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Gruppe von erwartungsfrohen Kindern

Hilfen für Kinder suchtmittelabhängiger Eltern

Martina Stilhammer und Diana Fiedler

07.04.2017 | Fachbeitrag Kommentare (0)

In Deutschland leben circa sechs Millionen erwachsene Menschen, die als Kinder in suchtbelasteten Familien aufwuchsen. Schätzungsweise 2,65 Millionen Kinder leben aktuell in Familien, in denen mindestens ein Elternteil von Alkohol oder von illegalen Suchtmitteln abhängig ist. 40.000 bis 60.000 Kinder wachsen mit drogenabhängigen oder substituierten (Behandlung Opiatabhängiger mit Ersatzstoffen wie Polamidon, Methadon, Buprenorphin) Eltern auf. Jeder fünfte abhängigkeitskranke Mann und jede vierte abhängigkeitskranke Frau leben aktuell mit mindestens einem Kind im Haushalt, ein Großteil ist alleinerziehend (Deutsche Suchthilfestatistik 2013). Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher liegt. Hinzu kommen stoffungebundene Süchte.

Die Situation der Kinder

Das Wohl von Kindern suchtmittelabhängiger Eltern ist in besonderem Maße gefährdet. So besteht für diese Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Beeinträchtigung ihrer geistigen, seelischen und körperlichen Gesundheit. Zu den möglichen Folgen einer elterlichen Abhängigkeit zählen u.a. Behinderungen oder Fehlbildungen der Kinder durch Suchtmittelkonsum während der Schwangerschaft. Bei Neugeborenen kann es zu Entzugserscheinungen kommen. Ca. 70 Prozent der Kinder opiatabhängiger Eltern werden mit einem neonatalen Entzugssyndrom geboren. Auch nach dem erfolgten körperlichen Entzug können sich die Schwierigkeiten des Neugeborenen unter anderem in erhöhter Reizbarkeit und Irritabilität ausdrücken.

Besonders schwerwiegend ist es, wenn die Frauen während der Schwangerschaft einen Mischkonsum von Nikotin, Alkohol und Drogen haben. Dies ist auch unter einer Substitutionsbehandlung weit verbreitet. Unter diesen Bedingungen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen sowie Schäden der neurophysiologischen Entwicklung, insbesondere in der Sprachentwicklung erheblich. In der weiteren Entwicklung sind die Kinder häufig unruhiger und aggressiver als Gleichaltrige, haben motorische Probleme und Lernschwierigkeiten (Aufmerksamkeitsprobleme). Gleichfalls ist bei diesen Kindern häufig eine verzögerte Entwicklung zu beobachten. 

Der Konsum von Alkohol in der Schwangerschaft stellt ein besonderes Risiko dar. Die Schäden, die dadurch entstehen können, bestehen lebenslang. Der Schweregrad des Syndroms (FASD) reicht von geringgradig bis zu schwerst betroffenen Kindern und ist abhängig von verschiedensten Faktoren. Alle Organe und Organsysteme können betroffen sein.

Die bei Suchtmittelabhängigen häufig parallel bestehenden psychischen Störungen („antisoziale“ bzw. „dissoziale“ und „emotional instabile“ Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angststörungen) beeinträchtigen und gefährden die Entwicklung der Kinder in zweierlei Hinsicht. Einerseits tragen sie ein sechsfach erhöhtes Risiko, selbst eine Suchtmittelabhängigkeit zu entwickeln und außerdem tragen sie ein deutlich höheres Risiko, zusätzliche psychische Erkrankungen zu entwickeln, insbesondere Störungen des emotionalen und des Sozialverhaltens sowie Depressionen und Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome. Der Konsum von Drogen führt bei den häufig psychisch instabilen Eltern zu einer eingeschränkten Erziehungs- und Sozialkompetenz. Ein fehlendes soziales Netzwerk der Eltern, eine wirtschaftlich prekäre Situation sowie die möglicherweise angegriffene Gesundheit der Eltern sind weitere Risikofaktoren, die zu Fällen von Vernachlässigung, Gewalt und Kindesmisshandlung beitragen können.

