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Integration funktioniert nur, wenn man jemandem die Hand reicht

Nadine Albach

10.07.2018 | Fachbeitrag Kommentare (0)

familY-Programm hat in Frankfurter Kita nicht nur den Übergang von der Kita zu Grundschule erleichtert, sondern auch Vorurteile abgebaut  

Die Schule ist ausgewählt, der Tornister gekauft und das Etui mit Namen beschriftet. Doch wenn ein Kind vom Kindergarten in die Grundschule wechselt, geht es um sehr viel mehr: Die Hoffnung auf bestmögliche Bildungschancen, die Angst zu versagen, die Unsicherheit gegenüber einem unbekannten System. Das familY-Programm will Familien in dieser sensiblen Übergangsphase unterstützen und Eltern zu kompetenten Bildungsbegleitern ihrer Kinder machen. Dass es dabei auch einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten kann, zeigt das Beispiel einer Kita in Frankfurt. 

Als Nele Kahle 2014 als Erzieherin in der Kita am Bügel begann, war sie mit einer für sie völlig neuen Situation konfrontiert: „Weit über 95 Prozent“ der rund 70 Kinder hatten einen Migrationshintergrund. Die Verständigung mit den Eltern sei bisweilen extrem schwierig und nur mit Dolmetscher möglich gewesen - oder mit Händen und Füßen. „Damals dachte ich: Die Eltern könnten aber ein bisschen mehr an ihren Sprachkenntnissen arbeiten“, erzählt Nele Kahle. „Das würde ich heute nie wieder so sehen.“ Sie hat sich gemeinsam mit einer Kollegin vor knapp drei Jahren zur familY-Begleiterin ausbilden lassen und durch diese Arbeit „so viel gelernt, so viel hätte ich im Leben sonst nicht gelernt.“ Inzwischen zeigt die Erzieherin einfach auf eine selbst erstellte Bildtafel mit Regentropfen und dem entsprechenden Kleidungsstück, wenn sie einer Mutter aus Afghanistan vermitteln will, dass ihr Sohn eine Matschhose braucht. 

Wohnort als Stigma 

Die schwierige Kommunikationssituation war allerdings nur ein Grund für die Kita, sich für das Programm anzumelden. Ein ebenso wichtiger: familY will die Kompetenzen der Eltern stärken, um so die Bildungschancen der Kinder zu erhöhen. Das spielt für die Einrichtung in Frankfurt eine besondere Rolle: Sie liegt am Ben-Gurion-Ring im Nordosten Frankfurts. Hochhäuser aus gefördertem Wohnungsbau prägen das Bild, bewohnt vor allem von sozial schwachen Familien. So isoliert, wie die Siedlung selbst ist, so abgeschottet leben laut Frankfurter Integrationsstudie auch die verschiedenen Kulturen nebeneinander. „Die Menschen selbst nehmen den Stadtteil nicht als sozial benachteiligt wahr – sie spüren aber, dass er von außen so gesehen wird. Von hier zu kommen ist wie ein Stigma“, beschreibt Nele Kahle die Situation. Die Mütter und Väter hätten die Versprechen von Bildungs- und Chancengleichheit als verlogen empfunden und zugleich auch nicht an sich selbst geglaubt. „Wir wollten unbedingt auch etwas an dem Selbstwertgefühl der Eltern machen“, so die Erzieherin. „Sie fühlten sich über ihre Pflichten, aber nicht über ihre Rechte und Möglichkeiten informiert.“ 

Viel Überzeugungsarbeit 

Trotzdem war viel Überzeugungsarbeit nötig: Obwohl alle Eltern persönlich eingeladen wurden und sogar eine Kinderbetreuung organisiert war, kamen gerade einmal zwei Mütter zum Info-Abend. Nele Kahle nahm es sportlich: „Mit denen sind wir dann richtig ins Detail gegangen. Dadurch haben sie das Konzept so gut verstanden, dass sie es weitertragen konnten.“ Beim zweiten Treffen saßen schon acht Eltern vor ihr, danach kamen bis zu zwölf. Die Sprachbarriere konnten sie gemeinsam lösen: Zwei Mütter sprachen Arabisch, andere deckten zum Beispiel Farsi und Paschtu ab. Eine erste vorsichtige Annäherung untereinander. Trotzdem entstanden Situationen, mit denen die Erzieherin nicht gerechnet hatte: Ein Vater beispielsweise besuchte ein Treffen, bevor auch seine Frau teilnahm – er wollte sehen, ob auch andere Männer anwesend seien. „Auf die Idee wäre ich nicht gekommen. Aber wenn das so ist, ist es eben so: Uns ist jeder recht, wenn sie nur kommen. Es ist ja nicht meine Aufgabe, Menschen zu verändern“, sagt Nele Kahle. 

Heidenspaß im Bus 

Und doch haben sie und ihre Kollegin etwas verändert, für die Eltern, für die Kinder und für die Erzieherinnen. Bei den Treffen regten sie die Mütter und Väter durch Rollenspiele und kleine Aufgaben an, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Als sie die Eltern bat, eine Situation im Alltag zu beschreiben, in der ihr Kind etwas lerne, kam erst einmal nichts. Angeregt durch ein paar Bilder aber sprudelte es nur so heraus: Ach ja, beim Backen, das Wiegen und Abmessen, oder beim Einkaufen… Schritt für Schritt verstanden sie, dass ihre Sprösslinge ständig lernen und sie ihnen auch ohne große Schulbildung viel mitgeben können. „70 Prozent der Bildung kommt aus der Familie, nur 30 Prozent von der Kita oder der Schule“, erklärt die Erzieherin. Eine Mutter inspirierte diese Erkenntnis so sehr, dass sie es in ein Spiel ummünzte: Als die Kinder eine zeitlang wegen eines Umbaus mit einem Shuttle-Bus zur Kita fuhren, hatte sie Kärtchen mit Zahlen und Buchstaben dabei, die sie an die Busscheibe hielt – wo sie ihr Kind lachend benannte. „Die beiden hatten einen Heidenspaß dabei, das war großartig“, erinnert sich Nele Kahle.  

