Frühkindliche Bildung in Bayern: Jetzt ist die Zeit, Verantwortung zu übernehmen, nicht, sich zurückzuziehen
Niederpöcking, 8. April 2026 - Von Tatijana von Quadt, Geschäftsführerin FortSchritt Bayern gemeinnütziges Sozialunternehmen mit über 30 Kitas in Oberbayern
Die aktuellen Entwicklungen in der frühkindlichen Bildung in Bayern erfüllen mich mit großer Sorge. Nicht aus einer theoretischen Perspektive heraus, sondern aus dem gelebten Alltag in unseren Einrichtungen. Als Geschäftsführerin eines gemeinnützigen Trägers, der täglich über 1.600 Kinder und ihre Familien begleitet, erlebe ich unmittelbar, wie politische Rahmenbedingungen in der Praxis wirken und wo sie derzeit an ihre Grenzen stoßen.
Der Rückgang der Geburtenzahlen führt in einigen Regionen dazu, dass Kitaplätze vorübergehend nicht vollständig belegt sind. Was auf den ersten Blick wie eine Entlastung erscheinen mag, birgt bei genauerem Hinsehen erhebliche Risiken. Denn vielerorts wird bereits darüber nachgedacht, Einrichtungen zu schließen oder Strukturen zurückzufahren. Genau hier liegt ein grundlegender Fehler im System: Es wird kurzfristig reagiert, obwohl die Entwicklung der vergangenen Jahre deutlich zeigt, dass wir es mit Schwankungen zu tun haben, nicht mit einem dauerhaften Rückgang.
Diese Schwankungen sind zudem deutlich schwerer planbar, als es in politischen Diskussionen oft dargestellt wird. Weder Geburtenzahlen noch Zuzug lassen sich aktuell verlässlich und in Echtzeit erfassen. Kommunen, Träger und Einrichtungen arbeiten häufig mit verzögerten oder unvollständigen Daten. Gleichzeitig fehlt es an einer funktionierenden digitalen Vernetzung der Systeme: Kinderanmeldungen, Geburtenmeldungen und Bedarfsplanungen laufen vielerorts nebeneinanderher, ohne sinnvoll miteinander verbunden zu sein.
Es gibt kein transparentes, durchgängiges System, das eine vorausschauende Steuerung ermöglicht. Stattdessen entsteht ein Flickenteppich aus Einzellösungen. Die Folge: Entscheidungen werden auf unsicherer Datenbasis getroffen mit langfristigen Konsequenzen für Kinder, Familien und Fachkräfte. Wenn heute Einrichtungen geschlossen oder Teams auseinandergerissen werden, fehlen genau diese Strukturen in wenigen Jahren wieder. Dann stehen wir erneut vor denselben Herausforderungen: zu wenige Plätze, zu wenig Personal, zu hoher Druck auf alle Beteiligten. Dieses Auf und Ab ist weder für Träger noch für Kommunen dauerhaft tragbar und schon gar nicht für Familien.
Hinzu kommt, dass das bestehende Finanzierungssystem nach wie vor stark an Auslastung gekoppelt ist. Das bedeutet konkret: Wenn in einer Einrichtung kurzfristig weniger Kinder angemeldet sind, fehlen sofort Einnahmen, während die Kosten für Personal, Miete oder Betrieb unverändert weiterlaufen.
Eine Kita funktioniert jedoch nicht wie ein Hotel, das einfach Zimmer schließen kann. Beziehungen, Teams und Strukturen lassen sich nicht kurzfristig hoch- und runterfahren. Gleichzeitig erleben wir, dass Einrichtungen, die bewusst kleinere Gruppen ermöglichen, um Kindern mehr individuelle Aufmerksamkeit zu geben, wirtschaftlich unter Druck geraten.
Das System belohnt damit nicht Qualität, sondern Auslastung – obwohl wir fachlich längst wissen, dass Kinder vor allem von Zeit, Beziehung und Stabilität profitieren.
Für die Fachkräfte führt diese Situation zu einer immer größeren Belastung. Viele arbeiten seit Jahren am Limit. Im Alltag bedeutet das: Eine Fachkraft, die eigentlich mit Kindern arbeiten sollte, organisiert parallel Elterngespräche, dokumentiert Entwicklungsstände und übernimmt organisatorische Aufgaben. Zeit, die den Kindern fehlt.
Dabei steigen die Anforderungen kontinuierlich. Sprachförderung, Inklusion, sozial-emotionale Entwicklung, Kinderschutz und Elternarbeit sind heute – zum Glück – selbstverständlicher Teil frühkindlicher Bildung.
