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Erzieherin mit Kindern

Mehr Phantasie- und Kreativitätsförderung - Ein Plädoyer für mehr ästhetische Bildung und Erziehung

Verena Fink

17.06.2016 Kommentare (0)

„Kinder sind ja so...“

Wenn Menschen hören dass ich mit Kindern arbeite, gibt es zwei Reaktionen, die mich im Laufe meiner Berufsjahre immer mehr verwundert haben. Nicht weil es mich nervte die immer gleichen Phrasen von Menschen, die nie wirklich mit Kindern gearbeitet hatten, zu hören,  sondern weil es im Laufe der Jahre immer weniger stimmte:

„Ach, Kinder sind ja so phantasievoll.“

„Mit Kindern zu sein ist so bereichernd.“

Ja. Beides kann es sein. Aber es ist oftmals harte Arbeit auf dem Weg dorthin.

Viele Kinder haben – so wie ihre Eltern und die sie umgebenden Erwachsenen / Erziehenden – viel an ihrer Phantasie und somit ihre Kreativität[1] verloren. Viele leiden selbst darunter, können aber in ihrem normalen Alltag keine Veränderung erwirken.

Oft mündet diese Schwierigkeit zu (phantasievollem) Ausdruck in eine Therapie: zum Beispiel eine Bewegungs-, Sprach- oder Lerntherapie.

Unser Alltag und somit der Alltag der Kinder scheint keinen Rahmen mehr zu bieten, in dem sich Phantasie entwickeln, verfestigen und äußern kann und darf – und soll.

Die Sehnsucht nach Ruhe

Kinder sehnen sich nach Ruhe. Nach Stille, aber auch nach Ruhe – für Ohren, Augen, Seele.

Die Einrichtungen in die ich komme, in denen es klare Strukturen gibt, herrscht meist auch akustisch mehr Ruhe als dort, wo weniger davon bestehen. Gründe dafür sind:

  • Strukturen im Ablauf
  • Klares Kommunizieren dieser Strukturen, die alle Kinder der Einrichtung verstehen
  • „Ruhe“ im Erscheinungsbild – was hängt und steht wo und warum
  • Überschaubares Material (Spiele, Instrumente, Bücher...)

Selbstverständlich ist dies immer eine Frage auch von räumlichen und personellen Gegebenheiten, doch zeigt sich, dass es Auswirkungen auf die Phantasieschulung und –fähigkeit von Kindern hat.

Kinder können in einer solchen Klarheit gleichermaßen zur Ruhe kommen und explorieren, können Verantwortung in einem gegebenen Rahmen übernehmen und beginnen aktiv zu gestalten.

Die Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit

In einer fremdbestimmten Welt, wie wir sie sogar als ja eigentlich autonome Erwachsene erleben, wollen wir Menschen uns als selbstwirksam erleben. Kinder, die aus ihrem Entwicklungsstand heraus mehr oder weniger fremdbestimmt sind, haben von Haus aus einen Drang nach Selbstwirksamkeit.

Vorgegebene Spielformen (beginnend bei Sandformen in Burgform, so das nur noch bleibt, Sand in eine Form zu schaufeln bis zu  Bastelanleitungen die wenig Raum für Eigenes lassen) sowie Medien (Spiele an Handy, Tablet oder PC, Fernsehen und Filme, Hörspiele oder auch Kinderbücher mit integrierten elektronisch gesteuerten Geräuschen) stehen diesem Drang diametral entgegen. Diese Medien „überflute[n] das kindliche Gehirn gerade in jener Zeit mit Bildern, in der es lernen sollte, Bilder von innen zu erzeugen."[2]

Kindern wird heute in den meisten Fällen überall viel angeboten. Beschäftigungen für die Kinder werden nicht nur genutzt, um das Kind möglichst früh ausreichend zu „fördern“ und keine Chance in der frühkindlichen Entwicklung / Bildung verstreichen zu lassen, um alle (vermeintlichen) Chancen für die Zukunft zusichern. „Was sie [die Kinder] tun und denken, wird ihnen viel zu oft von außen aufgetragen. Sie kommen gar nicht dazu, herauszufinden, was sie selbst wollen. Das ist höchst bedenklich. […] Weil jeder Mensch eine gewisse Leere braucht, um zu spüren, was er will. Wie soll man sonst im Laufe der Zeit erkennen, wer man ist und welcher Beruf einen ausfüllen könnte? Es ist bedauernswert, dass diese Leere heute oftmals fehlt. Langeweile ist gut. Übrigens auch in der Zeit, die Kinder gemeinsam verbringen. Es macht kreativ, wenn man erst mal überlegen muss, wozu alle Lust haben.“[3]

