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mehrere Kinder

Kinder als Akteure im Migrationsprozess

Hilde von Balluseck

10.04.2015 Kommentare (0)

In der Migrationsforschung gibt es eine neue Perspektive auf Familien im Migrationsprozess. Während Kinder früher mehr als die "Anhängsel" ihrer Eltern gesehen wurden und bei außerfamilialen Orten primär ihr Spracherwerb im Mittelpunkt stand, fragen ForscherInnen heute danach, wie Kinder aktiv den Migrationsprozess der Familie mit gestalten.Der Blick richtet sich dabei auf die transnationale Lebensform von Familien, die sowohl im neuen Land an verschiedenen Orten Wurzeln schlagen, wie auch die Kontakte zum Herkunftsland nicht abreißen lassen.

Es geht also nicht mehr darum, ob Integration stattfindet, sondern wie die verschiedenen Zugehörigkeiten miteinander verbunden werden, Und dabei spielen Kinder eine bedeutende Rolle, sind sie es doch, die als erste in Kindergarten und Schule mit der neuen Gesellschaft in Berührung kommen, meist auch als erste die Sprache erlernen und dann - dies trifft für die älteren Kinder zu -  teilweise in der Familie wichtige Funktionen übernehmen, indem sie die Eltern bei ihrem Integrationsprozess als Sprachmitteler unterstützen oder ihnen Verhaltensweisen und Prozeduren erklären, mit denen sie schon konfrontiert wurden.

Es geht auch nicht mehr allein um Transnationalität der Familien, sondern um Translokalität, das heißt: an welchen Orten findet migratorische Praxis statt, wo setzen sich Kinder mit der neuen Gesellschaft und mit der neuen Sprache auseinander und wie werden IHRE Erfahrungen in die Familie getragen und dort aufgenommen.

Diese theoretischen Überlegungen sind durch viele Forschungsprojekte inzwischen belegt, zu denen Naomi Tyrrell einen guten Überblick in ihrem Artikel  Transnational Migrant Children's Language Practices in Translocal Spaces gibt, erschienen in der neuen Ausgabe von Diskurs Kindheits- und Jugendforschung.

Die eigene Untersuchung, die sie dann vorstellt, ist allerdings etwas mager. Da geht es darum, welche Sprache spanische Einwandererkinder mit ihren Eltern, mit Geschwistern und mit anderen Verwandten in England sprechen. und welche Kriterien sie leiten, mal diese, mal jene Sprache zu benutzen. Damit wird der oben erwähnte Anspruch auf eine umfassende Analyse der Vermittlung translokaler Erfahrungen nicht eingelöst, zumal es sich gerade mal um sechs Kinder und deren Eltern handelt.

Ein weiterer Aspekt der Studie zielt auf die Reflexivität, mit der Kinder und Eltern den Spracherwerb in der neuen Gesellschaft wahrnehmen und als positiv für die spätere Entwicklung der Kinder ansehen. Daraus Reflexionen zur Identitätsbildung abzuleiten, wie die Autorin dies tut, erscheint jedoch schwer nachvollziehbar, weil es nur um die Sprachkenntnisse geht.

Auch Kanwal Mand befasst sich in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift im Artikel Emotions and the Labour of Transnational Families mit der Frage, wie Kinder als Akteure den Migrationsprozess erleben und aktiv gestalten. Ihre Studie berichtet über Kinder, deren Eltern oder Großeltern aus Bangladesh stammen, die aber in England geboren sind. Die Fragestellung geht noch etwas weiter als die nach der Sprachfähigkeit. Denn Mand rückt die Komplexität des Lebens von migrantischen Kindern  in den Vordergrund, wodurch ihre Leistung sichtbar wird. Über ihre Eltern müssen die Kinder die Kontakte zur Verwandtschaft im Herkunftsland aufrechterhalten, was sich am stärksten bei Besuchen manifestiert. Die Aufrechterhaltung der Verwandtschaftsbeziehungen durch Besuche im Herkunftsland, durch die Organisation und Praktizierung von Beziehungen ist Sache der Frauen, aber auch der Mädchen, die so in die Rolle als englische Bangladeshi hineinwachsen. Sie befinden sich dabei in einem höchst komplizierten Gefüge von gesellschaftlicher Ungleichheit und intergenerationalen hierarchischen Beziehungen. Sie erleben sich in London als zu den Ärmsten gehörig, während sie in Bangladesh Wohlstand demonstrieren und dort wiederum mit ungleichen Lebensverhältnissen der unterschiedlichen Verwandten konfrontiert sind. Die Kinder leisten dabei Emotionsarbeit, denn sie wirken mit am Zusammenhalt der Familien über die Grenzen hinweg.

Mands Studie bringt uns die Erkenntnis nahe, wie beschränkt Perspektiven sind, die Integration nur einseitig unter dem Aspekt der Eingliederung in die Ankunftsgesellschaft betrachten. Sie macht deutlich, welche enormen Leistungen migrantische Familien, und hier insbesondere auch die Kinder zu erbringen haben, damit sie ihre Identität als - in diesem Fall - Bangladeshi in der neuen Umgebung bewahren und neu justieren.

Leider wird in dem Artikel nicht darauf eingegangen, welche Leistungen Jungen erbringen. Bei dieser Frage hätte man wohl noch etwas kritischer die hierarchische Beziehung der Geschlechter in Bangladesh betrachten müssen. Auch in diesem Punkt - der Geschlechtergerechtigkeit - stehen die Kinder der Einwanderer ja in einem ständigen Konflikt zwischen den hergebrachten Hierarchien und dem, was sie in der Ankunftsgesellschaft lernen.

Der Blick auf Kinder als Akteure in beiden Studien ist  hochrelevant, denn er macht deutlich, wie wichtig Kinder für ihre Eltern - und nicht nur umgekehrt - sind, wenn sich Familien auf den Weg machen. Er ermöglicht eine andere Sicht auf Kinder, die enorme Leistungen erbringen bei ihrer eigenen Identitätsbildung zwischen mehreren Kulturen, Orten und Strukturen.

Wir können daraus den Schluss ziehen, dass wir die vielen jungen Einwanderer, die zur Zeit bei uns Zuflucht suchen, mit allen Kräften unterstützen müssen, wenn sie Sprache und Kultur in Deutschland kennen lernen wollen. Denn das, was wir in die Kinder investieren, wird von diesen in die Familie getragen und fördert das Verständnis für das noch fremde Deutschland.

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