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Kita-Qualität: Es gibt Handlungsbedarf!

Das Gute-Kita-Gesetz und die Diskussion darüber lenkte den Blick einer breiten Öffentlichkeit erneut auf das Thema der Qualität in deutschen Kindertageseinrichtungen. Was Kita-Qualität bedeutet, wo die Branche steht und was noch zu tun ist, diskutieren die Geschäftsführungen zweier Kita-Träger im Gespräch mit erzieherin.de – Sabine Diefenbach von der kinderlandnet gGmbH aus Mannheim sowie Clemens M. Weegmann vom Konzept-e Netzwerk aus Stuttgart. Beide engagieren sich im Vorstand des Landesverbands Baden-Württemberg des Deutschen Kitasverbands. Weegmann rief 2018 das TopKita Institut für Qualität ins Leben.

ErzieherIn.de: Wo stehen die deutschen Kitas, Ihrer Einschätzung nach, in Bezug auf ihre pädagogische Qualität?

Clemens M. Weegmann: Kindertagesstätten haben die zentral wichtige Aufgabe, ungleiche Startchancen der Kinder auszugleichen. Dieser Aufgabe werden sie mehrheitlich aber nur ungenügend gerecht. Das zeigte die sogenannte NUBBEK-Studie bereits vor einigen Jahren. NUBBEK steht für Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit. Die Studie ergab: Nur acht Prozent der Kitas meistern ihre Aufgabe sehr gut oder gut. Die überwältigende Mehrheit, 80 Prozent, arbeitet mittelmäßig und verbessert die Startchancen von Kindern, die Zuhause wenig Unterstützung erfahren, nur geringfügig. Zwölf Prozent der Einrichtungen wirken sogar regelrecht kontraproduktiv. Das ist ein ernüchterndes Ergebnis. Und aus meiner Sicht tut sich auch nicht viel, damit sich daran etwas ändert.

Ich kritisiere, dass wir, wenn es um Kita-Qualität geht, vor allem über Strukturen sprechen. Es geht um Aspekte wie Personalausstattung, um Zeit für Leitungsaufgaben oder gar, wie jetzt im Zusammenhang mit dem Gute-Kita-Gesetz, um Beitragsfreiheit. Das ist zwar wichtig, aber noch wichtiger ist die pädagogische Prozessqualität. Denn was nutzt viel Personal, wenn die Kinder bevormundet werden und sie sich zum Beispiel beim Mittagessen die Suppe nicht selbst schöpfen dürfen?  

Sabine Diefenbach: Ich möchte an dieser Stelle aber auch betonen, wie viel sich in den letzten Jahren in der deutschen Kitalandschaft verändert hat. Der Krippenausbau bis 2012 hat die Trägerzusammensetzung entscheidend verändert. Neben den Kommunen, kirchlichen Trägern und großen Wohlfahrtsverbänden haben sich unabhängige freie Träger – wie wir – etabliert. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass ein neues Qualitätsbewusstsein und ein Professionalisierungsdruck in der Branche entstanden sind. Sie mussten sich gegenüber den etablierten Trägern behaupten. Das gelang durch eine lernende Organisationskultur und eine hohe Transparenz.

Gleichzeitig trieb auch die Wissenschaft das Thema Kita-Qualitätsentwicklung voran und entwickelte Kriterien und Messinstrumente dafür – auch für die pädagogische Prozessqualität. Zu nennen ist hier besonders die Arbeit von Professor Wolfgang Tietze von der Freien Universität Berlin. Aus meiner Sicht gibt es einen Konsens unter Fachleuten aus der Pädagogik, was gute Frühpädagogik ausmacht. Er spiegelt sich auch in den differenzierten Bildungsplänen der Länder für die Kitas. Und er zeigt sich in dem Bestreben, den Anteil des akademisch qualifizierten Personals in Kitas zu erhöhen. Dieser Konsens findet jedoch kaum Niederschlag in den Rahmenbedingungen, die Bund, Länder und Kommunen für Kitas schaffen. 

ErzieherIn.de: Was gibt es aus Ihrer Sicht zu tun? 

Sabine Diefenbach: Die zum Teil sehr deutlichen Unterschiede, die es zwischen den Ländern und Kommunen in Bezug auf die personelle und materielle Ausstattung von Kitas gibt, werden wohl vorerst bestehen bleiben. Das zu vereinheitlichen, ist eher unrealistisch. Daher finde ich mehr Transparenz und vergleichbare Zahlen wichtig. Jedes Land und jede Gemeinde muss sich im Vergleich mit anderen einordnen können. Kommunen müssen wissen, was andernorts Best-Practice ist. 

