Bild Eltern Kind

Kinder psychisch erkrankter Eltern

Ina Glomb

18.08.2025 | Fachbeitrag Kommentare (0)

In Deutschland erkranken jedes Jahr 17,8 Millionen Erwachsene an einer psychischen Erkrankung, rund 20 % davon befinden sich in Behandlung. Am häufigsten treten Depressionen, Angststörungen und Erkrankungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum auf (1). 

Etwa ein Drittel der Patient*innen in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung sind Eltern (2). Das bedeutet, dass in jeder Schulklasse 2 bis 3 Kinder ein Elternteil mit einer psychischen Erkrankung haben.

Elterliches Verhalten

Herkunftsfamilien prägen nachhaltig die kindliche Entwicklung und fördern die Übernahme vorgelebter Verhaltensweisen (3). Psychische Erkrankungen der Eltern können zu dysfunktionalen Erziehungsmethoden und die mangelnde Befriedigung kindlicher Bedürfnisse führen (4). Oft zeigen psychisch erkrankte Eltern strenges oder inkonsistentes Verhalten und weniger Engagement als nicht Erkrankte, wobei sie die eigene Erziehungskompetenz häufig als förderlich wahrnehmen (5). 

Problematisches elterliches Verhalten steht in engem Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten und emotionalen Problemen der Kinder.  

Sicheres Bindungsverhalten entsteht durch empathisches, vorhersehbares Reagieren der Bezugspersonen und sorgt für kindliches Wohlbefinden (6). Psychisch erkrankte Eltern sind jedoch oft nicht konstant stabil und vorhersehbar, was sich in negativem, feindseligem oder emotional distanziertem Verhalten äußern kann. 

  • Häufige Konflikte, 
  • emotionale Distanz, 
  • unangemessene Erziehungsstile, 
  • mangelnder Familienzusammenhalt und ein 
  • niedriger sozioökonomischer Status sind mit schlechter psychischer Gesundheit verbunden (7). 

Unsichere Bindungserfahrungen erhöhen das Risiko für psychische Erkrankungen im späteren Leben (8). 

Kindliche Herausforderungen

Das Aufwachsen mit einem psychisch erkrankten Elternteil bringt oftmals MobbingerfahrungenStigmatisierungen und Gefühle der Scham mit sich.

Viele Kinder übernehmen Verantwortung für jüngere Geschwister und leiden unter dieser großen Verantwortung. 

Weitere Belastungen entstehen durch 

  • Gewalterfahrungen,
  • häufige Konflikte innerhalb der Familie, 
  • mangelnde Kommunikation und 
  • emotionale Vernachlässigung

Ein zusätzlicher Stressor ist die Parentifizierung, die Übernahme elterlicher Aufgaben, die in Menge, Vielfalt und Ausmaß an Verantwortung dem Entwicklungsstand des Kindes nicht entsprechen (9). Dies kann ein deutlich höheres Maß an Selbstständigkeit erfordern, als für deren Alter angemessen wäre.  

Chronischer Stress kann sich dabei nicht nur auf die psychische, sondern auch auf die körperliche (psychosomatische) Gesundheit auswirken, etwa durch 

  • Schlafstörungen, 
  • Konzentrationsprobleme,
  • Kopf- oder Bauchschmerzen.

Wie gut Kinder das Erleben psychischer Erkrankungen kompensieren können, basiert auf deren Resilienz. Diese wird beeinflusst durch die individuellen Ressourcen des Kindes, durch familiären Rückhalt sowie externe Unterstützungsangebote, wie sie durch Pädagog*innen geleistet werden kann.

Kinder in der pädagogischen Einrichtung 

Kinder berichten, dass sie sich Sorgen um das Wohlbefinden der Eltern machen (10). Aus Angst oder Scham vermeiden viele, über die Situation zu sprechen, was soziale Isolation verstärken kann.

Zu den möglichen Beobachtungen im pädagogischen Alltag gehören:

  • Emotionale Auffälligkeiten: Das Kind reagiert aufgrund von Übrforderungserleben häufig gereizt, zeigt übermäßige Wutreaktionen oder aggressives Verhalten. In anderen Fällen wirkt es überangepasst, als wolle es vermeiden, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
  • Soziale Interaktionen: Manche Kinder haben Schwierigkeiten, Vertrauen zu Erwachsenen in der Einrichtung aufzubauen. Sie schwanken zwischen stark anhänglichem Verhalten und plötzlicher Distanz, was auf Unsicherheit in Beziehungen hinweisen kann.
  • Leistungs- und Konzentrationsverhalten: Auffällig sind mitunter deutliche Leistungsschwankungen, das häufige Vergessen von Materialien oder Aufgaben sowie Konzentrationsprobleme, Tagträumen und gedankliche Abwesenheit. Auch Übermüdung kann auftreten, möglicherweise bedingt durch Schlafstörungen, Albträume oder das nächtliche Versorgen jüngerer Geschwister.
  • Körperliche Anzeichen: Belastete Kinder klagen nicht selten über psychosomatische Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen. Ein ungepflegtes Erscheinungsbild oder ungewaschene Kleidung kann darauf hindeuten, dass im Elternhaus die Versorgung erschwert ist.
  • Rollenübernahme und Verhalten: Manche Kinder berichten, dass sie zu Hause auf jüngere Geschwister aufpassen, kochen oder im Haushalt helfen. Sie zeigen ein übermäßig erwachsenes Verantwortungsgefühl auch in der Einrichtung: Sie wirken oft sehr verantwortungsbewusst und treten manchmal in ihrer Sprache reifer auf als Gleichaltrige. Mitunter fallen sie aber auch in altersunangemessenes Verhalten zurück, etwa indem sie unselbstständiger wirken, um das zu Hause erlebte Verantwortungsgefühl unbewusst auszugleichen.
  • Sprachliche Signale: Sorgen- oder Schuldäußerungen wie „Mama ist traurig wegen mir“ oder „Papa ist oft krank, ich muss helfen“ sind ernst zu nehmende Hinweise. Ebenso können vage oder ausweichende Antworten auf Fragen zum Familienalltag oder negative Selbstbewertungen wie „Ich bin schuld, dass…“ ein Zeichen für innere Belastung sein.

Das Auftreten einzelner Merkmale bedeutet nicht zwingend Belastung; entscheidend ist das gleichzeitige oder anhaltende Auftreten mehrerer Anzeichen. Pädagogische Fachkräfte sollten:

  • Beobachtungen systematisch dokumentieren,
  • sich im Team austauschen,
  • behutsam und vertrauensvoll Gespräche führen,
  • bei Bedarf Kontakt zu Sorgeberechtigten aufnehmen. 

Pädagogische Fachkräfte können eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Kindern mit psychisch erkrankten Familienmitgliedern einnehmen: 

  • indem sie ein vertrauensvolles Gesprächsklima schaffen, 
  • Belastungssignale erkennen und 
  • durch verlässliche Strukturen Sicherheit geben. 

Buchempfehlungen für Kinder

Claudia Gliemann: Papas Seele hat Schnupfen, ISBN 978-3-942640-21-3

Nina Pfeiffer: Tessa die tapfere Schnecke, ISBN 978-3-95494-182-7 

Hilfreiche Links für Erwachsene

Bundesverband Angehörige psychisch Erkrankter: bapk.de/kinder-psychisch-erkrankter-eltern-1.html

Quellen: 

1,10 DGPPN e. V. (2024): Basisdaten Psychische Erkrankungen, Stand April 2024, verfügbar unter www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html, Zugriff am 13.08.2025.

2,5,9,13 Kristensen, K. B.; Lauritzen, C.; Reedtz, C. (2022): Support for Children of Parents With Mental Illness: An Analysis of Patients’ Health Records. In: Frontiers in Psychiatry, 13. DOI: 10.3389/fpsyt.2022.778236.

3,7 Ong, H. S.; Fernandez, P. A.; Lim, H. K. (2021): Family engagement as part of managing patients with mental illness in primary care. In: Singapore Medical Journal, 62 (5). DOI: 10.11622/smedj.2021057.

4, Kamis, C. (2021): The Long-Term Impact of Parental Mental Health on Children’s Distress Trajectories in Adulthood. In: Social and Mental Health, 11 (1), S. 54–68.

6,8 Rosenthal, S. (2023): Psychische Auffälligkeiten von Kindern psychisch kranker Eltern – Einfluss des biologischen Geschlechts. 1. Auflage. In: M. M. Hamburg (Hrsg.). Abgerufen am 10.08.2024 von: https://opus.bsz-bw.de/msh/frontdoor/deliver/index/docId/445/file/MSH_MA_Rosenthal030223.pdf.

 

Angaben zur Autorin:

 

Ina Glomb: Psychologin (M.Sc.) mit Schwerpunkt Beratungspsychologie, staatlich anerkannte Erzieherin mit heilpädagogischer Zusatzqualifikation und Leitungserfahrung. Ich begleite und unterstütze pädagogische Fachkräfte mit Fachwissen und Herz, damit sie ihren Arbeitsalltag gesünder, stressfreier und motivierend gestalten können.

Als Gründerin und Dozentin von Gesund bleiben. Stark begleiten. biete ich praxisnahe Fortbildungen, in denen Theorie auf Alltagstauglichkeit trifft und Teams nachhaltig gestärkt werden.

Website: https://www.inaglomb.de
Instagram: https://www.instagram.com/inaglomb/
Kontakt: info(at)inaglomb.de

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