Kinder suchtkranker Eltern sind die größte bekannte Risikogruppe für eine spätere eigene Suchterkrankung oder eine anderweitige psychische Erkrankung (vgl. Klein 2003). Als psychische Dauerbelastungen können weiterhin genannt werden:

  • Ein Lebensalltag, der sich an dem „Rhythmus des Suchtmittels“ orientiert
  • Geheimhaltung des Suchtmittelkonsums der Eltern als Familiengeheimnis
  • Erschwerter Erwerb von sozialen Fähigkeiten durch die besondere Sozialisation
  • Fehlende Kindheit durch die Übernahme von nicht altersgerechter Verantwortung für die Erwachsenen und jüngeren Geschwister (Parentifizierung)
  • Leben in Angst vor Trennung von den Eltern durch Haftstrafen, stationäre Therapien oder Tod
  • Scham- und Schuldgefühle für die Situation zu Hause (Vereinsamungstendenzen)
  • Wechsel zwischen übermäßiger Verwöhnung und Vernachlässigung/Bestrafung
  • Instrumentalisierung der Kinder für die Bedürfnisse der Eltern
  • Traumatisierung durch emotionale und körperliche Gewalterfahrungen
  • Störungen in der eigenen Wahrnehmung und im emotionalen Bereich

Anpassungsverhalten der Kinder

Kinder, die in suchtbelasteten Familien aufwachsen, zeigen oftmals bestimmte Verhaltensmuster als Anpassungsverhalten. Sharon Wegscheider (1988) hat dazu ein Rollenmodell entwickelt, das die vier typischen Verhaltensmuster beschreibt.

Der Held: meist das älteste Kind der Familie, übernimmt Elternverantwortung, frühe Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme für alle Teile der Familie.

Das schwarze Schaf: häufig zweitgeborene Kinder. Da die Rolle des Helden bereits ausgefüllt ist, übernehmen diese Kinder die rebellische Rolle des Sündenbocks und fallen durch verschiedenste Verhaltensauffälligkeiten auf. Damit lenken sie von den suchtmittelbedingten Problemen der Eltern ab und sorgen für eine Entlastung der Familie.

Das verlorene oder stille Kind: oftmals in der mittleren Geschwisterposition. Es ist schüchtern, ruhig und „pflegeleicht"; verfügt über eine hohe Anpassungsfähigkeit an chaotische Situationen, stellt keine Anforderungen an die Eltern, bleibt unauffällig, vermeidet Konflikte. Damit schützt es sich vor der angespannten familiären Situation und den unkontrollierbaren Reaktionen der Eltern.

Die Rolle des Clowns oder Maskottchens: meistens letztgeborene Kinder. Diese Kinder verbreiten Spaß, sorgen für Erheiterung und lenken damit von Alltagssorgen ab. Gleichzeitig zeigen sie unangemessenes Verhalten, wirken unreif, ängstlich und wenig belastbar. Durch die positive Aufmerksamkeit haben sie das Gefühl, die Familie unter Kontrolle zu haben, was ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.

Resilienzen

Trotz all dieser genannten Probleme gibt es aber auch eine Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber physischen, psychischen und sozialen Entwicklungsrisiken. Kinder verarbeiten und bewältigen die verschiedenen Belastungssituationen, Bedrohungen und Risikofaktoren in ihrem Leben ganz unterschiedlich. Eine erfolgreiche, positive Anpassung und Bewältigung dieser widrigen Lebensumstände kann durch Schutzfaktoren möglich gemacht werden. Eine wesentliche Rolle spielen dabei Erwachsene, die ihnen eine sichere Basis bieten, auf der sie Vertrauen, Autonomie und Initiative entwickeln können. Hier kann Kinder- und Jugendhilfe ansetzen bzw. wirksam werden. Es gilt herauszufinden, welche schützenden Faktoren es in der Person und/oder Umwelt des Kindes gibt, die in ihrer Wirkung als „Puffer“ für die Risikofaktoren auftreten und die spätere Herausbildung von Störungen verringern können.

Diese Kinder benötigen Aufmerksamkeit und Unterstützung, um Krisensituationen zu vermeiden bzw. zu bewältigen. Eine gesunde Entwicklung von Kindern erfordert verlässliche, stabile Eltern. Wenn eine Suchterkrankung erkannt wird und die Bereitschaft besteht, sie behandeln zu lassen und Unterstützung anzunehmen, kann mit interdisziplinären Hilfen einer möglichen Schädigung der Kinder entgegengewirkt werden. Hierfür sind spezialisierte Angebote für Eltern sowie deren Kinder erforderlich.

