zwei U3 Kinder

"Jedes Kind ist hoch begabt"

Petra Schraml

07.04.2013 Kommentare (1)

Jedes Kind ist hoch begabt, wir müssen es nur erkennen, ist Prof. Dr. Gerald Hüther überzeugt. Die Online-Redaktion sprach mit dem Göttinger Neurobiologen über Begabungen, die er gerne Potenziale nennt, und darüber, wie Schule gestaltet sein müsste, damit Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und ausbilden können.

Online-Redaktion: Sie haben vergangenes Jahr zusammen mit Uli Hauser das Buch „Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen“ herausgegeben. Was genau ist eigentlich Hochbegabung?

Hüther: Das, was wir in unserem Kulturkreis eine Begabung nennen, ist nichts Objektives im Sinne von Wissenschaft, sondern eine kulturelle Vereinbarung, auf die sich Menschen für eine gewisse Zeit verständigen. Bei uns gelten intellektuelle, kognitive und auch analytische Fähigkeiten als besondere Begabungen. In einem anderen Kulturkreis wären ganz andere Eigenschaften Zeichen von Hochbegabung. Ein Kind, das analytische Sachverhalte schon sehr früh erkennen und beschreiben kann, ist hier hoch begabt, während alle anderen Begabungen, wie auf Bäume klettern zu können, eine sehr gute Körperbeherrschung zu haben oder anderen Menschen das Herz zu öffnen, unbedeutend sind.

Wir haben dieses Buch auch deshalb geschrieben, weil dieses sonderbare, in unserem Kulturkreis vorherrschende Begabungskonzept auch die Grundlage für unser Schulsystem bildet. Könnten Lehrerinnen und Lehrer nicht länger davon ausgehen, dass es Kinder gibt, die von Geburt an oder womöglich genetisch intelligenter und damit begabter sind als andere, würde das Schulsystem so wie es ist, nicht mehr funktionieren. Dann könnte man Kinder nicht länger aussieben und selektieren und dann könnte man Kinder mit Trisomie 21 auch zum Abitur führen, so wie wir es in unserem Buch beschrieben haben.

Online-Redaktion:
Warum ist Ihrer Ansicht nach jedes Kind hoch begabt?

Hüther: Kinder kommen mit einem Gehirn zur Welt, in dem so viele Vernetzungsangebote bereitgestellt werden, dass jedes Kind dadurch die Fähigkeit hat, sich an jedem Ort dieser Erde zu einem vollwertigen Mitglied der entsprechenden Kultur zu entwickeln. Wenn ich in Grönland bei den Inuit geboren worden wäre, dann könnte ich jetzt zwölf Sorten Schnee auseinanderhalten. Die Hirnforschung weiß heute, dass die Netzwerke, die bis zum Zeitpunkt der Geburt herausgeformt werden, sich primär anhand der aus dem eigenen Körper kommenden Signalmuster strukturieren. Das Gehirn beispielsweise weiß nicht, wie man einen Arm bewegt. Das muss es erst anhand der Bewegung des Armes lernen. D.h., der Arm fängt an zu wackeln und im Gehirn entsteht ein Netzwerk, mit dem man später dann auch diesen Arm führen kann. Das nennt man Selbstorganisation. Da alle Kinder unterschiedlich auf die Welt kommen und jedes Kind einen andern Körper hat, bekommt jedes Kind durch die vorgeburtlichen Strukturierungsprozesse ein Gehirn, das genau zu seinem Körper passt. Anhand dieses Körpers hat es sich herausgeformt. Deshalb ist für mich jedes Kind bei der Geburt hoch begabt. Es hat das genau passende Gehirn zu seinem Körper. Und die einzigen, die nicht so ganz hoch begabt sind, sind wir, die wir meinen, es gäbe begabte und weniger begabte Kinder.

Online-Redaktion: Unter welchen Bedingungen entfalten sich Begabungen?

Hüther: Die Talente – ich nenne sie Potenziale, denn es könnten ja noch viel mehr werden – entfalten sich, wenn es dem Kind gut geht. Wenn es in einer Gemeinschaft lebt, in der es sich wirklich verbunden fühlt – normalerweise ist das die Familie – und sich gleichzeitig aber auch als autonomes Wesen spürt und wahrgenommen wird. Das Kind muss merken, dass es wichtig ist und dass es dazugehört. Solche Gemeinschaften gibt es nicht überall. Wenn ein Kind nur Erziehungsobjekt ist, spürt es nicht, dass es wichtig ist. Und dann fühlt es sich auch nicht mehr zugehörig. Und das gilt zum Teil auch für den Schulunterricht und sein Bewertungssystem. Wenn ein Kind sich verlassen, ausgestoßen und negativ bewertet fühlt, dann geht es ihm nicht mehr gut und dann können sich auch seine Potenziale nicht mehr entfalten. Ein Kind braucht Aufgaben, an denen es zeigen kann, wo es etwas drauf hat.

