf an Fachkräften so groß ist, dass einfach immer mehr ungeeignete Schüler durch die Ausbildung durchgeschleust werden und einen Job bekommen. Dies bedeute für die guten Fachkräfte im Alltag, dass sie fehlende Kompetenzen der KollegInnen auffangen müssen. Was dazu führt, dass immer mehr gute Fachkräfte an ihre Grenzen kommen. Nicht umsonst steigt es mehren Jahren die Statistik der Fachkräfte mit Burnout. Es gibt so einige Rohdiamanten bei den fertig Ausgebildeten, aber diese benötigen Anleitung und enge Begleitung. Ein Aufwand der nur durch Mehrstunden leistbar ist. Die Politik hat ihr viel zu lange geschlafen und jetzt ist das Gejammer groß!

- Eltern benötigen Betreuungsplätze und nehmen hierfür zum Teil große Abstriche in der Qualität der Betreuung ihrer Kinder hin.

- Träger spüren den Druck der Eltern und Wirtschaft und versuchen die Betreuungszeiten auf Biegen und Brechen aufrecht zu halten.

- Fachkräfte geben dem Druck von Trägern und Eltern nach, in dem sie sich aufopfern und über ihre persönlichen Grenzen gehen.

Die Alles führt dazu, dass die Kindeswohlgefährdung in Kitas steigt.

Wir benötigen Veränderung oder besser gesagt Verbesserungen an vielen Stellen. Unter anderem mehr Träger, die sich klar zum Wohle des Kindes positionieren und einen prüfenden Blick auf die Eignung der Bewerber werfen und Fachkräfte entlasten in dem sie die Öffnungszeiten an die Kapazitäten der Fachkräfte/ besetzen Stellenanteile anpassen. Auch ein gutes Anliegenmanagement ist hier wichtig. Nur wenn die Leitung und Fachkräfte mit ihren Sorgen und Anliegen gehört und ernstgenommen werden, können Belastungen und Gefährdungen entgegengewirkt werden. Ich bin froh einen Träger gefunden zu haben, der sich nicht scheut, sich von schlechten Fachkräften zu trennen und die Öffnungszeiten zum Wohle der Kinder an, die besetzen Stellen anzupassen.

Jedoch sehe ich auch klar alle Fachkräfte in der Verantwortung das Kindeswohl zu schützen / dem Kind zu einen „Wohlfühlzustand“ zu verhelfen.

Die „Reckahner Reflektionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ beschreiben hier ganz gut, welche Aufgabe und Verantwortung wir in unserem Alltag haben:

„Gute pädagogische Beziehungen bilden ein Fundament dafür, dass Leben, Lernen und demokratische Sozialisation gelingen. Die „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ enthalten 10 Leitlinien zur Stärkung der kinderrechtlichen Qualität pädagogischer Beziehungen. Sie wenden sich an pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte sowie an verantwortliche Erwachsene in allen Bereichen des Bildungswesens.

Leitlinien:

Was ethisch begründet ist:

1. Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt.

2. Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte hören Kindern und Jugendlichen zu.

3. Bei Rückmeldungen zum Lernen wird das Erreichte benannt. Auf dieser Basis werden neue Lernschritte und förderliche Unterstützung besprochen.

4. Bei Rückmeldungen zum Verhalten werden bereits gelingende Verhaltensweisen benannt. Schritte zur guten Weiterentwicklung werden vereinbart. Die dauerhafte Zugehörigkeit aller zur Gemeinschaft wird gestärkt.

5. Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte achten auf Interessen, Freuden, Bedürfnisse, Nöte, Schmerzen und Kummer von Kindern und Jugendlichen. Sie berücksichtigen ihre Belange und den subjektiven Sinn ihres Verhaltens.

6. Kinder und Jugendliche werden zu Selbstachtung und Anerkennung der Anderen angeleitet.

Was ethisch unzulässig ist:

1. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Kinder und Jugendliche diskriminierend, respektlos, demütigend, übergriffig oder unhöflich behandeln.

2. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Produkte und Leistungen von Kindern und Jugendlichen entwertend und entmutigend kommentieren.

3. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen herabsetzend, überwältigend oder ausgrenzend reagieren.

4. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte verbale, tätliche oder mediale Verletzungen zwischen Kindern und Jugendlichen ignorieren.“

Zitiert aus: http://paedagogische-beziehungen.eu/

Ich danke ihnen an dieser Stelle sehr für ihre laute Stimme und die Denkansätze, die sie schaffen.

Kurzum nur wenn wir alle hinschauen und Themen sei es bei Fachkräften, Eltern, Trägern, Politikern, aktiv ansprechen, haben wir die Chance Veränderungen zu bewirken, anstatt nachträglich zu grübeln „was wir hätten anders machen können“

Angelika Mauel 26 Juni 2020, 13:35

Liebe Frau Kleinert,



herzlichen Dank für Ihre anschaulichen und klaren Schilderungen und ihre Gedanken. Ja, wir spüren wie wohl oder unwohl sich Kinder in der Kita fühlen und auch die Eltern merken, zu welchen Betreuerinnen sich Kinder hingezogen fühlen und welche nicht gemocht werden.



Hoffentlich ermutigt Ihr gefühlvoller Beitrag andere, selbst auch das beizusteuern, was sie vielleicht immer schon mal sagen wollten. Warum sollen Erzieherinnen nicht mal ihr Herz ausschütten, anstatt gute Miene zum bösen Spiel zu machen? - Wie "schwarzes Schaf" gezeigt hat, geht das auch unter einem Nick. Die Glaubwürdigkeit leidet darunter für mich nicht. (Insbesondere weil ich "schwarzes Schaf" persönlich kenne und sie für eine ideale Krippenerzieherin halte.)





Meine Frage an Sie als Leiterin bezieht sich nicht auf Ihre Einrichtung. Im Hinterkopf habe ich, dass der Schutz vor COVID 19 ganz bestimmt in vielen räumlich und personell viel zu schlecht ausgestatteten Kitas zu Problemen führen wird. Und wenn die Kinder Probleme mit den Betreuungskonditionen haben, wird das auch Erzieherinnen nahe gehen. Wenn jetzt "der normale Regelbetrieb" angestrebt wird, kann man uns entgegenhalten, dass es durch ihn nun irgendwie wieder "normal" sei, wie früher eben... Ungelernten Kräften steht nicht auf der Stirn geschrieben, dass sie den Beruf nicht gelernt haben und wenn sie nur mit zwei Kindern Memory spielen und die anderen nicht im Blick haben, sind sie nicht die Hilfe, die gebraucht wird. Eltern aber meinen, alles sei gut geregelt.



Würde es Kindergartenleitungen helfen, wenn Erzieherinnen sich absprechen und gut begründet vertreten, dass sie es als Fachkräfte nicht verantworten können, zu bestimmten Konditionen zu arbeiten? - Gerade wenn im Kindergarten noch eine flache Hierarchie besteht und die Leitung allgemein beliebt ist, denken Erzieherinnen gar nicht daran, Gefährdungsanzeigen zu stellen. Sie sind aber enorm wichtig, damit sich Entscheidendes ändert.



Vielleicht könnte auf einem Leitungstreffen mal herausgearbeitet werden, was Erzieherinnen im Gruppendienst tun können oder lassen sollten, wenn es darum geht, die Leitung darin zu unterstützen für bessere Konditionen zu sorgen... Menschen in sozialen Berufen neigen dazu, an viele andere zu denken und nicht erst mal an sich. Ein Perspektivwechsel aber könnte uns weiterhelfen. - Auch wenn er manche Eltern empören würde.



Alles Gute!

Angelika Mauel 25 Juni 2020, 17:43

Liebe Frau Kurz,



ob Beobachtungen zu verhaltensauffälligen und möglicherweise kriminellen Menschen oftmals nicht beachtet werden, kann ich nicht sicher einschätzen, aber ich fürchte, wegzusehen ist für viele nur "normal". Warten wir ab, was noch ans Licht kommen wird und vertrauen wir bloß nicht darauf, dass sich grundlegend etwas ändert, ohne dass Fachkräfte die Ursachen für Veränderungen setzen.



