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Hoffnungen und falsche Erwartungen. Ein Gespräch über Fortbildung für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen

Kornelia Schneider, Erika Berthold und Norbert Huhn

15.07.2014 Kommentare (0)

Das Gespräch haben wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Betrifft Kinder übernommen.

Worum geht es eigentlich in diesen Veranstaltungen? Um die Vermittlung von Wissen? Um Vorgaben und wie man sie erfüllt? Oder um Orientierungsmöglichkeiten und die Unterstützung der Fachkräfte?

Kornelia Schneider: Fortbildung – ein Thema mit vielen Facetten. Wo fangen wir an? Mit der Grundstruktur des Weiterbildungsangebots „Fortbildung“, mit dem Sinn und Zweck von Fortbildung, mit der Frage von Bildung, …

Norbert Huhn: … mit den Erwartungen der Träger und Teilnehmerinnen, mit der Haltung und den Kompetenzen derjenigen, die Fortbildungsveranstaltungen bestreiten?

Erika Berthold: Am besten fangen wir damit an, wie ihr Fortbildung versteht.

Kornelia Schneider: Das Verständnis von Fortbildung hängt davon ab, was Träger anbieten und was Fachkräfte erwarten. Die Organisationsstruktur und die Erwartungen beziehen sich eher auf traditionelle Vorstellungen. Fortbildung ist in der Regel wie Schulunterricht, schon weil ein Thema vorgegeben ist, zu dem möglichst viel in kurzer Zeit vermittelt werden soll. Da können die Teilnehmerinnen sich nur fragen: Interessiert mich das Thema oder nicht?

Norbert Huhn: Das kommt darauf an. Wenn der Träger sagt: Das ist ein neues Programm des Landes und muss umgesetzt werden, dann geht es um Neuorientierung, und Teilnahme ist Pflicht.

Kornelia Schneider: Stimmt. Ein anderes Problem ist: Wir haben überhaupt keinen vernünftigen Begriff für die ganze Angelegenheit. Wir wissen, dass nicht wir die Kinder bilden, sondern dass sie sich selbst bilden. Das Gleiche gilt für Fortbildung. Ich kann Angebote machen, die Fachkräfte nutzen können, um sich selbst fort- oder weiterzubilden. Ich bin nicht ihre Fortbildnerin. Eigentlich bin ich so was wie eine Lernbegleiterin oder ein Coach.

Norbert Huhn: Außerdem wirkt das Wort „Fortbildung“ immer so, als gäbe es Defizite, die ausgeglichen werden müssen.

Kornelia Schneider: Geht man ressourcenorientiert heran, entscheiden die Fachkräfte, was sie machen wollen. Hatten sie die Wahl, suchten sie sich ein Thema aus, weil es sie interessiert, dann habe ich eine gute Ausgangssituation und eröffne mit: Welche Fragen habt ihr? Was wisst ihr schon? Was braucht ihr?

Erika Berthold: Wenn du von den Erzieherinnen wissen willst, was sie brauchen, entsteht für mich der Eindruck, dass du weißt: Du kannst ihnen das geben.

Kornelia Schneider: Das hoffe ich sehr.

Norbert Huhn: Darum geht es gar nicht. Ich finde, es geht darum, ob man orientiert wird oder sich selbst orientiert.

Erika Berthold

Orientiert man sich selbst, erarbeitet man gemeinsam etwas, oder? Alle Beteiligten tun ihre Erfahrungen zu einem bestimmten Thema zusammen. Dann entsteht vielleicht etwas Neues. Oder es ergibt sich eine Antwort auf die Frage, mit der man sich beschäftigt. Kommen denn die Teilnehmerinnen überhaupt mit solchen Erwartungen in eure Veranstaltungen?

Kornelia Schneider und Norbert Huhn: Nein.

Erika Berthold: Viele Teilnehmerinnen denken wahrscheinlich: Oh, jetzt sitzt hier ein kluger Mensch, ein Experte. Der wird dafür bezahlt, dass er uns zu dem oder jenem Thema auf den Stand bringt, den wir brauchen. Zum Beispiel, um den Bildungsplan zu erfüllen.

Norbert Huhn: Ja, das wäre dann das Orientiert-Werden, für das man Fachleute einlädt, damit die Fachkräfte die neuen Ansprüche kennen lernen.

Kornelia Schneider: Das würde ich eher Informationsveranstaltung nennen. Es läuft aber in der Regel auch unter Fortbildung.