Als Träger wünschen wir uns, dass Qualität finanziert wird. Das heißt zum Beispiel konkret: Wir brauchen akademische Fachkräfte, die unternehmerische Aufgaben übernehmen und Qualitätsentwicklungsprozesse vorantreiben können. Die müssen wir jedoch entsprechend gut bezahlen, damit wir sie rekrutieren und halten können. Mit der momentanen Förderung ist das nicht machbar. Dabei werden unsere Teams immer multiprofessioneller und multikultureller. Diese Teams zu einem Konsens über die zentralen Werte einer demokratischen Erziehung zu bringen, ist eine herausfordernde und langwierige Aufgabe. Akademische Kindheitspädagoginnen und -pädagogen sind dafür qualifiziert, einen solchen Prozess zielführend zu moderieren.

Clemens M. Weegmann: Aus meiner Sicht benötigen wir einen Kita-TÜV. Mich wundert, dass der Staat beziehungsweise die Öffentlichkeit dies nicht einfordert. Denn jedes Jahr fließen rund 50 Milliarden Euro aus Steuergeldern in die Kindertagesbetreuung und kein Mensch kontrolliert, ob das Geld gut angelegt ist und die Kitas ihren Bildungsauftrag auch tatsächlich erfüllen. Wenn sie bedenken, dass Kinder aus akademisch gebildeten Familien noch immer eine dreimal höhere Chance haben, Abitur zu machen, scheint die frühe Förderung in der Kita eher zu versagen. Die Sicherung und Weiterentwicklung der Kita-Qualität ist zwar gesetzlich gefordert. Es bleibt jedoch offen, was genau darunter zu verstehen ist.

Im TopKita Institut haben wir uns darüber Gedanken gemacht, wie ein System aussehen könnte, das den Qualitätsentwicklungsprozess in Kitas auf eine solide systematische Grundlage stellt und das konzeptübergreifend für alle Kitas im Alltag gut anwendbar ist. Das Resultat sind drei Instrumente, die zusammengehören: Elternbefragung, Selbstevaluation und externes Audit. Sie bieten den Anwenderinnen und Anwendern einen Rundumblick auf den Qualitätsstatus ihrer Einrichtung und liefern die Grundlage für Verbesserungsmaßnahmen. Ein neuer Durchlauf nach ein oder zwei Jahren zeigt, ob die Maßnahmen erfolgreich waren und welche neuen Handlungsfelder sich eventuell auftun.

Wir stellen den Einrichtungen die Instrumente sowie die Nutzung der Plattform www.topkita.de, die ihr Qualitätsengagement sichtbar macht, großteils kostenfrei zur Verfügung. Das ist möglich, da die Stiftung Bildung und Soziales der Sparda-Bank Baden-Württemberg sowie die element-i Bildungsstiftung die Initiative langfristig fördern. 

ErzieherIn.de: Welche Verantwortung haben Kita-Träger für die Qualitätsentwicklung und wie werden Sie ihr gerecht?

Sabine Diefenbach: Qualitätsmanagement ist eine Aufgabe, die bei der Geschäftsführung eines Trägers liegt. Wir bei kinderlandnet sind beispielsweise nach DIN ISO zertifiziert. Wir haben einen stetigen Verbesserungsprozess etabliert und eine Qualitätsbeauftragte ernannt. Unser Qualitätsmanagement umfasst nicht nur bürokratische, sondern auch pädagogische Prozesse, die wir genau beschrieben haben. An diesen Standards lassen wir uns messen. Dafür haben wir eine entsprechende Evaluation etabliert. Unsere Teams können damit gut umgehen. Sie sind kritikfähig und begreifen den Qualitätsentwicklungsprozess als Chance. In einer neu eröffneten Kita erproben wir gerade die TopKita Selbstevaluationsbögen. Wir setzen sie als Teambildungsinstrument ein. Sie helfen uns, alle Bildungsbereiche einmal sehr konkret „durchzudeklinieren“.

Aus meiner Sicht benötigt jeder Träger eine klare Zielsetzung, ein professionelles Projektmanagement und einen stetigen Erneuerungsprozess. Doch das passiert nicht von alleine. Das will gemanagt und begleitet werden. Es kostet Zeit und Geld. In der finanziellen Förderung durch die öffentliche Hand sind diese Dinge jedoch gar nicht vorgesehen. Als freie Träger haben wir – sofern es uns nicht gelingt, weitere Einnahmen zu generieren – nur die Elternbeiträge, über die wir diese Arbeiten finanzieren können. Das muss sich dringend ändern.

