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Erzieherin mit Kindern

Kinder brauchen echte Erzieherinnen! Authentizität und Persönlichkeit

Anne Ruppert

05.10.2015 Kommentare (1)

Inhalt
  1. Authentizität vs. Fachlichkeit?
  2. Authentisch? Warum?
  3. Wer wird als authentisch empfunden?
  4. Eine rein fachliche Maske schafft Groll
  5. Authentisch sein, trotz enger Muster
  6. Authentizität hat auch Grenzen
  7. Reflexion als Prävention
  8. Authentizität ist eine Haltung
  9. Authentizität als Gewinn für die pädagogische Arbeit!

Authentisch sein heißt echt sein, sich nicht zu verstellen. Damit ist Authentizität eine der Basis-Voraussetzungen für qualitative pädagogische Arbeit. Doch wie wird Authentizität eigentlich verstanden? Worin zeigt sie sich? Wie kann dieser Gedanke mit einer professionellen Haltung Kindern und Eltern gegenüber einhergehen? In diesem Beitrag geht es darum, wie wichtig es ist, dass Kinder authentische Erzieherinnen haben, die sie im Alltag begleiten und wie wichtig Authentizität für die Pädagogin selbst und ihre Arbeit ist.

In Tinas Einrichtung wird jedem Kind das Mittagessen auf dem Teller serviert. Die Kinder dürfen sich nicht selbst bedienen. Hintergrund ist, dass die Erzieherinnen finden, es sei hygienischer, da weniger Schmutz entstehe. Tina hingegen findet es enorm wichtig, dass Kinder sich selbstständig am Essen bedienen dürfen. Sie erkennt darin eine große Lernerfahrung. Wenn die Kinder sie fragen warum sie sich nicht selber nehmen dürfen, kommt Tina ins Stocken, da sie für sich keine logische Erklärung hat und nicht hinter den Gründen ihrer Kolleginnen steht.

Tina findet schwer Worte, wenn sie auf die Situation angesprochen wird und wird eine plausible Erklärung finden müssen, die sie vertreten kann und die gleichzeitig nicht ihren Kolleginnen in den Rücken fällt. Die Schwierigkeit in dieser Situation besteht darin, dass Tina persönlich eine andere Sicht der Arbeit hat als ihre Kolleginnen. Ihre Haltung, die von ihrer persönlichen Erfahrung geprägt ist, stimmt nicht mit den fachlichen Vorstellungen der Kolleginnen überein. Sie kann die Inhalte nicht authentisch vertreten.

.„Echt sein“

Authentizität wird mit Echtheit, Glaubwürdigkeit und Wahrheit gleichgesetzt. Echtheit, gleichgesetzt mit dem Einbringen der eigenen Meinung, wird dabei jedoch oft konträr zur fachlichen Haltung erachtet. Es ist nicht leicht das richtige Maß an persönlichen und fachlichen Anteilen in der eigenen Berufsrolle zu finden und es im richtigen, „echten“ Maß zu repräsentieren.

Eine authentische Erzieherin zeichnet sich durch eine Ausgewogenheit aus fachlichen und persönlichen Anteilen in ihrer Berufsrolle aus. Ihre Arbeit orientiert sich nicht nur an fachlichen Inhalten, sondern vielmehr wird ihre Fachlichkeit durch persönliche Merkmale und Erfahrungen ausgeschmückt, beeinflusst und gelebt.

Authentizität vs. Fachlichkeit?

Authentisch zu sein heißt auch seine Persönlichkeit zu zeigen. Dem entgegen steht, dass Erzieherinnen meist schon in ihrer Ausbildung lernen, eine fachliche Haltung einzunehmen und professionelle Distanz zu wahren. Sie lernen sich mit ihrer Biografie auseinander zu setzen, um fachlich reflektiert zu arbeiten und eben wenig bis keine persönliche Lenkung in ihre Arbeit miteinfließen zu lassen.

