mehrere Kinder

Mangelhafte Kleinkindbetreuung ist nicht reparabel

12.04.2012 Kommentare (0)

"Das Kindeswohl darf nicht unter die Räder geraten" warnt der Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der FH Koblenz, Prof. Dr. Stefan Sell im Interview. Hintergrund: Mit dem Kindergartenjahr 2013 haben alle Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahrs einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kita oder bei einer Tagesmutter. Fraglich ist allerdings, ob es bis dahin überhaupt ein quantitativ und qualitativ angemessenes Angebot geben wird.

Als Beispiel nennt Sell das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen: Dort hinke man dem Ziel, bis 2013 für 35 Prozent der Kinder einen Platz anzubieten, bereits jetzt dramatisch hinterher. Wobei bekannt sei, dass der wahre Nachfragebedarf gerade in städtischen Gebieten weitaus höher sei. Dort, so Sell, werde es schlichtweg eine Katastrophe geben.

Zwar rechnet der Wissenschaftler nicht damit, dass der Rechtsanspruch gekippt wird, eine Option für die Politik könnte aber sein, Übergangsfristen einzuführen. Ansonsten, so Sell "könnten Eltern, sollten sie besonders konsequent sein, am 1. August des nächsten Jahres ihr Kind beim Jugendamt abgeben und sagen: Du hast eine Betreuungspflicht und komm' dieser bitte nach."

Schnelle Angebote zu stricken nur um die Fristen zu wahren, bei denen das Kindeswohl der betroffenen Kinder aber unter die Räder gerate, das wäre allerdings fatal, warnt der Wissenschaftler. "Vor der Situation stehen wir zumindest in einigen Einrichtungen, wenn nicht sogar in vielen", so Sell im Interview und er verweist wiederholt darauf, dass für die ein- beziehungsweise zweijährigen Kinder ganz besondere Maßstäbe gelten müssen: "Da geht es im Prinzip um eine Pflege- und Betreuungsintensität, wie wir sie bei den schwer demenzkranken alten Menschen haben. Ich wäre eher bereit zu sagen: Lasst uns ein verbindliches Übergangsszenario schaffen, das nicht auf Kosten der Qualität geht. Denn das, was wir bei diesen Kindern falsch machen, können wir nicht mehr wiedergutmachen."

Link zum Interview im Video auf didacta-bildungsklick.tv

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