zwei U3 Kinder

Im Reich der kleinen Forscher. Ein Kurzdrama in vier Szenen

Michael Fink

20.03.2012 Kommentare (0)

Man kann es mit der Bildung auch übertreiben - so diese Glosse, die wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Betrifft Kinder (Heft 3) übernehmen.

Prolog

Blecherne Stimme, wie aus einem alten Schul-Lehrfilm klingend:

Deutschland galt schon bei seiner Entstehung als ein ausgesprochen technologieorientiertes Land. Dennoch wurde es in den letzten Jahren zunehmend von Menschen ohne ernsthaften Forschergeist bewohnt. Diese Entwicklung bereitete den Vordenkern unserer Gesellschaft lange Zeit große Sorge.

Heute ist Deutschland ein innovativer Ort, in dem der Titel „Land der Ideen“ zu Recht immer wieder verliehen wird. Dieser Erfolg stellte sich nicht von ungefähr ein, sondern ist das Ergebnis so großzügigen wie uneigennützigen Mäzenatentums, der Anstrengungen des Bildungsministeriums und vieler regionaler Kooperationspartner – wer immer sich auch hinter diesem Wort verbergen mag.

Ja, man kann durchaus sagen: Deutschland nimmt seine führende Rolle wieder ein, und das, was wir in den letzten Jahren geschafft haben, verdanken wir mutigen Projekten wie (Einsetzender Fanfarenklang) dem Haus – der – kleinen – FORSCHER!

Erste Szene: Im Kindergarten „Bummi-Oase“, Forscher-Funktionsecke

Großer Forscher:

Es ist schön, hier unter so vielen jungen Leuten zu sein! Vor allem, weil ich weiß, dass ihr, liebe Kinder, so begeisterte Forscher seid! Ich bin auch ein Forscher – an einer richtigen Universität –, und heute möchte ich mit euch ein Experiment machen, denn ich weiß: Kinder haben die besten Ideen und Fragen beim Forschen.

(Baut umständlich eines der beliebten „Hundert Experimente für jeden Tag“-Experimente auf):Ich habe für euch ein spannendes Experiment aufgebaut. In diesen zwei Gläsern, Erlenmeyerkolben nennt man sie, befinden sich zwei unterschiedliche Arten von Flüssigkeit, Beobachtet bitte genau, was passiert, wenn ich…

Kleiner Forscher:

Das liegt an der Ausdehnung!

Großer Forscher, aus dem Konzept gebracht:

Du weißt doch noch gar nicht, was passiert, mein Junge!

Kleine Forscherin und kleiner Forscher:

Doch, das kennen wir schon aus „Wissen macht Ah“ und dem „Zeinzklub“! Das dehnt sich irgendwie aus, und dann macht´s blubb. Immer macht das blubb!

Großer Forscher, keck:

Na, wenn ihr solche pfiffigen Kerle seid, dann könnt ihr mir ja gewiss auch sagen, was bei diesem neuen Experiment passiert. Passt genau auf!

(Hantiert mit allerlei Instrumenten und Flüssigkeiten, die in der perfekt eingerichteten Forscherecke zu finden sind. Zunehmend macht sich Unruhe unter den kleinen Forschern breit, die erfolgreich versuchen, Experimentiermaterialien im Rollenspiel einzusetzen.)

Mittelgroße Forscherin und Begleiterin der kleinen Forscher, bemüht freundlich:

Legt das jetzt bitte weg, Kinder, und seit so nett, jetzt zu schauen, was euch unser Gast zeigen möchte. Da! Ich glaube, ich hab schon was – ge – se – hennn!

Alle kleinen Forscherinnen und kleinen Forscher, durcheinander:

Da passiert irgendwie nix! Bei „Willi wills wissen“ macht das immer blubb!

Großer Forscher, irritiert:

Also, nach der Beschreibung müsste jetzt ein leichter Ansaugeffekt feststellbar sein. Tja, entweder ist das Experimentiermaterial schadhaft oder wir schauen einfach nicht genau hin… Es gibt ja auch Dinge, die man eher auf der Nano-Ebene beobachtet.

