mehrere Kinder

Keine Zeit zu zweit. Der Übergang in Elternschaft strapaziert die Paarbeziehung

Karin Jurczyk/Martina Heitkötter

02.04.2012 Kommentare (0)

Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus DJI Impulse, Heft 1/2012

Die Verschränkung von Partnerschaft und Elternschaft repräsentiert in besonderer Weise das Generationenthema im innerfamilialen Beziehungsgefüge. Steht die Partnerschaft zwischen Mann und Frau (oder gleichgeschlechtlichen erwachsenen Partnern) für eine innergenerationale, nicht selten fragile Verstrebung, die aber fast jeder Geburt eines Kindes vorausgeht, so ist mit Elternschaft die lebenslange, generationenübergreifende Beziehung zwischen Eltern und Kind angesprochen.

Obwohl Liebe in den meisten Partnerschaften Anlass und Basis für das Kinderkriegen ist und umgekehrt das Kinderhaben ein Bindeglied für viele Partnerschaften darstellt, gerät die Gleichzeitigkeit von Elternsein und Paarbeziehung unter aktuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen für Eltern oft zum Stress. Dies hat mehrfache Gründe.

Mit dem Konzept der romantischen Liebe hat sich in westlichen Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert eine neue Leitidee entwickelt, wie die Basis einer Partnerschaft auszusehen hat. 90 Prozent der jungen Erwachsenen sagen heute, dass Partnerschaft und Liebe für sie besonders wichtig ist (Albert u.a. 2010, S. 197). Die Soziologen Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim (1990) beschreiben Liebe als die neue »Religion« und die Soziologin Barbara Keddi hat empirisch herausgearbeitet, dass Liebe ein biografisches Projekt ist, eingebettet in die jeweiligen unterschiedlichen Lebensthemen der Partner (Keddi 2006). 

Kinder tragen neue Dimensionen in eine Partnerschaft hinein, sowohl besondere Glücks- als auch besondere Sorge- und Belastungserfahrungen. Fürsorgliche Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sind zwar ein allgemeines Konstituens von Familie (Bertram/Ehlert 2011), doch stellt die existenzielle Abhängigkeit von kleinen Kindern, aber auch die langfristige elterliche Verantwortung für ein gutes Aufwachsen der Kinder Paare vor spezifische Herausforderungen, die Rückwirkungen auf die Partnerschaft haben.

Dies zeigt sich etwa an der vielfach untersuchten heiklen Phase des Übergangs in Elternschaft (beispielsweise Fthenakis u.a. 2002; Reichle 2002). Der Rückgang der Partnerschaftsqualität in den ersten Jahren nach Geburt eines Kindes, der Kommunikationsdichte sowie des Ausdrucks von Zuwendung und Wertschätzung, körperlicher Zärtlichkeit und Sexualität ist ebenso belegt wie zunehmender Streit zwischen den Partnern, der sowohl häufiger als auch destruktiver wird. Der Übergang in die Elternschaft ist eine besonders sensible Phase für die Destabilisierung von Beziehungen.

Die praktische tägliche Sorge um die eigenen Kinder hört jedoch nie auf, auch wenn diese älter sind. Allerdings ist der Stellenwert von Kindern in Relation zur Partnerschaft in starkem Maße abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen an verantwortliche Elternschaft und vom jeweiligen Beziehungs- und Familienkonzept. Dazu kommt, dass heute veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen den Stresslevel erheblich beeinflussen.

Mehr Stress als nötig

Neben die aktuelle Norm des perfekten Kindes und den entsprechenden Selbstanspruch der Eltern tritt derzeit als neuer Stressfaktor hinzu, dass Familienstrukturen, Geschlechterkonzepte, Beziehungskompetenzen, Erwerbsbedingungen sowie Infrastrukturen nicht zusammenpassen. So finden sich etwa auf Seite der Arbeitswelt hohe Verfügbarkeits- und Mobilitätserwartungen sowie eine Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse. Zugleich sind Familien konfrontiert mit hohen Anforderungen an eine verantwortliche Elternschaft, vielfältigen und wechselnden Familienkonstellationen und mehr Ansprüchen an Egalität zwischen den Partnern.

Empirische Studien zeigen, dass Eltern nur noch zum Vereinbarkeitsmanagement fähig sind und kaum Zeit zu zweit oder für sich selbst haben. Familie findet unter Druck und in Zeitnischen statt (Henry-Hutmacher/Borchard 2008; Jurczyk u.a. 2009).

Paaren bleibt zu wenig Zeit für sich

Auch die von Eltern gemeinsam als Paar verbrachte Zeit, die eine wesentliche Dimension von Paarqualität ist, ist in Gefahr. Dies kann wesentlich zum Scheitern einer Partnerschaft beitragen (Lenz 2009). Zwar kann man schwerlich ein objektives Zeitquantum festlegen, das glücklich macht. Dennoch kann ein Mindestmaß an gemeinsam verbrachter Zeit und deren zumindest leidlich befriedigende Gestaltung als eine Grundbedingung für die Kontinuität der Paarbeziehung und damit auch für die Stabilität von Familie betrachtet werden.