Beispiel Trampolin

Trampolin ist ein manualisiertes und evaluiertes Gruppenprogramm für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren aus suchtbelasteten Familien. Entwickelt wurde Trampolin vom Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung an der Katholischen Hochschule Köln und dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Es soll Kinder alkohol- und drogenabhängiger Eltern stärken und ihnen helfen, nicht selber zu erkranken.

Es gibt neun Sitzungen für die Kinder und zwei zusätzliche Elternabende. Jede Woche geht es um ein anderes Thema: Wie wirken Alkohol und Drogen? Wie kann ich mit schwierigen Situationen in der Familie umgehen? Was kann ich tun, um mich zu entspannen? Wo kann ich mir Hilfe und Unterstützung holen, wenn ich alleine nicht weiterkomme? Die Kinder lernen nicht nur wichtige Verhaltensstrategien, sondern werden auch in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Sie erfahren, dass sie selber wertvoll sind und eine Menge guter Eigenschaften haben. Und das Programm hilft den Kindern auch, mehr über die Erkrankung der Eltern zu erfahren. Sie können sie dann ein bisschen besser verstehen und einordnen. Mittlerweile ist dieses Programm weiter entwickelt worden und bezieht auch Kinder von psychisch kranken Eltern ein (Trampolin Plus). 

Was kann die Suchthilfe für diese Kinder tun?

Der Aufgabenbereich der Suchthilfe umfasst Prävention, Beratung und Behandlung sowie Rehabilitation von suchtkranken Menschen. Der vorrangige Auftrag liegt in der Stabilisierung und Wiedereingliederung der Betroffenen. In diesem Zusammenhang werden auch familiäre Systeme und soziale Netzwerke in entsprechende Prozesse einbezogen, denn die/der Suchtkranke und die Entstehung einer Suchterkrankung sind im Zusammenhang ihres Umfeldes zu betrachten.

Die Arbeit mit den Kindern von Suchtkranken gehört nicht zu den originären Aufgaben der Suchthilfe. Hier liegen die Zuständigkeiten in erster Linie beim Jugendamt bzw. bei den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe. Diese institutionelle Trennung hatte zur Folge, dass die Angebote der Suchthilfe die Kinder von Suchtkranken lange Zeit kaum berücksichtigten. Auch in der Suchtforschung fand diese Zielgruppe in der Vergangenheit zu wenig Berücksichtigung. Durch die Arbeit mit suchtkranken Eltern in der Praxis und die wissenschaftlich untermauerte Erkenntnis, dass es sich bei einer Suchterkrankung meist um ein Störungsbild handelt, das sich durch mehrere Generationen zieht, vollzieht sich in den Hilfesystemen ein langsamer Haltungswechsel.

Entsprechend einer systemischen Sichtweise haben sich stationäre Behandlungseinrichtungen für Eltern und Kinder in der Suchthilfe etabliert. Im ambulanten Bereich hat die Suchthilfe als freier Träger Angebote der Jugendhilfe nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG/SGB VIII) eingerichtet, um die aufsuchende und lebensweltnahe Begleitung und Versorgung betroffener Familiensysteme mit dem Fokus auf die Suchterkrankung sicherzustellen.

Angebote der STEP in Niedersachsen

In Niedersachsen engagiert sich seit 1971 die STEP gGmbH, paritätische Gesellschaft für Sozialtherapie und Pädagogik, mit ambulanten, teilstationären und stationären Angeboten in der Suchthilfe für suchtgefährdete oder suchtmittelabhängige Kinder, Jugendliche, Erwachsene und deren Bezugspersonen, in der Jugendhilfe für Jugendliche und deren Bezugspersonen sowie in der Eingliederungshilfe für junge Heranwachsende und Erwachsene mit und ohne Suchthintergrund. Mit 40 Betriebsstätten und mehr als 400 Beschäftigten bietet die STEP in Niedersachsen ein eng verknüpftes Netzwerk in den Bereichen Prävention, Beratung, Rehabilitation, Betreuung, Wohnen, Bildung, Beschäftigung und szenenahe Versorgung. Hauptgesellschafter der STEP gGmbH ist der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen e.V.

In Anbetracht der Zielgruppe von Kindern suchtmittelabhängiger Eltern werden im Folgenden die Bereiche Ambulante Jugendhilfe und psychosoziale Begleitung substituierter Eltern näher beschrieben.

