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zwei U3 Kinder

Körper-und Gesundheitspflege in der Krippe

Elena Grieper

06.01.2014 Kommentare (0)

In der Krippe spielt die Körper-  und Gesundheitspflege der unter Drei - Jährigen eine besondere Rolle. Dabei geht man davon aus, dass die hier gemachten Erfahrungen für die Kinder bereits sehr  wertvolle soziale Momente sind, in denen sie auch schon wichtige Lernerfahrungen machen. Zentrale soziale Erfahrungen mit anderen Menschen macht ein Kind dadurch, dass es gebadet, gewickelt, an – oder ausgezogen wird oder gefüttert wird.

Liliane Juchli (vgl. Juchli 1994, 81) fasste 1994 die Aktivitäten des täglichen Lebens zusammen, wie sie in einem ganzheitlichen Pflegmodell verstanden werden. Darunter fallen folgende Tätigkeiten:

  • Kommunizieren
  • Atmen/Kreislauf regulieren
  • Körpertemperatur regulieren
  • Sich sauber halten und kleiden
  • Essen und Trinken
  • Ausscheiden
  • Sich bewegen
  • Schlafen
  • Sich sicher fühlen und verhalten
  • Sich beschäftigen, spielen und lernen
  • Mädchen oder Junge sein
  • Sterben

Die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler, die neue Sichtweisen in die Kleinkind- und Säuglingspflege einbrachte,  spricht in diesem Zusammenhang von beziehungsvoller und achtsamer Pflege und entwickelte Anfang des 19. Jahrhunderts Grundsätze wie respektvolle und kooperative Pflege mit Kleinkindern und Säuglingen aussehen kann.

In der „Pikler – Pädagogik“ geht man davon aus, dass Kinder sichere, stabile Beziehungen und Geborgenheit in Pflegesituationen brauchen und sie möglichst selbstständig und aktiv an den Situationen teilhaben sollen.

Grundgedanke ist dabei, dass kleine Kinder bereits als selbstständige Persönlichkeiten und Subjekte verstanden werden. Etwas mit Kindern zu tun, sie hochzunehmen, an- oder auszuziehen wird dabei in Kooperation mit dem Kind ausgeführt und durch eine achtsame Kommunikation unterstützt.

Pflegesituationen bieten wertvolle Beziehungzeit und Lernerfahrungen

Das bedeutet in diesem Zusammenhang, dass viel mit den Kindern während der Pflegetätigkeiten gesprochen wird. Man kann z.B. den Kindern erklären, was als nächstes im Waschprozess passieren wird, welche Haarbürste verwendet wird oder welche Jacke angezogen wird. Neben dem Erklären, gilt es auch Fragen zu stellen und auf die Zustimmung des Kindes zu warten. Augenkontakt und Zeit für diese Prozesse sind dabei ebenfalls Merkmal. Stress und Unkonzentriertheit führen sehr schnell zu einer gehetzten Atmosphäre, die auch das Kind wahrnimmt. Auch junge Kinder sind in der Lage zu kooperieren, z.B.  bei Socken oder Mütze an- oder ausziehen, wenn man ihnen (und sich) die nötige Zeit dafür einräumt.

Eine Pflegesituation sollte daher nicht als „Schnelles Aufgabenerledigen“ betrachtet werden, als Zwischenstopp im normalen Alltagsgeschehen, sondern  als wertvolle Beziehungszeit, die  ebenso sorgfältig und behutsam gestaltet werden muss wie andere pädagogische Prozesse.

Transparente und strukturierte Abläufe können da Sicherheit geben. Feste Rituale, Orte, Bewegungen oder Singspiele, die mit den Pflege-Prozessen verbunden sind, geben Kindern eine Struktur und Anhaltspunkte für weitere Handlungen. Vertraute Umgebungen oder andere feste Rituale können Kindern dabei Halt in unsicheren Situationen geben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Bewegungsentwicklung, die ohne lenkende oder beschleunigende Eingriffe von Erwachsenen vollzogen wird. Kinder haben einen eigenen Antrieb und üben und erproben verschiedene Bewegungsarten zu den Zeitpunkten, an denen sie bereit dafür sind und sich in der Bewegung sicher fühlen. Liegen sie anfangs nur auf dem Rücken, um z.B. Hände und Füße zu erforschen, so entwickeln sie in ihrem Tempo selbst den Impuls sich in die Bauchlage zu drehen,  zu robben oder zu kriechen. Zu viel Unterstützung und Lenkung führt nach Pikler dazu, dass Kinder nicht die Chancen haben zu lernen, dass sie etwas aus eigenem Antrieb geschafft oder gelernt haben und ein erstes Gefühl von Selbstwirksamkeit erfahren.

Besonders das freie und ungestörte Spiel spielt dabei eine wichtige Rolle, wozu es einer vorbereiteten Umgebung bedarf, die sowohl sicher und altersgerecht, aber dennoch anregend für Kleinkinder ist. In diesen Prozessen können die Kinder selbstständig entscheiden, worin sie sich gerade üben wollen, welche Bewegungsart für sie die sinnvollste ist und welches aktuelle Thema gerade spannend ist. Im ungestörten Experimentieren mit der Umwelt setzen die Kinder ihre motorischen Fähigkeiten selbstständig ein und machen wichtige Erfahrungen für ihr Selbstbewusstsein, wenn  etwas selbst geschafft wurde oder wenn es bei Scheitern noch mehr Durchhaltevermögen und Übung bedarf.