Hintergrund ist zum einen, das pädagogische Arbeit durch einen hohen Anteil an persönlichen Merkmalen subjektiv wird und man durch diese Subjektivität nur schwer die Objektivität dem Kind gegenüber wahren kann. Zum anderen läuft pädagogische Arbeit mit einem hohen Anteil an persönlichen Einflussnahmen Gefahr, beliebig zu werden und die Persönlichkeit über das Ziel der Einrichtung zu stellen.

Festzuhalten ist, dass Authentizität nicht gefordert würde, wenn es der Qualität pädagogischer Arbeit schaden würde. Wo ist also das richtige Maß an Authentizität erreicht?

Authentizität im Gleichgewicht mit Fachlichkeit zeigt sich darin, fachliche Inhalte nicht abzuspulen, sondern zu leben, zum Beispiel in der Übereinstimmung mit Bildungsinhalten der eigenen Einrichtung.

Authentisch? Warum?

Zwei Dinge sind wichtig an der eigenen Authentizität: Zum einen werden auf diese Weise fachliche Inhalte hinterfragt und weiterentwickelt. Zum anderen brauchen gerade Kinder echte Vorbilder, die ihnen keine fachliche Figur vorleben, sondern die echt in ihrer Persönlichkeit, ihren Gefühlen und Wahrnehmungen sind.

Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag:

Tina hat einen Trauerfall in der Familie und fehlt einige Tage. Als sie wieder kommt und die Kinder sie darauf ansprechen, erzählt Tina wer gestorben ist, wie die Trauerfeier war und wie traurig sie war. Nach einigen Fragen sagt Tina, dass sie nun genug darüber gesprochen habe, da sie sonst wieder traurig würde und schlägt vor, gemeinsam etwas anderes zu machen.

Tina dient den Kindern als Vorbild im Umgang mit Trauer, mit Gefühlen und lässt sie an ihren eigenen Erfahrungen teilhaben. Sie spult keine fachliche Anleitung ab, wie mit Kindern über Trauer gesprochen werden soll, sondern erzählt von ihren eigenen Erfahrungen. Sie offenbart den Kindern, dass sie nun genug erzählt habe und zieht ihre persönliche Grenze. Sie dient damit als authentisches Vorbild im Umgang mit Gefühlen.

Wer wird als authentisch empfunden?

Echte Vorbilder sind der Gewinn jedes Bildungsprozesses. Um Echtheit zu definieren, hilft eine kleine Reise zum eigenen Erlebten. Blicken Sie zurück:

  • Wer hat sie am meisten in ihrer Entwicklung beeindruckt?
  • Welche Personen finden Sie in Ihrem Leben am interessantesten?
  • Wer steht Ihnen heute beratend zur Seite, wen rufen Sie an, wenn Sie einen Rat brauchen?
  • Wer hat so gehandelt, dass es glaubhaft bei Ihnen ankam? Woran haben Sie das gemerkt?

Bei Ihren Antworten werden Sie feststellen, dass es immer die Menschen sind, die echt sind. Bei ihnen wissen Sie, dass auch ihnen mal etwas nicht gelingt. Bei denen Sie wissen, dass sie nicht sagen was Sie gerade hören wollen, sondern die ihre eigene Meinung preisgeben. Nur das bringt Sie wirklich weiter.

Ebenso verhält es sich mit Kindern. Sie suchen keine fachliche Anleitung, sie suchen Menschen, die wie sie neue Erfahrungen machen. Sie suchen Begleiter, denen auch mal etwas misslingt und die auch manchmal beschwerlich nach Lösungen für ein Weiterkommen suchen. Diese Komponenten machen sie nahbar und so interessant. Authentizität schafft Auseinandersetzung.

Es schafft Reflexion und Weiterentwicklung. Für einen selber, wie auch für das Gegenüber.

