mehrere Kinder

Hier spielt die Zukunft: Neue Studie zeigt Reformbedarf im deutschen Kita-System

24.06.2026 Kommentare (3)

Deutscher Kitaverband fordert verlässliche Finanzierung, gemeinsame Qualitätsziele und einen bundesweiten Kita-Gipfel

Berlin, 20. Mai 2026 – Das deutsche Kita-System befindet sich in einer wichtigen Umbruchphase. Das zeigt die Studie „Zukunftsperspektiven für das deutsche Kita-System“ im Auftrag des Deutschen Kitaverbands. Die Diagnose ist eindeutig: Das Kita-System befindet sich in einem kritischen Zustand – zugleich bietet es enorme Gestaltungschancen für Bildung, Teilhabe, Integration, Demokratie und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit.

„Kitas sind der erste Bildungsort im Leben eines Kindes. Hier werden Sprache, soziale Fähigkeiten, Neugier, Selbstvertrauen und demokratisches Miteinander eingeübt. Wer über die Zukunft Deutschlands spricht, muss über Kitas sprechen“, sagt Waltraud Weegmann, Bundesvorsitzende des Deutschen Kitaverbands. „Die Studie zeigt: Wir wissen, was zu tun ist. Jetzt braucht es den politischen Willen, frühkindliche Bildung endlich als zentrale Zukunftsaufgabe zu behandeln.“

Die Studie macht deutlich: Nahezu alle befragten Expert*innen (1) sehen das System unter erheblichem Druck. Fachkräftemangel, hohe Belastung der Teams, unsichere Finanzierung und ein Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen gefährden die Qualität frühkindlicher Bildung. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Anspruch an Kitas: Sie sollen Bildungsgerechtigkeit fördern, Familien entlasten, Integration ermöglichen und Kinder auf eine komplexe Welt vorbereiten.

Aus Sicht des Deutschen Kitaverbands braucht es deshalb eine neue Phase der Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Kommunen, Trägern, Wissenschaft und Fachkräften. Der Verband fordert einen bundesweiten Kita-Gipfel, bei dem verbindlich über Qualität, Evaluation, Finanzierung und Verantwortung im Kita-System gesprochen wird. Ziel ist eine gemeinsame Verständigung darüber, was gute frühkindliche Bildung in Deutschland leisten soll – und wie sie verlässlich finanziert werden kann.

„Wir brauchen gemeinsame Qualitätsziele, eine konstruktive Qualitätsentwicklung und eine Finanzierung, die Qualität auch möglich macht“, so Waltraud Weegmann. „Es kann nicht sein, dass die Zukunftschancen eines Kindes davon abhängen, in welchem Bundesland oder in welcher Kommune es eine Kita besucht.“

Die Studie benennt zudem die Trägervielfalt als prägendes Strukturmerkmal der deutschen Kita-Landschaft und als wichtigen Faktor für Wahlfreiheit und Innovation. Rund 70 Prozent der Kitas werden von freien Trägern betrieben. Sie sichern damit nicht nur einen wesentlichen Teil des Rechtsanspruchs auf Kindertagesbetreuung, sondern machen das System flexibel, vielfältig und innovationsfähig. Viele pädagogische Ansätze und Weiterentwicklungen sind maßgeblich in der freien Trägerlandschaft entstanden und haben Impulse für das gesamte Kita-System gesetzt.

„Die Trägervielfalt ist eine Ressource. Gerade die freien Träger haben immer wieder gezeigt, wie anpassungsfähig und innovativ das Kita-System sein kann“, so Weegmann. „Wenn wir die Herausforderungen der kommenden Jahre wirksam bewältigen wollen, dürfen wir diese Trägervielfalt nicht schwächen. Wir müssen sie stärken – durch faire Finanzierung, verlässliche Rahmenbedingungen und Qualitätsziele, die Orientierung geben, ohne pädagogische Vielfalt einzuschränken.“

Der Deutsche Kitaverband sieht die Studie als Auftrag an die Politik: Frühkindliche Bildung darf nicht länger ein nachgeordnetes Thema sein. Wer Bildungsungleichheit abbauen, Familien stärken, Fachkräfte sichern und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern will, muss bei den Kitas beginnen.