Vertrag zum Ballspielen  

In den Gesprächen stellte die Erzieherin fest, dass die Eltern sich zunehmend in ihre Kinder hineinversetzten: Bei einem Rollenspiel, in dem ein frustriertes Kind sagt, es wolle nicht mehr zur Schule gehen, wurde nicht mit einem „Du musst aber dahin!“ reagiert. Stattdessen suchten die Mütter und Väter das Gespräch, um die Gründe herauszufinden und gemeinsam eine Lösung zu entwickeln. Auch als Nele Kahle ein schreiendes Kind mimte, das nicht aufhörte, mit seinem Ball zu werfen, wurde sie nicht abgekanzelt. Eine Mutter schlug ihr einen kleinen Vertrag vor: Sie könnten gemeinsam in den Garten gehen und jeder fünf Mal schießen – danach dürfe sie wieder reingehen und weiter ihre Aufgaben erledigen. „Die Eltern haben mir gesagt, dass sie früher nie so mit ihren Kindern verhandelt hätten. Jetzt aber sind sie in der Lage darüber nachzudenken, warum es etwas tut und das Problem in kleinen Schritten gemeinsam zu bewältigen.“ 

Gewachsenes Selbstvertrauen 

Nele Kahle beobachtet, dass das Selbstbewusstsein auf beiden Seiten gewachsen ist: Die Eltern wissen nun, wie sie ihrem Nachwuchs auch mit kleinen Dingen weiterhelfen können – und stärken ihre Sprösslinge, indem sie sie anders wahrnehmen. „Eine Mutter hat mir gesagt, dass sie vorher immer nur ihr kleines Kind gesehen hat. Jetzt erkennt sie, was es alles kann und jeden Tag dazulernt.“ Eine Sicherheit, die gerade bei dem Übergang zur Grundschule eine wichtige Basis bildet. „Ich finde das aber so wichtig, dass das Programm aus meiner Sicht sogar noch früher ansetzen könnte“, sagt Nele Kahle. 

Die Eltern des ersten familY-Jahrgangs wollen sich auch weiterhin regelmäßig treffen und austauschen. Vor allem aber geben sie ihre Begeisterung weiter: Eine Mutter wird Nele Kahle bei der nächsten Runde mit ihren Arabisch-Kenntnissen unterstützen und so Hemmschwellen abbauen.  

Die hat auch die Erzieherin selbst überwunden: Sie nutzte die Treffen mit den Eltern, um ihnen bei jedem Termin eine persönliche Frage zu stellen. Unbefangen erkundigte sie sich nach Situationen, die zuvor bei ihr auf Unverständnis gestoßen waren. Geduldig erklärten ihr die Mütter und Väter die Sitten, Gebräuche und Glaubensgrundsätze ihrer verschiedenen Kulturen und waren höchst erfreut darüber, dass jemand nachfragte und sich wirklich interessierte. „Integration kann doch nur funktionieren, wenn man sich jemandem öffnet und ihm die Hand reicht“, sagt Nele Kahle. „Ich sehe zum Beispiel ein Kopftuch gar nicht mehr: Ich sehe das Gesicht, die Augen und manchmal auch das Herz.“  


WAS IST DAS FAMILY-PROGRAMM? 

  • Das familY-Programm wendet sich an Eltern mit Kindern im Vorschulalter: Ziel ist es, die Bildungskompetenzen der Eltern zu stärken, um so die Bildungschancen der Kinder zu erhöhen. 
  • Um die Familien zu erreichen, werden pädagogische Fachkräfte vor Ort zu familY-BegleiterInnen qualifiziert. Sie leiten zwölf Elterntreffen rund um den Übergang von der Kita in die Grundschule. 
  • Seit 2010 wird familY bundesweit in rund einem Dutzend Städten und Gemeinden umgesetzt. Das Programm ist evidenzbasiert und fußt auf einer Expertise der PH Heidelberg. 
  • familY ist ein Programm der Organisation EDUCATION Y mit der Vorstandspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth, die sich für eine veränderte Lehr-, Lern-, und Beziehungskultur einsetzt, um die Chancengerechtigkeit zu erhöhen und Kinder in ihrer Persönlichkeitswerdung zu stärken. Weitere Informationen: www.education-y.de

EDUCATION Y – Ziele, Handlungsfelder und Programme

EDUCATION Y stärkt die Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Zeiten des digitalen Wandels in den Handlungsfeldern Kita, Schule, Familie und Hochschule. Um systemisch zu wirken, nehmen die Programme buddY, familY, mY kita und studY jene Erwachsenen in den Blick, die Kinder in unterschiedlichen, bildungsbiografisch relevanten Institutionen begleiten. Ziel ist es, dass diese Erwachsenen ihr Handeln und ihre Haltung verändern und eine Beziehungskultur ermöglichen, die von Wertschätzung, Kompetenzorientierung und Ermutigung geprägt ist. (www.education-y.de).Initiator von EDUCATION Y: Vodafone Stiftung Deutschland. 

Weitere Infos halten wir auf www.education-y.de, unter facebook.com/educationy oder auf twitter.com/EDUCATION_Y bereit. 

Bildnachweise: EDUCATION Y/Bente Stachowske

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