Eine rein fachliche Maske schafft Groll

Ein weiterer großer Gewinn von Authentizität besteht darin, seine persönlichen Anteile nicht hinter Fachlichkeit verstecken zu müssen. So vielfältig wie wir Menschen sind, so vielfältig sind unsere Erfahrungen, die unsere fachliche Haltung beeinflussen. Wenn wir unsere persönliche Seite stets verstecken, schürt das Groll in uns. Menschen sind Persönlichkeiten, keine Roboter. Menschen haben Gefühle und bringen Erfahrungen mit. Menschen möchten teilhaben und mitentscheiden. Diese Bedürfnisse zeigen sich im Ausleben unserer Persönlichkeit und brauchen ihren Platz, auch in der Arbeit. Daher ist es wichtig, in der fachlichen Rolle einen Platz für persönliche Anteile zu schaffen und sie mit der eigenen Individualität zu bereichern.

Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag:

Tina hat neben der Situation beim Mittagessen noch viele weitere Tagesordnungspunkte und Bildungsziele der Einrichtung, die nicht ihrer eigenen Haltung entsprechen. Um den Alltag im Sinne der Konzeption zu leben muss sie sich mittlerweile stark anpassen. Das macht sie sauer, da sie viele Aspekte anders regeln würde, zum Wohl der Kinder. Nachdem sie dies mehrfach im Team angesprochen hat, alle anderen jedoch an ihren Regeln festhalten, wechselt sie die Einrichtung. Nicht um ihrer Kollegen wegen, sondern weil die pädagogische Arbeit der Einrichtung so weit weg ist, von ihrer eigenen Haltung. Sie konnte nicht hinter ihrer Arbeit dort stehen.

Authentisch sein, trotz enger Muster

Am Fall von Tina zeigt sich, wie wichtig es ist sich mit der eigenen Arbeit identifizieren zu können. Dabei können auch kleinere Schritte bereits zum Wohlfühlen in der eigenen Rolle führen.

Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag:

Im Fall von Tinas anfänglich-beschriebenen Situation beim Mittagessen hätte es auch positiv verlaufen können: Tina spricht die Mittagessen-Situation in der Teamsitzung an und fragt, ob sie gemeinsam einen Kompromiss finden könnten, zum Beispiel, dass die Kinder sich eigenständig die Beilagen auffüllen dürfen. Die Kolleginnen sind einverstanden und Tina ist erleichtert.

Häufig tragen bereits kleine Veränderungen dazu bei, sich besser mit Inhalten identifizieren zu können.

Authentizität hat auch Grenzen

Authentisch sein heißt die Balance zu finden zwischen persönlichen Anteilen und fachlichen Vorgaben bzw. die fachlichen Vorgaben so einzusetzen, dass sie echt vertreten werden können. Diese Balance ist dabei nicht immer der 50-50 Ausgleich. So bringt der eine mehr Anteile der eigenen Persönlichkeit ein, der andere weniger. Das soll auch so sein!

Zur eigenen Persönlichkeit zählt auch, zu schauen wie viel meiner Persönlichkeit ich preisgeben möchte. Gerade, wenn man neu in einer Einrichtung ist, tut man gut daran sich vorerst an den fachlichen Fahrplan zu halten, um Sicherheit im pädagogischen Ablauf zu gewinnen. Diese Sicherheit im Ablauf ermöglicht es dann, sich stetig wachsend persönlich einzubringen.

Die Grenzen sind dort erreicht, wo Fachlichkeit Persönlichkeit gewichen ist. Das heißt, wo Abläufe nicht mehr von fachlicher Seite argumentiert werden, sondern auf rein persönlichem Empfinden fußen. Oder wo Kritik nicht mehr fachlich, sondern auf persönlicher Ebene geäußert wird.

Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag:

Tinas Kollegin kritisiert, dass Tina die Arbeit der Kollegin schlecht redet, wenn sie neue Impulse für die Essenssituation einbringt.

Hier zeigt sich, dass nicht der fachliche Anteil der Kollegin antwortet, sondern sie sich persönlich angegriffen fühlt.

