mehrere Kinder

Lasst die Kinder sprechen! Wie Misshandlung und Missbrauch durch kindliche Partizipation verringert werden können

Kerstin Pack

31.01.2014 Kommentare (0)

Die immer wiederkehrenden Fälle von Kindesmisshandlung, auch mit tödlichem Ausgang, lassen uns verzweifeln und machen nachdenklich. Wie kann das passieren, wenn wir doch die gesetzlichen Grundlagen für den Kinderschutz erweitert haben? Die Autorin entwickelt dazu eigene Ideen, indem sie die Prinzipien der partizipativen Pädagogik auf diesen Problembereich anwendet.

Ein weiterer trauriger Fall von Kindesmisshandlung mit Todesfolge weckte kurz vor Weihnachten das Interesse der Öffentlichkeit. Dann war es wieder still.

Yagmur heißt das dreijährige Mädchen, das von den Eltern tot geprügelt wurde. „Die Mauer des Schweigens“ (Hamburger Morgenpost) soll nun endlich gebrochen werden. Am 06. Februar 2014, fast drei Monate nach der schrecklichen Tat, will der Hamburger Senat den Bericht der Jugendhilfe- Inspektion veröffentlichen.

Die schreckliche Wahrheit ist aber schon jetzt bekannt: Die Behörden wussten,  das das Leben des Mädchens bedroht war. Sie hatten Kenntnis von zahlreichen Übergriffen des Vaters auf die Tochter. Bereits im Februar 2013 wurde sie im Kinderschutzhaus mit schweren Schädelverletzungen aufgenommen.Das Jugendamt leitete trotz auffälliger schwerer Verletzungen, die Yagmur vom ersten Kindergartentag  an aufwies und von den Erzieherinnen gemeldet wurden, keine Maßnahmen zum Schutz des Kindes ein.

Mit dem in Kraft treten des §8a des Kinder-und Jugendhilfeschutzgesetzes am 1.10.2005 wurde ein großer Schritt in Richtung öffentlicher Schutzauftrag unternommen.  Man hatte eingesehen – eben auch aufgrund solcher Fälle wie Yagmur – dass das Prinzip der Freiwilligkeit, das den übrigen Regelungen des Sozialgesetzes zu Grunde liegt, im Falle von Kindesmisshandlung  nicht  „zu den gewünschten Ergebnissen führt“ (Mrozynski2009, S.48). Mit dem Gesetz wurde den Fachkräften der Jugendhilfe ein gesetzlicher Schutzauftrag für die ihnen anvertrauten Kinder zugetraut und zugemutet und das Elternrecht eingeschränkt. Doch dieser Schutzauftrag wird oft nicht wahrgenommen, wie das Beispiel von Yagmur zeigt. Einer der Gründe ist das Fehlen  einer klaren juristischen Formulierung,  auf die sich ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen im Jugendamt und MitarbeiterInnen eines Kinderschutzhauses  im Falle von erkennbaren Hinweisen beziehen können. Im Gesetzestext  ist die Rede von einer „Abwendung der Gefahr“, Da diese Formulierung so schwammig ist und das Elternrecht von den Richtern, die die Inobhutnahme genehmigen müssen, häufig noch höher gehalten wird als die Gefahr für das Kind, werden Inobhutnahmen häufig von richterlicher Seite abgelehnt. Sie haben eine andere Perspektive als sozialpädagogische Fachkräfte.

Jeder der sich intensiv mit Kindesmisshandlung und -missbrauch beschäftigt hat, weiß, in welches Konfliktfeld man sich bei der Suche nach Täter und Indizien begibt. Die Fälle in denen Familien aufgrund von Missbrauchs-und Misshandlungsanschuldigungen zu Unrecht auseinandergerissen wurden, sind den Fachkräften in der Jugendhilfe auch bekannt. Aktiver Kinderschutz - ein Dilemma zwischen eindeutigen Hinweisen und zweifelhaften Aussagen. In der Konsequenz dann vielleicht auch ein „besser erst gar nicht hinsehen“? Aus unterschiedlichen Gründen entscheiden sich die zum Schutz des Kindes ausgebildeten und beauftragten Erwachsenen gegen die Rechte des Kindes und helfen ihm nicht. Dabei könnten sie vom Kind selbst unterstützt werden - wenn sie seine Rechte ernstnehmen  und fragen.