Wir müssen das Schweigen brechen und erkennen, wann ein NEIN von unserer Seite angebracht ist. Es ist extrem unwahrscheinlich ist, dass es innerhalb einer Kita nochmals zu einer vorsätzlichen Tötung eines Kindes kommt. Doch Grobheiten, wie sie Anke Ballmann in "Seelenprügel" beschrieben hat, werden von etlichen Teams gedeckt, weil ihnen der Ruf der Einrichtung und der gewohnte Trott wichtiger sind als das Austragen eines Konfliktes.



Politiker, die vorschnell bekunden, von Seiten der Stadt oder der Einrichtung läge kein Fehlverhalten vor, senden leider das Signal aus, dass schlechte Nachrichten nicht publik werden dürfen. War es nötig, dass ausgerechnet Justizminister Biesenbach die von einem Disziplinarverfahren bedrohte Staatsanwältin oder "die Staatsanwaltschaften" in Schutz nehmen musste? Werden Nebenschauplätze geschaffen, damit Politiker das Medieninteresse ausgereizt haben und es nicht mehr dazu kommt, dass darüber geredet wird, was die Personalauswahl in Kitas erschwert oder gar verhindert?



Wichtig ist nicht, was nach der Tat für Medien und eine interessierte Öffentlichkeit gesagt wird, sondern was getan wurde, bevor es dazu kam. Zeugnisse wurden nicht angefordert. Wiederholt nicht angefordert. Das ist für mich der Skandal, hinter dem ein Fehlverhalten der Staatsanwältin gering ist. Für sie wird es ohnehin eine seelische Belastung sein und auch Berufskoklleginnen von Sandra M. werden sich fragen, ob sie die Tat hätten verhindern können. Das Mitgefühl mit ihnen dürfte vielleicht dazu führen, dass sich hoffentlich einige trauen, grobes Fehlverhalten von ErzieherInnen in Zukunft zu melden.



Ich hoffe sehr, dass über Anke Ballmanns Buch "Seelenprügel" an vielen Erzieherfachschulen gesprochen wird und dass der Rechtskundeunterricht praxisbezogener ausgerichtet wird. Gelernt werden sollte dort auch, dass nicht alle Anspruch auf ein gutes Zeugnis haben. Es wird ausgenutzt, dass Leitungen es oft versäumen, Gespräche über die Arbeitsleistungen zu führen oder gar Abmahnungen zu erteilen. Manchmal frage ich mich, ob nicht auch die so genannten wertschätzenden Gesprächstechniken dazu geführt haben, dass Zeugnisse immer besser ausfielen und die Ehrlichkeit dabei auf i-Punkt-Größe schrumpfen konnte. Aus Fachforen für Erzieherinnen kenne ich die Klagen von Auszubildenden, die keine Kritik ihrer Anleiter annehmen können und sich beschweren, sie seien nicht wertschätzend behandelt worden. "Ich vermisse die Kommunikation auf Augenhöhe" und andere Floskeln haben sie irgendwo gelernt...



Auch wenn kein politisches Interesse daran besteht, dass bei der Einstellung von Betreuungskräften auf Ausbildungsabschlüsse und Arbeitszeugnisse geachtet wird: Darauf sollten Erzieherinnen im eigenen und im Interesse der Kinder bestehen. Um den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz langfristig nicht in Frage stellen zu müssen, werden unsere Politiker das nämlich nicht tun. Und wenn nach den ersten Insolvenzen viele Menschen arbeitslos sind, sollen bestimmt schnell Arbeitslose dafür sorgen, dass der Betreuungsschlüssel ausschaut als wäre er erfüllt. Ehemals geltende Standards wurden ja schon lange immer nach Bedarf "angepasst".



Faire und ehrliche Zeugnisse zu schreiben, lässt sich bestimmt schnell lernen. Die Einsicht, dass Sülzen nicht in Ordnung ist und kein Gericht von uns Unaufrichtigkeit verlangen kann, ist ja nun da. Auch wenn Justizminister Bliesenbach sich nur an die Staatsanwaltschaften und nicht an die unabhängigen Gerichte gewandt hat.

Janina Kleinert 25 Juni 2020, 09:18

Vielen, vielen Dank für diesen Artikel!

