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zwei afrikanische Jungen - istockphoto@MShep2

Kinderrechte in anderen Kulturen: Die afrikanischen Kinderhaushalte

Manfred Liebel

07.10.2013 Kommentare (1)

Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen hat jedem Kind Rechte zugestanden, die alle Staaten umsetzen sollen. Diese Rechte basieren allerdings auf einem von westlichen WissenchaftlerInnen und PolitikerInnen geprägten Bild vom Kind. Darin wird die Kindheit strikt vom Erwachsensein getrennt und als eine Phase definiert, die durch besondere Verletzlichkeit und durch mangelnde Reife charakterisiert ist. Das Kind soll vor der Gesellschaft geschützt, und es soll versorgt werden. Dabei sind die Kinder stets von den Erwachsenen abhängig.

Aber was ist, wenn Kinder sich selbst versorgen wollen oder müssen und wenn sie bestimmen wollen, wie die Hilfe aussehen soll?

Auch bei uns gab und gibt es Familien, in denen ältere Geschwister die Verantwortung für die Jüngeren übernehmen, z.B. wenn die  Eltern krank sind oder die alleinerziehende Mutter im Berufsstress ist. Aber diese Konstellationen werden als unnormal wahrgenommen und die Kinder bemitleidet.

Unser Autor beschreibt die Kinderhaushalte in Südafrika als eine Form des Zusammenlebens, bei der die Kinder ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir sollten wahrnehmen, dass Kinder in anderen kulturellen Kontexten ganz anders sein können, als wir sie hier üblicherweise sehen und wahrnehmen. Vielleicht müssen wir unseren Blick weiten?

Lassen Sie sich von Manfred Liebels Text in eine andere Welt entführen und daraus Anregungen für das eigene Denken schöpfen.

Ihre Hilde von Balluseck

Am Beispiel von Haushalten, die von Kindern in eigener Verantwortung geleitet werden (child-headed households) will ich zeigen, inwiefern das Verständnis von Kinderrechten dem jeweiligen Kontext gerecht werden muss und nur dann von ihnen als Unterstützung verstanden werden kann (zur Kontextualisierung und „Übersetzung“ von Kinderrechten vgl. Liebel 2009, 2012 und 2013; Hanson & Nieuwenhuys 2013).

Nach verbreiteter Meinung sollten Kinder eigentlich keine elterliche Verantwortung übernehmen (als eines der jüngeren Beispiele vgl. UNICEF 2006, S. 62). Elternschaft gilt als Angelegenheit von Erwachsenen. Jedes Lebensarrangement, das von dieser Norm abweicht, wird tendenziell als eine Quelle von Fehlentwicklung gesehen. Anstatt darin ein begründetes Interesse und innovative Überlebensstrategien von Kindern zu erkennen, besteht bei Behörden und NGOs (=Nichtregierungsorganisationen), die sich Waisen widmen, die Tendenz, die so lebenden Kinder zusätzlich zu diskriminieren und auszugrenzen (vgl. Ennew 2005; Cheney 2013).

Dabei wird nicht berücksichtigt, dass in vielen Ländern Kinder damit befasst sind, für jüngere Geschwister, die oft noch sehr klein sind, zu sorgen. Sie lernen dies an der Seite ihrer Eltern und entlasten diese, indem sie sich um die physischen und psychischen Bedürfnisse ihrer kleinen Brüder und Schwestern kümmern und Arbeiten im Haushalt übernehmen. Die Betreuung von Geschwistern wird in vielen Familien als Teil einer normalen Entwicklung und als wesentliche Vorbereitung auf das Erwachsenenleben betrachtet.