Norbert Huhn: Um neue Ideen zu vermitteln, braucht man auch Veranstaltungen. Werden in Neuseeland Lerngeschichten geschrieben, ist es wichtig, dass man hierzulande davon erfährt. Das ist Orientieren. Orientiert-Werden wäre: In Neuseeland gibt es diese Lerngeschichten, und genau so macht ihr das hier jetzt auch.

Kornelia Schneider: Das schränkt den Spielraum für die Fachkräfte, sich zu bilden, drastisch ein.

Erika Berthold: Außerdem funktioniert Lernen so nicht, wie wir von den kleinen Kindern wissen.

Kornelia Schneider: Erwachsene lernen ja nicht anders! Sie müssen das, worum es geht, zu ihrer Sache machen können, sich also letztlich selbst orientieren. Das heißt: Neue Orientierungen für Fachkräfte müssen an das, was sie kennen, anknüpfen, so dass sie selbst feststellen, was das Neue ist und ob es zu ihnen, ihren Konzepten und ihren Kitas passt. Ist das der Fall, verwandeln sie es sich an, integrieren es und entwickeln es vielleicht sogar weiter.

Norbert Huhn: Dann bist du eine Lernbegleiterin.

Kornelia Schneider: Aber auch Expertin. Ich verstehe mich als Fachfrau, stelle mein Wissen zur Verfügung, lege offen, woher es kommt und wie es sich mit meiner Erfahrung, meiner Haltung und meinen Zielen verbindet. Ich stelle zur Disposition, was die Teilnehmerinnen damit anfangen können und wollen.

Norbert Huhn: Sollen sie etwas übernehmen, das ihnen nicht einleuchtet, lehnen sie es innerlich ab oder nehmen es äußerlich als Vorgabe an, an die sie sich zu halten haben, und versuchen dann, irgendwie damit klarzukommen.

Kornelia Schneider: Das führt kaum zu einer Reflexion der pädagogischen Praxis, sondern befördert eher die Haltung, Rezepte zu verlangen, die helfen, vorgebene Pflichten oder Erwartungen erfüllen zu können.

Norbert Huhn: Das Orientiert-Werden hat übrigens zwei Seiten. Die eine Seite: Neue Begriffe werden einfach in Konzepte übernommen und spielen in der praktischen Umsetzung keine Rolle, weil ihre Inhalte nicht begriffen oder gar abgelehnt werden. Oder es heißt: Ach, das kennen wir schon… Die andere Seite, noch mal am Beispiel der Lerngeschichten: Erzieherinnen erfahren davon, sind inspiriert, wollen die Methode aber nicht 1:1 umsetzen, was auch gar nicht ginge…

Kornelia Schneider: Sie können gemeinsam klären, was sie übernehmen und in ihrer Arbeit nutzen wollen.

Norbert Huhn: Aber selbst wenn sie eine Neuorientierung ganz und gar ablehnen, was ein souveräner Akt ist, ist das ihr gutes Recht. Also: Auch wenn sie Vorgaben kriegen, entscheiden sie, wie sie damit umgehen, in aller Offenheit oder verdeckt, denn es werden ja Machtfragen berührt.

Kornelia Schneider: Der subjektive Faktor spielt immer eine Rolle, selbst wenn Aufgaben formal erfüllt werden.

Erika Berthold: Was meinst du mit dem subjektiven Faktor?

Kornelia Schneider: Das, was mich persönlich lenkt in meiner Entscheidung, was ich daraus mache, ich als Subjekt meiner fachlichen Tätigkeit.

Norbert Huhn: Jeder schafft seine eigene Wirklichkeit. Deswegen machen nie alle das Gleiche aus einer Vorgabe. Meist versprechen sich Träger von Veranstaltungen, die sie Fortbildungen nennen, dass bestimmte Inhalte und Verfahrensweisen vermittelt werden. Wir können aber nichts vermitteln, sondern allenfalls Selbstbildungsprozesse anregen, die in den Köpfen der Teilnehmerinnen stattfinden. Im Austausch mit den Team-Kolleginnen, im Zusammenleben mit den Kindern trennt sich dann Bildungs-Spreu von Bildungs-Weizen

Offen bleiben die Alternativen. Im nächsten Gespräch soll es deshalb um die Frage gehen: Kann man Selbstbildung organisieren?

Kornelia Schneider ist Erziehungswissenschaftlerin und war mehr als 30 Jahre lang als wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in der Abteilung Kinder/Kinderbetreuung tätig.

Norbert Huhn war Referent und Dozent in der Aus- und Fortbildung für Frühpädagogik. Seine Arbeitsschwerpunkte waren: qualitative Evaluation und Konzepte für eine humanistische Pädagogik.

Erika Berthold ist Journalistin und freie Mitarbeiterin im verlag das netz.

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