Darin ist so vieles schon auf den Punkt gebracht – Sie sprechen mir aus der Seele! Und trotzdem lässt es mir keine Ruhe und macht mich wahnsinnig wütend und traurig, so dass ich auch ein paar Worte dazu verlieren möchte:

Ich bin Einrichtungsleitung einer Kinderkrippe (für 0-3 Jährige Kinder) und kann in dieser Funktion sehr überzeugt sagen: NATÜRLICH gibt es Anzeichen! Natürlich können verantwortliche Personen frühzeitig hellhörig werden! Menschen, die das Gegenteil behaupten, machen es sich doch viel zu leicht und entziehen sich ihrer fachlichen Verantwortung! Es darf keine ausreichende Entschuldigung für unentdecktes Fehlverhalten durch Fachkräfte sein, wenn ein Kind noch nicht über ausreichend sprachliche Fähigkeiten verfügt, um laut und deutlich zu sagen „Mir geht es hier nicht gut! Ich habe Angst und fühle mich unwohl! Ich kann vielleicht noch nicht genau begreifen, warum mir immer die Tränen kommen, wenn Fachkraft XY morgens zur Ankommenszeit in der Gruppe ist – aber ich spüre das beklemmende Gefühl! Bitte achtet auf mich!“



Körperliche Unversehrtheit sollte doch wohl das absolute Minimum sein – und damit ist es noch längst nicht getan! Wenn nicht mal das rechtzeitig verhindert werden kann, spricht das Bände über die breite Masse „niederschwelligerer“ Fälle von Kindeswohlgefährdung. Mir wird übel, wenn ich daran denke, wie manche Fachkräfte Kleinstkinder behandeln: „Iiih schau Dich mal an! Die Strumpfhose hast Du doch jetzt schon den dritten Tag in Folge an! Du bist ja widerlich! Dir helfe ich ganz bestimmt nicht beim Anziehen!“ Worte die trotz teilweise noch ungereiften Sprachverständnisses wie Gift für das Wohlbefinden und die Entwicklung eines einjährigen Kleinkindes sind – Ablehnung, Respektlosigkeit, Feindseligkeit spüren auch die Kleinsten!



Ja, solche Fachkräfte sind sicherlich nicht in der Mehrzahl, aber sie agieren leider viel zu oft im Schatten ihrer Teams… Warum? Was befürchten Fachkräfte, die nicht den Mut haben, für die ihnen anvertrauten Kinder einzustehen und strafrechtlich relevantes (!) Fehlverhalten von KollegInnen zu melden? Angesichts des extremen Fachkraftmangels muss doch keine mutige Fachkraft eine Kündigung fürchten – wo solches Verhalten geduldet wird und stattdessen zur eigenen Kündigung führt, MÖCHTE ich doch gar nicht weiter arbeiten. Und eine neue Stelle zu finden, ist angesichts der Lage doch wirklich keine Hürde…



Was hält Fachkräfte (sogar gesamte Teams!) davon ab, Ihrer Verantwortung gerecht zu werden?

Ist es Resignation? Haben diese Fachkräfte tatsächlich zu häufig erlebt, dass jegliche Bemühungen keinen Effekt erzielen, weil zuständige Leitungen nicht handeln wie sie müssten? Vielleicht… Einrichtungsleitung einer Kita zu sein ist manchmal auch ein „unbequemer“ Job – die Verantwortung für die Kinder innerhalb der Einrichtung zu tragen, bedeutet aber auch zu unbequemen Zeiten absolut kompromisslos deren physisches und psychisches Wohlbefinden an erste Stelle zu stellen. Das bedeutet, im turbulenten Alltag trotz aller Herausforderungen (wie Absicherung des Dienstplans trotz gravierenden Personalmangels, Bearbeitung der fünften Krankmeldung einer Fachkraft für diese Woche und und und…) wachsam zu sein für das was in der eigenen Einrichtung passiert! Kinder wie Fachkräfte aufmerksam im Blick zu haben und wahrzunehmen, wenn Handeln gefragt ist – das macht doch gute Kita-Leitung aus! Ein realitätsgetreues Arbeitszeugnis auszustellen (besonders wenn es alarmierende Gründe dafür gibt!), ist ja wohl das Mindeste…