Auch das Zusammensein von Kindern in eigener Verantwortung hat in vielen nicht-westlichen Kulturen eine lange Tradition. Die weite Verbreitung von Kinderhaushalten in Afrika ist heute allerdings vorwiegend einer Notsituation geschuldet. Eine besonders große Zahl solcher Haushalte findet sich in Ländern, die stark von der HIV/AIDS-Pandemie betroffen sind, z.B. in Südafrika, Zimbabwe, Malawi, Uganda oder Tansania (vgl. van Breda 2010; Germann 2010; Wolf 2010; Tolfree 2004). In Ruanda entstanden infolge des Genozids schätzungsweise 60.000 von Kindern geführte Haushalte (Tolfree 2004, S. 163).     

Die folgenden Äußerungen von Kindern aus Ruanda und Tansania, die in solchen Haushalten lebten, illustrieren, was die Kinder bewegt (zit. n. Tolfree 2004, S. 162):

„Ich bin 14 Jahre alt und ich bin ein Kind. Aber wenn ich jemals heiraten sollte, weiß ich, dass ich immer fortfahren werde, für meine Kinder zu sorgen. Wie kann eine Familie ihre Kinder vernachlässigen? Für mich ist eine Familie eine Gruppe von Leuten, die für einander sorgen, wenn sie hungrig oder krank sind. Ich habe eine Familie, ich brauche ein Zuhause.“

„Ich bin zu jung, um eine Mutter zu sein, aber ich bin eine Mutter und ich würde nie meinen Bruder und meine Schwester allein lassen.“

„Ich bin 12 Jahre alt und kam hierher mit meinen Eltern, die vor einem Jahr weggingen, und mir gefällt es nicht, von meinen kleinen Schwestern und Brüdern getrennt zu sein, wir bleiben zusammen, ich sorge besonders für den jüngsten, der ein Jahr alt ist. (…) Weil ich mich um ihn kümmerte, wurde ich gezwungen, die Schule zu verlassen. (…) Aber wir freuen uns, wenn wir zusammen sind, ohne dass sich irgendjemand von außerhalb unserer Familie einmischt.“

Solche Vorlieben werden üblicherweise von Organisationen, die sich unter Berufung auf Kinderrechte um den Schutz und die Versorgung verlassener und von Erwachsenen getrennt lebender Kinder bemühen, missachtet.

Kinder, die in Kinderhaushalten leben, müssen allerdings mit einigen Schwierigkeiten rechnen. Da sie bisher wenig Verständnis für ihre Lebensweise finden und kaum unterstützt werden, fällt es ihnen oft schwer, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ihnen fehlen mitunter die nötigen Erfahrungen, um ihr gemeinsames Leben in eigener Regie zu bewältigen und auftretende Probleme zu lösen. Ein 15-jähriger Junge drückt das so aus (zit. n. Tolfree 2004, S. 165):

„Was für eine Wahl habe ich? Ich bin 15 Jahre alt. Ich weiß nicht, wie ich diese Mädchen aufziehen soll. Ich weiß nicht, wie ich auf sie aufpassen soll. Ich kann mich um mich selbst kümmern, aber ich kann mich nicht um sie kümmern. Manchmal weiß ich nicht, was ich tun soll. Ohne mich würden sie nichts zu essen und keinen Platz zu Schlafen haben. Aber was kann ich tun?“

Wenn diese Kinder weder Schutz noch Unterstützung finden, sind sie in besonderer Gefahr, missbraucht und ausgebeutet zu werden (vgl. van Breda 2010, S. 269 ff.; Germann 2010, S. 290). Insoweit sie selbst vollständig für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen und die staatlichen Behörden nicht auf ihre besondere Situation Rücksicht nehmen, können sie oft keine Schule besuchen (van Breda 2010, S. 272 ff.). Die Kinder beklagen sich selbst sehr oft, dass sie niemanden haben, der für sie spricht und sie gegen Anschuldigungen verteidigt. Sie fühlen sich allein gelassen und sagen z.B.: „Wenn du allein bist, verlierst du den Mut.“ (Tolfree 2004, S. 163). Die Kinder, die sich rund um die Uhr ums Überleben und ihre Geschwister kümmern müssen, stehen unter starkem sozialen und emotionalen Stress (van Breda 2010, S. 266 ff.). Die Probleme der Kinder resultieren nicht zuletzt daraus, „dass ihnen Akzeptanz, Anerkennung und Respekt für die von ihnen entwickelten unkonventionellen Lebensformen vorenthalten wird“ (Germann 2010, S. 294).