Wie zufrieden oder unzufrieden Eltern heute mit der Zeit sind, die sie angesichts beruflicher und familialer Anforderungen für den Partner haben, zeigen aktuelle Befunde aus dem DJI-Survey Aufwachsen in Deutschland (AID:A). Unterschieden nach früher und später Elternschaft zeigt sich, dass zwischen rund 46 und knapp 70 Prozent der Mütter sowie zwischen 43 und knapp 50 Prozent der Väter aussagen, zu wenig Zeit mit dem Partner zu verbringen. Dabei steigt die Zahl der Unzufriedenen bei beiden Geschlechtern mit zunehmendem Alter bei der Familiengründung (Zerle/Cornelißen/Bien 2012). Übertroffen werden diese Zahlen nur von denjenigen, die darüber klagen, zu wenig Zeit für die persönliche Freizeit und die Selbstsorge zu haben.

Betrachtet man die Zufriedenheit der Eltern nach Alter der Kinder und nach Erwerbskonstellationen, so zeigt sich: Insbesondere Mütter mit Kindern unter drei Jahren sowie zwischen sechs und neun Jahren sind unzufrieden mit der Zeit, die ihnen und ihrem Partner als Paar bleibt. Unter den Vätern herrscht deutlich weniger Unzufriedenheit. Die Werte sind vergleichbar mit der Zahl derjenigen Väter, die meinen, zu wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.

Differenziert man nach Erwerbskonstellationen, so zeigt sich erwartungsgemäß, dass bei Doppelverdienern in Vollzeit die Zeit für Partnerschaft bei den meisten zu kurz kommt. Aber selbst nicht erwerbstätige Mütter und ihre Partner wünschen sich mehr Zeit miteinander. Die größte Zufriedenheit mit der Paarzeit findet sich derzeit in der Erwerbskonstellation, in der der Mann in Vollzeit und die Frau in Teilzeit arbeiten.

Die wachsende zeitliche Inanspruchnahme durch Kinder und das gleichzeitige berufliche Engagement der Eltern geht also aus Sicht beider Geschlechter, aber insbesondere aus der der Frauen, auf Kosten der Zeit als Paar. Hieran scheinen Eltern, neben Zeit für Selbstsorge und der Zeit mit Freunden, am ehesten zu sparen. Angesichts des Wechselspiels von Qualität und Zeit in einer Paarbeziehung ist dies ein bedenklicher Befund, gerade auch vor dem Hintergrund, dass sich unproduktive elterliche Konflikte, Unzufriedenheit mit dem Partner und Belastungserleben negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung und die kindliche Entwicklung auswirken.

Partnerschaft als blinder Fleck im Vereinbarkeitsdiskurs

Die dargestellten Befunde erfordern eine systematische Erweiterung des nach wie vor stark bipolaren Verständnisses von Vereinbarkeit, das einerseits auf die Familie als Ganzes – und dabei vorrangig auf die gemeinsam verbrachten Zeiten von Eltern und Kindern – und andererseits auf die Arbeitswelt fokussiert. Dies gilt umso mehr, als die Lebensverlaufsforschung zeigt, dass trotz einer phasenspezifischen Belastung in der ersten Zeit nach der Familiengründung Kinder, die sich ihre Eltern gewünscht haben, als eine Art Langzeitinvestition ins Glück gelten können (Myrskylä/Margolis 2011). Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass freiwillige Kinderlosigkeit als gewählte Option ebenfalls mit großer Lebenszufriedenheit einhergehen kann (Konietzka/Kreyenfeld 2007).

Die Paarebene ist bei der Betrachtung von Elternschaft jedenfalls sowohl wissenschaftlich als auch politisch derzeit unterbelichtet. Für ein Paar sind Zeiten ohne familiale und berufliche Anforderungen eine Qualitäts- und damit Stabilitätsbedingung für Partnerschaft und damit für das Gelingen von Familie (Heitkötter u.a. 2009). Ähnlich wie Familie selbst ist auch die Paarbeziehung keine naturgegebene Ressource, sondern muss immer wieder hergestellt werden und braucht daher entsprechende unterstützende Rahmungen.

Die Partnerschaft zwischen Eltern muss zukünftig als eigenständige Dimension im Vereinbarkeitsdiskurs eine Aufwertung erfahren. Auf der strukturellen Ebene muss in der Zeit-, Familien- und Bildungspolitik verstärkt der Fokus auch auf Partnerschaft innerhalb von Familien gelegt werden, um Rahmenbedingungen zu gestalten – beispielweise durch Arbeitszeitmodelle, die den Elternwünschen entsprechen –, die zeitliche Freiräume für Zweisamkeit nicht nur faktisch ermöglichen, sondern auch ohne schlechtes Gewissen nutzen lassen. Das heißt konkret auch, (zukünftigen) Eltern Beziehungs- und Genderkompetenz zu vermitteln sowie Paare in sensiblen Phasen insbesondere beim Übergang in Elternschaft zu unterstützen.