Die vielen Beschäftigungen, die wir den Kindern anbieten, nutzen wir auch, um jeder Form von eventuell aufkommender Langeweile entgegen zu wirken (auch das steht analog zu dem Verhalten der meisten Erwachsenen sich selbst und ihren Partner*innen und Freund*innen gegenüber). Kinder lernen damit, dass sie nur abwarten müssen, dann wird schon ein Vorschlag, ein Angebot, eine Idee kommen, die dann nur noch angenommen, abgeschlagen oder verhandelt werden muss. Anstelle der Aktivität und des Handelns steht somit eine Reaktion bzw. ein Ausführen. 

Kinder werden dadurch anstatt zu Akteuren zu Ausführenden. Selbstwahrnehmung, Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit bleiben auf der Strecke, schnell kommt „Langeweile“ auf und das Verständnis dafür, selbst aktiv werden zu müssen oder zu dürfen, ist oftmals nicht vorhanden.

Die eigene Phantasie anzuwenden, aus sich selbst heraus zu agieren, haben viele Kinder heute an keinem ihrer Lernorte erlebt, entwickelt und gelernt.

Der Weg zur Phantasie

Es gibt ihn, den Weg zur Phantasiefähigkeit der Kinder.

Kinder drücken sich nebst ihren besonderen  Verhaltensweisen, ihren Tag- und Nachtträumen, in ihrem Spiel oder ihrer Motorik vor allem auch im Malen, Zeichnen, Erzählen und besonderen Spielformen aus[4].

Dies zu nutzen ist eine Möglichkeit der Ästhetischen Bildung. Ästhetik, von aisthesis[5], der sinnlichen Wahrnehmung, verwendet diese Ausdrucksformen der Kinder. Mit ihren Methoden können Kinder den Weg zur Phantasie finden, die es Ihnen ermöglicht, ihre Phantasien zu entdecken, zu entwickeln und sich als selbstwirksam zu erleben.

Das Projekt „Meine Welt und ich. Ich und meine Welt.“

Elf Kinder einer Kindertagesstätte im Münchner Nordwesten nahmen an diesem Projekt über die Dauer von drei Monaten an zehn Veranstaltungen teil. Die vier- und fünfjährigen Jungen und Mädchen kamen aus den drei Gruppen der Einrichtung zusammen. Die Rahmenbedingungen waren für das Gelingen von Bedeutung:

  • Kontinuität: immer freitags (nach dem Müsli!)
  • Immer im gleichen Raum
  • Mit einem immer ähnlichen Ablauf und der (Photo-) Dokumentation die am Tag danach am immer selben Platz aushing
  • Mit festen Regeln
  • Ohne die bekannten Bezugspersonen im Raum und somit mit der Möglichkeit, noch einmal ganz anders und neu wahrgenommen zu werden und sich selbst wahrzunehmen. 

Das Ziel des Projektes war das Erstellen eines Buches, dessen Inhalt durch die gemeinsame Projektarbeit entwickelt werden sollte.

Alle Punkte, die den meisten Kindern schwer fielen, waren hier gefordert – und wurden im Laufe der Wochen gefördert:

  • Über eine Stunde an einer Sache dranbleiben
  • Sich selbst wahrnehmen
  • Den Mut haben, etwas auszusprechen, was vielleicht „verrückt“ klingt, aber eigentlich nur das ist, was wir „Phantasie“ nennen
  • Kreativität (aus Bekanntem etwas Neues schaffen) 

Die Methoden auf dem Weg dorthin wurden von Woche zu Woche ausgewählt und manchmal auch im Lauf der Veranstaltung modifiziert:

  • Improvisierte Geschichten mit Vorgaben durch die Kinder
  • Kauderwelsch sprechen und stempeln
  • Photos mit der Sofortbildkamera
  • Aus Bauklötzen Teile für eine Geschichte bauen
  • Stimmungen darstellen und spielen
  • Singen und Klatschspiele
  • Zeichnen, Malen und Kritzeln

Die ersten beiden Veranstaltungen waren schwierig. Die zusammengewürfelte Gruppe unter neuer Leitung war kaum handlungsfähig. Die oft unzulängliche Sprachentwicklung, der Mangel an Ideen und Phantasie und Mut dazu, sowie das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit machten das gemeinsame Arbeiten schwer.

Durch die längere und kontinuierliche gemeinsame Zeit konnte sich jedoch etwas entwickeln, was sowohl unter Phantasieschulung als auch Entwicklung der Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit fällt: alle Kinder trugen nach und nach etwas bei, in jeder Woche und mit jeder Methode wurden einzelne Kinder neu angesprochen und begannen sich auszudrücken. Wichtig war in dieser Zeit auch immer wieder der Kontakt zu den Erzieher*innen der Gruppen um Rückmeldungen über einzelne Kinder geben und zu erhalten.

Als Abschluss des Projektes entstand aus den vorangegangenen Photos, Zeichnungen, Kritzeleien, Erzählungen und Improvisationen ein Buch, das im Kindergarten verbleibt und in Kopie an jedes Kind der Projektgruppe ging. Damit konnte auch der Wunsch nach einer dauerhafteren Wirkung umgesetzt werden, da beim erneuten Lesen und Betrachten des Buches Erinnerungen an den Prozess geweckt werden, und mit den anderen Kindern der Einrichtungen vielleicht dieser Prozess fortgesetzt werden kann. 

Mehr Phantasie- und Kreativitätsförderung!

„…die phantastische Welt der Kinder: Ist sie nicht mindestens so real wie ihre Träume und unsere Wünsche, unsere unbewussten Ängste, unser unbewusster Zorn und unsere unbewusste Liebe? Natürlich ist sie das. In dieser vom Kind geformten Welt, mag sie noch unfertig erscheinen, spiegelt sich dies alles. Unsere seelische Realität, die Wirklichkeit unserer Träume, die Wirklichkeit unserer Hoffnungen.“[6]

Diese Wirklichkeit den Kindern verstärkt wieder ihnen eigen werden zu lassen und ihnen ein Handwerkszeug an die Hand zu geben, um sich diese Phantasiewelt wieder zu erobern, muss die Aufgabe unserer Gesellschaft sein.

Mehr Ästhetische Bildung in Kindergärten und Schulen! Mehr Theater-, Musik-, Tanz-, Kunstpädagog*innen in die Einrichtungen!

Wir brauchen mehr Ästhetische Bildung und Erziehung und mehr Fachkräfte, wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich zu handlungsfähigen und sich und ihrer Fähigkeiten selbst-bewussten Erwachsenen entwickeln.

Ich wünsche mir mehr Zusammenarbeit zwischen Erzieher*innen und Kulturpädagog*innen, leichteren Zugang und einfachere Anstellung  für letztere in städtische Einrichtungen. Denn nur wenn wir aus allen Fachrichtungen zusammenarbeiten, können wir irgendwann unserem Gegenüber ruhig in die Augen sehen, wenn er oder sie sagt: „Kinder sind ja so phantasievoll.“

Juni 2016 / Verena Fink

Website: www.verenafink-kulturpaedagogik.jimdo.com


[1] Kreativität. Von lat. „creare“ = „schaffen, gebären, erzeugen“. Hier verwendet als die Fähigkeit, neue und gelingende Dinge zu schaffen. Zu Kreativität in dieser Bedeutung gehört demnach ein gewisses Problemlösungsvermögen und Flexibilität sowie als Grundvoraussetzung Neugierde.
[2] Der amerikanische Intelligenzforscher Joseph Chilton Pearce. In: Wunsch, Albert: Abschied von der Spaßpädagogik. München 2006. S.55
[3] Largo, Remo H.: Langeweile ist gut. Interview vom 8.6.12. Quellen-URL:
[4] Vgl.: Krenz, Armin: Kinderseelen verstehen. Verhaltensauffälligkeiten und ihre Hintergründe. München 2012. S.36ff
[5] Altgr. αἴσθησις aísthēsis, „Empfindung. Wahrnehmung“ – und somit „sinnliche Wahrnehmung“. Diese Bedeutung reicht weit über den Bereich der Kunst hinaus. Ästhetik in diesem Sinne ist die Wissenschaft, die sich mit der Struktur und dem Vermögen von sinnlicher Wahrnehmung beschäftigt. Sinnliche Wahrnehmung liegt nicht nur dem gestalterischen Tun, sondern allem Denken, ja allem menschlichen Vermögen und Tätigkeiten zugrunde.  Die Ästhetik als Erkenntnislehre war somit schon immer wichtiger Bestandteil von Bildungsprozessen mit unterschiedlich entwickelten Ansätzen.
[6] Bergmann, Wolfgang: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung. München 2011. S.25 

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