Kitas sollen mehr für die Integration tun
Dass muslimische Eltern nicht begeistert reagieren, wenn ihrem Nachwuchs im Kindergarten ein Schweineschnitzel auf den Tisch gestellt wird, wissen wohl die meisten Erzieherinnen. Der Koran verbietet Gläubigen den Verzehr von Schweinefleisch. Die Pädagogen stehen aber oft ahnungs- und hilflos anderen Feinheiten religiöser oder kultureller Art gegenüber. Die Fachkräfte seien nicht genügend geschult, um auf Familien mit Migrationshintergrund einzugehen, bemängelt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Auch sollten Eltern stärker in die Arbeit der Kindertagesstätten einbezogen werden – sei es durch Deutschkurse oder durch Infoabende von Familienbildungsstätten und Flüchtlingsberatungsstellen.
In vielen Häusern beschränkt sich das Engagement von Eltern mit ausländischen Wurzeln oft darauf, dass sie bei Sommerfesten das Gemeinschaftsbuffet mit den interessantesten und raffiniertest gewürzten Speisen bereichern. Dabei hätten diese Eltern meist „ausgeprägte Bildungsambitionen“, heißt es in einer Studie, die der SVR am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat. Sie scheitern an sprachlichen Hürden. Außerdem fehlen ihnen eigene Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem. Das führt zu Unsicherheit auf beiden Seiten. Obwohl die Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund beständig wächst, seien nur 27 Prozent der Kitas rundum auf sie vorbereitet. „Die Familien werden vielerorts nicht erreicht, dabei können Zuwanderer ganz besonders von Bildungsangeboten profitieren“, sagt Jan Schneider vom SVR. Selbst unter Einrichtungen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund erfüllen nur knapp die Hälfte die Rahmenbedingungen für eine interkulturelle Öffnung: Darunter verstehen die Experten, dass Pädagogen zusätzlich geschult werden und mehr Zeit zur Verfügung haben, wenn es im Kindergartenalltag mal zur Sprachverwirrung kommt. Außerdem sollten Berater von außen zugezogen werden. Diese könnten Eltern beispielsweise Ängste vor den Erwartungen in der Grundschule nehmen, beim Anmeldeverfahren behilflich sein und sie ermutigen, sich in Kita-Gremien zu engagieren.
Antworten von bundesweit 237 Einrichtungen wurden ausgewertet. Im deutschen Bildungssystem komme Eltern eine „Schlüsselstellung“ zu, sagt Schneider. Noch immer haben Kinder mit ausländischen Wurzeln im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund einen geringen Bildungserfolg. Sie brechen häufiger die Schule ab und absolvieren seltener das Abitur. Der Sachverständigenrat appelliert an Bund, Land und Kommunen, dringend mehr Personal zu finanzieren und die interkulturelle Ausbildung von Erziehern zu stärken. In einigen Fällen ist das Verständnis schon da: In rund der Hälfte der befragten Kitas arbeitet immerhin mindestens eine Erzieherin mit Migrationshintergrund.
© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).
Hier können Sie die Studie downloaden.