Auf der individuellen Ebene bedeutet dies, eigene Ansprüche, was neben Familie und Beruf in der Freizeit passieren müsste, durch klare Prioritätensetzungen zu reduzieren und damit hausgemachten Stress zu vermeiden. Zudem zeigen Analysen von Partnerschaft, dass Romantik als Beziehungsprinzip auf Dauer nur begrenzt alltagstauglich ist. Insbesondere die großen Ansprüche an Partnerschaft als Glücksbringer sind eine Mit-Ursache für die hohe Zahl der Trennungen.

Auch in der Forschung zum Doing Family ist die Dimension der Partnerschaft als zentrales binnenfamiliales Beziehungsgefüge verstärkt zu berücksichtigen. Viel spricht dafür, die Wechselbeziehungen des Doing Family und des Doing Couple systematischer zu beleuchten.

DIE AUTORINNEN

Dr. Karin Jurczyk ist seit 2002 Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut. Ihre Themenschwerpunkte sind Elternschaft und Arbeitswelt, Lebensführung, Gender, Zeit und familienbezogene Politiken.

Kontakt: jurczyk@dji.de

Dr. Martina Heitkötter ist seit 2002 als wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut tätig. Sie koordiniert den Arbeitsschwerpunkt Kindertagespflege und beschäftigt sich darüber hinaus mit den Themen lokale Zeitpolitik und Zeit für sowie in Familien.

Kontakt: heitkoetter@dji.de

LITERATUR

Albert, Mathias / Hurrelmann, Klaus / Quenzel, Gudrun (2010) (Shell Jugendstudie 2010): 16. Shell Jugendstudie. Jugend 2010. Frankfurt am Main

Beck, Ulrich / Beck-Gernsheim, Elisabeth (1990): Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt am Main

Bertram, Hans / Ehlert, Nancy (Hrsg.; 2011): Familie, Bindungen und Fürsorge. Familiärer Wandel in einer vielfältigen Moderne. Opladen/Farmington Hills

Fthenakis, Wassilios / Kalicki, Bernhard / Peitz, Gabriele (2002) (LBS-Familienstudie 2002): Paare werden Eltern. Die Ergebnisse der LBS-Familienstudie. Opladen

Giddens, Anthony (1991): Modernity and self-identity. Self & Society in the Late Modern Age. Cambridge

Heitkötter Martina / Jurczyk Karin / Lange Andreas / Meier-Gräwe Uta (Hrsg.; 2009): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien. Opladen/Farmington Hills

Henry-Hutmacher / Borchard, Michael (2008): Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. Stuttgart

Keddi, Barbara (2006): Liebe als biografisches Projekt. In: Engelen, Eva-Maria / Röttger-Rössler, Birgitt (Hrsg.): »Tell me about love« – Kultur und Natur der Liebe. Paderborn, S. 143–164

Jurczyk, Karin / Schier, Michaela / Szymenderski, Peggy / Lange, Andreas / Voß, G. Günter (2009): Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie. Grenzmanagement im Alltag als neue Herausforderung. Hrsg. von der Hans-Böckler-Stiftung. Berlin

Konietzka, Dirk / Kreyenfeld, Michaela (Hrsg.; 2007): Ein Leben ohne Kinder. Kinderlosigkeit in Deutschland. Wiesbaden

Lenz, Karl (2009): Zeit in und Zeit für Zweierbeziehungen. In: Heitkötter, Martina u.a. (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Opladen, S. 113–136

 Lenz, Karl (2012): Zeit(en) in der alltäglichen Lebensführung von Paaren: In: Jurczyk, Karin / Lange, Andreas / Thiessen Barbara (Hrsg.): Doing Family. Familienalltag heute. Weinheim/München (im Erscheinen)

Myrskylä, Mikko / Margolis, Rachel (2011): A Global Perspective on Happiness and Fertility. In: Population and Development Review 37, (1): S. 29–56

Reichle, Barbara (2002): Partnerschaftsentwicklung junger Eltern: Wie sich aus der Bewältigung von Lebensveränderungen Probleme entwickeln. In: Schneider, Norbert F. / Matthias-Bleck, Heike (Hrsg.): Elternschaft heute. Opladen, S. 75–93

Venn, Susan / Sara Arber / Robert Meadows / Jenny Hislop (2008): The fourth shift: Exploring the gendered nature of sleep disruption among couples with children. British Journal of Sociology, Band 59, Heft 1/2008, S. 79–96

Zerle, Claudia / Cornelißen, Waltraud / Bien, Walter (2012): Das Timing der Familiengründung und dessen Folgen für Familie. In: Zeitschrift für Familienforschung, Heft 1/2012

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