 „Kinder haben ein Recht auf Schutz, Versorgung und Beteiligung“. Die Grundannahme für dieses Gesetz geht davon aus, dass Kinder entwicklungsentsprechend in der Lage sind, sich an allen Entscheidungen, die sie betreffen zu beteiligen. Dies soll durch eine partizipative Pädagogik - als Grundausrichtung der Konzeption in jeder frühpädagogischen Einrichtung – erreicht werden. Die partizipative Pädagogik soll  Kinder dazu befähigen, ihre Interessen, Bedürfnisse und Rechte zu äußern. Diese Haltung beruht auf einem Bild vom Kind als aktivem Konstrukteur seiner eigenen Entwicklung und setzt das Vertrauen auf die dem Kind innewohnenden Ressourcen und Bewältigungsstrategien voraus.  Auf der Basis eines wertschätzenden dialogischen Miteinanders, in dem alle Ausdrucksformen des Kindes wahrgenommen und berücksichtigt werden, lernen Kinder, dass sie Rechte haben, die auch von den Erwachsenen wahrgenommen werden

Hat die partizipative Pädagogik das Potential, das Kind zu befähigen, sich  im Fall von Misshandlung und Missbrauch hilfesuchend an „schützende Erwachsene“ zu wenden? Einen Versuch wäre es wert, denn:

Yagmur konnte sich nicht gegen den Vater wehren.  Mit ihren drei Jahren  wäre sie aber  sprachlich in der Lage gewesen, sich mit ihrem Bedürfnis nach Schutz vor weiteren Verletzungen an die Erwachsenen zu wenden. Sie wäre auch körperlich in der Lage gewesen ihre Verletzungen Menschen zu zeigen, zu denen sie Vertrauen hat.

Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, damit Kinder Vertrauen haben in ihre Wahrnehmung, ihre Rechte und vor allen Dingen in die Erwachsenen, die sie schützen wollen. Eine partizipative Pädagogik ist nicht nur für die in den Medien publizierten Fälle von Kindesmisshandlung eine große Chance.

Quellen:
Kohaupt, Georg (2006): Der Schutzauftrag der Jugendhilfe nach §8 a KJHG. Vortrag auf dem Kidnerschutzfachtag des Bezikes Neukölln am 03. Mai 2006.
Mrozynski, Peter (2009): SGB VIII Kinder-und Jungendhilfe. Kommentar. 5. Auflage. München: C.H.Beck
Schäfer, Sandra (2014): Fall. Yagmur: Die Mauer des Schweigens. In: Hamburger Morgenpost vom 17.01.2014.
 
Ergänzende Hinweise unter:
http://bundespresseportal.de/hamburg/item/19020-tod-des-m%C3%A4dchens-yagmur-bl%C3%B6meke-%E2%80%9Efehlende-vorsorge-untersuchung-ist-schweres-vers%C3%A4umnis%E2%80%9C.html

Kerstin Pack

Kerstin Pack

B.A. Bildungs- und Sozialmanagement, staatlich anerkannte Erzieherin, ist Mitarbeiterin im Bildungsbüro/Regionalen Bildungsnetzwerk des Oberbergischen Kreises. Sie ist Trainerin für frühpädagogische Fachkräfte und Redakteurin bei www.ErzieherIn.de, dort verantwortlich für die Facebook-Seite. Ehrenamtlich ist sie im Vorstand des Vereins zur Förderung von Gesundheit, Sport und Familie tätig.
Kontakt: Kerstin.Pack@socialnet.de

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