Mittelgroße Forscherin und Begleiterin der kleinen Forscher ( zum großen Forscher):

Ich glaube, Herr Professor, es ist jetzt ohnehin besser, abzubrechen. Es ist gleich Mittagszeit, und die Kinder sind jetzt einfach… Aber wir haben schon schöne Ergebnisse erreicht, zum Beispiel das mit dem Ausdehnung. Und den Rest, den festige ich morgen in der Vorschul-AG. Kinder, sagt alle schön Danke, dass uns der Herr Professor besucht hat!

Großer Forscher (in seinen Bart brummelnd):

Man könnte die Kinder ja auch ab und zu mal ein bisschen mehr dazu anhalten, sich auf eine wissenschaftlich angemessene Weise auf ein Experiment einzulassen… (lauter werdend) Aber meine Petrischale möchte ich bitte zurück! Das ist hier nicht alles als Spende gedacht!

Zweite Szene: Beim Sommerfest, zwei Wochen später

Der große Zauberer Petrosilius Zwackelmann, vor sich einen Zylinder und ein rosarotes Zwergkaninchen, dazu einen Zauberstab, den er gebieterisch schwenkt:

Schaut mal her, Kinder: Glaubt ihr, dass ich diesen Stoffhasen hier in diesem Hut wegzaubern kann?

Erster kleiner Forscher:

Klar, geht das! Der Hase kriegt die Ausdehnung, und dann wird er schwerer als die Luft in deinem Hut. Da entsteht dann Wah-Ku-Umm, und dann ist Hase weg.

Zweiter kleinerer Forscher:

Nee, der Hase ist nicht verschwindet! Der Zauberer erstickt den! Weil, weil… Unter dem Hut ist zu wenig Sauerstoff! Und der Hase braucht Sauerstoff wie die Kerze und das Gummibärchen, und der geht dann aus oder unter…

Dritter noch kleinerer Forscher:

Oder der Hase wird dick, ganz dick! Das Gummibärchen wird doch auch immer so dick, bei den Experrementen!

Großer Zauberer Petrosilius Zwackelmann, zunehmend genervt:

Äußerrrste Rrruhe, bitte! Was ist hierrrr unterrrr meinem Zylinderrrr?

Alle kleinen Forscher, durcheinander:

Kohlestoff! Ein Macknet! Der Hase! Ganz viel Wah-Ku-Umm!

Großer Zauberer Petrosilius Zwackelmann, im Geschrei kaum vernehmbar:

Seht doch mal hin! Hörrrt doch mal auf mit diesen komischen Theorrrien! Simsala – hallo, ich rede jetzt – bimmm!

Der Hase nutzt die Konfusion und verlässt, kühne Haken schlagend, den Ort des Geschehens.

Dritte Szene: Wieder in der Forschungs-Funktionsecke, zwei Wochen nach dem Sommerfest

Mittelgroße Forscherin:

Kinder, heute führe ich mal mit euch ein Experiment durch, und ihr beobachtet genau, und dann versucht ihr, durch Fragen herauszufinden, was wir beobachtet haben. (Hantiert umständlich in einem leeren Aquarium und mehreren, schwer nach Chemielabor aussehenden Gerätschaften.)Habt ihr etwa schon eine Frage?

Ganz kleiner Forscher:

Kann Hasi beim Exmenzieren zuschauen?

Mittelgroße Forscherin, resolut:

Den Hasi gibst du jetzt bitte mir. Der Hasi mag die Spielzeit, aber jetzt ist Kleine-Forscher-Zeit. Also, wer hat eine sinnvolle Frage oder Idee, was jetzt gleich passiert, wenn ich dieses Gefäß mit der unsichtbaren Flüssigkeit in das andere, scheinbar leere Gefäß drücke?

Kleiner Forscher, mit gespielt nachdenklichem Gesichtsausdruck:

Geht vielleicht wieder die Kerze aus, und das Gummibärchen wird nass?

Mittelgroße Forscherin:

Eine gute Frage, Jonas! Aber leider verwenden wir bei diesem Experiment weder Kerze noch Gummibärchen. Oder siehst du hier so was?

Kleiner Forscher, entschieden:

Nein. Aber das liegt vielleicht dran, dass du sie schon weggezaubert hast.

Mittelgroße Forscherin:

Das habe ich nicht! Experimente sind keine Zauberei!

Zweiter kleinerer Forscher:

Vielleicht ist es ein unsichtbares Gummibärchen, so wie dieses unsichtbare Gas, und die Kerze ist auch unsichtbar.