Und trotzdem gibt es ein Problem: genau so wie viele Fachkräfte am Verantwortungsbewusstsein und der Aktionsbereitschaft ihrer Leitung scheitern, so sind auch Leitungen auf die Rückendeckung und Unterstützung Ihrer Träger angewiesen, um ihren Job gut zu machen! Nun habe ich das Glück, dass ich selbst mir darum keine Gedanken machen muss, weil ich einen Träger gefunden habe, für den all das trotz aller Widrigkeiten keine Frage ist - und trotzdem habe ich schon viel zu oft von KollegInnen bei anderen Trägern gehört, dass sie genau daran verzweifeln. Was soll ich als Leitung auch tun, wenn ich alarmierendes Verhalten einer meiner Mitarbeiterinnen feststelle und dem Träger melde, um dann zu hören „Da sehen wir leider keine Handlungsmöglichkeit. Sie wissen ja selbst wie die Lage auf dem Fachkraftmarkt aussieht – und Sie wollen ja wohl nicht ernsthaft noch mehr Personal verlieren, wo Sie doch ohnehin schon in Unterbesetzung arbeiten?! Schlechte Fachkräfte sind besser, als gar keine!“ Ach ja?

Was bleibt diesen Leitungen also übrig, außer zu resignieren oder selbst zu gehen?

Und wohin führt das dann, wenn die kompetenten, feinfühligen, wertvollen Fachkräfte und Leitungen gehen, weil sie die Zustände nicht mehr tragen können? Wer achtet dann noch auf die Kinder und deren Wohlbefinden?



Wie so oft braucht es also Veränderungen an vielen Stellen: mehr feinfühlige, ausreichend geschulte, wachsame und mutige Fachkräfte, die sich nicht davor scheuen, für Kinder einzustehen; kompetente Leitungen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und sich mit Leib und Seele dafür entschieden haben, dieser auch gerecht zu werden – egal wie unbequem es manchmal ist; und nicht zu Letzt Träger, die in oberster Instanz all das unterstützen und Rückendeckung bieten – und zwar für die richtigen Fachkräfte und nicht für die falschen!! Träger, Leitungen und Fachkräfte müssen sich eindeutig und kompromisslos positionieren: das Wohlbefinden der Kinder steht an erster Stelle! Egal wie herausforderungsvoll es manchmal ist: dafür darf es keine Alternative geben!



Nicht zu fassen, dass man darüber überhaupt schreiben muss…!

Alexandra Kurz 24 Juni 2020, 20:41

Liebe Frau Mauel,



zwei Dinge beschäftigen mich, eins davon öfters:



1. "Eine Rechtsmedizinerin kam zu dem Schluss, dass eine psychisch auffällige junge Frau sich selbst verletzt hat. Ermittlungen wegen des Vortäuschens einer Straftat wurden wegen geringer Schuld eingestellt. Und eine gleichwohl erforderliche Meldung an das Landesjugendamt durch die Staatsanwaltschaft unterblieb."

- es gab genug Anzeichen und Auffälligkeiten im beruflichen und privaten Bereich der Person, die scheinbar nur zu einer Stelle gewandert sind und dort bearbeitet wurden.

Wieso fallen solche Beobachtungen von "bekannten Personen" oder bereits Vorbestraften ständig unter den Tisch?



2. Zeugnisse sind leider nur bedingt aussagekräftig: wenn ich ein "sehr gutes" Arbeitszeugnis haben möchte, bekomme ich das auch. Es ist anfechtbar. Und genau darin liegt die Problematik, die schlussendlich wieder Leitungen und Vorgesetzten im Nacken hängt. Hier gibt es auf jeden Fall Optimierungsbedarf!!



Ganz klar ist:

Wir müssen allesamt in diesem Beruf aufmerksam sein und unsere Sorgen zu grenzwertigen Beobachtungen gegenüber unseren Vorgesetzten und/ oder KollegInnen BENENNEN!