STEP Ambulante Jugendhilfe Hannover – Schwerpunkt Sucht

Als Jugendhilfe- und Suchthilfeträger bietet die STEP gGmbH im Rahmen der Hilfen zur Erziehung die Ambulante Jugendhilfe für suchtbelastete Familien an. Im Mittelpunkt stehen Familien mit Kindern, Jugendliche und junge Volljährige, deren Lebenssituation durch den Konsum von Suchtmitteln beeinträchtigt oder von Beeinträchtigung bedroht ist.

Neben dem Angebot der Erziehungsbeistandschaft (§ 30 SGB VIII, auch in Verbindung mit § 41 SGB VIII), das sich an Jugendliche und ihre Familie richtet, spielt – wenn es um Hilfen für die Kinder mit suchtmittelabhängigen Eltern geht – insbesondere das Angebot der sozialpädagogischen Familienhilfe (§ 31 SGB VIII) eine große Rolle. Es richtet sich an suchtmittelabhängige Familien bzw. Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern, die ohne Unterstützung zurzeit nicht in der Lage sind, den Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden.

Um die vielschichtigen Problemlagen in den betreffenden Familien zu bearbeiten, den Verbleib der Kinder in der Herkunftsfamilie zu ermöglichen, abzusichern und die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu stärken, ist es notwendig, den Hintergrund und die individuelle Dynamik der Suchterkrankung im jeweiligen System im Blick zu haben. Mögliche Gefährdungssituationen werden besprochen und die Familie wird in der aufsuchenden Arbeit unter Nutzung der vorhandenen Ressourcen dabei unterstützt, Stabilität in ihre Lebenssituation zu bringen. Mit Einverständnis der Eltern wird ein Netzwerk an Unterstützern geknüpft, die sich im Austausch mit der Familienhilfe befinden (vgl. Abbildung 1).

Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, die Hilfe im Rahmen einer Co-Betreuung mit anderen professionellen Anbietern vor Ort zu installieren. Darüber hinaus wird dem Jugendamt ein Fachaustausch in der kollegialen Fallberatung und damit Unterstützung bei der Fallanalyse und der diagnostischen Abklärungsphase angeboten. Auf Grund der vielfältigen Angebote, die allein das STEP Netzwerk bereithält, können schnell ineinandergreifende Hilfen bereitgestellt werden.

Psychosoziale Begleitung substituierter Eltern

Durch die Einführung und Ausweitung der Substitutionsbehandlung als eine weitere anerkannte Behandlungsmethode zur Überwindung einer Opiatabhängigkeit, mussten immer weniger Kinder fremduntergebracht werden und konnten in ihren Familien verbleiben. Eine stabile Substitutionsbehandlung, mit dazugehöriger psychosozialer Betreuung, kann maßgeblich dazu beitragen, ein Zusammenleben von Eltern und Kindern zu ermöglichen. Im Rahmen einer psychosozialen Begleitung können individuelle Hilfebedarfe ermittelt werden. Defizite, die durch die oftmals langjährige Suchterkrankung entstanden sind, können identifiziert und an einer Verbesserung der Situation kann gearbeitet werden.

Die Problemlagen Opiatabhängiger sind vielfältig. Es gilt die Hilfebedarfe zu erkennen und bei Erfordernis in andere Fachbereiche zu vermitteln, bzw. mit diesen zu kooperieren. Substituierte mit Kindern werden in ihrer Elternrolle wahrgenommen und unterstützt, bei Bedarf zusätzliche Hilfen für sich und ihre Kinder durch die Jugendhilfe in Anspruch zu nehmen. Die Beratung und Betreuung der Eltern findet unter besonderer Berücksichtigung des Kindeswohls statt.

Oftmals sind die Suchtberatungsstellen erste Anlaufstelle im Hilfesystem. Die Beratung/Behandlung suchtmittelabhängiger Eltern und deren Kinder ist ein komplexes Aufgabenfeld. Es erfordert die Aufmerksamkeit, Unterstützung, Kompetenz und Zusammenarbeit verschiedener Professionen. Daher ist eine langfristige, kontinuierliche und umfassende interdisziplinäre Betreuung der Eltern, die im günstigsten Fall bereits in der Schwangerschaft beginnt, erforderlich. Generell bewegt sich die Arbeit mit diesen Familien in der Suchthilfe immer im Spannungsfeld von Freiwilligkeit, Vertrauen und Kontrolle. Es besteht die Herausforderung, die Ängste und Sorgen der Eltern zu kennen, sie ernst zu nehmen und mit ihnen zu arbeiten. Hemmschwellen gegenüber dem Jugendamt und weiterführenden Hilfen sind abzubauen. 