Kleiner Forscher:

Also, Sachen wegzaubern, die man gar nicht sieht, ist langweilig. Wir wollen den großen Zauberer Zwackelmann holen, der kann wenigstens richtig was wegzaubern...

Ganz kleiner Forscher, an einem Erlenmeyerkolben nuckelnd und daher kaum verstehbar:

Gitti, tannst du ein Extement machen, wo Hasi ein Zwingeling triegt?

Mittelgroße Forscherin, das Experimentiermaterial ärgerlich in den Koffer räumend:

So, Kinder! Wie auf dem Plakat mit dem sieben Regeln für kleine Forscher vereinbart, geht ihr bitte zum Händewaschen. Apropos Regeln: Wo ist eigentlich das schöne Regelplakat?

Kleiner Forscher, unschuldig:

Hab ich weggezaubert!

Mittelgroße Forscherin:

Das glaub ich nicht. Zaubern kann man gar nicht.

Kleiner Forscher:

Entschuldigung, Gitti, hab ich wegexpimentiert.

Ganz kleiner Forscher, verwirrt:

Ditti, tannst du jetzt meinen Hasi wieder zurückexmenzieren?

Mittelgroße Forscherin, schwer genervt:

Ich hatte klar gesagt, der Hasi bleibt so lange im Fach, wie wir zusammen zau- äh, experimentieren. Genau das steht übrigens auch auf dem verschwundenen Regelplakat. Aber mit wem rede ich eigentlich…

Letzte Szene, im Eingangsbereich des Kindergartens, abermals zwei Wochen später

Die große Forschungsministerin:

Ich habe Sie, meine Sehrverehrtendamenundherren, heute zu diesem Termin eingeladen, um Ihnen ein einzigartiges Experiment vorzuführen, das bei Ihnen sicherlich viele Fragen – wie sagt man so schön? – e-vo-zieren wird. Betrachten Sie zunächst mein Experimentiermaterial: Ein stinknormaler Kindergärten mit den üblichen Tanten, mehr oder weniger bildungsfernen Kindern und den dazugehörigen, latent unzufriedenen Eltern. Mit Hilfe eines noch geheimen Stoffes hinter diesem Vorhang und eines einfachen Katalysators – Geld – werde ich diese Hütte nun in etwas unglaublich Wertvolles verwandeln: eine moderne Bildungseinrichtung, in der die Elite von morgen heranwächst!

Publikum:

Raun! Staun! Aufgeregt scharr!

Große Forschungsministerin, gebieterisch und mit metallischer Stimme:

Schauen Sie genau hin!

(Zerrt an dem an der Wand hängenden Stoff, bis er herab gleitet und den Blick auf eine Plakette mit der Aufschrift „Haus der Kleinen Forscher“ freigibt.)

Publikum

Das ist ja sensationell! Gibt es freie Plätze in diesem Haus? (Zueinander gewandt:) Möchten Sie mit mir – in ko-konstruierenden Prozessen natürlich – ein Kind erzeugen, um es in diesem famosen Haus bilden zu lassen?

Große Forschungsministerin, zu einigen neben ihr stehenden Herren gewandt:

Sie sind doch von der Presse. Können Sie nicht mit Ihrem Mikrofon ein paar O-Töne von den Kindern einfangen, wie sie ihre Sicht auf dieses hervorragende Projekt kundtun: ehrlich, offen und herrlich unverblümt, wie Kinder nun mal sind? Den Blonden da zum Beispiel?

Neben der großen Forschungsministerin stehender Herr, eilfertig:

Sehr gern, Frau Ministerin. Hey, kleiner Mann, ich würde dir gern ein paar Fragen stellen. Vielleicht kannst du dich heute Abend im Fernsehen sehen, und deine Mutti oder der Vati sind ganz begeistert! Bist du bereit?

Kleiner Forscher:

Hm…

Der Herr, den kleinen Forscher fixierend:

Viele Kinder träumen davon, später einmal Erfinder oder große Naturforscher zu werden. Mich würde interessieren, Jan-Jakob, was du, nachdem du hier in diesem wundervollen „Haus der kleinen Forscher“ lernen und experimentieren durftest, später einmal werden möchtest?

Kleiner Forscher, unsicher:

Früher, da wollte ich auch ein Forscher werden. Aber inzwischen ist mir das zu langweilig. Es ist bestimmt besser, wenn ich später Zauberer werde…

Der Vorhang fällt.

 

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