Angelika Mauel 24 Juni 2020, 07:56

Guten Tag Frau Noetzel,



auch Ihnen vielen Dank für Ihre deutlichen Worte! Nach dem Buch "Seelenprügel" und Kindesmisshandlungen, die durch Praktikantinnen (!) oder deren Haupt- oder Realschullehrer bekannt wurden, lässt sich nicht mehr bestreiten, dass wirklich nicht jeder im Beruf arbeiten kann. Berufsverbote dürfen nicht tabu sein. Auch finde ich es falsch, dass ausgebrannte Kräfte, die nicht mehr die Nerven für die Kinder haben, erst aus der "Sackgasse Sozialberuf" rauskommen können, wenn sie entweder massive körperliche oder seelische Gesundheitsschäden haben, die Anspruch auf eine Umschulung geben. Aus pragmatischen Gründen und um einen wichtigen Beitrag für den Kinderschutz zu leisten, müsste ein "Ich will nicht mehr mit Kindern (oder Kranken oder alten Menschen) arbeiten" reichen, damit ein Berufswechsel ermöglich wird. (Erzieher in teuren Metropolen beispielsweise müssen nach der Arbeit noch zusätzlich jobben, um ihre Miete bezahlen zu können. Sie können gar keine Rücklagen bilden.)



Weil Erzieherinnen nach einem Trägerwechsel eine Herabstufung droht, bleiben immer noch viele in Einrichtungen, in denen sie sich nicht wohlfühlen. Kehrt eine Erzieherin nach der Geburt ihrer Kinder an ihre alte Arbeitsstelle zurück, verdrängt sie oft eine beliebte Kollegin und wenn sie - bedingt durch Krankheiten ihrer Kinder beispielsweise - öfter fehlt, kann Mobbing die Folge sein. Die Aggressionen, die Erzieher eigentlich über die Schilderungen von Missständen an die Öffentlichkeit loswerden müssten, werden zu oft an Kolleginnen abreagiert. (Das ist meine Meinung). Die Kinder aber werden von den meisten dennoch gut behandelt. Grob gegen Kinder werdende Fachkräfte haben oftmals einfach nicht den Charakter, um Kinder betreuen zu können. Mangelt es an Geduld, Zufriedenheit und Ausgeglichenheit sollte jemand keine Kinder betreuen.



Obwohl ich mich etwas intensiver als allgemein üblich mit Fehlentwicklungen in Kindergärten beschäftigt habe, wusste ich noch nicht, dass ein Träger wiederholt Erzieherinnen entlassen hat, mit deren Verhalten gegenüber Kindern man nicht einverstanden sein konnte. Das sollten unbedingt auch viel mehr Eltern erfahren. Zu viele schwärmen von angeblich "weltbesten Erzieherinnen". Sie reden sich die Betreuung ihrer Kinder schön und wollen trotz deutlicher Anzeichen nicht an sich ranlassen, wenn systematische Schaumschlägerei eine lieblose Betreuung der Kleinsten verdeckt.



Liebe Frau Noetzel, hoffentlich führt Ihr Einsatz für Kinder und Fachkräfte dazu, dass sich bei Ihnen in Zukunft nur liebevolle Erzieherinnen bewerben! Diese suchen oft länger nach Arbeitsstellen, an denen sie nicht mit ruppigen Kommandeusen gemeinsam Kinder betreuen müssen.



Alles Gute!



Angelika Mauel

schwarzes Schaf 23 Juni 2020, 15:51

ICH war das "schwarze Schaf". So schwer es mir fiel: Nachdem der Satz: "Das Team steht hinter *Caro!" fiel, merkte ich, dass ich kein Teil dieses Teams sein wollte.



*Caro wurde kurz suspendiert und "unterstützt" jetzt wieder das Team - bis heute.



Danke für Ihren ausführlichen Leserbrief Frau Noetzel. Und dafür, dass ungeeigneten Erziehern konsequent gekündigt wird.

Ellen Noetzel 22 Juni 2020, 11:11

Vielen Dank Frau Mauel, für Ihre deutlichen Worte!

Als Träger von Kitas sind uns ähnliche Fälle bekannt, glücklicherweise kam es nicht zum Tod eines Kindes.

