mehrere Kinder

Kleine Kinder, große Sorgen

Nina von Hardenberg

16.04.2014 Kommentare (0)

Die medizinische Behandlung junger Menschen wird vielerorts zum Minusgeschäft. Eine Kampagne der Kliniken fordert Zuschläge für den Mehraufwand.

München – Die Mutter hält das Baby an sich gedrückt, aus ihren Augen spricht blanke Panik. Der Junge hängt schlapp und fiebrig in ihrem Arm, er ist jetzt ruhig. Zu Hause aber habe er gezuckt und die Augen verdreht, berichtet die Mutter. Ein Fieberkrampf. Medizinisch können die Ärzte das relativ schnell diagnostizieren und schlimmere Krankheiten wie eine Hirnhautentzündung ausschließen. Schnell aber geht die Behandlung des Kindes deshalb noch lange nicht, wie Michael Weiß, Chefarzt der Kölner Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, berichtet: „Die Eltern sagen manchmal noch zwei Tage später, sie dachten, ihr Kind stirbt.“ Die Ärzte behandeln also nicht nur das Kind, sie behandeln die ganze Familie. Sie beruhigen die Eltern, geben Ratschläge, wie sie bei künftigen Anfällen reagieren können, reden mitunter eine halbe Stunde. Diese Zeit aber bezahlt der Klinik niemand. Deswegen werde die Kindermedizin vielerorts zum Minusgeschäft, wie Mediziner jetzt beklagen.

„Rettet die Kinderstation“, heißt das Motto einer Kampagne, mit der Kinderarzt-Verbände seit einigen Tagen auf die Not der Kliniken für Kleine hinweisen. Es ist die Not einer Medizin, in der Gespräche und Zuwendung besonders wichtig sind; und in der es gilt, vom Blinddarm bis zum epileptischen Anfall täglich völlig unterschiedliche Patienten zu versorgen. Kinderabteilungen müssten viele verschiedene Spezialisten beschäftigen und könnten besonders wenig planen, beklagen die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und die Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser in einem gemeinsamen Papier. Mit Medizin für die Jüngsten lasse sich nur schwer Geld verdienen. Die Verbände fordern die Bundesregierung auf, diese Kliniken mit Zuschlägen speziell zu fördern. Solche Sonderzahlungen gibt es schon heute etwa für Krankenhäuser in sehr abgelegenen Regionen.

Im Klagechor der Kliniken sind die Kinderabteilungen nur eine Stimme unter vielen. 2012 meldete jedes zweite Krankenhaus Verluste. Dank eines Notprogramms der Regierung sind es inzwischen weniger, das Geld aber bleibt knapp auf allen Stationen – auch weil die Bundesländer, die für Investitionen in neue Geräte und für Umbauten zuständig sind, knausern. Die Kliniken knapsen das Geld für Investitionen aus dem laufenden Betrieb ab.

Manche Abteilungen erwirtschaften zusätzliches Geld, indem sie mehr Patienten behandeln. In der Kindermedizin geht das kaum. Es gibt schlicht nicht mehr Kinder. Im Gegenteil: Der Anteil der bis 18-Jährigen an der Bevölkerung ist seit Anfang der Neunzigerjahre von 19 auf 16 Prozent gesunken. Während in einer alternden Gesellschaft Ärzte immer mehr kranke Menschen behandeln, blieb die Zahl der Kinder-Patienten zuletzt etwa konstant. „Wenn es aber weniger Kinder gibt, müsste doch jedes einzelne wertvoller sein“, sagt Weiß, der für die DGKJ die Kampagne mitentwickelt hat.

Fast jede fünfte Kinderabteilung sei seit 1991 eingespart und geschlossen worden, kritisieren die Verbände. Wie viele Stationen aber braucht Deutschland für eine gute Versorgung? Darüber ist sich auch die Zunft der Kindermediziner keineswegs einig. Eine Klinik sollte für die Patienten in maximal 40 Minuten erreichbar sein, heißt es in dem Papier. Viele Universitätsmediziner plädieren dagegen bei den komplexen Fällen für eine stärkere Zentralisierung. „Wir haben viel zu viele kleine Schiffe“, sagt Christoph Klein, Ärztlicher Direktor am Haunerschen Kinderspital in München. Die Finanznot der Kliniken ist auch ein strukturelles Problem, das Geld ist mitunter schlecht verteilt.

In den Niederlanden entstünde derzeit das Prinses Máxima Centrum für Kinderonkologie, welches aus ehemals 17 Kinderkrebsstationen des Landes eine nationale Einheit macht, sagt Klein. Auch Deutschland müsse die finanziellen Mittel und die Ärzte stärker bündeln, wenn es seine Patienten optimal versorgen und nach den Hintergründen der Krankheiten forschen wolle. Zusätzliches Geld müsste es aus seiner Sicht vor allem für die Behandlung seltener Krankheiten geben. Patienten mit solchen Leiden kommen vor allem an die Unikliniken, sind aufwendig zu behandeln und lassen sich oft nicht kostendeckend abrechnen.

Inzwischen gelinge es, vier von fünf krebskranken Kindern dauerhaft zu heilen. Viele andere Krankheiten seien nach wie vor unerforscht, sagt Klein: „Wir könnten noch viel mehr für die Kinder tun.“ Die Mittel des Landes aber stopften nur die Defizite der Klinik – für Forschung und auch für die Ausbildung der jungen Ärzte bleibe kaum Raum.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content)

 

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