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Studentin im Hörsaal

Lernfeldansatz als Universalheilmittel von Bildungsproblemen ungeeignet

Horst Küppers / Hermann Schulz/ Peter Thiesen

02.07.2015 Kommentare (0)

Replik auf die Reaktionen nach unseren Streitschriften

 Zunächst stellen wir erfreut fest, dass unsere beiden Streitschriften zur Kenntnis genommen werden. Ergänzend zur zweiten Streitschrift "Entprofessionalisierung der Erzieherausbildung" und den Reaktionen auf die erste Streitschrift soll der nachfolgende Artikel nicht nur als Antwort gedacht sein, sondern weitere fachlich fragwürdige Aspekte des Lernfeldkonzeptes thematisieren.

Mit routinierter Selbstverständlichkeit äußerten sich die Protagonisten des Lernfeldkonzeptes zu Aspekten, die wir weder thematisiert noch favorisiert haben. So dürfte jeder solide ausgebildete Lehrer, und dass nicht nur in der beruflichen Bildung, über Unterrichtsmethoden verfügen, die über Frontalunterricht und die traditionelle Gruppenarbeit hinausgehen. Daran manifeste Kritik fest zu machen, dass scheinbar mangels Methodenvielfalt eine opponierende Haltung gegenüber dem Konzept vertreten wird, koloriert eindrücklich die monokausal dogmatische Ausrichtung auf das inbrünstig zelebrierte Lernfeldkonzept. Dass auch dieses Konzept als eines unter vielen anderen im Rahmen der didaktisch-methodischen Verantwortung von der einzelnen Lehrkraft im Unterricht eingesetzt werden kann, haben bereits die Autoren des Artikels “Entwicklungschancen in der ErzieherInnenausbildung” auf dem Portal von k&g herausgestellt.

Natürlich ist die Beschäftigung und Diskussion um die Lernfelder im beruflichen Bildungswesen schon mehr als 10 Jahre Gegenstand fachwissenschaftlicher Auseinandersetzungen gewesen. Leider muss man resümieren, dass die Dauer eines fachlichen Diskurses nicht gleichzeitig als Indiz für ein vermeintlich ausgereiftes Konzept herangezogen werden kann. Die angeblich mehrheitlich unterstellte Akzeptanz dieses Lernfeldkonzeptes dürfte eher zur Beruhigung der bildungspolitischen Gesinnungssympathisanten der Lernfeldgemeinde, als zur rationalen Begründung und Beschreibung der gegenwärtigen Fachdiskussion Verwendung dienen.

In der pädagogischen Diskussion ist die Thematik des selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Lernens schon etwas länger auf dem Markt. Nicht nur Wolfgang Klafki hatte das Thema der Mitverantwortlichkeit des Zu-Erziehenden im Kontext des Bildungsbegriffs aufgegriffen. Doch selbst die von ihm vorgenommene Fokussierung auf die herausgestellten Schlüsselprobleme und der damit verbundenen Schlüsselqualifikationen konnte die Notwendigkeit einer didaktisch-methodischen Vermittlung von Fachwissen nicht marginalisieren.

In der Fachwelt der Berufspädagogen, insbesondere im Bereich der Erzieherausbildung, ist der angeblich unterstellte Konsens bestenfalls in der widersprüchlichen Literatur und der sich daraus ergebenden unübersichtlichen kontroversen Auseinandersetzung mit dem Lernfeldansatz zu finden (Fischer, Lüneburg 2011). Diese Kontroverse lässt alles andere als eine einseitige Konzentration auf das bundesweite Exzerpt namens Lernfeldkonzeption zu.

 Ohne die Bedeutung und Funktion der KMK in Abrede zu stellen, sollte man als fachlich versierter Beobachter der föderalen Bildungspolitik realisiert haben, dass sich auch eine KMK nicht zwingend einer fachlichen und bildungspolitischen Neutralität verpflichtet hat. Demzufolge ersetzt auch ein mehrheitlicher Konsens mit Verweis auf die KMK keine weitere Fachdiskussion. Schließlich wird man mit parteipolitisch ausgerichteten Gleichschaltungsinteressen in der Bildungspolitik keine verantwortliche Bildung auf Dauer gewährleisten können.

Apropos Verantwortung. Die Geschichte der Pädagogik ist geprägt von der Tatsache, dass sich Erziehende stets in die persönliche Verantwortung gestellt haben, Kinder und Jugendliche auf dem Weg zur individuellen Mündigkeit und Verantwortungsübernahme in der Gesellschaft zu begleiten. Es waren schließlich die namhaften Pädagogen in der Geschichte der Pädagogik, welche die Grundlage für die Entwicklung der und die Beschäftigung mit der (wissenschaftlichen) Pädagogik erst ermöglicht haben. Auch heutzutage ist der Begriff “persönliche Verantwortung” nicht nur auf Grund von geschichtlichen Ereignissen, die wir zurecht in der Retrospektive als zutiefst verabscheuungswürdige Verhaltensweisen von Kollektiven verurteilen, wieder in den Fokus der politischen und gesellschaftlichen Realität gestellt worden. Die persönliche Verantwortung einem Kollektiv (Team) anheim zu stellen, dürfte weder der im Lehrplan geforderten “doppelten Vermittlungspraxis” noch dem Grundgedanken der Pädagogik entsprechen. Zumindest im Hinblick auf die erforderliche, jedoch curricular äußerst fragwürdig positionierte Persönlichkeitsentwicklung während der Ausbildung wird dem Gedanken der persönlichen Verantwortung in dem Konzept etwas Rechnung getragen.