Reflexion als Prävention

Die Reflexion der eigenen Rolle hilft eben diese Balance zu finden zwischen persönlichen Anteilen und fachlichen Vorgaben.

Und zum anderen dient sie dazu, sich mit den fachlichen Inhalten auseinanderzusetzen:

  • Stehe ich hinter den pädagogischen Inhalten, die ich Tag für Tag lebe?
  • Wo und wie muss ich Kompromisse eingehen, die ich auch authentisch vertreten kann?

Reflexion soll dabei nicht der Kritik an der eigenen Rolle oder der pädagogischen Arbeit dienen, sondern dient der Sicherung von Authentizität und damit der Weiterentwicklung – der Weiterentwicklung der eigenen Berufsrolle und der pädagogischen Arbeit in der Einrichtung.

Authentizität ist eine Haltung

Authentizität heißt echt sein, es heißt etwas von der eigenen Persönlichkeit einzubringen. Es hebt Sie vom Sockel des unnahbar Professionellen und bringt Sie auf Augenhöhe, den Kindern und auch den Eltern gegenüber.

Gerade in der Zusammenarbeit mit Eltern kann es von großem Gewinn sein, aus eigener Erfahrung und von eigenen Gefühlen zu berichten. Dabei sollten Sie behutsam damit umgehen, welche Erfahrungen Sie nachhaltig mit den Eltern teilen möchten.

Auch hier zeigt sich, dass gerade Eltern den Austausch mit Personen schätzen, die eben nicht nach fachlichem Muster verfahren, sondern sich individuell auf ihr Gegenüber einstellen und dabei ihre eigene Persönlichkeit zum Vorschein kommt.

Ein Beispiel aus dem Kita-Alltag:

Tina muss einer Mutter im Elterngespräch mitteilen, dass ihr Sohn häufig in Konflikte gerät. Die Mutter wehrt dies zu Beginn ab und erzählt, dass er sich zu Hause ganz anders verhalten würde. Tina erzählt, dass ihr Sohn im gleichen Alter ein ähnliches Verhalten gezeigt habe. Die Mutter fragt interessiert nach und berichtet nach und nach von ihren Erfahrungen zu Hause und gibt zu, dass sie und ihr Sohn zu Hause auch in Konflikte geraten.

Authentizität als Gewinn für die pädagogische Arbeit!

Authentisch sein ist ein Gewinn für die Arbeit im Team, mit den Eltern und mit den Kindern. Authentizität zeichnet Sie aus und gibt Ihnen eine individuelle Persönlichkeit. Dabei zeigt sich Authentizität nicht nur in Nahbarkeit – es zeigt sich in der Balance aus persönlichen und fachlichen Inhalten. Auch eine eher ruhige und unnahbar erscheinende Erzieherin ist authentisch, wenn es ihrer Persönlichkeit entspricht. Authentisch sein zeigt sich im Gefühl, dass wir für das Gegenüber haben. So merken wir schnell, wenn sich jemand verstellt. Und genauso schnell merken wir, wenn jemand echt ist

Anne Ruppert, Dipl.-Pädagogin und Autorin. Sie bietet Beratung, Coaching und Fortbildung für pädagogische Einrichtungen an. Schwerpunkte sind dabei: Partizipation, frühkindliche Bildung in der Kita und Zusammenarbeit im Team.

Kontakt: www.anneruppert.de

Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus der neuen Ausgabe von klein & groß.

Ihre Meinung ist gefragt!

Wir freuen uns über Kommentare.

Kommentare (1)

  • Gabriele Rieder:
    18.02.2016 um 13:40 Uhr

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich wünsche Kontakt mit Frau Ruppert als mögliche Referentin zu diesem Thema für FOB mit sozialpädagogischen Fachkräfte in Speyer.
    Mit freundl. Grüßen
    Gabriel Rieder

    Antworten


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