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Interview: Prof. Dr. Dreyer mit einem Aufruf für verbesserte Qualitätsstandards in der frühen Erziehung, Bildung und Betreuung

Prof. Dr. Rahel Dreyer, stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG BEK) e.V. im Interview mit Dr. Lisa Jares, Chefredakteurin von ErzieherIn.de 

Frau Prof. Dr. Dreyer, Sie haben gemeinsam mit Frau Prof. Dr. Viernickel, Professorin für Frühpädagogik an der Universität Leipzig und Prof. Dr. Irene Dittrich, Sprecherin des Studiengangstags Pädagogik der Kindheit einen Aufruf in die Öffentlichkeit gestartet und fordern dazu auf, die Qualitätsstandards in der frühen Erziehung, Bildung und Betreuung anzugleichen, dauerhaft zu verbessern und finanziell zu sichern. Wie kam es zu dieser Initiative?

Jetzt, kurz vor den Bundestagswahlen, wollten wir die Bundesregierung explizit dazu auffordern, mehr in die frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung zu investieren und ein Gesetz zur Verbesserung der Qualität in Kita und Kindertagespflege auf den Weg zu bringen.

Um die Initiative des Bündnisses für ein Bundesqualitätsgesetz von AWO, DCV/KTK und GEW zu unterstützen, haben wir – Susanne Viernickel (Universität Leipzig), Irene Dittrich (Studiengangstag Kindheitspädagogik) und ich (Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e.V.) - uns in Rücksprache mit den drei Akteuren entschieden, aus wissenschaftlicher Perspektive einen Aufruf in die Öffentlichkeit „Qualitätsstandards in der frühen Bildung jetzt angleichen, dauerhaft verbessern und finanziell sichern“ zu initiieren.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation der institutionellen frühkindlichen Erziehung, Bildung und Betreuung in Deutschland? Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Die Situation der Kindertagesbetreuung gestaltet sich in den Bundesländern nach wie vor sehr unterschiedlich. Das belegt auch die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Insbesondere was die Fachkraft-Kind-Schlüssel betrifft, gibt es zwischen den einzelnen Bundesländern noch erhebliche Unterschiede. Wir wissen, dass es Schwellenwerte für die Fachkraft-Kind-Relation gibt, ab denen die pädagogische Qualität leidet und eine ernsthafte Bildungsarbeit nicht kontinuierlich möglich ist. Für Kinder unter dreijährigen Kindern liegen diese bei maximal vier Kindern pro Fachkraft, für ältere Kinder bei ca. 1:9. Die großen Betreuungsunterschiede, vor allem bei den jüngeren Kindern, müssten bundesweit den individuellen Bedürfnissen der Kinder angepasst werden. Nur dann kann sichergestellt werden, dass das Wohlbefinden insbesondere der unter Dreijährigen nicht aus den Augen verloren wird und die, Krippen-Garantie‘ – wie es von der Politik formuliert wird – auch für sie erfüllt wird.

Parallel zum quantitativen Ausbau sollte daher nun auch dringend die Qualität in Kita und Kindertagespflege im Vordergrund stehen. Ich finde es wichtig, allen Kindern unabhängig von Herkunft und Wohnort eine hohe Qualität in ihrer Bildung, Betreuung und Erziehung zu ermöglichen.

Sie schreiben in Ihrem Aufruf, dass die Forschung zu frühkindlicher Entwicklung und institutioneller Bildung, Erziehung und Betreuung eindeutig belegt, dass Investitionen in strukturelle Rahmenbedingungen der Kindertagesbetreuung zu einer verbesserten pädagogischen Qualität führen und sich förderlich auf kindliche Bildungs- und Entwicklungsverläufe auswirken. Wie kann hier ein quantitativer und gleichzeitig qualitativ hochwertiger Ausbau der frühkindlichen Erziehung, Bildung und Betreuung gelingen?

