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Fragwürdige Kindheitsforschung: Rumänische Waisenkinder als Forschungsobjekte

Hilde von Balluseck

27.02.2014 Kommentare (1)

Die kindliche Entwicklung ist für die psychologische und frühpädagogische Forschung ein wichtiges Forschungsfeld. Am ergiebigsten sind dabei Langzeitstudien, also Projekte, die die Entwicklung einer Gruppe von Kindern über einen längeren Zeitraum verfolgen und damit zu Aussagen kommen können, welche Faktoren diese oder jene Entwicklung begünstigen oder gefährden. Noch aufregender sind Langzeitstudien, die mit einer Kontrollgruppe arbeiten. Das heißt: es gibt zwei Gruppen, die unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Auf diese Weise lässt sich noch deutlicher erkennen, welche Faktoren für Entwicklungen verantwortlich sind.

So weit, so gut. Aber Forschung am Menschen muss bestimmten ethischen Prinzipien entsprechen. Sie darf Menschen keinen Schaden zufügen und muss sich dann zurückhalten, wenn es sich um Menschen handelt, die nicht in der Lage sind, den Forschungsmethoden zuzustimmen. Für die medizinische Forschung wurde die Deklaration von Helsinki vom Weltärztebund verfasst, in der ethische Grundsätze für die Forschung am Menschen formuliert wurden. Dazu gehören folgende Forderungen:

"In der medizinischen Forschung am Menschen muss das Wohlergehen der einzelnen Versuchsperson Vorrang vor allen anderen Interessen haben. ....Medizinische Forschung unterliegt ethischen Standards, die die Achtung vor den Menschen fordern und ihre Gesundheit und Rechte schützen. Einige Forschungspopulationen sind besonders vulnerabel und benötigen besonderen Schutz. Dazu gehören Personen, die nicht in der Lage sind, selbst ihre Zustimmung zu erteilen oder zu verweigern oder für die Ausübung von Zwang und eine unzulässige Beeinflussung anfällig sein können."

Die Ethikrichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychologie betonen ebenfalls die Notwendigkeit des Einverständnisses der an einem Forschungsprojekt Beteiligten.Von einem Schaden, der ihnen zugefügt werden könnte, ist allerdings nicht die Rede - offenbar war dies der psychologischen Gesellschaft nicht vorstellbar.

Nun hat der US-amerikanische Psychologe Charles Nelson von der angesehenen Harvard-Universität mit seinen Mitarbeitern (nur Männer) die Ergebnisse einer neuen Kinder-Langzeitstudie mit Kontrollgruppe vorgelegt, die soeben im Spiegel Nr. 8 vom 17.2. vorgestellt wurden. Worum ging es?

Im Jahr 2000 hat Nelson ein Heim in Bukarest besucht, in dem Kinder auf schrecklichste Weise verwahrlost wurden. Sie waren körperlich, geistig und seelisch nicht ihrem Alter entsprechend entwickelt. So gab es achtjährige Kinder mit dem Körper von Dreijährigen, Kinder, die stundenlang den Oberkörper vor und zurück wiegten, und Kinder, die auf jede ankommende Person zurannten, um eine Berührung zu erhaschen. Nelson und seine Kollegen riefen das Bucharest Early Intervention Project ins Leben, um die Langzeitfolgen der Verwahrlosung zu erforschen und zu dokumentieren. Für dieses Forschungsprojekt wählten sie 136 körperlich gesunde Waisen im Alter von 6 bis 31 Monaten aus. Für jedes Kind wurde ein Zettel angelegt, alle Zettel wurden in einen Hut geworfen. Und dann zogen die Wissenschaftler 68 Zettel für diejenigen Kinder, die zu Pflegeeltern kamen. Die anderen 68 Kinder blieben im Heim.

Alle Kinder wurden auf Schäden untersucht, die sie schon zu Beginn der Studie im Heim erlitten hatten. Und alle Kinder - diejenigen in den Pflegefamilien wie die, die im Heim blieben - wurden im Laufe der folgenden 13 Jahre weiter untersucht. Mit Enzephalogrammen fanden die Forscher heraus, dass die geistige Regheit und die Intelligenz bei allen Kindern infolge der Verwahrlosung eingeschränkt waren. Es verwundert nicht, dass die Kinder, die bei von den Forschern ausgesuchten Pflegeeltern lebten, sich dann besser entwickelten als diejenigen, die im Heim verblieben. Schäden hatten alle Heimkinder, aber die eine Gruppe hatte immerhin die Chance, dass ihre weitere Entwicklung durch Bindungen und Zuwendung gefördert wurde und einige negative Entwicklungen sogar reversibel waren. Das sind echte Erfolgsgeschichten. Umso tragischer die Entwicklung derjenigen Kinder, die in der Obhut des Heimes verblieben.