Online-Redaktion: Wie sollte Schule Ihrer Ansicht nach gestaltet sein, damit Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und ausbilden können?

Hüther: Dazu müssen wir uns zunächst anschauen, warum Kinder, die mit Lernlust und Begeisterung in die Schule kommen, diese innerhalb von vier Jahren wieder verlieren. Das liegt nicht am Gehirn! Es liegt an den negativen Erfahrungen, die sie dort mit dem Lernen und ihrer Lernlust gemacht haben. Und das müsste man ändern.
Das Schlimmste ist meiner Ansicht nach die frühe Selektion und der Leistungsdruck, der dadurch entsteht. Es kann doch nicht sein, dass manchen Kindern schon in der vierten Klasse mitgeteilt wird, sie seien für diese Welt nicht gut genug. Genauso katastrophal ist der Druck, den die Eltern machen, die Angst und Panik, die sie verbreiten, wenn ihr Kind keine Gymnasialempfehlung bekommt. Dazu kommen noch kultusministerielle Vorgaben, PISA und sonstige Tests, die die Kinder schreiben müssen. Das ergibt insgesamt eine Gemengelage, von der man nur sagen kann, hier werden Kinder wie Objekte durch ein Ausbildungssystem durchgezogen. Mit Belohnungen und Bestrafungen werden sie dazu gebracht, etwas zu lernen. Durch diese Dressurmethoden lernt das aber Kind nur, wie man eine Belohnung kriegt, es lernt nicht, weil es Mathe mag. Als Nebeneffekt hat es Mathe oder andere Fächer noch mit auswendig gelernt, aber im Grunde genommen lernt es nur, wie man eine Belohnung bekommt.

Online-Redaktion:
Was wäre eine gute Lernatmosphäre?

Hüther: Wichtig ist, dass Kinder Spaß am Lernen haben. Kinder lassen sich zum Beispiel sehr gerne darauf ein, miteinander zu lernen. Deshalb sind jahrgangsübergreifende Unterrichtsformen gut. Hier lernen die Kleineren von den Älteren rechnen, lesen und schreiben. Für die oberen Jahrgänge kann man sich ein Beispiel an der Evangelischen Schule in Berlin Zentrum unter der Leitung von Margret Rasfeld nehmen. Die Schule hat übrigens jetzt den Preis der deutschen Stiftung für Begabtenförderung bekommen, weil die Kinder dort ihre Potenziale so gut entfalten können.
Hier gibt es keinen Unterricht mehr im klassischen Sinne, sondern Lernbüros. Schüler arbeiten beispielsweise im Mathelernbüro selbstständig anhand des vorhandenen Materials einzelne Bausteine ab. Wenn sie nicht weiter wissen, fragen sie andere Schüler und wenn ihnen keiner helfen kann, fragen sie den anwesenden Mathefachlehrer. Hat sich ein Schüler durch einen Komplex, wie zum Beispiel Integralrechnen, durchgearbeitet, kann er sich zu einer Prüfung anmelden. Besteht er, bekommt er ein Zertifikat und absolviert den nächsten Baustein. Hier organisieren die Schüler ihre Lernprozesse selbst. In gemeinschaftlichen Stunden klären sie mit ihrem Tutor, wie ihre Lernprozesse aussehen. Jede Klasse hat einen Tutor. Die 7., 8. und 9. Klassen, die jahrgangsübergreifend organisiert sind, haben zwei Tutoren pro Klasse, jeder betreut 12 bis 15 Schülerinnen und Schüler. Mit ihnen sprechen die Schüler durch, welche Aufgaben und Arbeitsschritte als nächstes anstehen. Diese Lehrer sind eigentlich gar keine Lehrer mehr, sondern Potenzialentfaltungscoaches. Sie vermitteln kein Wissen, sondern begeistern ihre Schüler dafür, sich Wissen aneignen zu wollen. Es gibt sehr viele solche Lehrer. Doch leider können sie ihre Ideen nicht überall durchsetzen. Da im Grunde aber jede Schule solch eine Schule wie die Evangelische Gesamtschule in Berlin werden kann und um Lehrer und Schulen auf diesem Weg zu unterstützen, habe ich gemeinsam mit Margret Rasfeld und Stephan Breidenbach, Professor für Rechtswissenschaften und Mediator, die Initiative „Schule im Aufbruch“ entwickelt. Wir stehen Schulen und Lehrern dabei beratend zur Seite.

Online-Redaktion: Wie finden denn die Schülerinnen und Schüler ihre Schule?

