mehrere Kinder

Kindeswohl statt Sparpolitik: Warum die Elterngeld-Reform überarbeitet werden muss

20.07.2026 Kommentare (1)

Sehr geehrte Bundesregierung, 

vor einigen Tagen verkündeten Sie zukünftige Änderungen beim Elterngeld. Diese Änderungen werden Auswirkungen auf die Kinder, Familien und Kitas haben. Diese möchten wir mit diesem Brief thematisieren und Sie dazu aufrufen, Ihre Reformpläne dringend zu überarbeiten. 

Die verkürzte Bezugsdauer des Elterngeldes wird bewirken, dass deutlich mehr Kinder bereits vor ihrem ersten Geburtstag eine Kita werden besuchen müssen. Doch aus der Wissenschaft wissen wir, dass die ersten Lebensjahre die wichtigsten sind, um eine gute Bindung zu den Eltern aufzubauen, die Sicherheit und Selbstvertrauen für das gesamte Leben gibt. Sie ist damit ein entscheidender Faktor für psychische Gesundheit, Belastbarkeit und Resilienz, die für eine Gesellschaft von hoher Wichtigkeit sind. Um eine gute Bindung zu ermöglichen, ist es notwendig, dass prompt und einfühlsam auf die Bedürfnisse der Kinder durch ihre vertrauten Bindungspersonen reagiert wird. Aufgrund der großen Gruppengrößen und des zu schlechten Personalschlüssels ist es in Kitas jedoch nur eingeschränkt möglich, allen Kindern genug Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bieten. Praxis und Wissenschaft weisen seit Jahren auf dieses Problem hin. 

Wenn immer jüngere Kinder in die Kitas kommen, wird sich dies jedoch nicht nur auf die Bindung auswirken, sondern auch zu mehr Stress in den Einrichtungen führen. Jüngere Kinder haben andere Bedürfnisse als ältere Kinder. Das pädagogische Fachpersonal steht schon heute in einem Spannungsfeld zwischen der Erfüllung der Grundbedürfnisse und der Ermöglichung und Begleitung von Bildungsanlässen. Große altersheterogene Gruppen, deren Personalisierung nicht den fachlichen Mindestanforderungen an eine gute Kita-Qualität entsprechen, sind in Deutschland die Regel. Je breiter die Altersspanne in den Gruppen ist, desto mehr Differenzierung in der pädagogischen Arbeit wäre notwendig. Unter den aktuellem unzureichenden Personalschlüsseln und Gruppengrößen führt dies zu noch mehr Stress bei allen Beteiligten. Das kann kurz- und langfristige Folgen für die Kinder haben. Negative Folgen für Krippenkinder, vor allem bei zu niedriger und mittlerer Betreuungsqualität, konnten bereits in diversen Studien nachgewiesen werden. (z.B. „Wiener-Krippenstudie“ und „Children’s Elevated Cortisol Levels at Daycare: A Review and Meta-Analysis“). Deshalb ist es sowohl aus wissenschaftlicher, als auch aus pädagogischer und entwicklungspsychologischer Sicht dringend notwendig für bessere Rahmenbedingungen in Kindertageseirichtungen zu sorgen. 

Uns als Bundesnetzwerk für Kita-Fachkräfte Verbände Deutschland stellen sich die Fragen, wollen Sie die finanziellen Rahmenbedingungen schaffen, die die Eltern dazu zwingen, ihre Kinder früher außerfamiliär betreuen zu lassen, als Sie es eigentlich möchten und für die Kinder vertretbar sind? Mit der Änderung der Elterngeld-Reform und ihrer Sparpolitik, setzen Sie die Priorität des Kindeswohls auf die niedrigste Stufe. 

Ist das Ihr Gesellschaftsbild, dass Sie gerne vertreten möchten? Wir unterstützen dies nicht! 

Ihr Reformvorschlag greift unseres Erachtens nach viel zu kurz. Ermöglichen Sie Familien weiterhin, ihre Kinder wie bisher mit den Leistungen des Elterngeldes bis zu 14 Monaten in der Familie betreuen zu können. Schaffen Sie gleichzeitig endlich kindgerechte Rahmenbedingungen nach wissenschaftlichen Standards in unseren Krippen und Kitas, damit unsere Einrichtungen jedes Kind seiner Entwicklung gemäß begleiten und unterstützen können. Denken Sie an die Zukunft der Kinder in unserem Land und überdenken Sie nochmals zum Wohle unserer Kinder die Elterngeld-Reform. Es ist noch nicht zu spät, die Segel neu zu setzen, Sie müssen es nur tun und auf die Stimme der Fachkräfte hören und vertrauen. 

Nachhaltige Kita-Politik schafft nicht nur „Betreuung, damit Eltern arbeiten gehen können“, sondern Bedingungen, die Familien stärken und beste Bildung in kindgerecht ausgestatteten Kitas bieten. 

Für Rückfragen und einen fachlichen Austausch stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. 

Mit freundlichen Grüßen, 

Das Bundesnetzwerk für Kita-Fachkräfte Verbände Deutschland 


Quelle: Bundesnetzwerk für Kita-Fachkräfte Verbände Deutschland


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Kommentare (1)

Dr. Erika Butzmann 20 Juli 2026, 15:45

Diese Forderung des Bundesnetzwerkes müsste erweitert werden auf zwei Jahre Elterngeld; denn alle genannten Nachteile der zu frühen Krippenbetreuung betreffen auch die Einjährigen zum größten Teil. Das Kindeswohl wird mit der zu frühen Krippenbetreuung insgesamt missachtet. Aber das interessiert niemand und die Kleinsten können sich nicht äußern, sondern wehren sich durch ihr Verhalten, das niemand registriert.

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