Diese Forscher haben nicht dafür gekämpft, dass die Verhältnisse im Heim sich besserten, sondern beließen die Kinder dort. Keines der Kinder hatte einen Erwachsenen, der sich für sein Wohl verantwortlich fühlte. Keines der Kinder, die im Heim blieben, hatte eine Chance, zu den glücklicheren Probandinnen zu gehören. Damit haben die Forscher gegen die ethischen Prinzipien der Forschung am Menschen verstoßen. Sie haben sich im Namen der Wissenschaft zu Göttern gemacht, die über menschliche Schicksale entscheiden. Hier ist menschliche Anmaßung am Werk - zum Zwecke der eigenen Karriere.

Und hat dieses Forschungsprojekt wenigstens etwas Neues erbracht? Gibt es jetzt Ergebnisse, die uns überraschen, weil wir nicht geahnt hätten, was die Studie zu Tage förderte? Sind die fragwürdigen Methoden nachträglich legitimiert worden, weil sie völlig neue Perspektiven auf die Entwicklung von Kindern in schwierigen Lebenslagen ermöglichten?

Die Antwort ist: Nein. Gescheite PädagogInnen, PsychologInnen und Eltern wussten es schon immer: Ein Kind, das verwahrlost ist, das heißt: keine Antworten auf seine Bedürfnisse erlebt, erleidet schwerste Schäden, die im späteren Lebensalter kaum mehr gutzumachen sind. Wissenschaftlich bewiesen sind die Folgen der fehlenden Bindung und gravierenden Verwahlosung, seit René Spitz über Säuglinge und Kleinkinder in Heimen (1) berichtet hat. Dazu gibt es einen kurzen Film, den ich jeder Studierendengruppe in meinen Seminaren gezeigt habe. René Spitz geht in diesem Film an die Bettchen der Kinder in einem Heim und versucht, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Er brauchte keine Hirnströme zu messen, er sah und erlebte, ob und inwieweit die Kinder auf sein liebevolles Zureden, auf seine Berührungen und wenn er sie auf den Arm nahm, reagieren konnten, ob sie beziehungsfähig waren. Wenn die Kinder kurze Zeit im Heim waren, gelang das noch. Wenn er jedoch nach einiger Zeit wiederkam und liebevoll auf sie zuging, weinten sie oder waren völlig apathisch. Sie hatten die Hoffnung verloren, dass ein Mensch für sie da ist. Der Film ist ein erschütterndes Dokument über die Folgen fehlender Zuwendung. Man kann sich fragen, ob Spitz gewissenlos gehandelt hat, weil er die Kinder nur beobachtet hat. Aber als Psychoanalytiker, der ohnehin unübliche Wege ging, hatte er - so vermute ich zu seinen Gunsten - keine Möglichkeit, die Kinder aus dem Waisenhaus herauszuholen. Spitz war nur der Anfang der Säuglingsforschung. Seitdem gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen, darunter auch jene zu Resilienz, die die Folgen von Verwahrlosung darlegen.

Es ist erschreckend, dass die ethische Problematik dieses wissenschaftlichen Experiments in den deutschen Medien, also auch im Spiegel, nicht erwähnt wurde.

Im Folgenden noch eine kleine Auswahl von Werken, in denen WissenschaftlerInnen mit ethisch vertretbaren Methoden das Thema untersucht bzw die vorhandenen Forschungsergebnisse dargestellt haben:

Ahnert, L. (2004): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. München:Reinhardt
Dornes, M. (1997): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt a.M.: Fischer
Fröhlich-Gildhoff, K. (2013): Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Kohlhammer
Opp, G., Fingerle, M., Freytag, A. (Hrsg., 2007): Was Kinder stärkt: Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. MÜnchen: Reinhardt
Spitz, René (1965).: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehung im ersten Lebensjahr. Stuttgart: Klett 1974
Stern, D.N. (1992): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart: Klett-Cotta
(1) Die Kinderheime für Waisen und vernachlässigte Kinder im vorigen Jahrhundert sind im allgemeinen nicht mit den heute in der Bundesrepublik und Österreich (Spitz' Wirkungsort) existierenden Heimen zu vergleichen. Es gab wenig und schlecht geschultes Personal und keinerlei Förderung der Kinder.
Zu diesem Thema ist auch der Artikel von Heidi Keller lesenswert. 
Letzte Bearbeitung am 3.3.2014

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Kommentare (1)

  • Lukas:
    20.09.2018 um 15:16 Uhr

    Traurig. Anstatt, dass der Autor wild mit dem Finger auf andere zeigt, könnte er sich ja selbst mal fragen, warum er selbst nicht die anderen 68 Kinder aufgenommen hat? Soweit ich weiß ist es nicht der Job von Forschern Waisenkinder bei sich aufzunehmen, das sollte jeder Mensch selbst für sich entscheiden. Außerdem war das Projekt ethisch einwandfrei, schließlich wurden die Kinder nie absichtlich verwahrlost. Das einzige unmoralische hier ist die Ausnutzung dieser Verdrehungen für einen durchschnittlich verfassten Artikel.

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