Hüther: Ganz ehrlich? Sie weinen, wenn Ferien sind, weil es so toll ist in ihrer Schule! Sie haben ja auch interessante Schulfächer wie „Verantwortung“ und „Herausforderung“. Die Kinder, die diese Schule besuchen, wissen, was sie wollen, sie gehen ihren Weg. Das Problem ist nur, dass unsere Gesellschaft solche Kinder gar nicht haben will. Jedes gesellschaftliche System schafft sich Schulen, die das hervorbringen, was dieses gesellschaftliche System braucht. Im vorherigen Jahrhundert waren das Pflichterfüller, heute sind es Konsumenten. Wenn die Schulen sich jetzt verändern würden, dann könnte diese Gesellschaft gar nicht aufrechterhalten bleiben, weil es gar keine Konsumenten mehr gäbe.

Ich bin trotzdem sicher, dass diese Schulen, die junge Menschen zu aktiven und selbstbewussten Gestaltern ihres Lebens und unserer gemeinsamen Zukunft entwickeln wollen, eine Chance haben. Denn diejenigen, die jetzt als Konsumenten groß werden, werden ja auch immer kränker. Das menschliche System kann sich nur entwickeln, wenn der Mensch im Dreck spielt, auf Bäume klettert und an der frischen Luft ist. Und das Gehirn kann sich nur entwickeln, wenn der Mensch mit ganz vielen unterschiedlichen Erfahrungen groß wird. Und wenn man das alles nicht hat, wird man hohe Arzt- oder Nachhilfekosten erzeugen, die irgendwann nicht mehr bezahlbar sein werden. Und deshalb werden sich meiner Ansicht nach andere Lern- und Lebensformen durchsetzen, in denen ein Abitur mit 1,0 vielleicht nicht mehr das ist, worauf es im Leben ankommt. Denn viel wichtiger ist es zu lernen, sich in seinem eigenen Körper wohlzufühlen, mit anderen Menschen zurechtzukommen und mit ihnen gemeinsam Probleme lösen zu können.

Prof Dr. Gerald Hüther, Sachbuchautor und Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen, zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er befasst sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. Er schreibt Sachbücher, hält Vorträge, organisiert Kongresse und arbeitet als Berater für Politiker und Unternehmer. Seine Botschaft an Schulen ist: Lernen funktioniert nur mit Begeisterung.

Quelle: Deutscher Bildungsserver http://www.bildungsserver.de/innovationsportal/bildungplus.html?artid=869&utm_campaign=dbsnewsletter&utm_term=2013-06

 

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Kommentare (1)

Salman Ansari 13 April 2013, 15:22

Es ist ja bereits eine Katastrophe, dass jedes dritte Elternpaar sein Kind als hochbegabt einschätzt. Die Leidtragenden sind die Kinder. Die Kategorie „Hochbegabt“ ist recht diffus, und tatsächlich gibt es keine wissenschaftlich begründeten Merkmale, um ein hochbegabtes Kind zuverlässig zu beschreiben. Wir wissen auch, dass die Ermittlungsverfahren von Intelligenzquotient (IQ) sehr umstritten sind. Hinzu kommt, dass IQ und die Fähigkeit zur Kreativität nicht zusammenfallen. Kinder mit einem unauffälligen I Q können sehr kreativ handeln. Das sind Kinder, die in der Lage sind, neue Idee zu generieren. Um kreativ handeln zu können brauchen Kinder eine Lernumgebung, die sie stimuliert, Ideenreichtum zu entfalten.
Bücher mit einem Titel „ Jedes Kind ist hochbegabt“ sind irreführend. Sie erwecken Erwartungen, die nicht einlösbar sind.
Neue Begriffe wie „Hirngerechtes Lernen“ oder „Neurodidaktik“ helfen nicht. Auch die Behauptung, dass beim Lernen „Spaßhaben“ eine unabdingbare Voraussetzung sei widerspricht den Tatsachen. Der Vorgang des Lernens ist stets mit Arbeit verbunden. Dass potenziell alle Kinder hochbegabt sein könnten ist reine Spekulation, wenn die Kategorie „Hochbegabt“ so hergeleitet wird, wie dies Herr Hüther tut. All das hilft überhaupt nicht weiter, um die Prozesse des Lehrens und Lernens zu verbessern muss man konkrete Konzepte entwickeln, damit man den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird. Ich habe mehrere Schulen kennengelernt, wo Kinder sich wohlfühlen und begeistert lernen. Die Mitarbeiter dieser Schulen wollen nicht auf bessere Zeiten oder „Bildungsrevolutionen“ warten. Sie nehmen die Kinde ernst, die Jetzt und heute da sind; und zeigen, wie man mit Ideenreichtum, die Defizite des deutschen Schulsystem überlisten kann. Auch die Betonung, jedes Kind hätte eine einzigartige Individualität und müsse deshalb auch entsprechend individuell begleitet werden, ist unrealistisch. Vielmehr muss man Lernkonzepte entwickeln, die individuelle Vorgehensweisen der Kinder stimulieren und diese unterstützen. Es ist also letztlich eine Frage des Handwerklichen und nicht mehr. Ein Handwerk geht von Möglichkeiten der Verwirklichung und nicht von Ideologien aus.

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