Wenn die Problematik der Eltern differenziert und fachlich qualifiziert betrachtet und angemessene Unterstützung geboten und angenommen wird, kommen diese Hilfen auch den Kindern zugute. Der beschriebene Prozess der Familienorientierung innerhalb der Suchthilfe muss jedoch in Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe zukünftig weiter systematisiert und standardisiert werden. Hier können beide Hilfesysteme mit ihrer jeweils eigenen Fachkompetenz voneinander profitieren und damit für die betroffenen Familien unterstützend wirken.

Die STEP gGmbH hat trägerinterne Fachkräfte, die als „insofern erfahrene Fachkräfte gemäß § 8a SGB VIII“ eine Beratung für Fachkräfte bei Anhaltspunkten für eine drohende Kindeswohlgefährdung durchführen können (Schwerpunkt Sucht). Neben der trägerinternen Fallberatung stehen diese Fachkräfte auf Anfrage auch anderen Trägern und dem Jugendamt für einen Fachaustausch und in der kollegialen Fallberatung zur Verfügung. 

Abbildung 1: Verantwortungsgemeinschaft

Aufbau von Netzwerkstrukturen

Für eine verbesserte Situation von Kindern aus suchtbelasteten Familien und passgenaue Hilfen ist eine Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Suchthilfe und Medizin erforderlich. So entstanden bundesweit Kooperationsvereinbarungen mit dem Ziel einer Verbesserung der Versorgungsstruktur für geborene und ungeborene Kinder aus suchtbelasteten Familien, um eine Kindesvernachlässigung oder Kindesmisshandlung zu erkennen und eine schnelle und angemessene Kooperation bei der Erbringung von Hilfen mit sich zum Teil überschneidenden Zuständigkeiten sicherzustellen. Diese Vereinbarungen können ferner dazu beitragen – auch über die an der Vereinbarung beteiligten Einrichtungen hinaus – das Bewusstsein des Erfordernisses von sachgerechten Hilfen für die betroffenen (und ungeborenen) Kinder und ihrer Eltern zu schärfen (vgl. Kooperationsvereinbarung des AK Familie und Sucht Hannover 2013).

Die Begleitung opiatabhängiger Eltern und deren Kinder ist ein komplexes Aufgabenfeld. Es erfordert die Aufmerksamkeit, Unterstützung, Kompetenz und Zusammenarbeit verschiedener Professionen. Für gelingende Kooperationen, im Sinne des Kindeswohls, ist ein abgestimmtes, verbindliches Handeln aller am Prozess beteiligter Akteure erforderlich. 

Abbildung 2: Bedingungen gelingender Kooperation

 Der Schutzauftrag in der Suchthilfe

Bisher waren Suchthilfeträger, die auch Leistungen nach dem SGB VIII erbringen, gefordert, den Schutzauftrag gemäß § 8a SGB VIII in ihre Praxis umzusetzen und zu einer Verbesserung im Kinderschutz beizutragen. Mit dem neuen Bundeskinderschutzgesetz werden nun auch Berufsgruppen, die außerhalb des Jugendhilfebereiches Leistungen erbringen, in einen aktiven Kinderschutz einbezogen.

Neben der in der Suchthilfestatistik erfassten Frage, ob Kinder in einem Haushalt mit ihren Eltern leben, ist es wichtig, das Alter sowie die Lebenssituation dieser Kinder zu erfassen. Es ist zu berücksichtigen, welche Risiko- und Schutzfaktoren es innerhalb der Familie gibt. Die Einschätzung einer möglichen Kindeswohlgefährdung ist in den meisten Bereichen der Suchthilfe schwierig vorzunehmen, da die Kinder in den verschiedenen Kontexten nicht oder nur selten gesehen werden. Die Fachkräfte der Suchthilfe sind aber mit ihrer Fachkompetenz in der Lage, eine Einschätzung bezüglich des Schweregrades der Suchterkrankung der Schwangeren bzw. Eltern vorzunehmen.