Ja, das ist richtig! Nur wenn die pädagogische Qualität stimmt, profitieren Kinder in ihrer sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklung. Bei einem geringeren Fachkraft-Kind-Schlüssel und in kleineren Gruppen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Fachkräfte situations- und kindangemessen reagieren, Bedürfnisse nach individueller Zuwendung und Körperkontakte besser befriedigen, als Spiel- und Interaktionspartner verfügbar sind und Kinder in ihrer Entwicklung und Bildung besser unterstützen. Je höher die Qualifikation der Fachkräfte und insbesondere der Leitung ist, desto besser entwickeln sich sich die Kinder. Anstatt die Fachkräftekataloge aufzuweichen und vermehrt auch Personal ohne Qualifikation einzustellen, sollte daher sollte dringend auch in die (Weiter-)Qualifizierung des Personals investiert werden und zumindest für Leitungskräfte ein akademischer Abschluss - wie auch in fast allen anderen europäischen Ländern üblich - angestrebt werden. Auch wenn vielerorts deutlich ist, dass der Fachkräftebedarf nicht mehr gedeckt werden kann, ist eine weitere Ausweitung der Assistenzberufe nicht sinnvoll.

Damit diese Erkenntnisse umgesetzt werden, sind enorme Ressourcen mit Unterstützung des Bundes erforderlich. Um allen Kindern unabhängig von Herkunft und Wohnort gleiche Chancen zu ermöglichen, muss jede künftige Bundesregierung sicherstellen, dass auch in finanzschwachen Regionen ein bedarfsgerechter quantitativer und qualitativer Ausbau von  Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege ermöglicht wird. Es sollte dabei sichergestellt werden, dass die Mittel tatsächlich in der Kindertagesbetreuung und bei den Kindern ankommen. Bund und Länder haben sich in einem gemeinsam gestalteten Prozess bereits auf Eckpunkte für ein Qualitätsentwicklungsgesetz verständigt. Ziel ist es, für alle Kinder in Deutschland vergleichbare Rahmenbedingungen in frühpädagogischen Institutionen zu schaffen und so das Postulat der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse einzulösen. Der Beschluss der Jugend- und Familienministerkonferenz sollte unmittelbar nach Beginn der nächsten Legislaturperiode des Bundestags in ein Gesetzgebungsverfahren einmünden. Wichtig ist zudem, dass die Mitfinanzierung des Bundes strukturell abgesichert ist und die bisherigen Investitionen in Qualität und Qualitätsentwicklung auf keinen Fall zurückgefahren, sondern zusätzliche Mittel für Verbesserungen der Qualität bereitgestellt werden. Eine produktive Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung ist essentiell, um diesen Qualitätsentwicklungsprozess kritisch-konstruktiv begleiten zu lassen und dessen Ergebnisse und Effekte empirisch zu analysieren.

Sie konnten über 50 namenhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Erstunterzeichner für Ihre Initiative gewinnen. Wie ist die Resonanz auf Ihren Aufruf in die Öffentlichkeit und wie geht es damit weiter?

Es wurde bereits in den großen Medien wie z.B. der Welt und in der Huffington Post aber auch in vielen Fachportalen über den Aufruf berichtet. Täglich schließen sich nun weitere Wissenschaftler_innen dem Aufruf an. Ein Hauptaugenmerk liegt auch auf dem Diskurs mit Abgeordneten und Sprecher_innen der verschiedenen Parteien. Wir hoffen sehr, dass den von diesen verkündeten Absichten nun auch Taten folgen und zukünftig allen Kindern unabhängig von Herkunft und Wohnort eine hohe Qualität in ihrer Bildung, Betreuung und Erziehung gewährleistet werden wird.

Vielen Dank für das Interview! Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Aufruf in die Öffentlichkeit für verbesserte Qualitätsstandards in der frühen Erziehung, Bildung und Betreuung, welchen ich sehr gerne als Mitunterzeichnerin unterstütze.

Prof. Dr. Rahel Dreyer
Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice Salomon Hochschule Berlin, Wissenschaftliche Leiterin der berufsintegrierenden Studienform des Studiengangs "Erziehung und Bildung im Kindesalter" (B.A.) und stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG BEK) e.V.

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