Gleichwohl können die von Kindern geführten Haushalte mehr als eine Notlösung sein und für die Kinder manche Vorteile mit sich bringen. Sie ermöglichen z.B. den Geschwistern, zusammen zu bleiben und die gegenseitigen Bindungen zu festigen, die auch für ihr späteres Leben wichtig sind. Unter Umständen ist das Zusammenbleiben auch ein Weg, um das Haus nicht zu verlieren, den zugehörigen Gemüsegarten für die Selbstversorgung weiter nutzen zu können oder eine dort ausgeübte Arbeit fortzuführen, die für den Lebensunterhalt unverzichtbar ist. Ältere Kinder betonen, dass ihnen besonders wichtig ist, wirtschaftlich unabhängig zu bleiben und so eine bessere Ausgangsbasis für das Erwachsenenleben zu haben.Die Kinder zeigen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und entwickeln Fähigkeiten, auch mit den schwierigsten Situationen umzugehen (Germann 2010, S. 293; Kendrick & Kakuru 2012). Angelika Wolf (2010, S. 189) zitiert einen Jungen aus einem Kinderhaushalt in Malawi mit folgenden Worten:

„Was ich sehe, das uns ermöglicht, zusammen leben zu können, ist der Geist der Einheit, der unter uns ist. Wir streiten nicht über bestimmte Themen … - zum Beispiel als der Vater gestorben war, gab es Konflikte wegen Eigentum - … und man will seinen eigenen Weg gehen. Aber wir, wir sitzen zusammen und beraten uns oder sagen uns gegenseitig, wie wir Dinge tun sollten, wir tauschen Ideen aus. Wir halten nichts von Alter, einer hört auf die anderen. Wir machen Dinge wie eine einzige Person.“

Die schwierige Lebenssituation lässt selten widerspruchsfreie Lösungen zu. Die Kinder sind meist genötigt, Kompromisse zu finden, bei denen die einen zugunsten der anderen auf Wünsche verzichten müssen. In zwei in Malawi untersuchten Kinderhaushalten z.B. „übernahmen die ältesten Schwestern den Haushalt und die Versorgung der jüngeren Geschwister. Sie verzichteten auf den weiteren Schulbesuch, um Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Sie legten großen Wert darauf, den jüngeren Geschwistern den Schulbesuch zu ermöglichen“ (Wolf 2010, S. 199). Die Kinder begnügten sich aber nicht mit dieser Situation, sondern versuchten bei Nachbarn und anderen Dorfbewohnern „Gehör zu finden, andere zu überreden oder sie zu Handeln in ihrem Sinne zu bewegen“ (a.a.O., S. 197).

Für die Kinder hängt viel davon ab, ob sie bei Erwachsenen für ihre ungewöhnliche, aus der Not geborene Lebensform Anerkennung und für die Lösung ihrer Probleme Unterstützung finden. In einigen afrikanischen Ländern wird inzwischen die Notwendigkeit gesehen, auch staatlicherseits den Kinderhaushalten Unterstützung zu gewähren und dafür einen legalen Rahmen zu schaffen. Südafrika ist das erste Land, in dem die Kinderhaushalte unter ausdrücklichem Bezug auf die Kinderrechte als neue Familienform gesetzliche Anerkennung finden und in das staatliche Sozialsystem einbezogen werden (vgl. Couzens & Zaal 2009; van Breda 2010). Allerdings stellt sich dabei die in Südafrika und anderen afrikanischen Ländern gegenwärtig heftig diskutierte Frage, ob die Kinder nur als Versorgungsobjekte betrachtet oder bei der Suche nach möglichen Lösungen als Partner einbezogen und in ihrer Eigenständigkeit und mit ihren eigenen Vorstellungen akzeptiert werden. Nur dann werden die Kinderrechte auch für diese Kinder Sinn machen und sie können sie nutzen.

Literatur

Cheney, Kristen E. (2013): Malik and his three mothers: AIDS orphans’ survival strategies and how children’s rights translations hinder them. In: Karl Hanson & Olga Nieuwenhuys (Hrsg.): Reconceptualizing Children’s Rights in International Development: Living Rights, Social Justice, Translations. Cambridge, UK & New York: Cambridge University Press, S. 152-172.  

Couzens, Meda & F. Noel Zaal (2009): Legal Recognition for Child-Headed Households: An Evaluation of the Emerging South African Framework. In: The International Journal of Children’s Rights, 17, S. 299–320.

Ennew, Judith (2005): Prisoners of Childhood: Orphans and Economic Dependency, in: Jens Qvortrup (Hrsg.): Studies in Modern Childhood. Basingstoke & New York: Palgrave MacMillan, S. 128-146.

Germann, Jelka (2010): Straßenkinder und Child-Headed Households in Guatemala und Zimbabwe. In: Manfred Liebel & Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens, Band 3: Kindheiten und Kinderrechte. Oldenburg: Paulo Freire Verlag, S. 281-296.

Hanson, Karl & Olga Nieuwenhuys (Hrsg.) (2013): Reconceptualizing Children’s Rights in International Development: Living Rights, Social Justice, Translations. Cambridge, UK & New York: Cambridge University Press.

Kendrick, Maureen & Doris Kakuru (2012): Funds of knowledge in child-headed households: A Ugandan case study. In: Childhood, 19(3), S. 397-413.

Liebel, Manfred (2009): Kinderrechte – aus Kindersicht.Wie Kinder weltweit zu ihrem Recht kommen. Berlin & Münster: LIT.

Liebel, Manfred (2012): Children’s Rights from Below: Cross-Cultural Perspectives. Basingstoke & New York: Palgrave Macmillan.

Liebel, Manfred (2013): Kinder und Gerechtigkeit. Über Kinderrechte neu nachdenken. Weinheim & Basel: BeltzJuventa.

Tolfree, David (2004): Whose Children? Separated Children’s Protection and Participation in Emergencies. Stockholm: Save the Children Sweden.

UNICEF (2006): Zur Situation der Kinder in der Welt 2006. Kinder ohne Kindheit. Frankfurt a.M.: Fischer-Taschenbuch.

van Breda, Adrian D. (2010): The Phenomenon and Concerns of Child-Headed Households in South-Africa. In: Manfred Liebel & Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens, Band 3: Kindheiten und Kinderrechte. Oldenburg: Paulo Freire Verlag, S. 259-279.

Wolf, Angelika (2010): Geschwisterliche Bande: Zugehörigkeit, Verwandtschaft und Verbundenheit von Kindern in Waisenhaushalten im Kontext von AIDS in Malawi. In: Manfred Liebel & Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens, Band 3: Kindheiten und Kinderrechte. Oldenburg: Paulo Freire Verlag, S. 185-202.

Der Autor

Prof. Dr. Manfred LiebelProf. Dr. Manfred Liebel

Prof. Dr. Manfred Liebel, Soziologe, Direktor des Instituts für internationale Studien zu Kindheit und Jugend an der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie (INA gGmbH) und des M.A. Childhood Studies and Children's Rights an der Freien Universität Berlin.

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Kommentare (1)

Maria E. Cuevas-Schmitt 27 Oktober 2013, 14:51

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Manfred Liebel,

vielen Dank, für die ausführlichem und sehr informative Beitrag zur Kinderrechte in Südafrika.
Als angehende Erzieherin, ist mir von große Bedeutung zu wissen wie in anderen Kulturen und Ländern Kinderrechte gesehen und behandeln werden.

MfG. Maria E. Cuevas-Schmitt

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