Clemens M. Weegmann: Ich kann Frau Diefenbach nur beipflichten, was ihre Forderung angeht. Denn als Träger müssen wir sicherstellen, dass unsere Einrichtungen auch tatsächlich die Pädagogik umsetzen, die wir den Familien versprechen. Diese Aufgabe können wir nicht einfach an die Kita-Leitungen delegieren. Jeder Träger benötigt daher verlässliche Instrumente, die ihm systematische Einblicke in die Arbeit der einzelnen Einrichtungen geben. Nur dann kann er zielgerichtet unterstützen und steuernd wirken.

Wir haben uns vor über zehn Jahren ebenfalls DIN ISO zertifizieren lassen, haben ein Qualitäts-Handbuch entwickelt, die ersten Elternbefragungen gemacht und Selbstevaluationen durchgeführt. Vor sieben Jahren kamen interne Audits hinzu. Seit 2018 haben wir sie durch externe Audits ersetzt. Unsere langjährigen Erfahrungen mit den verschiedenen Tools sind in die Entwicklung der TopKita Instrumente eingeflossen. So stellen wir sie auch anderen Einrichtungen zur Verfügung.  

ErzieherIn.de: Wie sieht Ihre Vision für eine künftige deutsche Kitalandschaft aus?

Clemens M. Weegmann: Unsere Vision ist ein durchgängig hohes Qualitätslevel in allen Kitas in Deutschland, weil die Anwendung von wirksamen Qualitätssicherungsinstrumenten wie TopKita zum Standard geworden ist. Die TopKita Instrumente sind eng angelehnt an den Nationalen Kriterienkatalog für beste Fachpraxis, den Professor Wolfgang Tietzeund Professorin Susanne Viernickel 2007 veröffentlichten und der inzwischen in der fünften überarbeiteten Auflage vorliegt. Professorin Irene Dittrich von der Hochschule Düsseldorf beziehungsweise Potsdam begleitete die Entwicklung der TopKita Instrumente und evaluiert deren Umsetzung in zwölf Modellkitas. Ich denke daher, dass die Instrumente in der Branche konsensfähig sind. Außerdem planen wir aktuell das TopKita Institut in eine Genossenschaft umzuwandeln, an der sich Träger und Interessengruppen beteiligen können.

Sabine Diefenbach: Ich sehe in der Zukunft idealerweise eine pluralistische Trägervielfalt. Die Angebote aller Träger zeichnen sich dabei durch ihre hohe Qualität aus und dadurch, dass sie die pädagogischen Schwerpunkte setzen, die jeweils lokal gebraucht werden. Ich wünsche mir Träger, die humanistische Werte und Vorstellungen verteidigen, die Demokratiebildung und Partizipation vorantreiben, die Verantwortung für die frühe Bildung übernehmen und mit ihren Themen im öffentlichen Diskurs Impulse setzen. Unser Fokus liegt auf den Kindern. Wir erleben, dass sich das Bewusstsein wandelt, dass Kinder heute informierter sind, schneller lernen und ihr Wissen eindrucksvoll neu vernetzen. Das zeigt uns, dass wir uns als Erwachsene noch mehr zurücknehmen sollten, um den Kindern Raum zu geben, ihre Möglichkeiten zu entfalten. Den Begriff Er-ziehung müssen wir wohl überdenken – es geht vielmehr um Be-ziehung. Als Pädagoginnen und Pädagogen in der Kita haben wir den tollsten Job der Welt: Wir können die Wirkung unserer Arbeit direkt erleben. Dass unsere Jugendlichen heute selbstbewusst auf die Straße gehen, für ihre Überzeugungen eintreten und für ihre Ziele kämpfen, ist bereits Resultat einer solchen Pädagogik auf Augenhöhe. Davon bin ich überzeugt.

Sabine Diefenbach (Bildnachweis: kinderlandnet)

 

Clemens M. Weegmann (Bildnachweis: Top Kita Institut)

 

Links:

kinderlandnet gGmbH: https://www.kinderlandnet.de

Konzept-e Netzwerk: https://www.konzept-e.de

TopKita: https://www.topkita.de

Deutscher Kitaverband: https://www.deutscher-kitaverband.de

 

Bildnachweis: TopKita Institut

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