Besonders interessant erscheint die Tatsache, dass sich in unkommentierter Manier eine politische Administration tatsächlich herausnehmen darf, für staatliche Bildungseinrichtungen ein Menschenbild zu diktieren. Ein weltanschaulich neutraler Staat, egal von welcher politischen Richtung vertreten, darf sich nicht ermächtigen, seinen Bediensteten ein Menschenbild zu verordnen. Wenn heute ein konstruktivistisches Menschenbild den Lehrplan ziert, könnte es morgen schon ein nationalsozialistisches, ein kommunistisches, ein kapitalistisches oder ein darwinistisches Menschenbild sein. Nicht allein die fachliche Bildung zu dieser Thematik, sondern insbesondere die historischen Bezüge sollten in dieser Hinsicht  eine gewisse bildungspolitische Verantwortung in den schriftlichen Ergüssen erkennen lassen.

Dieses selbstgefällige Übergehen einer intellektuellen Auseinandersetzung zeigt sich auch in der Festsetzung der inhaltlichen Ausrichtung der Inklusion. Man hatte sich mit dem Beutelsbacher Konsens darauf verständigt, dass ein in Wissenschaft und Gesellschaft diskursiv behandeltes Thema auch im Unterricht kontrovers behandelt werden soll. Auch dieser Konsens wurde aus der Lehrplandiskussion herausgehalten, was nicht gerade von Redlichkeit der fachkompetenten Lehrplanautoren spricht. Und diese fachimmanenten Grundsatzfragen haben, nebenbei bemerkt, mit Polemik absolut nichts zu tun.

Ähnlich verhält es sich mit den vielbeschworenen Kompetenzen, die bekanntlich auf eine Menge didaktisch-methodisch vermittelndes Fachwissen verzichten können. Auch der Kompetenzbegriff gehört zu den in der Fachwelt indifferent diskutierten Themen, der allerdings im Lernfeldkonzept mit einer überheblichen Selbstverständlichkeit schon fast als ex cathedra geltende Maxime Verwendung findet. Unter den Lehrerverbänden und der Wissenschaft gibt es jedenfalls keine pauschale Generalabsolution für die als angeblich unstrittig erklärten Kompetenzen.

Fazit: Der Lernfeldansatz kann als didaktisch-methodisches Instrument für den in der pädagogischen Verantwortung tätigen Lehrer durchaus eine sinnvolle Ergänzung zu den bereits bekannten und angewandten Methoden des Unterrichts sein. Eine per se verordnete Übernahme dieses Ansatzes als Universalheilmittel gegenwärtiger Bildungsprobleme unserer Gesellschaft zu betrachten, dürfte in Anbetracht einer unzureichenden Bedingungsanalyse der plural verfassten föderalen Ausbildungsbedingungen ausgesprochen wenig bewirken. Vielmehr wäre es sinnvoll die nach wie vor recht unterschiedlichen Rahmen- und Arbeitsbedingungen von Lehrern in den einzelnen Bundesländern derart zu verbessern, dass Lehrkräfte ihrer Führungs- und Bildungsverantwortung effektiver nachkommen können. Mit dem Umgehen eines fachlichen Diskurses zu lasten der akademisch ausgebildeten Lehrkräfte mittel fachwissenschaftlich fragwürdigen Lehrplänen, Verordnungen und Erlassen dürfte die stets vorgeschobene Qualität in der Ausbildung, nicht zuletzt im Hinblick auf die europaweite Akademisierung des Erzieherberufes, kaum wünschenswerte Erfolge bringen.

                                                          

Literatur:

DREYER, E.; GRAMS, W.; KOCH, S.; MENKEN, A. (2015):  Entwicklungschancen der ErzieherInnenausbildung: Ein Feld vorwärts und zwei zurück?, Themenseite Lernfelddidaktik, klein & groß 5/2015

FISCHER, Andreas (2011): Das Lernfeldkonzept als Forschungsanlass und Diskursthema in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik – Leuphana Notizen. In: bwp@ Spezial 5 – Hochschultage Berufliche Bildung 2011, Fachtagung 19, hrsg. v. KREMER, H.-H./ TRAMM, T., 1-16. Online:

http://www.bwpat.de/ht2011/ft19/fischer_ft19-ht2011.pdf (19-11-2011).

FLAIG, Egon (2012): Inklusion. Überlegungen zur Zerstörung des humanistischen Menschenbildes, in: Brodkorb Mathias, Koch Katja (Hrsg.), Das Menschenbild der Inklusion. Erster Inklusionskongress M-V - Dokumentation, Bd. 1, Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern, S. 47-56

LADENTHIN, Volker (2011): Kompetenzorientierung als Indiz pädagogischer Orientierungslosigkeit. In: AMV aktuell (Hg.v. Aargauer Mittelschullehrerinnen- und Mittelschullehrer-Verein) Checks und Kompetenzen, H. 1 Sonderheft. S. 21-24

MEYER Marina (2010): Lernfelder in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern? Ergebnisse einer Interviewstudie mit Leitungen von Fachschulen. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WIFF), Deutsches Jugendinstitut, München

WEBER, Erich (1999): Pädagogik. Eine Einführung, Bd. I - Grundfragen und Grundbegriffe, Teil 3 - Pädagogische Grundvorgänge und Zielvorstellungen - Erziehung und Gesellschaft / Politik, 8. völlig neu bearb. und stark erw. Aufl., Neuausg. Donauwörth: Auer

Die Autoren des Beitrages sind seit vielen Jahrzehnten als Lehrer / Dozenten in der Erzieherausbildung tätig und Verfasser und Herausgeber von zusammen 80 Büchern zur Sozial-, Schul- und Spielpädagogik.

 

 

 

 

 

 

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