Neben den im Artikel angesprochenen Themen ist es ein grundsätzliches Problem bzgl. des grossen Themas Berufsverbot. Wir haben bereits mehrere Fachkräfte wegen kindeswohlgefährdendem Verhalten entlassen.

Die Gerichte haben immer zugunsten der ArbeitnehmerIn entschieden, da es keine nachvollziehbaren Beweise gab (besonders aus dem U3-Bereich). Kinder können vor Gericht nicht aussagen, Fachkraft-KollegInnen die bestenfalls in kindeswohlgefährdenden Situationen dabei waren, trauen sich oft nicht, bei Gericht als ZeugIn aufzutreten. Und Anwälte haben vor Gericht argumentiert "Na ja, wenn man 10 Kleinstkinder in einem Schlafsaal(!) zur Ruhe bringen muss, da muss man schon mal durchgreifen." Die Fälle sind immer mit einer hohen Abfindung "gelöst" worden. Heute arbeiten diese Fachkräfte bei anderen Trägern.

Wir haben gemäß § 47 SGB VIII in mehreren Fällen eine Anzeige beim Landesjugendamt (Baden--Württemberg KVJS) gemacht. Die Aussage dort - erst wenn es zu einer erneuten Anzeige eines Trägers kommt, wird der KVJS tätig. Auf meine Nachfrage, ob denn Berufsverbote überhaupt denkbar wären erhielten wir die Antwort: "Das ist eine schwierige Frage." Das sehen wir nicht so. Es muss klar sein, dass es zu Berufsverboten kommen muss.

Wir brauchen eine bessere Senisbilisierung von Personalverantwortlichen (Träger, Fachberatungen, Leitungen, AnleiterInnen), um Anzeichen von kindeswohlgefährdendem Verhalten frühzeitig zu erkennen. Gemeint ist dabei mitnichten Schlagen oder sexuelle Übergriffigkeit. Der zentrale Punkt ist - ist die Fachkraft "in sich kongruent" und begegnet sie den Kindern IMMER mit Respekt und Feinfühligkeit.

Chris 19 Juni 2020, 14:40

Unfassbar! Die Zeugnisse hätten gelesen werden müssen. Das Kind könnte noch leben.



"Es gab keine Chance hellhörig zu werden?" Gab es denn keine Chance Zeugnisse in die Finger zu bekommen?



Mir wird flau wenn ich lese, dass manche Träger sagen, sie müssten einstellen, wen sie kriegen können!

Kommentar schreiben




Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.


Bitte schreiben Sie freundlich und sachlich. Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet.





Ihre Angaben werden nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Hinweise zum Datenschutz finden Sie im Impressum.

ErzieherIn.de wird gefördert von:

Seit über 80 Jahren ist Wehrfritz Komplettausstatter für Krippen und Kindergärten. Das Sortiment umfasst innovative Möbel, Raumkonzepte, Außenspielgeräte, ausgewählte Spiel- und Lernmaterialien.
www.wehrfritz.de

Sponsor werden

Stellenmarkt

29.10.2020 Sozialpädagogische Fachkraft (m/w/d) in Teilzeit, Remseck am Neckar
Zweckverband Pattonville
28.10.2020 Erzieher (w/m/d) für Gymnasium mit Internat, Berg
Gymnasium LSH Kempfenhausen
28.10.2020 Pädagogische Fachkraft (w/m/d) für Wohngruppe für Kinder, Grevenbroich
Haus St. Stephanus
weitere Stellen

Newsletter für Fachkräfte

Alle zwei Monate kostenlose Infos jetzt abonnieren.

Aktuelle Rezensionen

Buchcover

Claudia Nürnberg, Maria Schmidt: Der Erzieherinnenberuf auf dem Weg zur Profession. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 727 Seiten. ISBN 978-3-8474-2057-6.
Rezension lesen   Buch bestellen

Buchcover

Annett Maiwald: Erziehungsarbeit. Springer VS (Wiesbaden) 2018. 897 Seiten. ISBN 978-3-658-21574-3.
Rezension lesen   Buch bestellen

weitere Rezensionen

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Feed Icon RSS-Feed abonnieren


Feed Icon Folgen Sie uns auf Facebook

Nutzen Sie auch die Angebote unseres Herausgebers socialnet: