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zwei U3 Kinder

Mehr sehen mit "Gender-Brille"

Tim Rohrmann

01.10.2014 Kommentare (0)

Um zu verstehen, was für die Ausprägung geschlechts-typischer Verhaltensweisen bei Mädchen und Jungen verantwortlich ist, wurde auf alles geachtet, aber auf eines zu wenig: wie sich das Kind selbst sieht.

Gender“ – dieses aus dem eng­lischen über­nommene Wort wird inzwischen als Platzhalter für alles verwendet, was in irgendeiner Weise mit Geschlecht und geschlechtstypischen Unterschieden zu tun hat. Für Kitas ist „gender“ in vielfacher Weise interessant. Zunächst sind die ersten Lebensjahre für die geschlechts­bezogene Entwicklung von Kindern von zentraler Bedeutung. Zudem durchzie­hen geschlechtsbezogene Themen und Muster auch den Kita-Alltag. Neben der Raum- und Angebotsgestaltung sowie der Bedeutung des Geschlechts der pädago­gischen Fachkräfte, geraten die Fragen und Interessen der Jungen und Mädchen zunehmend in den Blick.

Geschlechterunterschiede entdecken

Kinder bemerken von Anfang an Unter­schiede zwischen den Geschlechtern. Allen Bemühungen um Gleichberechti­gung zum Trotz, ist unübersehbar, dass in unserer Gesellschaft oft zwischen „männ­lich“ und „weiblich“ unterschieden wird. Gerade in Kinderzimmereinrichtungen und Spielzeugwelten wird das besonders sichtbar.

In der ersten Lebenszeit ist dies für das Selbstbild von Jungen und Mädchen noch nicht von großer Bedeutung. Im Alter von zwei bis vier Jahren verstehen Kinder jedoch, dass sich ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit nicht mehr ändern lässt – dies wird mit dem Begriff „Geschlechtskonstanz“ bezeichnet –, sie lernen, was ihr Umfeld für „weiblich“ und für „männlich“ hält, und beginnen eine Geschlechtsidentität als Mädchen oder Junge zu entwickeln. Zunächst gehen Kinder mit geschlechtsstereotypen Zu­ordnungen dabei noch recht spielerisch um. Bei der Zuordnung der Geschlechter orientieren sie sich oft eher an Äußerlich­keiten als an den biologischen Ge­schlechtsmerkmalen.

Gegen Ende der Kindergartenzeit betonen viele Jungen und Mädchen Geschlech­terunterschiede dann stark. Es ist ihnen wichtig, „richtige“ Jungen und „richtige“ Mädchen zu sein. Spiele, Spielzeug, Klei­dung, Farben werden den Geschlechtern zugeordnet, und was nicht zum eigenen Geschlecht passt, wird rigide abgelehnt. Auf der anderen Seite gibt es auch Kinder, die sich anders darstellen: Mädchen, die rosa hassen und gerne Fußball spielen; Jungen, die Kleider mögen und im Rollen­spiel immer die Mutter sein wollen. Beides kann eine normale Phase der Entwicklung auf dem Weg zur Sicherheit über das eigene Junge- oder Mädchensein sein, die nicht geradlinig verläuft, son­dern oft überraschend widersprüchlich ist.

Spätestens ge­gen Ende des Kindergarten­alters bevor­zugen Kinder oft gleichge­schlechtliche Spielpartner. In Grundschule und Hort scheint es oft einen Graben zwischen Mädchen und Jungen zu geben, den nur wenige Kinder regelmäßig über­schreiten.

Zwar gibt es auch viele „Spiele an der Grenze“, zum Beispiel die be­liebten Fangspiele, aber oft bleiben die Geschlechter unter sich. Insbesondere beste Freun­de beziehungsweise Freundinnen sind meist gleichen Geschlechts. Dies führt dazu, dass sich Spielstile und Spie­linteressen von Mädchen und Jungen zunehmend unterscheiden.

Die Frage, ob eher die Anlage oder eher die Umwelt für die Ausprägung geschlechtstypischer Verhaltensweisen verantwortlich ist, tritt angesichts eines gewandelten Verständnisses kindlicher Entwicklung heute in den Hintergrund. Stattdessen richtet sich der Blick auf die Eigenaktivität von Kindern: die Art und Weise, wie sie sich mit geschlechtsbe­zogenen Vorgaben und Gegebenheiten auseinandersetzen und wie sie selbst Ge­schlecht begreifen und darstellen. Mäd­chen und Jungen sind nicht nur unter­schiedlich, sondern wollen sich oft auch voneinander unterscheiden. Andererseits ist inzwischen hinreichend belegt, dass die Umwelt – die Eltern, das Spielzeug­angebot, die Medien und nicht zuletzt der Einfluss der Gleichaltrigen – Unterschiede zwischen den Geschlechtern oft verstärkt und es damit Jungen und Mädchen er­schwert, gemeinsam zu spielen und auch eher geschlechtsuntypische Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln.

Geschlechterbewusste Pädagogik

Eine geschlechterbewusste Pädagogik begleitet Kinder in ihrer geschlechtsbezo­genen Entwicklung. Sie nimmt die Suche von Jungen und Mädchen nach Orien­tierung ernst und unterstützt sie gleichzei­tig darin, ihr Verhaltensre­pertoire und ihr Miteinander unabhängig von stereotypen Zuordnungen zu erweitern. Eine Berück­sichtigung solcher Aspekte im Rahmen des Bildungsauftrages von Kitas ist zumindest in einigen Bildungs­plänen der Bundesländer inzwischen festgeschrieben. Zwar wird dies oft wenig konkretisiert, sodass es der Praxis über­lassen bleibt, die allgemeinen Formulie­rungen umzusetzen. Inzwischen liegen jedoch Erfahrungen aus Modell­projekten und Praxiskonzepten vor, die Anregungen für eine konkrete Umsetzung geschlech­terbewusster Pädagogik geben.

Dabei muss zunächst ein Miss­verständnis ausgeräumt werden: Ziel ist nicht, unterschiedliche pädagogische Ansätze für Mäd­chen und Jungen zu entwickeln oder die Geschlechter bereits im Kindergarten zu trennen.

Als Experiment ist das zuweilen durchaus sinnvoll – als päda­gogisches Programm würde es jedoch genau die Stereotype erzeugen, denen eine ge­schlechterbewusste Pädagogik entgegenwirken will. Genauso wenig wird ein Auftrag zu einer isolierten Mädchen- be­ziehungsweise Jungenförde­rung erteilt, die als Zusatzaufgabe zum sowieso schon umfangreichen Bildungs­auftrag von Kitas erledigt werden soll. Vielmehr geht es darum, einen neuen Blick auf den pädagogischen Alltag, auf das Bildungs- und Beziehungsangebot zu werfen sowie besser zu verstehen, wie und warum Kinder selbst Geschlecht „inszenieren“. Der „Blick durch die Gen­derbrille“, wie wir es in einem Pilotprojekt genannt haben, eröffnet neue Perspekti­ven. Er kann Selbstverständlichkeiten in Frage stellen, zum Beispiel in der bisheri­gen Raum- und Angebotsge­staltung oder beim Umgang mit „auffälligem“ Verhalten. Auf der Grundla­ge genauer Beobachtung und Reflexion kann es dann sinnvoll sein, pädagogische Angebote aus Geschlechterperspektive zu entwickeln und darüber hinaus Einrichtungskonzep­te und Trägerstrukturen zu reflektieren und zu verändern. Damit wird geschlech­terbewusste Pädagogik ein Schlüssel für Bildungsprozesse – sowohl der Kinder als auch der Fachkräfte.

Entscheidend bei der Entwicklung von Mädchen und Jungen ist nicht, dass sie Rollenerwartungen erfüllen, sondern wie sie sich selbst inszenieren wollen.