Der Deutsche Kitaverband fordert deshalb:

  1. Einen bundesweiten Kita-Gipfel mit Bund, Ländern, Kommunen, Trägern, Wissenschaft und Fachkräften,
  2. Gemeinsame Qualitätsziele für frühkindliche Bildung, die regionale Vielfalt ermöglichen, aber Orientierung schaffen,
  3. Verlässliche und faire Finanzierung für alle Träger, insbesondere die Gleichstellung freier Träger mit kommunalen Angeboten, damit Trägervielfalt, Innovation und Wahlfreiheit erhalten bleiben,
  4. Systematische Evaluation und Qualitätsentwicklung, die nicht als Kontrolle, sondern als Lernund Verbesserungsinstrument verstanden wird,
  5. Starke Teams und attraktive Berufsperspektiven für pädagogische Fachkräfte.

„Die Studie zeigt: Das Kita-System ist erschöpft, aber nicht chancenlos“, sagt Waltraud Weegmann. „Wenn wir jetzt handeln, können wir aus dem demografischen Wandel, aus neuen Qualitätsdebatten und aus der großen Leistung der Träger einen echten Aufbruch machen. Wenn wir nicht handeln, wird es später teurer – für Kinder, Familien, Wirtschaft und Gesellschaft.“

(1) Für die Untersuchung wurden 27 Stakeholder*innen aus Politik, Trägerlandschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Verbänden, NGOs und Medien befragt.


Quelle: Deutscher Kitaverband


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Kommentare (3)

Dr. Erika Butzmann 06 Juli 2026, 12:49

Um finanzielle Ressourcen dafür frei zu bekommen, könnte damit begonnen werden, den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für die Einjährigen aufzuheben. Das entlastet die Fachkräfte, die Kommunen und nicht zuletzt die Kinder, die keinen, aber auch wirklich keinen Vorteil von der frühen Krippenbetreuung haben. Nur die wenigen Kinder aus prekären Familien profitieren zwangsläufig davon und natürlich die Wirtschaft mit zweifelhaftem Erfolg.

Armin Krenz 01 Juli 2026, 15:43

Nicht nur die neue Studie "Zukunftsperspektiven für das deutsche Kita-System" zeigt einen dringlichst (!) anstehenden Reformbedarf der gesamten Kita-Landschaft in Deutschland! Deutliche Reformansprüche wurden immer wieder schon verstärkt in den letzten 2 1/2 Jahrzehnten gefordert - und stets waren es nur, wenn überhaupt, nichtnachhaltige, symptomorientierte, ja sogar letztlich systemverschlechternde Einzelveränderungen, die einem völlig überholten Bildungsverständnis additiv angehängt wurden. Inzwischen kann in keiner Weise mehr von einer vorhandenen Kita-Qualität (= Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität) gesprochen werden. Richtig ist die Feststellung: Die Kita-Pädagogik steckt in einem System-Kollaps fest! Nötig ist daher eine basisinnovative Neustrukturierung der gesamten Elementarpädagogik! Es muss daher ein >Gipfeltreffen< - wie es der Deutsche Kitaverband fordert - geben. Wenn das der Bund, die Bundesländer, Kommunen und Träger nicht einsehen und entsprechende Schritte/ Initiativen in Gang setzen, zeigt es erneut in deutlicher Weise, wie desinteressiert sie an einer >kinderfreundlichen Gesellschaft< sind. Jetzt besteht die Chance und Notwendigkeit, eine 'BILDUNGSWENDE' in Gang zu setzen. Welche Einzelaspekte dabei zu berücksichtigen sind, habe ich schon in meinem Beitrag "Kitas brauchen eine radikale pädagogische Kehrtwende zum Kind: BILDUNGSWENDE JETZT. In: https://www.erzieherin.de. 29.09.2025" zum Ausdruck gebracht. Es freut mich sehr, dass von zunehmend vielen Seiten der Ruf nach einer grundsatzorientierten, nachhaltigen Reform immer deutlicher wird. In diesem Zusammenhang sei auch auf den Bildungsprotest (nrw@bildungswende-jetzt.de) am 19.09. in Köln, Bielefeld und Bochum hingewiesen. Armin Krenz, Prof. h.c. Dr. h.c., Wissenschaftsdozent für Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik

Gerhard Friedrich 01 Juli 2026, 10:34

Mich beschäftigt eine grundsätzliche Frage: Wenn wir uns über die Bedeutung der Kitas weitgehend einig sind, warum investieren wir zusätzliche Mittel so häufig in neue Projekte statt in die dauerhafte Stärkung des Regelsystems? Gute frühe Bildung muss alle Kinder erreichen, nicht nur diejenigen, die zufällig an einem Projekt teilnehmen.

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