Gerade im Bereich Sprache zeigt sich, wie sensibel dieses System ist: Kinder lernen Sprache vor allem in Beziehung und im Alltag. Dafür brauchen Fachkräfte Zeit. Wenn diese Zeit fehlt, trifft das besonders die Kinder, die ohnehin mehr Unterstützung brauchen.
Gleichzeitig werden Förderstrukturen zunehmend vereinfacht und pauschalisiert. Was nach Entlastung klingt, bedeutet in der Praxis oft, dass gezielte Unterstützung verloren geht. Eine Einrichtung mit vielen Kindern, die intensive Sprachförderung benötigen, erhält dann nicht automatisch mehr Ressourcen als eine Einrichtung mit geringerem Bedarf.
Das widerspricht dem Anspruch auf Chancengerechtigkeit.
Dabei ist längst belegt, dass Investitionen in die frühe Kindheit zu den wirksamsten gesellschaftlichen Investitionen überhaupt gehören. Kinder, die gut begleitet werden, entwickeln sich stabiler, erfolgreicher und selbstbestimmter.
Die positiven Effekte reichen weit über die Kita-Zeit hinaus – für die Kinder selbst, aber auch für unsere Gesellschaft als Ganzes.
Gerade deshalb dürfen wir die aktuelle Situation nicht als Anlass für Rückbau verstehen, sondern als Chance. Kleinere Gruppen bieten die Möglichkeit, pädagogische Qualität zu stärken, Teams zu stabilisieren und Inklusion konsequent weiterzuentwickeln.
Dafür braucht es jedoch die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Ein entscheidender Schritt wäre, die Finanzierung unabhängiger von reinen Belegungszahlen zu gestalten und stärker an Qualität, Personal und tatsächlichen Bedarfen auszurichten. Ebenso notwendig ist eine deutliche Verbesserung der Personalschlüssel, damit Fachkräfte die Zeit haben, Kindern wirklich gerecht zu werden.
Besonders kritisch ist die Entwicklung im Bereich der Inklusion. Immer häufiger geraten inklusive Angebote unter Druck, obwohl der Bedarf steigt. Kinder mit besonderen Bedürfnissen brauchen verlässliche Unterstützung – nicht nur in Zeiten, in denen das System gut funktioniert.
Inklusion ist kein Zusatz, sondern ein grundlegender Anspruch an eine gerechte Gesellschaft.
Als Träger sind wir bereit, Verantwortung zu übernehmen, neue Wege zu gehen und gemeinsam mit Politik und Kommunen Lösungen zu entwickeln. Was wir jedoch nicht leisten können, ist die alleinige Abfederung struktureller Schwankungen und politischer Unschärfen.
Frühkindliche Bildung ist kein Bereich, in dem kurzfristige Entscheidungen folgenlos bleiben. Wer heute Strukturen abbaut, schwächt die Gesellschaft von morgen. Unsere Kinder sind keine Variable in Haushaltsplänen – sie sind das Fundament unserer Zukunft.
Jetzt ist die Zeit, das auch politisch konsequent zu zeigen.
Liebe Familien,
verlasst euch darauf, dass eure Kinder mehr brauchen als einen Betreuungsplatz. Sie brauchen Zeit, Beziehung und gute Bedingungen, um sich gesund und selbstbestimmt zu entwickeln. Bleibt sichtbar mit euren Bedürfnissen und Erwartungen – eure Stimmen sind entscheidend dafür, wie wir frühkindliche Bildung gestalten.
Liebe Politiker*innen,
trefft Entscheidungen mit Weitblick. Frühkindliche Bildung braucht stabile Strukturen, verlässliche Finanzierung und den Mut, Qualität über kurzfristige Einsparungen zu stellen. Es geht nicht um ein System, das gerade noch funktioniert, sondern um eines, das unsere Gesellschaft langfristig trägt.
Liebe Kommunen,
bleibt starke Partner an der Seite der Träger. Die Herausforderungen der nächsten Jahre lassen sich nur gemeinsam bewältigen. Es braucht lokale Lösungen, Vertrauen in gewachsene Strukturen und die Bereitschaft, auch in unsicheren Zeiten in Qualität und Kontinuität zu investieren.
Liebe Kitaträger,
lasst uns gemeinsam Verantwortung übernehmen und unsere Stimme klar erheben. Gerade jetzt ist es wichtig, für Qualität, für unsere Teams und für die Kinder einzustehen. Wir dürfen uns nicht in kurzfristige Anpassungen drängen lassen, sondern müssen die Zukunft der frühkindlichen Bildung aktiv mitgestalten.
Quelle: FortSchritt Bayern gGmbH