Welche Rolle spielt das Geschlecht der pädagogischen Fachkräfte?

Seit einigen Jahren wird die Bedeu­tung von Männern für die Bildung und Entwicklung von Kindern in Kitas intensiv diskutiert. Die Zahl männlicher Fachkräfte nimmt kontinuierlich zu, auch wenn ihr prozentualer Anteil immer noch unter fünf Prozent liegt. Das Bundes­ministerium für Familie, Senio­ren, Frauen und Jugend und der Europäische So­zialfonds haben mit Millionenbe­trägen Modell­programme unterstützt, mit denen mehr Männer für das Arbeitsfeld gewonnen werden sollen.

Aber warum brauchen Mädchen und Jungen überhaupt männliche Bezugs­personen in Kitas? Zu dieser Frage gibt es viele Meinungen, aber bislang nur wenige fundierte Forschungsergebnisse. Obwohl es breite Zustimmung zu „Mehr Männern in Kitas“ bei Eltern, Kolleginnen und in der Fachöffentlichkeit gibt, ist erst in den letzten Jahren untersucht worden, ob männliche Erzieher überhaupt anders mit Kindern umgehen als ihre weiblichen Kolleginnen. Die Ergebnisse dieser Stu­dien sind aufschlussreich. So fand die Dresdner „Tandem-Studie“ heraus, dass sich erfahrene männliche und weibliche Fachkräfte in Bezug auf die päda-gogische Qualität ihrer Arbeit mit Kindern kaum unterscheiden. Männer sind nicht bessere, aber auch nicht schlechtere Pädagogen als Frauen. Wenn allerdings das Geschlecht der Kinder mit berücksichtigt wird, werden ge­schlechtstypische Muster in Interessen und Neigungen sichtbar – am deutlichsten, wenn Männer mit Jungen beziehungsweise Frauen mit Mädchen interagie­ren. Eine aktuelle Studie an der Universität Innsbruck fand insbesondere Belege für einen „Mann- Jungen-Effekt“, der wesentlich von den Jungen ausgeht, wogegen Mädchen etwas weniger auf das Geschlecht der Fachkräfte reagierten.

Aus den Ergebnissen lässt sich schluss­folgern, „dass Mädchen wie Jungen davon profitieren, wenn (auch) Männer als Interaktionspartner zur Verfügung stehen, die ihnen ermöglichen, ‚Unterschiede‘ zu erfahren und an ihnen lernen zu können“, wie es das Team der Tandem-Studie formuliert. Dies bedeu­tet jedoch keineswegs, dass Mann- Sein allein ein „Qualifikationsmerkmal“ ist. Vielmehr birgt die Zusammenarbeit von Frauen und Männern in Kitas auch die Gefahr, in geschlechtstypische Muster zu geraten. Die Entwicklung geschlechterbewusster Perspektiven und eines Dialogs der Ge­schlechter stellt für Kitas daher zugleich eine Chance und eine Herausforderung dar.

Zum Weiterlesen:

  • Tim Rohrmann, Christa Wanzeck-Sielert: Jungen und Mädchen in der Kita. Körper, Gender, Sexualität. Kohlhammer, 2014
  • Josef Christian Aigner, Johannes Huber, Bernd Traxl, Laura Burkhardt: Geschlecht als Einflussgröße professioneller Interaktionen in der Frühpädagogik – Zur Bedeutung von männlichen Fachkräften in Kitas. Erziehung und Unterricht, Heft 5 – 6 / 14
  • Holger Brandes, Markus Andrä, Wenke Röseler, Petra Schneider-Andrich: Männer in Kitas – Was machen sie an­ders und wie profitieren die Kinder von ihnen? Frühe Kindheit, Heft 05/13

 Erstveröffentlichung in: Meine Kita – Das didacta Magazin für den Elementarbereich, Ausgabe 3/2014, Seite 5 - 7. Übernahme mit freundlicher Genehmigung von "Meine Kita"

 

 

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