Balance zwischen Fürsorgepflicht und kindlicher Autonomie finden

Eine Balance zwischen Fürsorgepflicht und der Ermöglichung von Autonomie der Kinder  kann für Fachkräfte dabei zu einer Herausforderung werden.  Autonomieerfahrungen können Kinder in verschiedensten  Situationen erfahren und dadurch ihr Selbstbewusstsein stärken. „Ich kann etwas in die Hand nehmen! Mein Handeln hat Einfluss auf meine Umgebung, z.B. wenn etwas 10 mal runtergeworfen wird und immer und immer wieder von Erwachsenen aufgehoben wird. Ich kann Probleme lösen (wenn ich es geschafft habe auf eine sehr hohe Couch mit Hilfsmittel hochzuklettern).“ Kommt es dann im weiteren natürlichen Verlauf zur Vertiefung und zum Testen der Grenzen, gilt es für Fachkräfte auch sicherere und verlässliche Grenzen zu setzen und Regeln zu formulieren. Sowohl die Autonomieerfahrung wie die Erfahrung an eigene oder von außen gesetzte Grenzen zu stoßen sind dabei wichtige Lernerfahrungen für Kinder, die sowohl Sicherheit als auch Antrieb zum Durchhalten geben können.

Anknüpfend an Piklers Vorstellung formuliert Madga Gerber einen „RIE-Ansatz“  (Ressources for Infant Educaters), in welchem sie Grundprinzipien für respektvollen Umgang mit Kleinkindern und Säuglingen zusammenfasst:

  • Das Kind ist als eigenständiger Forscher zu betrachten: Kleinkinder und Säuglinge als aktive, selbstständige Subjekte wahrnehmen, die sich forschend und neugierig in ihrer Umwelt bewegen
  • Wichtigkeit der gestalteten Umgebung: Kinder erleben sich in Erfahrungsräumen und finden Anreize in ihrer Umgebung. Die vorbereitet Umgebung, die den Bedürfnisse und aktuellen Interessen der Kinder entspricht und vielseitige Möglichkeiten bietet ohne Hilfe von Erwachsenen auf Erkundung zu gehen, sind dabei wichtig
  • Das ununterbrochene Spiel: Spiel als Erprobungsprozesse von Kindern, in denen selbstbestimmt Handlungen durchgeführt werden, bedarf zeit und sollte möglichst selten von Erwachsenen gestört oder unterbrochen werden
  • Beteiligung an Dingen, dass das Kind betrifft: Kinder das Recht zugestehen an Entscheidungen, die sie betreffen beteiligt sein zu können
  • Beobachtung und dialogische Beziehung: Beobachtung um aktuelle Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnisse herauszufinden. In einer dialogischen Beziehung wird darauf geachtet, dass es ein Zusammenspiel zweier AkteurInnen ist, die miteinander in Kommunikation treten
  • Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit: Struktur, Transparenz und verlässliche Rituale geben Sicherheit

Ziel ist nach Gerber, Kindern die Möglichkeit zu geben „authentisch zu sein“. Das bedeutet für sie, dass Kinder sich sicher, autonom und kompetent fühlen und in der Lage sind Gefühle auszudrücken und sich mit ihnen auseinandersetzen können.

Für Fachkräfte bedeutet dies, dass sie einerseits gute qualitative Rahmenbedingungen brauchen und hier vor allem Zeit  für die intensive und beziehungsfördernde Pflege. Aber andererseits ist auch die Grundhaltung, dass es für Kleinkinder und Säuglinge sinnvoll und berechtigt ist sich an Pflegeprozessen beteiligen zu dürfen, Voraussetzung. Eine geklärte Sichtweise im Team auf die pädagogische Rolle als Erwachsene im Begleitprozess der Kleinkinder und Säuglinge hilft dieses im Team reflektieren zu können. Wie wollen wir mit bestimmten Situationen umgehen? Ab wann greift die Fürsorgepflicht und was ist wenn wir dies als Fachkräfte unterschiedlich empfinden?  Zu verschiedensten Fragen gilt es einen konsensfähigen Umgang unter den Fachkräften auszuhandeln, um auch auf dieser Ebene Struktur und Verlässlichkeit  im Team zu schaffen.

Literatur:
  • Gerber, Magda; Johnson, Allision (2007): Ein guter Start ins Leben. Ein Leitfaden für die erste Zeit mit Ihrem Baby. 3. Aufl. Zürich: Freiamt.
  • L., Juchli (1994): Pflege. Praxis und Theorie der Gesundheits- und Krankenpflege. Stuttgart: Thieme.
  • Pikler, Emmi (2002): Miteinander vertraut werden. Erfahrungen und Gedanken zur Pflege von Säuglingen und Kleinkindern. 3. Aufl. Hg. v. Anna Tardos. Freiamt: Arbor-Verl.
  • Pikler, Emmi (2008): Friedliche Babys - zufriedene Mütter. Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin. 17. Aufl. (22. Gesamtaufl.). Freiburg im Breisgau, Basel, Wien: Herder (Herder-Spektrum, 4986).

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Übernommen vom Niedersächsichen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung.

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