Besteht Anlass zur Annahme, dass auf Grund des Verhaltens oder der Schwere der Erkrankung der Erwachsenen das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes gefährdet ist, sind konkrete Schritte erforderlich, um die Gefährdung rechtzeitig wahrzunehmen und abzuwenden. Mit den Eltern sind weiterführende, ergänzende Hilfen zu besprechen und es ist darauf hinzuwirken, dass diese von den Schwangeren bzw. Eltern als zusätzliche Unterstützung in Anspruch genommen werden. Werden diese Hilfen von den Eltern nicht angenommen oder sind sie nicht ausreichend, um eine Verbesserung der Situation zu erreichen, ist die öffentliche Jugendhilfe einzubeziehen. Die Eltern werden in diesen Entscheidungsfindungsprozess einbezogen und informiert, sofern dies den Schutz des Kindes bzw. Jugendlichen nicht gefährdet. Bei einer akuten Kindeswohlgefährdung (Gefahr im Verzug) ist unverzüglich die öffentliche Jugendhilfe oder die Polizei zu informieren. Es empfiehlt sich, frühzeitig eine Schweigepflichtentbindung gegenüber der öffentlichen Jugendhilfe einzuholen.

In den letzten Jahren zeigen sich langsam Verbesserungen in der Versorgungsstruktur für suchtmittelabhängige Eltern und deren Kinder und es sind spezialisierte Gruppenangebote für diese Kinder entstanden. Verbindliche Handlungsstandards und sichere Finanzierungsgrundlagen sind jedoch noch dringend erforderlich.

Der aktuelle Drogenbericht der Bundesregierung stellt fest, dass für Kinder aus suchtbelasteten Familien „flächendeckende Hilfe im Rahmen einer Regelversorgung notwendig“ ist. Mit ca. 200 Angeboten für schätzungsweise 2,65 Millionen betroffene Kinder kann hiervon in Deutschland nicht die Rede sein. Hauptgrund für diese unzureichende Versorgungssituation ist die Tatsache, dass Hilfen für die Kinder bis heuteeben nicht Teil einer Regelversorgung sind, weil es hierfür keine gesetzlichen Grundlagengibt.

Derzeit berät die Bundesregierung über die Reform des Sozialgesetzbuches VIII, in dem die Kinder- und Jugendhilfe geregelt ist. Hier wäre es erforderlich, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, dass Kinder suchtmittelabhängiger Eltern ebenso wie Kinder psychisch kranker Eltern einen Rechtsanspruch auf präventive Hilfen sowie Therapie erhalten. Diese Hilfen müssen auskömmlich finanziertsein und flächendeckend in allen Bundesländern als Regelangebot zur Verfügung gestellt werden (vgl. www.coa-aktionswoche.de). 

www.step-niedersachsen.de

Martina Stilhammer ist Diplom-Sozialpädagogin und Fachkraft gemäß § 8a SGB VIII in der Drobs Hannover – Fachstelle für Sucht und Suchtprävention, Team psychosoziale Betreuung, STEP gGmbH, paritätische Gesellschaft für Sozialtherapie und Pädagogik. 

Diana Fiedler ist Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin M.A. in der Drobs Hannover – Fachstelle für Sucht und Suchtprävention, Team Prävention und STEP Ambulante Jugendhilfe Hannover, STEP gGmbH, paritätische Gesellschaft für Sozialtherapie und Pädagogik.

Literatur

Fachverband Drogen- und Suchthilfe e.V. (Hrsg.) (2015): Abhängigkeitskranke Mütter und Väter. Eine Handreichung (http://fdr-online.info/pages/aktuelles.php).

Klein, M. (2003): Kinder drogenabhängiger Eltern. Fakten. Hintergründe. Perspektiven. Regensburg.

Niedersächsisches Landesgesundheitsamt (2013): Kooperationsvereinbarung des Arbeitskreises „Familie und Sucht“

Hannover“ (http://www.nlga.niedersachsen.de/gesundheitsberichterstattung/praevention_gesundheitsfoerderung/kooperationsvereinbarung_ak_familie_sucht/kooperationsvereinbarung_hannover/kooperationsvereinbarungen-des-arbeitskreises-familie-und-sucht-hannover-zum-besseren-schutz-von-kindern-suchtmittelabhaengiger-eltern-133601.html).

Wegscheider, S. (1988): Es gibt doch eine Chance: Hoffnung und Heilung für die Alkoholikerfamilie. Wildberg. 

Quelle: Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus frühe Kindheit, Ausgabe 1-17, S. 28-34

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